Tad Williams: Brüder des Windes

Wer mal zwischendurch einen reinrassigen High-Fantasy-Roman lesen möchte, ohne gleich einen mehrere tausend Seiten langen Mehrteiler in Angriff nehmen zu müssen, aus denen die Werke dieses Genres häufig bestehen, dem sei hiermit Tad Williams‘ „Brüder des Windes“ empfohlen.

Zwar ist auch dieser Roman im Osten-Ard-Universum des kalifornischen Erfolgsautors angesiedelt, und einige der Figuren tauchen auch in anderen Werken der Reihe auf, aber er lässt sich auch leicht verstehen, wenn man zuvor noch keine Berührungspunkte mit dieser fiktiven Welt hatte, die an Tolkiens „Mittelerde“ erinnert.

​Die Zutaten sind hier eine böser Drache, einsame Bergfestungen mit eigenbrötlerischen Herrschern, zwei ungleiche Brüder, ein treuer Diener und ein endloser Schmerz, den einer der Brüder ertragen muss. Weiterlesen

Lea Streisand: Hätt‘ ich ein Kind

Leser:innen fragen sich ja oft, wieviel vom Autor bzw. der Autorin in der Geschichte steckt, und das besonders bei in Ich-Form verfassten Romanen. Hier ist es aber eine zu persönliche Frage, als dass man sie der Autorin stellen könnte. Jedoch hatte ich beim Lesen dieses Buchs stets das Gefühl, hier erzählt jemand seine eigene Geschichte.

Das mag an der gelungenen Umsetzung liegen oder eben vielleicht doch daran, dass es selbst erlebt ist. Lea Streisand, von deren im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Hufeland, Ecke Bötzow“ ich absolut begeistert war, beschreibt hier den dornigen Weg einer jungen Frau von der Erkenntnis, dass sie keine eigenen Kinder wird haben können bis zum Ausgang ihres Antrags auf Adoption.

In einem niemals lamentierenden, oft vielmehr sehr humorvollen, sich selbst auf die Schippe nehmenden Ton folgen wir Kathi und ihrem Mann durch diese sich lange hinziehenden Monate. Parallel dazu erleidet Kathis beste Freundin eine Fehlgeburt, wird wieder schwanger und so können beide Frauen auf ganz unterschiedliche Weise die Erwartung der Mutterschaft erleben. Weiterlesen

Dr. med. Ragnhild Schweitzer & Jan Schweitzer: Die Magie unserer Sinne

„Unsere Sinne sind wie Schätze, die mehr oder weniger verschüttet sind und nur darauf warten, ausgegraben zu werden und uns zu überraschen.“ (S. 15)

Welchen Sinn zu verlieren bereitet dir am wenigsten Angst? Der effektvolle Color Splash springt dem Leser nicht nur auf dem Cover entgegen, sondern auch auf den Innenseiten der Klappumschläge. Genauso erfrischend wie das Cover ist dieser „Sinngeber“ (Ratgeber) geschrieben. Nur einen kleinen Deut spannender hätten die 366 Seiten für mein Empfinden – am liebsten in allseits geschätzter Storytelling-Manier – formuliert sein können.

Das Autorenpaar gewährt uns in ihrem kunterbunten Potpourri einen interessanten Einblick die große weite Welt unserer Sinne. Dabei präsentieren sie allerlei interessante Fakten, Studien, Erkenntnisse und sogar Spiele oder Rezepte (bspw. Apple Crumble, Pasta, Brot). Ein wahres Fest für die Sinne – auch dank der Tipps für Neuentdeckungen. Es gibt eine Audiothek mit sogenannten Fieldrecordings, wie Regen und Donnergrollen oder Schritte auf Waldboden. Oder ein Onlinearchiv für verschwindende Geräusche, wie z. B. eine analoge Schreibmaschine oder ein Wählscheibentelefon. Weiterlesen

Roseanne A. Brown: A Song of Wraiths and Ruin 01: Die Spiele von Solstasia

Seit Generationen wird Solstasia, die Stadt inmitten einer unwirtlichen Wüste, von derselben Familie regiert. Einst, lange ist es her, hat ein magischer Pakt der Sippe das Überleben und den Wohlstand gesichert – der Preis allerdings ist happig, werden die Regierenden doch durch einen Bann daran gehindert, die befestigte Metropole, Sitz eines mächtigen Reiches, jemals zu verlassen. Karina will nichts mehr, als das: ihre Heimat verlassen. Sie sehnt sich nach Freiheit, will andere Länder, andere Menschen kennenlernen, will nicht länger unter der lieblosen Knute ihrer Mutter, der Herrscherin, stehen. Dass sie, nachdem ihre ältere Schwester und ihr Vater bei einem Feuer umgekommen sind, nun als Kronprinzessin die Herrschaftswürde und Bürde zu tragen hat, verängstigt die junge Frau. Ihr Herz hängt an der Musik, als Bardin tritt sie, inkognito versteht sich, in Kaschemmen der Stadt auf.

Als ihre Mutter kurz vor dem Solstasia-Fest einem Attentat zum Opfer fällt, bricht ihre Welt zusammen. Sie fühlt sich überfordert, hilflos, ist in Panik. Einen Ausweg gibt es – sie könnte ihre Mutter von den Toten auferstehen lassen. Das Problem dabei – dazu benötigt sie das Herz eines Königs. Der Sieger des Turniers wird sie ehelichen, dann gilt es nur noch, diesem sein Herz zu stehlen – im wahrsten Sinne des Wortes. Weiterlesen

Rebecca Gisler: Vom Onkel

Ist es eigentlich eine unabänderliche Gesetzmäßigkeit, dass mit wichtigen Preisen ausgezeichnete Bücher so oft unlesbar sind? Dieser kurze Roman ist das Debüt einer jungen Schweizer Autorin und er wurde gleich mehrfach mit Preisen, sowohl in der Schweiz wie in Deutschland, ausgezeichnet.

Doch leider passen Stil und Inhalt nicht zu den Erwartungen, die der Klappentext weckt. Dabei sind die Figuren, die uns Rebecca Gisler vorstellt, wahnsinnig plastisch und lebendig gezeichnet, man steht ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüber, erlebt ihre Macken und ihre Absonderlichkeiten. Aber die Art, wie die Autorin schreibt, ist sehr anstrengend. Das liegt vor allem an den – und das ist wörtlich zu verstehen – seitenlangen Sätzen. Da gibt es kaum Sätze, die mal kürzer sind als eine halbe oder dreiviertel Seite, da gibt es viele Sätze, die länger sind als eine ganz Seite. In diesen verliert man sich, am Ende des Satzes hat man längst vergessen, worum es am Anfang überhaupt ging. Weiterlesen

Tania Blixen: Babettes Gastmahl

Die Zutaten zu „Babettes Gastmahl“ sind so einfach wie edel: Da wären zunächst zwei Schwestern, Martine und Philippa, benannt nach Martin Luther und Philipp Melanchthon, Töchter eines Probstes, welcher in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine freikirchliche Gemeinschaft gegründet hatte. Beide sind inzwischen in der Mitte des Lebens angekommen, aber noch immer anmutig und graziös, jedoch fern aller modischen Verführungen. Dazu eine stetig alternde Gemeinschaft aus Brüdern und Schwestern, welche auch nach dem Tode des Probstes etliche Jahre zuvor ihrer Kirche und deren Regeln treu geblieben sind. Eine weitere und ganz entscheidende Zutat ist Babette, die französische Haushälterin der beiden Damen, eine Kommunardin. Sie musste vor 14 Jahren aus Paris fliehen und fand auf Empfehlung des Sängers Achille Papin, der einst im Hause des Probstes zu Gast war, dort Unterschlupf. Seitdem führt sie mit viel Geschick Haushalt und Küche. Und nicht zu vergessen General Löwenhjelm, welcher in seiner Jugend einige Wochen im Dorf der Schwestern verbracht hatte.

All das würzen wir mit ein bisschen abenteuerlicher Romantik in Gestalt des abgelegenen kleinen Dorfes Berlevaag im rauen Norden Norwegens am Ufer eines Fjordes, mit zwei Teelöffeln freundlich abgewiesener Liebe und einem Quäntchen Pariser Oper. Abgeschmeckt mit einem unerwarteten Gewinn und einer Prise Café Anglais, erhalten wir ein wohlschmeckendes Menu, das keine Wünsche offenlässt. Weiterlesen

Thomas Ziebula: Engel des Todes

Der Erste Weltkrieg ist an keinem spurlos vorbeigegangen. Und dies nicht nur in der Bevölkerung. Auch die heimkehrenden Soldaten müssen sich umstellen. 75 % von ihnen werden nicht mehr gebraucht. Bei diesen weitreichenden Veränderungen kann es nur Aufruhr geben. Denn jeder in Leipzig verfolgt seine politischen Ziele. Die einen wollen die guten, alten Zeiten des Kaiserreichs zurück, die anderen Frieden und ihre gerade zurückgewonnene Freiheit behalten. Rechte, Linke, Konservative, Kommunisten stehen sich kämpferisch gegenüber. Der Putschversuch in Berlin kommt da vielen gerade zur rechten Zeit, um sich mit Waffengewalt zu positionieren. Aus dem in Berlin ausgerufenen Generalstreik entsteht auch in Leipzig ein blutiger Bürgerkrieg.

„Stainer starrte in die Flammen und rang um Fassung. Was sollte nun werden? Aus Leipzig, aus Deutschland – sah so die Zukunft der Republik aus? Der brennende Dachstuhl der Villa krachte zusammen.“ (S. 376)

In diesem politischen, kriegerischen Durcheinander muss Kriminalinspektor Stainer einen Serienmörder fangen, der seinen Opfern nicht nur das Leben nimmt, sondern auch ihre Köpfe vom Körper abtrennt. Weiterlesen

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer

Der Tod zweier Hunde bildet den Handlungsrahmen in diesem Roman. Sie gehören Jakob Fischer, einem jungen Bauern aus dem Alpenvorland. Die Hündin Landa wildert. Der Jagdtrieb geht mit ihr durch, sie haut ab, gehorcht nicht, macht auf eigene Faust Beute und frisst diese auch auf. Jakob vergiftet sie zu Beginn des Buches. Sie stirbt qualvoll.

Fischer betreibt auf dem heruntergekommenen Hof seiner Familie eine Geflügelmast. Erst hat man die Milchwirtschaft eingestellt, dann gingen eine Schafzucht und der Betrieb von Fischteichen daneben. Jetzt lebt Jakob also kläglich von der Hühnerfleisch-Produktion und führt ein zurückgezogenes, verschrobenes Leben. Mit am Hof wohnen seine Mutter, der Vater, der als „Nichtsnutz“ bezeichnet wird, die Oma, die nie den ersten Stock verlässt und fallweise seine Schwester Luisa, die nichts arbeitet, auftaucht, eine Weile bleibt und wieder verschwindet. Alles ändert sich, als er der unsteten und ziellosen Künstlerin Katja begegnet. Sie erkennt das Potential, das in Jakob und im Hof steckt. Mit der Freilandhaltung einer alten Schweinerasse feiert der Betrieb ein Comeback. Weil die verstorbene Großmutter Jakob viel Geld vererbt, kann er die verkauften Felder zurückholen. Es geht aufwärts. Er heiratet Katja, sie bekommen einen Sohn. Alles scheint gut zu laufen. Mit Axel kommt ein neuer Hund auf den Hof. Jakob glaubt, sein Leben im Griff zu haben, bis er entdeckt, dass auch Axel wildert. Er erwischt ihn, als er ein Rehkitz frisst. Grausamst erhängt er ihn und läutet damit den Niedergang seiner Ehe und seines Hofes ein. Weiterlesen

Katharina Korbach: Sperling

Sie hatten beide lange nichts gesagt, dem Regen gelauscht. Von draußen war trübes Licht ins Zimmer gefallen, das über die Wände zog, wann immer ein Auto vorüberfuhr. Illuminierte Quadrate, durchschnitten von den Bahnen der Tropfen auf den Fensterscheiben. Ein Schattentheater.“ (S. 210)

Vorweg: Ich persönlich finde den Buchtitel und das Cover genauso einzigartig wie den Roman selbst.

Als ich mich der Story hingegeben habe, musste ich mich zuerst an den Schreibstil gewöhnen und wusste nicht so recht, wo mich diese Geschichte hinführen wollte. Katharina Korbach schreibt in einer klaren Sprache, literarisch bemerkenswert und elegant. Ganz deutlich spürt man beim Lesen die Liebe zur Kunst und auch zur französischen Sprache. Empfindungen und Gedanken kommen auf eine bedrückende Art und Weise zu Tage und so offenbart die Autorin der Leserschaft die fragile Verbindung zwischen Dozent und Studentin. Die Perspektivwechsel zwischen Charlotte und Wolfgang haben mir sehr gut gefallen. Auch wenn beide eine fast identische Erzählsprache aufweisen und ich einige Alltagszenen etwas langatmig empfand, war es äußerst interessant, ihren Lebenswegen zu folgen. Weiterlesen

Marah Woolf: HexenSchwesternSaga 01: Sister of the Stars

Vor zwei Jahren hat Vianne alles hinter sich gelassen: Ihre Heimat, ihre Freunde und ihre große Liebe Ezra. Ihr gefährliches Demonenfieber konnte nur außerhalb von Frankreichs Mauer geheilt werden. Jetzt ist sie gesund, hat aber ihre Hexenkräfte verloren. Und ausgerechnet sie soll nun zurück nach Frankreich kehren, wo die Bedrohung der Dämonen allgegenwärtig ist. Ihre Aufgabe ist es, Ezra, der inzwischen Großmeister seiner Loge ist, davon zu überzeugen, den Pakt mit den Dämonen zu verlängern, damit diese sich zurückziehen und die Erde in Frieden lassen. Ausgerechnet Vianne, die sich in diesem gefährlichen Land ohne ihre Kräfte nicht verteidigen kann. Und die seit zwei Jahren nichts mehr von Ezra gehört hat. Während sie fast gestorben wäre, hat er sich nicht einmal gemeldet.

Zusammen mit ihren Schwestern und einem mulmigen Gefühl kehrt Vianne also in ihre Heimat zurück und muss feststellen, wie gefährlich es dort geworden ist, vor allem bei Nacht. Viele Menschen, die sie kannte, sind längst hinter die Grenzen geflüchtet, die wenigen, die noch da sind, empfehlen ihr, das gleiche zu tun. Und auch Ezra hat sich verändert: Er ist nicht mehr der fürsorgliche Junge, dem sie in ihrer Kindheit nachgelaufen ist. Er ist ernst und verschlossen Weiterlesen