Peter Grainger: Ein unglücklicher Tod

Den Briten ist Peter Grainger längst ein Begriff. Seine im Selbstverlag erschienenen Kriminalromane fanden begeisterte Leser. Nun veröffentlicht der Diogenes Verlag in diesem Jahr drei seiner Bücher. Erfreulicherweise.

Kürzlich hatte ich angemerkt, dass Ermittler heutzutage nicht ohne schwerwiegende psychische Schäden und persönliche Dramen auskommen, die bisweilen einen zu großen Teil der Erzählung ausmachen und vom eigentlichen Fall ablenken. In dieser Hinsicht ist Graingers Hauptfigur David „DC“ Smith so alltäglich wie sein Name, fast schon altmodisch. Und dennoch ist er ein echtes Unikum. Wir erfahren im ersten Band natürlich noch nicht alles über seinen Hintergrund. Er lebt allein, seit seine Frau gestorben ist, um die er immer noch trauert. Er missachtet schon mal die Vorschriften, kommt nicht mit allen Kollegen klar, hat dennoch viele Freunde, spielt Gitarre, und hat eine Vorliebe für ironische Bemerkungen und unerwartete Kommentare. Ein Typ mit Ecken und Kanten, ein sympathischer Eigenbrötler, aus dem ganz normalen Leben gegriffen. Eine echte Identifikationsfigur.

Das Merkwürdigste an ihm ist, dass er sich nach den Ermittlungen in einem besonders grausamen Fall hat beurlauben und freiwillig degradieren lassen. So mancher hätte ihn gerne frühpensioniert, aber nun ist er wieder da und bekommt eine simple Aufgabe: Er soll in einem intern bereits abgehakten Fall die letzten Formalitäten abschließen.

Ein Siebzehnjähriger ist ertrunken. Alles sieht nach einem Unfall aus, doch DC Smith nimmt es genau – und stößt schon bald auf einige Ungereimtheiten und schlampige Polizeiarbeit. Je länger er ermittelt, desto sicherer ist er, dass es sich um ein Tötungsdelikt handelt. Und dann schalten sich plötzlich Leute von ganz oben ein, die Druck machen und den Fall endlich abschließen wollen. Ein Alarmsignal für erfahrene Krimileser und für DC Smith, der jetzt erst recht nicht lockerlässt.

Grainger konzentriert sich ganz auf die Ermittlungsarbeit und auf seine Charaktere. Wir hören DC Smith beim Denken und Spekulieren zu, verfolgen die Fallbesprechungen mit Kollegen und die Vernehmungen. Und wir können versuchen, uns unseren eigenen Reim darauf zu machen. „Action“ gibt es nicht. Nur detektivische Kleinarbeit. Auch das eine manchen Lesern vielleicht altmodisch anmutende, (bis auf die Schlussszene) undramatische Erzählweise. Aber definitiv fesselnd, denn, je mehr DC Smith ausgräbt, umso mehr will man wissen, was wirklich hinter diesem »unglücklichen Tod« steckt.

Voll überzeugen können zudem die von Grainger geschaffenen Figuren, die er uns eher nebenbei, in charakteristischen Szenen und treffenden Dialogen näherbringt. Natürlich DC Smith selbst, seine frühere Untergebene und nach der Zurückstufung nun Vorgesetzte DI Reeve und insbesondere Christopher Waters, momentan noch im zweiten Ausbildungsjahr, um den sich DC Smith nebenbei kümmern soll. Sehr zu seinem Unwillen. Was sich aber schnell ändern wird.

Mit anderen Worten: Auf die Entwicklung der Figuren und die nächsten Fälle können sich alle, denen es auf eine gelungene Erzählung ankommt, jetzt schon freuen.

Peter Grainger: Ein unglücklicher Tod
Aus dem Englischen übersetzt von Eva Regul
Diogenes Verlag, Juli 2026
288 Seiten, Taschenbuch, 18.00 €

Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: