Miriam Georg: Im Nordwind

Der Hamburger Dom ist diesmal einer der Schauplätze des Romans. Miriam Georg erzählt uns – in den Rückblicken auf die Kindheit der Protagonistin Alice – einiges vom Leben der Schausteller, die ständig unterwegs waren, nirgends wirklich zu Hause und meistens in großer Armut lebten. Das ist das Leben von Alice‘ Eltern. Als Kind genoss Alice es, mit ihrem Bruder über den Jahrmarkt zu ziehen, die Attraktionen zu sehen und zu erleben, aber es ist keine Heimat. Alice soll es besser haben, die Eltern brauchen das Geld und geben Alice weg. Von da an lebt sie als Christina im sogenannten Pastorenhaus in der Nordmarsch, wo sie einerseits wie eine Magd behandelt, andererseits aber als die Nichte des Pastors ausgegeben wird. Ihre Aufgabe besteht vor allem in der Pflege der todkranken Ehefrau des Pastors, Zuneigung oder gar Liebe erfährt sie hier nicht. Alice ist noch ein Kind, unbedarft und den Menschen im Haus ausgeliefert. Es kommt wie es kommen muss, Alice wird schwanger, muss das Haus verlassen. Auch das Kind darf sie später nicht behalten. Weiterlesen

Calla Henkel: Ein letztes Geschenk

Überraschungshighlight – spannend, verblüffend, wendungsreich, lesenswert

Diese Autorin werde ich mir merken. Wenn sie immer so gut schreibt wie in diesem Roman, dann hat sie einen neuen Fan gewonnen. Die Geschichte um Esther, die sogenannte Scrap Books gestalten soll, ist so voller Kapriolen, Wendungen, Höhepunkten und Spannung, dass man den Roman verschlingen muss.

Esther, die sich selbst als Kunsthandwerkerin beschreibt und Bücher von Hand bindet, lernt auf einer Vernissage die reiche Naomi kennen. Von ihr erhält sie den Auftrag, als Geburtstagsgeschenk für deren Ehemann Alben zu gestalten, sogenannte Scrap Books.

Den Auftrag nimmt Esther allerdings erst an, als sie von ihrer Lebenspartnerin Jessica verlassen wird und nun die Hypothek für das gemeinsame Haus allein tragen muss. Daraufhin erhält sie von Naomi eine ganze LKW-Ladung von Kisten mit Material für diese Alben, eine Kiste pro Jahr über viele Jahre. Darin hat Naomi alles aufbewahrt: Fotos, Kassenbelege, Klassenarbeiten und Zeugnisse ihrer Tochter, Elternbriefe, Einladungen, Zeitungsausschnitte und Kontoauszüge, auch aus der Firma ihres Mannes. Wichtigste Regel für den Auftrag: Absolute Verschwiegenheit, dafür muss Esther Naomi bürgen und etliche Unterschriften leisten. Auch der gesamte Kontakt zu ihrer Auftraggeberin verläuft auf sehr geheimnisvolle Weise.

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Freya Marske: Marvellous Light: Der magische Fluch: The Last Binding 01

Ort der Handlung: das britische Emire zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Baronet Robin Blyth, ein junger Adeliger aus verarmten Familienverhältnissen, hat vor kurzem seine Eltern verloren, seine jüngere Schwester will, höchst skandalös, nach Oxford oder Cambridge, statt sich um einen angemessenen Ehemann zu bemühen.

Da kommt es geschickt, dass der junge Adelige, der im Innenministerium von Abteilung zu Abteilung geschoben wurde, einen neuen Posten zugewiesen bekommt. Eine Stelle, die nicht einfach nur vakant ist, ein Posten, den es zumindest offiziell gar nicht gibt, auch wenn er dem Innenminister höchstselbst berichten muss!

Sein Vorgänger ist spurlos verschwunden, er selbst soll als Verbindungsmann zu den Magiern des Reiches fungieren.

Magie, das darf doch nicht sein, wer hat denn schon einmal von so etwas gehört? Bis Robin gleich an seinem ersten Tag mittels eines Runenfluchs verzaubert wird – scheinbar hat sein Vorgänger einen Vertrag versteckt – er soll ihn finden und ausliefern. Was schwerfällt, da ein solcher Vertrag weder bekannt noch auffindbar ist.

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Alexis Hall: Mortal Follies

Dass Miss Mitchelmore verflucht wurde, lässt sich nicht leugnen und spätestens, als sich ihr Kleid auf einem Ball in Luft auflöst, wird ihr klar, dass sie etwas dagegen unternehmen muss. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn wo findet eine Dame in der feinen englischen Gesellschaft jemanden, der sich mit Flüchen auskennt?

Ihre einzige Hilfe ist ausgerechnet die mysteriöse Lady Georgina, auch genannt der Duke of Annadale, seit sämtliche ihrer männlichen Verwandten in kurzer Zeit auf unerklärliche Weise ums Leben gekommen sind. Verständlich also, dass in der Gesellschaft gemunkelt wird, dass sie eine Hexe ist.

Doch Lady Mitchelmore hat keine Wahl, als sich dem Duke anzuvertrauen, denn es bleibt nicht bei dem Vorfall mit dem Kleid und bald ist nicht nur ihr guter Ruf, sondern auch ihr Leben in Gefahr. Und obwohl der Duke of Annadale verschlossen ist, kann sie so gefährlich ja nicht sein – erst recht nicht für Miss Mitchelmores Herz. Oder?

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Javier Zamora: Solito

Ein Buch, so schön und schrecklich, wie es nur das Leben selbst schreiben kann. In diesem herzergreifenden Roman, der unter anderem mit dem Los Angeles Times Book Prize ausgezeichnet wurde, nimmt uns Javier Zamora mit auf seine Flucht als Neunjähriger im Jahr 1999. Es geht von El Salvador Tausende von Kilometern nordwärts nach „La USA“, auf Booten, Trucks, zu Fuß durch die Wüste. Seine Flucht absolviert er auf sich gestellt, „solito“, ohne seine Eltern, die bereits in der USA auf ihn warten. Mit 40 anderen Personen und ein paar „Polleros“, alias Schleusern, beginnt eine beängstigende Odyssee. Unterwegs begegnet er Menschen, die es mal gut, mal schlecht mit den Migranten meinen. So ist Javier Zamoras literarisches Glanzstück ein Plädoyer für Menschenwürde, Zusammenhalt und Empathie. Extrem kraftvoll, ohne je kitschig zu sein.

Auf der Fluchtroute findet Javier eine neue „Ersatzfamilie“, zumal sich diese vor der Grenzschutzpolizei auch als solche ausgibt. Da ist Patricia, die sich mit ihrer 10-jährigen Tochter Carla zu ihrem Mann und ihrer jüngeren Tochter in die USA durchschlagen will. Da ist Chino, noch mit Akne übersät und gerade selbst erst den Kinderschuhen entwachsen, der unversehens in eine Vaterrolle hineinwächst. Er tröstet Javier, als ihm auf dem Boot schlecht wird, er trägt ihn durch die Wüste, als er nicht mehr laufen kann, er steht ihm im Gefängnis bei, während sich andere längst abgesetzt haben. So entstehen Bande, die übermenschliche Kräften verleihen, um Unmenschliches zu bezwingen.

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Catherine Cusset: Janes Roman

Etwas altertümlich anmutende Lebensgeschichte einer Frau in mittleren Jahren

Es klingt nach einer interessanten Story, nach einem spannenden Geheimnis, entwickelt sich aber leider zu einer eher drögen und zähen Geschichte.

Jane ist Professorin für französische Literatur, geschieden und lebt allein. Eines Tages liegt vor ihrer Tür ein Paket, darin das Manuskript eines Romans. Sein Titel: Janes Roman, der Inhalt: ihre Lebensgeschichte, oder vielmehr all ihre Liebesgeschichten.

Unverzüglich vertieft sich Jane in die Lektüre, liest Seite um Seite und rätselt, wer der Absender, der Verfasser dieser Seiten ist. Ständig geraten andere Menschen aus ihrem Leben, ihrer Vergangenheit in Verdacht, immer wieder ändert sie ihre Meinung.

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Andreas Föhr: Totholz

„Andreas Föhr ist einfach eine Ausnahmeerscheinung“ steht auf der Rückseite von „Totholz“ zu lesen. „Spannung, unterhaltsame, mitunter skurrile Figuren, ein tiefgründiges Thema und ein interessanter Plot sind garantiert“. Dem kann ich nur zustimmen. Andreas Föhr bürgt für Qualität. In seinem aktuellen Buch hat der sympathische Kommissar Wallner von der Kripo Miesbach wieder alle Hände voll zu tun. Unter anderem beschäftigen ihn aufs Neue die krummen Machenschaften von Polizeihauptmeister Leonhardt Kreuthner. Der brennt nämlich schon des längeren illegal Schnaps und vertickt das Zeug gewinnbringend an seine Freunde im kriminellen Milieu.

Allerdings bekommt er Konkurrenz von der mehrfach vorbestraften Philippa Trautmann. Um dem entgegenzuwirken, jagt Kreuthner Pippas Schwarzbrand-Stützpunkt am Waldrand mittels einer Kanone aus dem 18. Jahrhundert in die Luft. Mit von der Partie sind der Schrottplatzbesitzer Johann Lintinger und pikanterweise Wallners Großvater Manfred, der mit 93 etwas Pfeffer in sein Leben bringt, indem er sich mit interessanten Leuten umgibt. Die Ereignisse nehmen rasant Fahrt auf. Pippa Trautmann wird nämlich bei einem Einbruch erwischt.

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M. A. Carrick: Die Maske der Spiegel: Rabe und Rose 01

Willkommen in Nadežra, einer Stadt voller Intrigen, Magie und Geheimnissen. Dort begegnen wir der alt-eingesessenen, inzwischen verarmten Händlerfamilie der Traementis. Der Grand Dame der Familie, Donaia Traementis steht das Wasser finanziell bis zum Hals. Wenn sie ihre letzte Karawane nicht beschützen lässt, ist der Überfall und damit der endgültige Ruin vorprogrammiert – allein, sie vermutet, dass die Wächter sie ebenfalls um ihr letztes Hab und Gut erleichtern werden.

Auftritt Renata – Ren – Viraudax, einer Trick-Betrügerin, die versucht, sich als vermeintlich lang verschollene Verwandte in eben jene reiche Kaufmannsfamilie einzuschleichen. Schnell wird ihr klar, dass ihr Ziel, sich am vermuteten Familienvermögen zu bereichern, um die eigene Existenz in Luxus und Unbeschwertheit zu sichern, am Mangel ebenen jener Reichtümer scheitert.

Im Prolog lernen wir die damals noch kindliche Ren kennen. Als Finger (Taschendiebin) wird sie von ihrem Knoten, ihrer Hausmutter missbraucht, wird getriezt, gemobbt und angegriffen. Sie nimmt das Heft des Handelns selbst in die Hand, auch um nicht nur sich selbst, sondern auch um ihre kleine Schwester zu retten.

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C. K. McDonnell: Religt my Fire

„Relight my Fire“, der vierte Teil der Stranger-Times-Serie von C. K. McDonnell, richtet sich erneut an die Fans skurrilen britischen Humors und abgedrehter Geschichten. Die Stranger Times ist eine Zeitung, die sich auf mysteriöse Ereignisse spezialisiert hat (wie etwa: Turin und Glasgow sind durch ein Wurmloch miteinander verbunden, durch das die Bewohner immer wieder unversehens in die jeweils andere Stadt katapultiert werden). Genauso skurril wie die Zeitung und ihr Stoff ist ihre Belegschaft – mit ihrem cholerischen Chefredakteur Vincent Banecroft an der Spitze.

McDonnells Geschichte knüpft nahtlos an die Ereignisse des dritten Teils an. Deshalb empfiehlt es sich für Neueinsteiger der Reihe unbedingt, zuerst die Vorgänger-Bände zu lesen.

Die Handlung beginnt mit einem Mann, der auf einem Hochhausdach steht und unter Drogeneinfluss davon überzeugt ist, fliegen zu können. Das gelingt sogar zunächst. Dann jedoch verliert er den Kampf gegen die Schwerkraft und knallt unten aufs Pflaster. Dummerweise spaziert dort gerade Stella, ein Mitglied aus der Stranger-Times-Crew mit Superkräften, vorbei. Eigentlich wollte sie möglichst unauffällig leben …

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Lionel Shriver: Lass uns doch noch etwas bleiben

Dieses überaus intelligente und gleichzeitig urkomische Buch  handelt vom Altern und den damit verbundenen Ausgestaltungen und Möglichkeiten, die das Leben dafür bereithält.

Die Ausgangsbasis dieses Romans liest sich wie aus dem Alltag gegriffen. Jeder kennt mehr oder weniger Lebensverhältnisse alter, dementer Menschen, die man sich für das eigene Altern nicht vorstellen mag. Lionel Shriver durchdenkt diese hochbrisante Thematik scharfsinnig und dabei federleicht in immer wieder neuen Varianten.

Die beiden Figuren, um die sich alles dreht, sind das Londoner Ehepaar Wilkinson. Kay und ihr Mann Cyril sind beide Anfang Fünfzig und gut situiert. Während Cyril sich in der Vergangenheit fast ausschließlich seinem Arztberuf widmen konnte, hat die Innenarchitektin Kay ihre Mutter bei der Pflege des dementen Vaters unterstützt. An Kays fünfzigsten Geburtstag stirbt der Vater, was bei allen Familienmitgliedern Befreiung und Erleichterung auslöst. Gleichzeitig ist dies ein guter Anlass für die Wilkinsons, sich über das eigene nahende Altern Gedanken zu machen.

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