Axel Melzener: Genre: Ein Leitfaden für Autoren

Die Freude am Grellen und Schrecklichen, am Lauten und Bizarren, am Verworrenen und Verwunschenen, am Psychedelischen und Ab- und Jenseitigen, am Mindf*ck, an der Enthemmung und Erregung […] was für Storys wir schreiben können, wenn man uns nur lässt.“ (Zitat Axel Melzener)

Hinter dem dezenten Cover dieses Buches versteckt sich ein höchst moderner, medien- und literarpraktischer Pageturner. Diese schwindelerregende Lektüre ist von einer Magie durchzogen, die horizonterweiternd, schonungslos ehrlich und faszinierend zugleich ist. Zu gern hätte ich sie in Warpgeschwindigkeit gelesen, doch sie ist so wertvoll, dass ich alles genauestens studiert und dabei unfassbar viel markiert habe.

Seite um Seite löst der Autor Axel Melzener die Handbremse im Kopf des Kreativen, bricht betonierte Blockaden und verpasst uns eine längst überfällige Frischzellenkur, denn zwischen den klugen Zeilen lauert so viel Wahrheit, Weisheit und pure Erkenntnis. Er liefert unkonventionelle Denkanstöße zu Trends, Innovationsstrategien, zeigt Chancen sowie Herausforderungen und hilft dem Leser dadurch, den eigenen Horizont zu erweitern. Dabei inspiriert er uns dazu, Klischees zu demontieren oder mit ihnen zu spielen. Das ist stark, weil Erkenntnis stiftend. Weiterlesen

Mariana Enriquez: Unser Teil der Nacht

Schon früh begreift Gaspar, dass das Zusammenleben mit seinem Vater Juan besonders ist. Sie wohnen allein in einer vernachlässigten leeren Villa. Obwohl Juan keiner geregelten Arbeit nachgeht, haben sie stets genug Geld, und Juan erhält häufig medizinische Hilfe in einer Privatklinik. Mit der Zeit lernt Gaspar, mit der Angst um das Leben seines Vaters zu leben. Doch was geschieht mit ihm, wenn die Ärzte seinem Vater nicht mehr helfen können?

Aus irgendeinem Grund hat Gaspar zu der Familie seiner verstorbenen Mutter keinen Kontakt, und der Bruder seines Vaters soll irgendwo im Ausland leben. Gaspars brüchige Erinnerungen will der schweigsame Juan nicht klären. Auch wenn sie sich echt anfühlen, sollen sie nur schlechte Träume sein.

Und während Juan von Jahr zu Jahr immer kränker und gewalttätiger wird, vergisst Gaspar seine Erinnerungen. Sie verschwinden, als wären sie nie da gewesen. Dafür beherrscht sein Vater seine Gedanken. Er lässt ihn glauben, Gaspar sei ein ganz normaler Junge. Dass er von seinem Vater außergewöhnliche Talente geerbt hat, bleibt für Gaspar lange ein vager Verdacht. Weiterlesen

Jardine Libaire & Amanda Eyre Ward: Berauscht vom Leben: Die Freiheit, nicht zu trinken

Alkohol spielt eine große Rolle in unserer Gesellschaft. Die meisten machen sich das gar nicht bewusst und müssen dies auch nicht, wenn sie den richtigen Umgang damit für sich gefunden haben. Doch es geht nicht allen so. Die Autorinnen Jardine Libaire und Amanda Eyre Ward haben ihre Freizeit damit verbracht, sich auf Partys oder anderen Anlässen zu betrinken und konnten sich hinterher an nichts mehr erinnern. Jahrelang googelten sie immer wieder „Bin ich Alkoholikerin?“, bis sie irgendwann einsahen, dass allein diese Frage zu quälend ist, um sie lange mit sich herumzutragen. Seitdem trinken sie keinen Alkohol mehr und es tut ihnen gut. Für alle, die es ihnen nachmachen wollen oder Verbündete in ihrem nüchternen Leben brauchen; die sich Gedanken machen oder einfach mal ausprobieren wollen, haben sie dieses Buch geschrieben. Wenn Alkohol ein Leben lang der Schlüssel zu Spaß, neuen Kontakten und Entspanntheit war, ist es schwer, ganz plötzlich ohne klarzukommen – und zwar in allen Lebensbereichen. Weiterlesen

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln

Die Universitätsprofessorin Leda liegt nach einem Autounfall im Krankenhaus. Ihre Verletzungen sind unwesentlich, jedoch hat sie eine für die Ärzte unerklärliche Stichwunde unter ihren Rippen. Eine letztendliche Erklärung für sich selbst hat auch Leda nicht. Aber sie erzählt rückblickend, wie es dazu gekommen ist.

Leda verbringt ihren Urlaub an der Ionischen Küste. Am Strand, hinter einem Pinienwald, findet sie einen Platz, den sie fortan  täglich aufsucht. Bald fallen ihr dort eine junge Mutter und ihre kleine Tochter auf, die in ihrem Spiel mit einer Puppe ein sehr beglückendes, einander zugewandtes Gebaren an den Tag legen. Das tägliche Stelldichein am Strand macht die beiden für Leda schnell zu vertrauten Personen. Leda interpretiert das Spielverhalten von der jungen Mutter Nina und ihrer Tochter mit ihrer ureigenen Sicht auf die Dinge. Ihre eigenen Unzulänglichkeiten brechen in ihr auf. Einerseits bewundert sie die junge Frau, würde gerne so fühlen, wie diese junge Mutter, die ganz selbstverständlich in ihrer Rolle aufgeht. Gleichzeitig reflektiert sie ihre eigene Mutterrolle, in der sie sich vor über zwanzig Jahren aus Überforderung gegen ihre beiden kleinen Töchter und für ihre eigene Karriere entschieden hatte, wodurch nun alle weiteren Abläufe eine neue Gewichtung und Richtungsänderung erfahren. Weiterlesen

James A. Sullivan: Die Chroniken von Beskadur 02: Das Orakel in der Fremde

Seit Generationen machen sich Inkarnationen einer legendären Heldin auf die Suche nach etwas, das das Volk der Elfen vor langer Zeit verloren hat. Der Raub der Seelenmagie kann nur über die Inkarnation und die Reisetagebücher der einstigen Abenteuerin und Heldin Naromee aufgeklärt werden. Im ersten Teil der Dulogie lernten wir die siebte Inkarnation, Ardoas kennen. Wir erlebten mit, wie er auszog, die verschollenen, ihm nicht zugänglichen Erinnerungen seiner Ahnin über das Aufsuchen ihrer Ziele in sich freizusetzen. Auf seinem Weg wurde er verfolgt, verraten und bekämpft, fand aber auch Gefährten und letztlich die Liebe zu zwei ganz ungleichen Gefährten. Dass er bei der Suche sein Leben ließ, dass er seine Geliebten zurückließ ist tragisch, bewiesen die Angriffe auf ihn doch, dass sie auf der richtigen Fährte waren.

Nun, einige Jahre später ist die nächste Inkarnation bereit, seinem Weg zu folgen. Ardoas III, die achte Inkarnation der Naromee macht sich auf die Suche nach alten Freunden, Geliebten und Rätseln. Dass gleich zu Beginn seiner Queste ein bis dato in der Höhe unvergleichliches Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wird, beweist, dass er den Drahtziehern hinter dem Verschwinden von Magie und Naromee immer näher kommt …. Weiterlesen

Hermann Bausinger: Vom Erzählen: Poesie des Alltags

Der 2021 verstorbene Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger widmete der Erzählkunst sein letztes Buch. Auf den 208 Seiten nimmt er uns mit in die Welt des Erzählens, der Märchen, Übertreibungen, Stilebenen und des Witzes. Dabei analysiert er nicht nur Gespräche über den Gartenzaun oder auf einer Sommer-Gartenparty, sondern widmet sich auch dem Sinn sinnloser Geschichten, „Wiederholungsorgien“ der Fernsehsender, aber auch Fragen, wie sich Gerüchte entwickeln und wie Menschen einander Dinge erzählen. Zu nebensächlich? Nicht, wenn Bausinger Philosophie und Wissenschaft mithilfe vieler Beispiele so facettenreich und unterhaltsam verwebt.

Im Kapitel zur Erzähltheorie des Sprachwissenschaftlers Philipp Perlmann zitiert der Autor: „Man eigne sich die eigene Vergangenheit an, indem man daraus einen Sinn mache. Das Verstehen, das durch das erzählende Erinnern erreicht werde, (…) bringe das entscheidende Gefühl der Zugehörigkeit zu einem selbst hervor.“ Daraus schlussfolgernd sei das eigene Selbst, ein sich dauernd erweiterndes Gespinst von Geschichten – „wie ein Gebilde aus Zuckerwatte auf dem Jahrmarkt, nur ohne Materie“. (S. 42) Weiterlesen

Torsten Schulz: Öl und Bienen

Zerplatzte Träume, zerschlagene Ideologien, zerflossene Liebschaften: Der in Ostberlin geborene Erfolgsautor Torsten Schulz lässt seine Protagonisten bereits vor der Wende durch diverse Katastrophen taumeln. Manchmal sprichwörtlich: Lothar Ihm spricht außerordentlich dem Alkohol zu. Seit er vom Baugeländer gestürzt und berufsunfähig geworden ist, sitzt er mit Mitte Dreißig den lieben langen Tag zuhause bei Mutter herum und säuft sich vom Bier zum Wurzelpeter hoch. Gesellschaft leisten ihm seine Kumpels „Blutblase“ und „Krücke“. Beide ebenfalls nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens verortet. Höhepunkt ihres frauen- und freudlosen Daseins ist das Anhören von Rockmusik-Alben, illegal über den Westen eingeschmuggelt. Dabei hatten die Vorfahren des „Ihmsche“ durchaus hehre Ziele: Sie suchten nach Erdöl, wollten dem Führer Bodenschätze liefern und noch schnell einen wackeren Soldaten zeugen. Zu diesem hat sich Ihmsche nicht entwickelt. Witzig, doppelbödig und hintergründig schlägt Torsten Schulz in seinem neuesten Roman die Brücke von Makrokosmos der Politik zum Mikrokosmos des Dorfes Beutenberge und seinen Bewohnern. Ein Symbol taucht dabei immer wieder auf: die Bienen! Weiterlesen

Anne Mette Hancock: Grabesstern

Man muss sich schon einfühlen in die Protagonistin der Romane von Anne Mette Hancock, die manches Mal doch recht unvernünftig, um nicht zu sagen unlogisch agiert. Aber so sind Journalistinnen vielleicht, jedenfalls die, die in Thrillern die Hauptrolle spielen.

Wie auch in den beiden Vorgängerbänden „Leichenblume“ und „Narbenherz“ dringt auch diesmal Heloise Kaldan, Investigativreporterin in Kopenhagen, in Bereiche vor, die Gefahr für sie und andere bergen. Und wieder wird sie hier unterstützt und begleitet von ihrem guten Freund, Kommissar Erik Schäfer.

Auslöser für die Ereignisse ist ein Artikel, den Heloise über Sterbebegleitung schreiben wollte. Dadurch kam sie in Kontakt mit Jan Fischhof, einem alten Mann, der im Sterben liegt und der ihr zu verstehen gibt, dass sein Gewissen schwer belastet ist. Sie beginnt zu recherchieren, weil sie glaubt, Jan könne nur dann in Ruhe sterben, wenn die Dinge aufgeklärt sind. Weiterlesen

Juan Moreno: Glück ist kein Ort: Geschichten von unterwegs

Für den spanisch-deutschen Autor Juan Moreno braucht es zum Reisen vor allem Zeit und das Interesse am anderen Leben. Reisen ist Geduld und Zuhören. In seinem Buch „Glück ist kein Ort“ erzählt er von den Begegnungen mit Menschen in unterschiedlichen Gegenden der Welt. Reportageaufträge und Neugier brachten ihn nach Nord- und Südamerika, Indien oder Sibirien, aber auch nach Berlin, Kottbusser Tor. Er war dabei, als in Thailand Kinder aus einer überfluteten Höhle gerettet wurden oder als sich in Kolumbien die Guerillatruppen der Farc trotz Friedensvertrag neuformierten. Das Buch vereint Reportagen und Texte, welche mit nur zwei Ausnahmen bereits in Zeitschriften veröffentlicht worden waren, darunter auch Aufzeichnungen von den Stationen einer Weltreise, die ihn 2005/06 im Verlauf eines Jahres durch achtzehn Länder führte.

Moreno erzählt im Plauderton und doch sprachlich präzise. In den meisten Texten nimmt er sich mit seinen Befindlichkeiten zurück, seine Gedanken und Erlebnisse bleiben im Hintergrund. Er rückt Menschen vor Ort in den Fokus, lässt sie über ihr Leben erzählen. Oftmals sind es Biografien im Umbruch, wie zum Beispiel die des indonesischen Seenomaden Tadi, der mit seiner Familie auf einem Boot lebte, bis die Regierung den Menschen einen festen Wohnsitz aufzwang. Weiterlesen

Oliver Clements: Der Spion der Königin

#1572 in Paris: In der Bartholomäusnacht veranstalten Katholiken ein barbarisches Massaker und töten unzählige Protestanten. Mitten in dem Chaos versucht Francis Walsingham, wichtige Dokumente zu retten. Sein Gehilfe soll die Unterlagen in Richtung England und damit zu Königin Elisabeth I. schaffen. Doch der Mann wird getötet, die Dokumente gestohlen.

Wie sich später herausstellt, handelte es sich um eine mutmaßliche Lagebeschreibung der Straße von Anian, der Nordwestpassage, die einen direkten Seeweg von dem Pazifischen in den Atlantischen Ozean ermöglichen soll. Für England wäre das Wissen um einen solchen Weg von großer Bedeutung: Nicht nur könnte man so den Spaniern endlich Konkurrenz bei der Entdeckung der neuen Welt machen, sondern die Schätze aus neuen Ländern scheinen auch die einzige Möglichkeit zu sein, endlich aufzurüsten. Denn Elisabeth I. sieht sich zunehmend von fremden Mächten bedroht – und das nicht nur, weil Mary Stuart immer noch lebt und auf ihren Thron lauert. Weiterlesen