Richard Russo: Mittelalte Männer

Die Spezialität des 1949 geborenen amerikanischen Autors Richard Russo sind das Seelenleben und die Befindlichkeiten „mittelalter Männer“. Und genau so heißt auch ein Roman, der im Original bereits 1997 erschienen ist, aber erst jetzt auf Deutsch herauskommt.

Henry „Hank“ Devereaux Jr. ist Englischprofessor an einer kleinen Uni und hat gleiche mehrere Probleme: Seinem Fachbereich drohen Kürzungen, und die Kollegen verdächtigen ihn als Fachbereichsleiter, bereits eine Streichliste verfasst zu haben. Seine Frau scheint der Ehe überdrüssig zu sein, und er hat körperliche Malessen in den unteren Körperregionen. Viel Stress für einen einzigen Mann.

Weil Russo immer tief in die Gedankenwelt seiner Figuren eintaucht und er seine Geschichten stets mit viel Witz erzählt, macht das Lesen dieses 600-Seiten-Wälzers ganz einfach Spaß. Weiterlesen

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Jo Lendle: Eine Art Familie

Jo Lendle, Autor und zugleich Verleger des Carl Hanser Verlags, vermischt in seinem Roman „Eine Art Familie“ die Biographie seines Großonkels Ludwig Lendle mit fiktiven Elementen. Jener Ludwig Lendle (1899-1969), genannt „Lud“, war Pharmakologie-Professor, der zum Schlaf und zur Narkose forschte.

Konflikte und damit Würze in diesen Roman bringt zweierlei. Erstens: Lud ist ein Gegner der Nazis, während sein Bruder Wil ein glühender Anhänger des Regimes ist. Doch zugleich forscht Lud an der Wirkung von Giftgas. Welche Rolle er in dieser Funktion im Zweiten Weltkrieg spielt, wird nicht gänzlich klar.

Zweitens: Lud ist homosexuell, träumt immer noch von einer Begegnung mit einem Gerhard im Ersten Weltkrieg. Später jedoch lebt er mit zwei Frauen zusammen – seiner Haushälterin und seinem Patenkind Alma, das nur unwesentlich jünger ist als er selbst. Das ist die titelgebende „Art Familie“. Alma verliebt sich in Lud, hat jedoch – natürlich – keine Aussicht auf Erfolg. Dass das von vornherein klar ist, nimmt dem Roman viel von seiner Spannung. Weiterlesen

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John von Düffel: Die Wütenden und die Schuldigen

Corona ist nun auch in der Literatur angekommen. John von Düffels neuer Roman „Die Wütenden und die Schuldigen“ spielt im März 2020 – also kommen Masken und Abstandsgebote zumindest am Rande vor.

Der 1966 geborene Autor, der Professor für szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste ist und als Dramaturg am Deutschen Theater Berlin arbeitet, konzentriert sich auf die Mitglieder einer Familie. Sie gehören zu drei verschiedenen Generationen und befinden sich an unterschiedlichen Orten. Da ist der sterbenskranke Richard, ein Pfarrer, den nur noch wenige Tage vom Tod trennen. Da ist seine labile Tochter Maria, die sich zu einem älteren Rabbi hingezogen fühlt, und da ist deren Sohn Jacob, der zwischen Ex-Freundin, drogendealendem Kumpel und exzentrischer Kunst-Professorin durchs Leben schlingert.

​John von Düffel erweist sich als genauer Beobachter. Alle Figuren wirken gleich glaubwürdig, obwohl sie völlig unterschiedlich sind und sich in komplett verschiedenen Lebenswelten befinden. Weiterlesen

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Alex George: An jenem Tag in Paris

Der britische Autor Alex George legt einen Roman vor, in dem eine Stadt im Mittelpunkt steht: Paris im Jahre 1927. Ein Pluspunkt dieses Buches ist sicherlich seine atmosphärische Dichte. Wer ein Faible für die französische Hauptstadt hat, dürfte Gefallen an diesem Werk finden.

George folgt dem Weg von vier Protagonisten, die allesamt einigermaßen problembeladen sind. Da ist zum Beispiel ein unglücklich verliebter Künstler, der fest davon überzeugt ist, die Tochter seiner Angebeteten sei von ihm, da ist die Haushälterin von Marcel Proust, die dem großen Schriftsteller ein Geheimnis anvertraut hat, und da ist ein Puppenspieler, der den grausamen Tod seines Bruders in Kindertagen nicht verwinden kann.

Damit geht eine gewisse Melancholie einher, die zu einem Klischee über Paris passt, wie es beispielsweise auch in den Chansons von Charles Aznavour oder Jacques Brel bedient wird. Ob das dem tatsächlichen Leben in dieser Stadt entspricht oder entsprochen hat, sei einmal dahingestellt. Weiterlesen

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Tijan Sila: Krach

Einen rotzfrechen Punkrock-Roman, der ganz einfach Spaß macht, legt der 1981 in Sarajewo geborene deutsche Autor Tijan Sila vor: „Krach“.

Der 18-jährige Gansi gründet Ende der 90er die Punkband Pur Jus. Leider verliebt er sich zugleich in das weibliche ultracoole Bandmitglied Ursel, was einige Komplikationen nach sich zieht. Und überhaupt gibt es in Gansis Leben so einiges, was sich nicht hundertprozentig mit dem Bild eines lässigen Rockers in Einklang bringen lässt. Und dabei geht‘s nicht nur um Gansis kleine Zwillingsschwestern, die ganz schön nerven.

Tijan Silas Roman hat jede Menge Drive und Tempo. Das Milieu, in dem sich unser Held bewegt – Auftritte in besetzten Häusern, ständig drohende Schlägereien mit Nazis – kommt sehr authentisch rüber, was sicherlich auch daran liegt, dass der Autor selbst ebenfalls Gitarrist in einer Punkband ist: „Korrekte Drinks“.

Tijan Sila: Krach.
Kiepenheuer&Witsch, Mai 2021.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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Timon Karl Kaleyta: Die Geschichte eines einfachen Mannes

Timon Karl Kaleyta dürfte Musikfans vor allem als Frontman der Elektropop-Band „Susanne Blech“ ein Begriff sein. Nun hat der gebürtige Bochumer auch seinen ersten Roman geschrieben: „Die Geschichte eines einfachen Mannes“.

Der Held in diesem Buch ist ein Glücksritter, der zuweilen Ähnlichkeit mit Thomas Manns Hochstaplerfigur Felix Krull hat. Kaleytas Held macht sich – etwas naiv – zum Verdruss seiner Eltern zum Beispiel wenig Sorgen um die Zeit nach dem Abitur und glaubt, dass sich schon alles irgendwie finden werde. Das tut es eine Zeitlang sogar: Der Mann macht Karriere an der Uni, landet im Bett von tollen Frauen und startet mit seiner Band eine vielversprechende Musikkarriere. Weiterlesen

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Danielle Mc Laughlin: Dinosaurier auf anderen Planeten

Danielle McLaughlin, eine irische Autorin, legt in ihrem Sammelband „Dinosaurier auf einem anderen Planeten“ elf recht düstere Geschichten vor. Sie handeln von Armut, Tristesse, Schwermut und dem Unvermögen der unterschiedlichen Generationen, miteinander klarzukommen.

Auf eine solch durchgehend negative Stimmung muss man sich als Leser einlassen wollen. Und das fällt schon deshalb nicht immer leicht, weil sich eine Vielzahl von Figuren in den einzelnen Geschichten tummelt. Bis man sie verinnerlicht hat, ist die Story schon wieder vorbei, und es geht mit neuem Personal von vorne los.

Auch hat die Autorin einen Hang zum offenen Ende. Die Geschichten beginnen im Nirgendwo, der Leser erfährt kaum etwas über den Hintergrund der handelnden Figuren, und einige Seiten später ist die Story wieder vorbei. Gut, man könnte argumentieren: Genau das gehört zum Wesen von Kurzgeschichten. Aber sich permanent auf die Rätseltour nach der Aussage, dem Sinn der jeweiligen Geschichte machen zu müssen und ihn beileibe nicht immer zu erfassen, ist auf Dauer dann doch ermüdend. Weiterlesen

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Ian McGuire: Der Abstinent

In seinem historischen Thriller „Der Abstinent“ führt uns der britische Autor Ian McGuire tief ins 19. Jahrhundert. Im Manchester des Jahres 1867 tobt die Auseinandersetzung zwischen der englischen Polizei und den irischen Unabhängigkeitskämpfern, den „Fenians“.

Hauptkontrahenten sind der irischstämmige Polizist James O‘Connor und der zwielichtige Stephen Doyle, der eigens aus Amerika angereist ist, um in England Stunk zu machen. Schon bald gelingt ihm das.

Der Roman des 1964 geborenen Autors besticht durch seine düstere Atmosphäre. Wir werden gleich auf den ersten Seiten Zeugen einer grausamen Hinrichtung, beobachten einen brutalen Wettkampf, bei dem Hunde möglichst viele Ratten töten müssen, betrinken uns in Pubs, arbeiten in einer stinkenden Gerberei und begleiten eine Hure auf ihr Zimmer. Weiterlesen

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Arnon Grünberg: Besetzte Gebiete

Mit „Besetzte Gebiete“ legt der niederländische Erfolgsautor Arnon Grünberg einen fast schon irrwitzig oder grotesk zu nennenden Roman vor, der durch immer neue Wendungen überrascht.

Weil sich der Psychiater Otto Kadoke etwas zu sehr mit einer Patientin einlässt, verliert er in Amsterdam seine Zulassung und beschließt, sich zusammen mit seinem altersschwachen Vater ins Westjordanland abzusetzen, wo die widerspenstige Anat wohnt, mit er zuvor eine erotische Nacht auf dem Sofa verbracht hat.

Grünberg würzt seinen Roman mit Zutaten, die auf den ersten Blick nicht zueinander zu passen scheinen: Humor und Zionismus-Kritik zum Beispiel – oder die Kritik an einer allzu gottergebenen Haltung der Juden im Westjordanland, die sogar das Putzen in ihren schäbigen Baracken vernachlässigen, weil ja doch bald der Erlöser kommt. Immer wieder heißt es, sie seien im 19. Jahrhundert stehen geblieben. Weiterlesen

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Klaus Modick: Fahrtwind

Wie sähe Joseph von Eichendorffs spätromantische Taugenichts-Erzählung von 1826 aus, wenn man sie heute schreiben würde? Dieses literarische Experiment wagt Klaus Modick in seinem Roman „Fahrtwind“. Herausgekommen ist ein ausgesprochen vergnüglicher Text, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Es geht um die Liebe, die Musik, den Rausch und das süße Nichtstun. Ironie und ein gewisses Augenzwinkern sind ständige Begleiter bei der Lektüre.

Ein junger Mann hat keine Lust, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, der das Firmenschild seines Sanitär-Großhandels-Unternehmens gerne mit dem Zusatz „& Sohn“ versehen würde. Stattdessen packt dieser Sohn seine Siebensachen inklusive Gitarre und macht sich ohne viel Geld und ohne ein rechtes Ziel auf den Weg hinaus in die weite Welt. Wie bei Eichendorff wird er von zwei Damen aufgegabelt, nur dass die nicht in einer Kutsche unterwegs sind, sondern in einem Mercedes-107-Cabrio, wie es in den 70er-Jahren, in denen der Roman spielt, modern war. Und natürlich verliebt sich unser Ich-Erzähler in die jüngere der beiden Frauen.

Gespickt ist dieser Roman mit allerlei Gedichten und Naturbeschreibungen – wie das unvergleichliche Licht in Italien – und ihre Wirkung auf den jungen Mann. Weiterlesen

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