Murmel Clausen: Leming

Kolja ist 14 und in einem Internetforum für Jugendliche, die ihr Leben beenden möchten. Das ist nicht legal, natürlich nicht, deswegen läuft das Forum auch über einen Server irgendwo auf einer Insel, wo niemand sich für Internetsicherheit interessiert. Umbringen möchte Kolja sich nicht, aber er hilft anderen, sich möglichst eben nicht umzubringen. Warum er das macht, weiß er selbst nicht so genau, aber es ist ihm wichtig. Mit der Zeit freundet er sich mit zwei Mitgliedern an: Verena, die 16

ist und dem Administrator Reinhold, der bereits volljährig ist. Gemeinsam beschließen sie eine Suicid-Tour, gemeinsam möchten sie aus dem Leben scheiden. Reinhold unbedingt in seinem lila Audi, der sein ganzer Stolz ist, Verena möchte in Ungarn, beim Haus ihres Großvaters in einen Vulkan springen und Kolja möchte eigentlich, dass sie alle weiterleben.

Murmel Clausen erzählt die Geschichte aus Koljas Perspektive in einem schnoddrigen Tonfall, der trotz des Themas einfach nur Spaß macht. Ich bin nicht sicher, ob sich Jugendliche heute noch genauso ausdrücken, der Autor ist sechs Jahre jünger als ich und ich habe mich jedenfalls wiedergefunden. Der Trip verläuft von Anfang an nicht so, wie Kolja ihn sich vorgestellt hat. Weiterlesen

Liesbet Dill: Tagebuch einer Mutter (1943)

Olivias Leben beginnt märchenhaft. Sie darf behütet und beschützt ihren Neigungen folgen. Von allem ist genug da, so dass sie mühelos in die Rolle der Ballkönigin schlüpft und als gute Partie gilt. Und wie im Märchen verliebt sie sich in den schönsten Mann, der wiederum sie liebt.

Auf das reale Leben ist sie jedoch nicht vorbereitet. Ihr Mann stirbt im Ersten Weltkrieg. Von jetzt auf gleich steht Olivia mit ihren vier Kindern alleine da. In Zeiten großer Unsicherheit ist für sie und ihre Kinder der soziale Abstieg sicher. Ohne Eltern, mit der geldvernichtenden Inflation und der geringen Witwenrente wird ihr Alltag mühselig. Auf die harte Tour lernt Olivia den Pfennig umdrehen und vieles mehr.

Die Autorin Liesbet Dill (1877-1962) wurde im Saarland geboren. Ähnlich wie Olivia wuchs sie in begüterten Verhältnissen auf. Neunzehnjährig wurde sie mit einem 36-jährigen Mann verheiratet. Die arrangierte Ehe machte sie so unglücklich, dass sie Mann und zwei Söhne verließ. Nach der Scheidung verdiente sie ihr tägliches Brot mit dem Schreiben. Sie schrieb über 100 Romane, die häufig die unfairen Lebensbedingungen der Frauen thematisieren. Ihre letzten Romane wurden der Kategorie trivial zugeordnet, so dass ihr Gesamtwerk, teilweise international veröffentlicht, herabgestuft worden ist. Liesbet Dill geriet in Vergessenheit. Weiterlesen

Benedict Wells: Die Geschichten in uns: Vom Schreiben und vom Leben

Wie eine private Begegnung mit einem Autor, der aufschlussreich und insprierend über sich und sein Schreiben spricht.

Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Mit nur 23 Jahren wurde er vom Schweizer Verlag Diogenes unter Vertrag genommen. Seine Bücher sind bislang in 38 Sprachen erschienen.

In unserem Leselust-Portal sind verschiedene Rezensionen von Benedict Wells‘ Büchern zu finden:
hard-land
die-wahrheit-ueber-das-luegen-zehn-geschichten
vom-ende-der-einsamkeit
Fast genial
Spinner

Das neue Buch von Benedict Wells nun ist zum einen ein sehr ehrlich und persönlich gehaltener Text, zum anderen ist es ein Schreibratgeber, in dem er über seine Schultern beim Arbeiten blicken lässt. Der Weg zum erfolgreichen Autor kann steinig und lang sein. Auch Benedict Wells‘ Weg war lange nicht von Erfolg gekrönt. Eingehend führt er Misserfolge und Fehler aus und macht Mut für Ausdauer und Disziplin. Weiterlesen

Ursula Parrott: Ex-Wife (1929)

Eine köstliche Zeitkapsel? »Sex and the City« meets »The Great Gatsby«?

Als dieser Roman vor 100 Jahren, 1929, anonym erschien, wurde er sofort zum Bestseller – eine skandalöse Scheidungsgeschichte aus der Zeit des Jazz.

Doch wo steckt der Glamour und die wilden Partys à la »The Great Gatsby«? Wo der freche, moderne Geist von »Sex and the City«?

Du bekommst eine spritzige, schnelle Lektüre über Patricia, 24 und frisch verlassen, die das wilde Manhattan der Roaring Twenties unsicher macht. Zwischen Barbesuchen, Partys, Musicals, zu viel Alkohol, Zigaretten, Flirts und unpassenden Affären reflektiert sie über die Vergangenheit mit ihrem Ex-Mann, einem egozentrischen Arsch, und kämpft voller Selbstzweifel und nostalgischer Sehnsüchte mit dem Wunsch, wieder mit ihm zusammenzukommen. Weiterlesen

Susanne Fröhlich: Geparkt

Monika Fischer lebt ein beschauliches Leben als Physiotherapeutin. Sie ist 36 Jahre alt, alleinstehend, kinderlos und im Prinzip zufrieden mit ihrem Leben ohne Highlights. Weil sich kein passender Mann an ihrer Seite einstellen will, beschließt sie, auf einer Dating-Plattform nach einem zu suchen. Sie lernt Sven kennen, Investmentbanker, fast 50. Sven erfüllt alle Alphamännchen-Kriterien. Er hat Geld und zeigt es auch, trägt die richtigen Klamotten, kennt die richtigen Leute, wohnt in bester Lage. Leider hatte er bisher Pech mit den Frauen. Sagt er zumindest. Seine EX-Freundinnen Dani und Daggi hätten ihn betrogen und sich aus dem Staub gemacht. „Moni“ sei eine Granate, eine Gazelle und endlich die Richtige. Er umgarnt und umschnurrt sie, was Moni schon etwas suspekt vorkommt, trotzdem zieht sie zu ihm in seine tolle Wohnung. Sie gibt ihren Beruf auf, um gänzlich für ihn da und die Frau zu sein, die er sich vorstellt. Warnungen von Freundinnen diesbezüglich schlägt sie in den Wind. Weiterlesen

Amor Towles: Eve

Der 1964 geborene US-amerikanische Autor Amor Towles wechselt in seinem Roman „Eve“ gekonnt zwischen den Genres. Anfangs als Gesellschaftssatire konzipiert, verwandelt sich die Geschichte später in einen rasanten Thriller. Das sorgt für ein abwechslungsreiches Leseerlebnis. Towles‘ Schreibstil ist dabei stets gekonnt, unterhaltsam und flüssig.

Besonders faszinierend ist die authentische Atmosphäre des Hollywoods der 30er-Jahre, in die Towles seine Leser entführt. Man spürt förmlich den Glamour und die Aufregung jener Zeit, als Filme wie „Vom Winde verweht“ gedreht wurden und die Studios um die besten Schauspielerinnen wetteiferten. Diese lebendige Darstellung dürfte den Roman zu einem Genuss für Liebhaber historischer Settings machen.

Die Titelfigur Eve ist eine bemerkenswerte Frau, die die Männerwelt von Hollywood gleichermaßen fasziniert wie geschickt austrickst. Dieser Charakterzug steht im schönen Kontrast zu den sonst gängigen Rollenbildern der Frau in dieser Zeit und an diesem Ort. Eve ist eine starke, kluge und manipulative Figur, die sich nicht den Konventionen unterwirft. Weiterlesen

Nita Prose: Ein mysteriöser Gast

Nach den Geschehnissen vom ersten Band hat Zimmermädchen Molly ihr Glück gefunden. Ihr Freund ist bei ihr eingezogen und im Hotel weiß man ihre Fähigkeiten endlich zu schätzen. Ihr ist sogar eine recht große Rolle während der Lesung eines berühmten Krimiautors zugedacht. Nur stirbt dieser noch vor der Generalprobe im Speisesaal des Hotels. Wieder sind Mollys Ermittlerfähigkeiten gefragt und nicht nur das: Sie kannte diesen Mann. Vor langer Zeit war ihre Großmutter Hausmädchen in seinem Anwesen und nahm die kleine Molly jeden Morgen mit dorthin.

In diesem zweiten Band um das ganz besondere Zimmermädchen Molly bekommt der Leser tiefen Einblick in ihre Vergangenheit. Mit was für Schwierigkeiten sie schon als Schulkind zu kämpfen hatte, wie das Zusammenleben mit ihrer geliebten Großmutter war und warum sie eigentlich keine Mutter hatte. Wir lernen, wie sie sich schon als kleines Mädchen keine befriedigendere Beschäftigung vorstellen konnte, als Schmutz von Dingen zu entfernen. Wir lernen aber auch die erwachsene Molly besser kennen, die bei aller Naivität energisch für die ihr Anvertrauten eintritt und die Unrecht einfach nicht ertragen kann. Weiterlesen

Bianca Iosivoni: Golden Bay: How it hurts

Nachdem Holden nach Golden Bay zurückkehrte, hat Holden die Gefühlswelt von Ember wieder komplett auf den Kopf gestellt. Eigentlich sollte sie wütend auf ihn sein, denn er hat sie vor fünf Jahren einfach so stehen lassen und verschwand von der Insel. Warum er wirklich verschwand, kann er ihr nicht erzählen, auch wenn er es noch so will. Er möchte diesmal ein besserer Freund für sie sein, es gelingt ihm allerdings nur so lange, bis ihn seine Vergangenheit wieder einholt und er merkt, in welcher Gefahr seine Freundin nun seinetwegen schwebt …

Nachdem ich die Geschichte des zweiten Bandes der Canadian-Dreams-Reihe beendet hatte, musste ich mich erstmal sammeln, denn zum Ende hin hat es die Autorin wieder einmal spannend gemacht und einen extremen Cliffhanger gesetzt. So fiebere ich dem finalen Band der Trilogie entgegen, um zu wissen, was als Nächstes passieren wird.  Biancas Schreibstil ist so toll, dass man nur so durch die Seiten fliegt und jede freie Sekunde zum Lesen nutzen möchte. Personen sowie auch die Umgebung beschreibt sie gut und ich hatte das Gefühl direkt dabei zu sein. Weiterlesen

Miriam Georg: Im Nordwind

Der Hamburger Dom ist diesmal einer der Schauplätze des Romans. Miriam Georg erzählt uns – in den Rückblicken auf die Kindheit der Protagonistin Alice – einiges vom Leben der Schausteller, die ständig unterwegs waren, nirgends wirklich zu Hause und meistens in großer Armut lebten. Das ist das Leben von Alice‘ Eltern. Als Kind genoss Alice es, mit ihrem Bruder über den Jahrmarkt zu ziehen, die Attraktionen zu sehen und zu erleben, aber es ist keine Heimat. Alice soll es besser haben, die Eltern brauchen das Geld und geben Alice weg. Von da an lebt sie als Christina im sogenannten Pastorenhaus in der Nordmarsch, wo sie einerseits wie eine Magd behandelt, andererseits aber als die Nichte des Pastors ausgegeben wird. Ihre Aufgabe besteht vor allem in der Pflege der todkranken Ehefrau des Pastors, Zuneigung oder gar Liebe erfährt sie hier nicht. Alice ist noch ein Kind, unbedarft und den Menschen im Haus ausgeliefert. Es kommt wie es kommen muss, Alice wird schwanger, muss das Haus verlassen. Auch das Kind darf sie später nicht behalten. Weiterlesen

Calla Henkel: Ein letztes Geschenk

Überraschungshighlight – spannend, verblüffend, wendungsreich, lesenswert

Diese Autorin werde ich mir merken. Wenn sie immer so gut schreibt wie in diesem Roman, dann hat sie einen neuen Fan gewonnen. Die Geschichte um Esther, die sogenannte Scrap Books gestalten soll, ist so voller Kapriolen, Wendungen, Höhepunkten und Spannung, dass man den Roman verschlingen muss.

Esther, die sich selbst als Kunsthandwerkerin beschreibt und Bücher von Hand bindet, lernt auf einer Vernissage die reiche Naomi kennen. Von ihr erhält sie den Auftrag, als Geburtstagsgeschenk für deren Ehemann Alben zu gestalten, sogenannte Scrap Books.

Den Auftrag nimmt Esther allerdings erst an, als sie von ihrer Lebenspartnerin Jessica verlassen wird und nun die Hypothek für das gemeinsame Haus allein tragen muss. Daraufhin erhält sie von Naomi eine ganze LKW-Ladung von Kisten mit Material für diese Alben, eine Kiste pro Jahr über viele Jahre. Darin hat Naomi alles aufbewahrt: Fotos, Kassenbelege, Klassenarbeiten und Zeugnisse ihrer Tochter, Elternbriefe, Einladungen, Zeitungsausschnitte und Kontoauszüge, auch aus der Firma ihres Mannes. Wichtigste Regel für den Auftrag: Absolute Verschwiegenheit, dafür muss Esther Naomi bürgen und etliche Unterschriften leisten. Auch der gesamte Kontakt zu ihrer Auftraggeberin verläuft auf sehr geheimnisvolle Weise.

Weiterlesen