Maxim Leo: Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

Michael Hartung, Besitzer einer schlecht laufenden Videothek, wird durch einen Journalisten mit einem (fiktiven) Vorfall konfrontiert, an dem er in den 80er-Jahren beteiligt gewesen war. Damals soll er eine Weiche so gestellt haben, dass ein Zug mit 127 Menschen am Bahnhof Friedrichstraße unbehelligt von Ost- nach West-Berlin fuhr.

Der Journalist möchte daraus zum 30. Jahrestag des Mauerfalls ein Heldenepos schreiben – allerdings hat das Ganze einen Schönheitsfehler: Hartung war damals nur rein zufällig an dem Vorfall beteiligt. Ganz sicher hat er nicht freiwillig 127 Menschen die unverhoffte Flucht in den Westen ermöglicht. Doch solche Feinheiten sind dem Journalisten, der nur seinen Ruhm vor Augen hat, herzlich egal. Das Drama bis hin zu einer Rede, die Hartung im Deutschen Bundestag halten soll, nimmt seinen Lauf. Weiterlesen

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Philipp Winkler: Creep

Philipp Winkler, ein 1986 geborener Autor hat ein Händchen für Außenseiter. In „Carnival“ (2020) galt seine Aufmerksamkeit denjenigen, die eine Kirmes am Laufen halten – dem „fahrenden Volk“ -, in seinem neuen Werk „Creep“ sind es zwei Menschen, die Probleme im Umgang mit anderen Menschen haben.

Da ist zunächst Fanni, die in einer deutschen Firma für Überwachungstechnik arbeitet. Sie hat eine Lieblingsfamilie, die Naumanns, mit denen sie per Fernüberwachung gemeinsam isst und lacht, ohne dass die Familie etwas davon weiß. Ansonsten kommt sie weder mit ihren Eltern, noch mit ehemaligen Freundinnen und Freunden klar.

​Und da ist der Japaner Junya, der nur nachts sein Zimmer verlässt, um Gewalt-Exzesse auszuüben, die er dann im Darknet in der Hoffnung streamt, möglichst viele Likes zu bekommen. Die beiden sind „creepy“ – etwas gruselig. Weiterlesen

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Andreas Bernard: Wir gingen raus und spielten Fußball

Alle, die schon immer gerne Fußball gespielt haben, dürften an diesem Buch ihre helle Freude haben.

Andreas Bernard, geboren 1969 in München, beschreibt in diesem autobiografischen Roman seine fußballerische Entwicklung abseits von Bayern München und bajuwarischer Schickeria.

Man traf sich in den 70er-Jahren irgendwo in einem Vorort täglich auf dem „Abenteuer“, einem Betonplatz mit Stahltoren und Stahlnetzen. Wer anwesend war, spielte mit, feste Teams gab es nicht. Aber kulturelle Unterschiede: So gab es türkische Ballkünstler, die im feinen Zwirn und mit Straßenslippern den anderen Jungs die Show stahlen.

Später ging‘s auf den „Gummi“, einen anderen Platz, auf dem es immerhin schon Handballtore und einen Tartanbelag gab, was die Jungs als großen Aufstieg feierten.

Dabei war für sie die Beschaffenheit der Tornetze wichtig. Sie mussten die richtige Spannung haben, damit der Ball nach erfolgreichem Torschuss zurück ins Spielfeld prallte. Weiterlesen

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Dai Sijie: Die lange Reise des Yong Cheng

Der in Frankreich lebende chinesische Autor Dai Sijie ist 2001 durch seinen später auch verfilmten Roman „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ bekannt geworden. In seinem neuesten Werk „Die lange Reise des Yong Sheng“ widmet er sich dem Leben seines Großvaters, der zum ersten christlichen Pastor der chinesischen Stadt Putian wurde.

Es gibt einige schöne Stellen in diesem Buch – zum Beispiel wenn der kleine Yong Sheng im strömenden Regen seiner Lehrerin Mary Gummistiefel hinterherträgt oder wenn er später als Pastor ein riesiges Arche-Noah-Fresko auf ein Gebäude malt.

​Aber insgesamt ist dieser Roman eine Enttäuschung. Vielleicht liegt das daran, dass der Autor zu viel in ihn hineinpackt. Er hastet durch so viele Stationen im Leben seines Helden, dass sie zwangläufig an der Oberfläche bleiben müssen. Der ganze Roman wirkt wie eine Aneinanderreihung einzelner Episoden, nicht aber wie ein geschlossenes Ganzes. Weiterlesen

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Gianfranco Calligarich: Der letzte Sommer in der Stadt

„Der letzte Sommer in der Stadt“ von Gianfranco Calligarich ist im Original bereits 1973 erschienen und hat sich in Italien seither zu einer Art Kultroman entwickelt. Literaturzirkel diskutieren ihn, Studenten schreiben Seminararbeiten über ihn. Nun ist er endlich auch auf Deutsch erschienen.

Der Roman erinnert ein wenig an langsam erzählte und melancholische Filme von Visconti oder Fellini, in denen die Atmosphäre wichtiger ist als die Handlung – hier die in einem heißen Sommer im Süden Europas Anfang der 1970er-Jahre. Man raucht und trinkt zu viel, kann sich vor Hitze kaum bewegen und schaut den Frauen hinterher. La Dolce Vita. Auch Vergleiche mit Hemingway („Fiesta“ zum Beispiel) ließen sich ziehen.

​Zur Handlung: Leo Gazzarra, der aus Mailand stammt, lebt in Rom in den Tag hinein. Er hat kein Geld und kann sich nur schwer zu einer geregelten Arbeit aufraffen. Außerdem hat er ein Alkoholproblem. Dann lernt er bei Freunden die umwerfende Arianna kennen, und es ist um beide geschehen. Weiterlesen

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Willi Achten: Rückkehr

Jakob kehrt in das Dorf in den Bergen zurück, in dem er aufgewachsen ist. Dort muss vor vielen Jahren etwas Schlimmes vorgefallen sein. Jakob und seine Freunde setzten sich damals gegen einen gewissen Bolltner zur Wehr, der aus der unberührten Natur ein modernes Skigebiet machen wollte.

Willi Achtens Roman „Rückkehr“ ist für den Leser ein langes Tappen im Dunkeln. Erst im letzten Viertel des Romans erschließt sich, was damals vorgefallen ist. Es ist eine langsam erzählte Geschichte, die immer wieder von Natur- oder Landschaftsbeschreibungen ausgebremst wird, aber andererseits dadurch eine zur Bergwelt, in der der Roman spielt, stimmige Atmosphäre aufbaut.

​Als „archaisch“ ließe sich wohl die Grundstimmung dieses Textes beschreiben. Die Natur ist übermächtig, und die Menschen, die in ihr leben, sind etwas maulfaul und in sich gekehrt. Weiterlesen

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Sigurd Hartkorn Plaetner: Die allerbeste Zeit meines Lebens

Der Debütroman des 1989 geborenen dänischen Autors Sigurd Hartkorn Plaetner, „Die allerbeste Zeit meines Lebens“, beginnt vielversprechend: Der Text fängt glaubwürdig und authentisch die Lebenssituation eines jungen Mannes – Vitus heißt er – in Kopenhagen ein. Der hängt rum, betrinkt sich altersgerecht mit seinen Freunden und versteht sich derzeit nicht besonders gut mit Vater und Stiefmutter. Sein größtes Problem aber ist seine schwangere Exfreundin, von der er eine Abtreibung verlangt.

Doch dann lernt er die lebenslustige Emma kennen, und seine Situation ändert sich schlagartig. Vitus, der zuvor etwas übellaunig und unsympathisch rübergekommen war, verliebt sich Hals über Kopf in sie, und die Welt hängt für ihn sprichwörtlich voller Geigen. Die beiden verbringen eine wunderbare Zeit an der Amalfiküste. Doch Emma verbirgt ein Geheimnis … Weiterlesen

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Elizabeth Strout: Oh, William!

Die amerikanische Autorin Elizabeth Strout ist bekannt für ihre emotionalen Bücher, die tief in das Seelenleben ihrer Figuren eintauchen. Inhaltlich passieren keine Sensationen, dafür aber der ganz normale Alltag, der ja oft aufregend genug ist. Das ist auch in ihrem neuesten Werk „Oh William!“ nicht anders. Im Mittelpunkt steht einmal mehr die Autorin Lucy Barton, die eifrige Strout-Leser schon aus früheren Romanen kennen und aus deren Perspektive der Roman in Ich-Form geschrieben ist.

Lucy beschreibt die Beziehung zu ihrem Ex-Mann William, mit dem sie auch nach der Trennung noch freundschaftlich verbunden ist. Schließlich begleitet sie ihn sogar auf eine Tour nach Maine, wo William hofft, Aufklärung zu einem lange gehüteten Geheimnis seiner Mutter zu finden …

„Oh William“ ist nicht Elizabeth Strouts stärkster Roman. Gefühle werden zwar oft behauptet, sind für den Leser aber nicht immer nachvollziehbar. Weiterlesen

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C.K. McDonnell: The Stranger Times

Caimh McDonnell, der unter dem Pseudonym C.K. McDonnell schreibt, ist ein preisgekrönter irischer Standup-Comedian und Autor. Seine Bücher gelten im englischsprachigen Raum als lustigste Krimis, die jemals geschrieben wurden. Kaum zu glauben, dass erst jetzt eines seiner Bücher auf Deutsch erschienen ist: „The Stranger Times“.

Dabei handelt es sich um eine Zeitung, die über alles Abwegige schreibt: Ufo-Sichtungen, Nessie im Alkohol-Rausch oder auch eine Kneipen-Toilette, in der angeblich der Teufel haust. Die neue Mitarbeiterin Hannah hat in den ersten Tagen Schwierigkeiten, sich an ihre Aufgaben und ihre neuen Kollegen, vor allem an den cholerischen Chef Banecroft, zu gewöhnen. Doch dann wird das Zeitungs-Team in einen wirklich düsteren Fall hineingezogen, in dem es um schwarze Magie geht. Auch ein Monster kommt vor. Weiterlesen

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László Krasznahorkai: Herscht 07769

Um es gleich zu Beginn klar zu sagen: Es ist eine einzige Quälerei, dieses Buch zu lesen. László Krasznahorkais Roman „Herscht 07769“ besteht auf über 400 eng bedruckten Seiten aus einem einzigen Satz. Absätze oder gar Unterteilungen in Kapitel sucht man vergeblich.

Wer die Form derart überbetont, hat inhaltlich wenig zu sagen, möchte man meinen. Dem ist hier nicht so: Im Grunde ist „Herscht 07769“ ein Ausloten deutscher – vor allem ostdeutscher – Befindlichkeiten.

Titelheld Florian Herscht schreibt Briefe an Bundeskanzlerin Angela Merkel, in denen er sie vor dem Weltuntergang aufgrund irgendwelcher physikalischer Prozesse warnt. Sein Leben zwischen Neonazis, seinem ganz speziellen Wahn, der Musik Bachs und anderen Absonderlichkeiten, die immer mehr ins Absurde gehen, könnte beispielhaft den Zustand eines Teils der Gesellschaft offenlegen – wäre da nicht die schier unerträgliche Form. Eine vertane Chance. Schade!

László Krasznahorkai: Herscht 07769.
Aus dem Ungarischen übersetzt von Heike Flemming.
S. Fischer, Oktober 2021.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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