Walker Dryden: Die Stadt der Dolche

Willkommen in der Küstenstadt Tumanbay, der Heimat unseres Sultans, der Stadt, in der Reichtümer gemacht, Handel getrieben wird und ein jeder Sklave die Möglichkeit hat, zu Rang und Würden aufzusteigen. Aus allen Herren Ländern reisen Menschen hierher, versuchen ihr Glück zu machen, ihren Einfluss zu mehren und zu Macht und Ehren zu gelangen.

Dass unser geehrter Sultan schon älter ist, dass er die Provinzen mit nachgiebiger Hand regiert, hat dazu geführt, dass so mancher meint, er sei  schwach geworden. Dem ist beileibe nicht so, eher ginge ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass unser Sultan sein Reich verlieren würde. So zumindest dachte ich noch vor kurzem. Dann aber färbte sich das Wasser im Brunnen vor dem Al-Dar-Tor rot, dem Sultan wurde ein Präsent überbracht, das mich zum Nachdenken brachte. Der Sack, den der Gesandte Rot überbrachte, enthielt den Kopf des Gouverneurs der Provinz und die Botschaft der Königin Maya – eine Revolution bahnt sich an, ein Aufstand, der aller Machtfülle und allem Reichtum zum Trotz, auch die Metropole ergreifen, ja vernichten könnte … Weiterlesen

Max Osswald: Von hier aus betrachtet sieht das scheiße aus

Ben Schneider ist deprimiert. Er hat keine Freude mehr, leidet an seinem Job in einer Steuerberatungskanzlei und generell an seinem ganzen Leben. Deshalb beschließt er, seinem Dasein ein Ende zu setzen.

Aber es soll kein normaler Selbstmord sein, er will spektakulär aus dem Leben scheiden. Deshalb beauftragt er über einen Mittelsmann einen Auftragskiller, der ihn für 40.000 Euro ins Jenseits befördern soll – aber erst in 50 Tagen. Eine Rücknahme dieses Auftrags ist nicht möglich.

Es ist ein bisschen vorhersehbar, wie sich die Geschichte entwickelt. Unser Held, der seinen Job kündigt, lernt wieder Freude am Leben zu empfinden. Er findet unter anderem eine Freundin und söhnt sich mit seiner Schwester und Mutter aus. Will er jetzt überhaupt noch sterben? Weiterlesen

Monica Ali: Liebesheirat

Yasmin ist 26 und hatte bisher drei Liebhaber, mit dem dritten schmiedet sie Heiratspläne. Joe ist Arzt wie sie selbst. Sie arbeiten am gleichen Krankenhaus, er als Gynäkologe, sie in der Geriatrie. Ihre Familien könnten unterschiedlicher kaum sein und beim ersten Zusammentreffen von Yasmins Eltern mit Joes Mutter prallen Welten aufeinander. Harriet Sangster ist Feministin und Buchautorin, bekannt für provokante und gewagte Äußerungen. Sie spricht und schreibt offen über Sex. In Yasmins Familie ist das undenkbar. Ihre Eltern stammen aus Indien und die Mutter ist gläubige Muslimin. Der Fernseher wird schon bei der ersten Andeutung eines Kusses ausgeschaltet. So ergibt sich reichlich Konfliktpotential. Nebenbei liegt Yasmins jüngerer Bruder in ständigen Zwist mit dem Vater, und Joe, der Bräutigam, führt ein Doppelleben.  Yasmin kämpft darum, den Spagat zwischen den unterschiedlichen Anforderungen und ihren Bedürfnissen zu bewältigen, sie ist bestrebt, es allen recht zu machen. Gerade weil das nicht immer gelingt, entdeckt sie dabei ganz neue Seiten an sich und anderen.

Der Titel des Buches gilt generationenübergreifend. Die Ehe zwischen dem intelligenten, aber mittellosen Vater und der aus wohlhabendem Haus stemmenden Mutter ist in Indien nur als Liebesheirat vorstellbar. Im modernen London hat Yasmin den Anspruch, aus Liebe zu heiraten, ohne genau zu wissen, was das bedeutet. Als Ärztin weiß sie um die biochemischen Vorgänge – „ein vorübergehendes chemisches Ungleichgewicht“ (S. 581), als Frau wartet sie darauf, dass sich das Gefühl von Glück einstellt. Weiterlesen

Anja Gust: Die Schwebfliege

Schon auf den ersten Seiten drängte sich mir – vom bestens genossenen lockeren Schreibstil inspiriert – der Vergleich mit Karsten Dusses Bestseller „Achtsam morden“ auf und mit Tatjana Kruses K&K-Hobbydetektivinnen etwa aus „Der Gärtner war’s nicht!“. Als Mensch, der selbst Bücher samt Krimis schreibt, lese ich analysierend. Doch bei „Die Schwebfliege“ warf ich bald jede diesbezügliche Absicht über Bord und gab mich ganz dem Lesevergnügen hin. Wer auf Grund von Cover und Klappentext glaubt, einen „normalen“ Krimi zu kaufen, wird von Anja Gust mit einem fesselnden, jedoch leicht lesbaren und unterhaltsamen Psychothriller bedacht.

Bizarr erscheint Hinnerk Thies seine Situation, als er einem aufdringlichen Passanten aus dem Weg gehen will und sich in ein fremdes Wohnhaus flüchtet. Das unerwartete Wiedersehen dort mit einer alten Bekannten wirft Probleme auf, und so sieht sich der auf Harmonie bedachte städtische Angestellte bald nicht nur in Gesellschaft jener Tatjana, sondern auch im Streit mit Hamburgs Kiezgrößen. Entspringt Tatjanas Geständnis, ihn zusammen mit ihrem ‚Macker‘ Berti erpressen zu wollen, wirklich ihrem Gewissen oder ist es Teil eines perfiden Plans, ihn in den Sumpf des Rotlichtmilieus zu ziehen und zu ihrem eigenen Vorteil untergehen zu lassen? Weiterlesen

Dietmar Wischmeyer: Als Mutti unser Kanzler war

Von A wie Abschied bis Z wie Zukunft führt uns Dietmar Wischmeyer durch 16 Jahre Kanzlerin Angela Merkel. Wer kennt ihn nicht, den Kabarettisten und Autor Dietmar Wischmeyer, bekannt für seine treffsichere Ironie, seine präzise Aufdeckung der Schwachstellen unsere aktuellen und früheren Politiker.

Im vorliegenden Buch nun nimmt er sich die Zeit vor, die von Angela Merkel als Kanzlerin geprägt ist. Dabei geht er nicht chronologisch und eigentlich auch nicht thematisch vor, sondern er hangelt sich von einer Erinnerung zur anderen, eben von A bis Z durch eine „total krasse Zeit“.

Keiner ist vor ihm sicher, an allen Parteien, an allen echten und eingebildeten Größen der Politik arbeitet er sich ab. Dabei ist seine Zunge so spitz, dass sie tief in die von ihm aufgerissenen Wunden eindringt und den Eiter freilegt. Weiterlesen

Gisa Klönne: Für diesen Sommer

Heinrich Roth ist alt geworden und krank. Unter anderem spürt er nicht mehr den Boden unter seinen Füßen. Früher rannte er mit seiner jüngsten Tochter Franziska durch die Wälder. Und heute ist jeder Schritt ein Kraftakt. Auch sonst hat er buchstäblich die Bodenhaftung verloren. Während sein Kopf an die eigene Unabhängigkeit glauben will, spricht sein greiser Körper eine andere Sprache.

„[…] ICH KOMME SCHON KLAR. Lass mich. Lass mich! So, wie ihr Vater jetzt redet, kann sie sich selbst hören. Ihre kleine Hand, die den Breilöffel wegschlägt, weil sie allein essen will, ohne Hilfe.“ (S. 45)

Für drei Wochen soll Franziska kommen und ihre Schwester Monika vertreten. Zu ihren Aufgaben gehören die Ordnung des Haushalts und Umbaumaßnahmen, die ihr Vater nicht will. Auch Franziska will er weder sehen noch hören. Als sie mit ihrem Rucksack nach über zwei Jahren Schweigen vor ihm steht, beginnt für beide eine schwierige Annäherung, die durch alte Familiengeister gestört wird. „Was hätte gesagt werden müssen, aber nicht gesagt wurde […]“ (S. 285), muss Franziska jetzt aussprechen. Diese namenlose Welt, die ihre Eltern und Monika verleugnen und Franziska trotzdem spürt, hat sie zum ewigen Weglaufen verleitet. Doch jetzt funktioniert dieser Schutzmechanismus nicht mehr. Weiterlesen

Brian McClellan: Die Götter von Blut und Pulver: Sünden des Imperiums

Brian McClellan hat mit seinen Powder-Mage Büchern (eine Trilogie sowie zwei Bände mit Erzählungen und Novellen) für Furore gesorgt. Eine Welt, die an das Napoleanische Reich erinnert mit Begabten, die mittels Pulver ihre Kräfte steigern und im scheinbar ewig währenden Krieg Schlachten entscheiden und Reiche retten können, hat auch deutschsprachige Leser begeistert. Nun legt der Autor den ersten Band einer weiteren Trilogie vor, die er in derselben Welt angesiedelt hat. Allerdings wechselt er geschickt den Handlungsort – sprich, McClellan entführt uns auf einen anderen Kontinent.

Schon einmal begleiteten wir Taniel Zweischuss auf den südlich gelegenen Kontinent und erfuhren, wie er den einheimischen Palo bei ihrem Befreiungskampf gegen die das Land besetzenden Kaz entscheidend half. Inzwischen wurden diese ins Meer zurückgetrieben, die Besatzer aber sind die indigenen Völker nicht losgeworden. Die junge Nation Fatrasta hat sich mit einer Kanzlerin und einem Geheimdienstchef an der Spitze in Landfall breitgemacht, die Palo unterjocht und den Reichtum des Landes für sich in Besitz genommen.

Als eine alte Frau der Palo die verfeindeten Stämme eint, und die Einheimischen drohen, die Besatzer aus ihrem Land zu werfen, ist die fragile Machtbalance erheblich gestört. Die Kanzlerin ruft ein Söldnerheer nach Landfall, um die drohende Rebellion aus den Greenfire-Tiefen aufzuhalten. Währenddessen machen sich Forscher aller Richtungen gen Landfall auf. Bei einer Grabung stieß man auf eine Stele auf der Schriftzeichen angebracht sind, die auf göttlichen Einfluss zurückzuführen sein könnten. Ist es wahr, kommen die Götter zurück? Weiterlesen

Simon Stephenson: Kurioses über euch Menschen

Jared ist ein Roboter, der im Jahre 2054 in Michigan/USA lebt und als Zahnarzt arbeitet. Als er feststellt, dass er Gefühle hat, muss eine Fehlfunktion vorliegen, denn auf so etwas ist er nicht programmiert. Eigentlich müsste er sich abschalten lassen. Doch dem entzieht er sich, indem er nach Los Angeles aufbricht, um ein Drehbuch für einen Film zu schreiben, der zeigt, dass Roboter durchaus Gefühle entwickeln können.

„Kurioses über euch Menschen“ des Drehbuchautors Simon Stephenson ist ein spannender und anrührender Unterhaltungsroman mit viel Witz, der sich vor allem aus dem Gegensatz zwischen den (zumeist) logischen Gedankengängen des Roboters und dem unlogischen menschlichen Handeln ergibt. Dabei wird „uns Menschen“ oft ein Spiegel vorgesetzt, der zu denken gibt. Ein Beispiel: Jared sagt: „Wenn ein Bot immer wieder denselben Fehler macht, gilt er als fehlerhaft. Wenn ein Mensch wiederholt denselben Fehler macht, gilt er als hartnäckig und wird als Held gefeiert.“ Weiterlesen

Christian Siry: Aussteiger Storys: Von Menschen, die auszogen, ihren Traum zu leben

Ja, es bedient viele Klischees, und gleichzeitig löst es sie immer wieder in ihre Bestandteile auf. Ich fühle mich wie Chewbacca, dieser Bären-Hunde-Yeti von Star Wars, in der Taverne auf dem Planeten Tatooine, wo sich jegliches Weltraumvolk auf ein Bier oder ein psychedelisches Tröpflein trifft. Viele bunte Wesen, die in vielen bunten Welten leben und nun einen dicken Farbtupfer ins nordhessische Fachwerk-Schwarz-Weiß klecksen.“ (S. 149)

Der Autor Christian Siry ist einen Sommer lang in seinem Bus durch Deutschland gereist und hat elf Menschen getroffen, um ihre kunterbunten Lebenskonzepte zu zeigen. Dabei hat er die Welt nicht in ihrer Weite, sondern in ihrer Tiefe ausgelotet und erzählt „vom Aussteigen aus einer genormten Realität und Einsteigen in ein Paralleluniversum, welches dann beginnt zu existieren, wenn wir es für möglich halten.“ (S. 11)

Beim Lesen hat mich der wundervoll lebendige Schreibstil begeistert, der mich superschnell tief eintauchen ließ. Die einzigartigen Illustrationen von Piwi Howland haben mich zusätzlich jede Seite, auf der sie mich überrascht haben, genießen lassen. Weiterlesen

Ildikó von Kürthy: Morgen kann kommen

Es ist ein buntes Völkchen, das sich da in der Villa Ohnsorg einfindet, in der Ohnsorgstraße in Hamburg. Das prächtige Haus gehört Gloria Wilhelmi, Besitzerin eines Buchladens. Bei ihr wohnt Rudi „der gute Sozi“, überzeugt von der SPD und von sanftem Gemüt. In der umgebauten Remis hinter dem Haus lebt Johann, der auch irgendwie mit zum Haushalt gehört. Diese friedliche Gemeinschaft bringt Glorias Schwester Ruth ordentlich durcheinander.

Ruth, 51, kinderlos, verheiratet mit dem Star einer Krimiserie. Sie entdeckt im Drogeriemarkt ein vergessenes Foto, das ihren Gatten in eindeutiger Pose zeigt und ist geschockt. Obendrein hat der ihr erklärt, er brauche eine Ehe-Auszeit, weil Ruth so langweilig und nicht inspirierend sei. Trennen wolle er sich allerdings nicht. Fertig mit den Nerven düst Ruth zu ihrer Schwester Gloria nach Hamburg, um sie nach 15 Jahren Funkstille zu den Vorgängen während ihrer Hochzeit zu befragen. Der Abend damals endete nämlich im Desaster. Weiterlesen