Erik D. Schulz: Weltmacht ohne Menschen

Erik D. Schulz‘ KI-Thriller ist in der nahen Zukunft angesiedelt, im Jahr 2075. Das Nipah-Virus ist mutiert, es gibt das Moon- und das Mars-Village, Korea ist wiedervereinigt und es gibt ein Abkommen zur Abschaffung von Atomwaffen. Das Grundeinkommen ist eingeführt, Androcops sorgen für Ordnung auf den Straßen und das Gesundheitssystem in Deutschland macht KIs zu Kollegen des Menschen.

Schulz schafft hier ein atmosphärisches Near Future-Szenario, in dem der Arzt Philip Rogge -scheinbar zufällig- von Friedrich Cannavale aufgesucht wird, der am Ende des Romans eine Revolution ausgelöst haben wird, „die das Leben auf der Erde tiefgreifend verändert hat“. Diese Vorausschau baut Spannung auf, und der Arzt und Autor Schulz hält diese bis zum Schluss aufrecht.

Allerdings fragt man sich an dieser Stelle, warum Cannavale sich Rogge überhaupt anvertraut. Dies wird erst zum Ende des Romans aufgelöst und die scheinbare Ungereimtheit lässt den Leser nicht ganz los: „‚Sagen Sie, warum erzählen Sie mir das alles?‘, fragt Rogge zu Beginn der Ereignisse, und Cannavale antwortet nur: ‚Ich habe Vertrauen zu Ihnen.‘“ Weiterlesen

Eric Berg: Die Toten von Fehmarn

Es hat etwas für sich, eine Krimireihe zu lesen. Man begegnet denselben Figuren wieder, kennt sie und ihre Stärken und Schwächen. Und man kennt den Autor bzw. die Autorin und weiß, was man erwarten darf. Eric Berg dagegen, trotzdem er hier die Reihe um die Journalistin Doro Kagel fortsetzt, ändert zwar seinen Schreibstil nicht, dennoch sind die einzelnen Romane dieser Serie recht unterschiedlich.

Manchen mochte ich sehr, fand beispielsweise „Die Mörderinsel“ unglaublich spannend und tiefschürfend. Andere, wie „Totendamm“ waren eher etwas durchschnittlich, auch überzeugten mich die Figuren damals nicht. Nun also ein weiterer Krimi, in welchem diesmal Doro Kagel sozusagen in eigener Sache ermittelt.

Denn sie taucht in ihre eigene Vergangenheit ein, als sie zum Begräbnis eines früheren Jugendfreundes zu Besuch nach Fehmarn kommt und bei ihrer Mutter unterschlüpft. Mit dieser verbindet sie ein sehr schwieriges Verhältnis, bei dem auch die Hilfe von Yim, Doros Ehemann, nicht viel ausrichtet. Weiterlesen

Kristine Bilkau: Nebenan

Die deutsche Journalistin und Schriftstellerin Kristine Bilkau (Jahrgang 1974) hat nach ihrem Debütroman „Die Glücklichen“ aus dem Jahre 2015 und „Eine Liebe, in Gedanken“ (2018) nun ihren dritten Roman veröffentlicht. „Nebenan“ erschien am 8. März 2022 im Luchterhand Literaturverlag.

Darin leben Julia, Keramikerin, Ende dreißig mit unerfülltem Kinderwunsch, und ihr Mann Chris, Biologe, und Astrid, Ärztin, Anfang sechzig, kurz vor dem Ruhestand, und ihr Mann Andreas, ehemaliger Geschichtslehrer, in einem Dorf am Nord-Ostsee-Kanal. Julia und Chris sind aus Hamburg neu zugezogen. Astrid und Andreas leben schon ewig hier.

Julia hat in der nahen Kreisstadt, in der auch Astrid ihre Arztpraxis hat, einen Keramikladen aufgemacht. Aber sie fürchtet sich vor Kunden. Lieber verkauft sie ihre Produkte über das Internet. Dort surft sie stundenlang auf den Seiten von lauter „Happy Moms“ in ihren geschönten Familien und Haushalten und von einem Forum für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch.

Astrid, Mutter von drei erwachsenen Kindern, sucht vergeblich seit einiger Zeit nach einem/r Nachfolger/in für ihre Hausarztpraxis. Sie kümmert sich um ihre alte Tante Elsa, bei der sie als Kind mit ihrer Mutter und ihrer Schwester gewohnt hat. Elsa ist eine Nachbarin von Julia und Chris. Weiterlesen

Peter Heller: Die Lodge

Peter Hellers neuer Roman „Die Lodge“ ist ein regelrechter Abenteuerroman, der in einer abenteuerlichen Landschaft – der Wildnis Colorados angesiedelt ist. Überhaupt dominiert die urwüchsige Natur das Buch. Die Geschichte lebt geradezu von Gerüchen, Bildern, Geräuschen – und dem Fliegenfischen.

Zur Handlung: Der junge Jack nimmt einen Job als Guide für prominente und wohlhabende Gäste auf einer Luxuslodge an. Als versierter Fliegenfischer bekommt er die Sängerin Allison zugeteilt.

Zwischen Allison und Jack entwickelt sich bald ein Einvernehmen, das mehr als nur Sympathie ist. Sie verstehen sich auch ohne viele Worte und verbringen viele Stunden am Tag zusammen im Fluss um zu angeln.

Etwas stimmt nicht auf dem Gelände der Lodge, das wird Jack sehr schnell klar. Nicht nur, dass er gezwungen wird, seine private Waffe abzugeben. Unter anderem bringt Jack in Erfahrung, dass sein Vorgänger auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Weiterlesen

Judith Merchant: Hanni hat Tomaten in den Ohren

Das kennt wohl jeder, der kleine Kinder hat: Wenn Mama oder Papa bestimmte Sachen sagen, funktionieren die Kinderohren einfach nicht richtig. Alles Wichtige kriegt man zwar mit, aber besonders schlimm ausgeprägt ist die temporäre Taubheit bei jeglichen Aufforderungen. Vor allem „Aufräumen“ oder „Wegpacken“ sind Wörter, die den kindlichen Gehörgang einfach nicht passieren wollen.

So geht es auch Hanni und ihrer Mutter. Hanni ist gerade sehr beschäftigt und malt ein tolles Bild, als ihre Mama möchte, dass sie endlich ihren Teller in die Spülmaschine räumt. Doch das hört Hanni einfach nicht. Hat sie vielleicht Tomaten auf den Ohren? Ja, das muss es sein, denkt Hanni, sie hat Tomaten IN den Ohren! Deshalb kann sie absolut gar nichts hören! Oder sind es Gurken?

Schnell bringt Mama sie zu Doktor Mertens. Der hat eine Trompete und kann damit nachsehen, was in Hannis Ohren los ist. Und was er da alles findet, überrascht nicht nur Mama… Weiterlesen

Guillermo Arriaga: Das Feuer retten

Schonungslos brutal und mitreißend: Arriagas Roman „Das Feuer retten“ erhitzt in der Tat die Gemüter. Seine Protagonisten spielen nicht nur mit dem Feuer, sie stürzen sich mitten hinein. Ganz nach dem Sprichwort: Wenn unser Haus schon in Flammen steht, können wir uns auch darin wärmen. Der mexikanische Autor berichtet von einem Land, das extrem gespalten ist, ächzend unter Korruption, Rassismus und Gewalt. Auf der Sonnenseite des Lebens ist hingegen Marina verortet. Verheiratet mit einem erfolgreichen Banker, lebt sie mit ihren drei Kindern in einem abgeschotteten Nobelviertel und leitet ihre eigene Tanzcompagnie. Ihre Choreografien sind gut, aber nicht überragend. Ihr fehlt die Leidenschaft, das Kraftvolle, das Überschreiten von Grenzen. Eine solche überschreitet sie, als sie mit Ihrer Compagnie das Angebot eines reichen Freundes annimmt, der sich für die kulturelle Bildung von Häftlingen einsetzt. Gemeinsam mit Ihrer Tanzgruppe führt Marina ihr Stück in einem Gefängnis auf und lernt dort José Cuauhtémoc kennen. Ein Mann, der weder optisch noch intellektuell dem Klischee eines Häftlings entspricht. Da Marina auch an einer Schreibwerkstatt für Häftlinge teilnimmt, kommt sie immer mehr mit seinen Texten in Berührung und ist fasziniert von diesem Mann. So fasziniert, dass sie sich bald in einem Strudel von Ereignissen befindet, die sie Lust, Leid und Leidenschaft auf jede erdenkliche Form erfahren lässt. Marina bricht radikal mit ihrem bisherigen Leben. Ist es Selbstbefreiung oder Selbstzerstörung? Was ist man bereit, für das eigene Glück zu opfern? Die Leserschaft wird dazu anregt, über existenzielle Fragen nachzudenken. Weiterlesen

Martin Limbeck: Dodoland – Uns geht’s zu gut!

Ich sehe ein Land in der Hängematte. Erschöpft vom Wohlstand. Satt, gelangweilt, stumpf, übergewichtig, chronisch krank, vor sich hintrottelnd. Dem Schicksal hingeben, ziellos, willenlos, kein Kampfgeist, keine Freude am Wettbewerb, ängstlich. […] Wir sind Made im Speck statt »made in Germany«.“ (S. 105)

Dodoland? Wirtschaftlich ähneln wir flugunfähigen Dodos, so der Autor, denn wir Deutsche sind ganz schön bequem geworden. Vor allem die jungen Menschen von heute wissen nicht, was es bedeutet, ans Limit zu gehen, aus eigener Kraft unabhängig zu sein – weil sie es nirgends um sich herum erleben. Aufgewachsen in einem Wohnwagen, ist  Martin Limbeck heute Eigentümer mehrerer Unternehmen, renommierter Business-Speaker, Verkaufsexperte auf internationaler Ebene und Millionär.

Außerdem ist er polarisierend, provozierend und motivierend. Genauso wie sein Buch. Endlich Klartext! Dieses Werk wird mit Sicherheit kontrovers diskutiert werden und ich kann es kaum erwarten, hautnah dabei zu sein. Das wird ein Fest! Weiterlesen

Stewart O’Nan: Ocean State

In diesem Buch geht es um jugendliche Mädchen und deren Mütter, um Freundschaft, Liebe, Lebenshunger, Anerkennung und den ungemeinen Drang, Freiheiten auszuleben: Marie, deren große Schwester Angel eine der Protagonistinnen ist, erzählt aus ihrer Sicht das Geschehen um einen Mord, an dem Angel beteiligt war.

Auch Angel selbst und ihre Gegenspielerin und gleichzeitiges Opfer Birdy, lassen in immer wieder wechselnden Kapiteln in ihre Lebenswelten samt aller Emotionen blicken. Die Vielschichtigkeit eben dieser Erzählweise verleiht dem Roman die entsprechende Tiefe. Dazu kommt die exakt wiedergegebene Darstellung eines amerikanischen Kleinstadtlebens am Rande der Gesellschaft. Man liest von den Müttern, die mühsam den Lebensunterhalt für die kleine Familie verdienen. Von der Chancenlosigkeit, jemals wieder in der Mitte der Gesellschaft ankommen zu können. Von Verzweiflung, Alkohol, Armut ebenso wie von Familiensinn und dem Wunsch dazuzugehören. Weiterlesen

Christoph Poschenrieder: Ein Leben lang

Schon als Kinder sind sie Freunde, und sie glauben, sie sind Freunde für ein ganzes Leben. Und während sie sich nach ihrem Schulabschluss auf Studium und Berufseinstieg konzentrieren, wird der Onkel von einem von ihnen ermordet. Abgesehen davon, dass sie ihrem verhafteten Freund unbedingt helfen wollen, stellen sie sich zwei Fragen: Kann man mit einem mutmaßlichen Mörder befreundet sein? Und kann man mit einem verurteilten Mörder befreundet bleiben?

Christoph Poschenrieder studierte Philosophie in München und Journalismus in New York. Sein beruflicher Werdegang begann als Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Der Weg zum literarischen Schreiben war irgendwann die logische Konsequenz, durch die bisher sieben Romane entstanden sind. In seinem aktuellen Roman Ein Leben lang arbeitet er den Parkhausmord in München auf. Ganz offensichtlich geht es ihm nicht um die Aufklärung eines Mordes in einem Indizienprozess sondern um den Freundeskreis des mutmaßlichen Mörders. Jeder von den fünf Freunden kann einfach nicht glauben, dass einer aus ihrer Mitte zu einem Mord fähig ist. Im Laufe des langen Prozesses lernen sie, dass ein Gericht allein auf Beweisanzeichen hin ein Urteil fällen kann. Weiterlesen

Viola Ardone: Ein Zug voller Hoffnung

Die 1974 geborene Autorin Viola Ardone aus Neapel verarbeitet ein Kapitel aus der italienischen Geschichte zu einem Roman: Nach dem Krieg wurden fast 100.000 Kinder aus dem armen Süden in den reicheren Norden geschickt.

Amerigo Speranza ist sieben Jahre alt und lebt mit seiner lieblosen und ungebildeten Mutter unter ärmlichen Verhältnissen in Süditalien. Als er in den Norden kommt, eröffnen sich für ihn neue Welten – und das gilt nicht nur für das Angebot an Nahrungsmitteln. Er lernt, wie es in einer liebevollen Familie zugehen kann, und entdeckt die Liebe zur Musik.

​Dreiviertel des Romans sind aus der kindlich-naiven Sicht des Kindes geschrieben. Das eröffnet Chancen und Risiken zugleich. Weiterlesen