Die dänische Schriftstellerin und Dichterin Naja Marie Aidt zählt zu den wichtigsten Stimmen in der skandinavischen Literatur.
In ihrem 2021 erschienenen Roman Carls Buch verarbeitet sie sehr bewegend den tragischen Tod ihres Sohnes.
Auch „Aus dem Dunkel“ ist ein aufwühlendes Buch voller Tragik. Wir lesen darin von Gewalt und Übergriffen, aber auch von Freundschaft und Zusammenhalt.
Die Kindheit der Protagonistin im Haus der Eltern mit zwei Schwestern ist unschön und problembehaftet durch ihren unberechenbaren, gewalttätigen Vater. Die Mädchen leben in ständiger Angst. Später wird die Protagonistin in ihrer Jugend Opfer einer Vergewaltigung und eine ihrer Schwestern kommt nach Drogenkonsum ums Leben. Viele Jahre später, ihre drei Söhne sind bereits erwachsen und selbständig, wird sie Zeugin einer Gewalttat auf offener Straße. Sie eilt dem Opfer zu Hilfe und während diese junge Frau den Angriff nicht überlebt, wird sie selbst vom Täter mit dem Messer verletzt.
Die körperlichen Schmerzen sind lang nicht so tief, wie ihr psychisches Trauma. Fortan durchleidet sie die Qualen einer posttraumatischen Belastungsstörung, die ihr ganzes Leben dominiert. Sie verliert den Faden zu sich selbst und jeglichen Halt. Alles was sie an Gewaltexzessen bislang erlebt hat, bricht erneut in ihr auf und lässt sie ihr normales Leben nicht weiterführen. Sie nimmt therapeutische Hilfe in Anspruch und erlebt auch dabei immer wieder Rückschläge, die sie in Angst und Hilflosigkeit versetzen. Ihre Traumaaufarbeitung setzt sich aus Fragmenten ihrer Erinnerung zusammen, die nach und nach das Ausmaß ihres Leides offenlegen. Es ist ein langwieriger Prozess an dem die Protagonistin die Leser ganz nah teilhaben lässt und mit in ihre Seelennot hineinzieht. Dies schafft Nähe und Verständnis für die Protagonistin. Zum Glück findet sie Rückhalt bei ihren vier Freundinnen, die selbst auch entsprechende Vorgeschichten in sich tragen.
Am Ende lichtet sich das Dunkel.
Die Autorin behandelt das Thema Gewalt gegen Frauen sehr realistisch. Dabei kommt sie gänzlich ohne rohe Worte aus. Die Handlung nährt sich aus dem stillen Seelenleid der Protagonistin, was mit viel emotionaler und subtiler Tiefe einhergeht.
Obwohl der Plot überwiegend düster ist, verweilt man gern in der Geschichte.
Naja Marie Aidt: Aus dem Dunkel.
Übersetzung aus dem Dänischen: Ursel Allenstein.
Luchterhand, April 2026.
256 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.
