Michael Hugentobler: Bis die Bären tanzen

Michael Hugentobler erzählt in „Bis die Bären tanzen“ die Geschichte einer Familie, die im Laufe der Jahrzehnte auseinandergerissen wird – räumlich wie innerlich. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg fliehen die Eltern aus Deutschland in die Schweiz. Ihre drei Kinder treibt es später in ganz unterschiedliche Richtungen: Isabelle verschlägt es in den brasilianischen Dschungel, Anne nach Sydney, und Jacob landet als talentierter Turner und späterer Artist im Berlin der NS-Zeit.

Was als Familiengeschichte beginnt, entwickelt sich zu einem weit gespannten Roman über Aufbruch, Sehnsucht und die Suche nach einem Platz im Leben. Hugentobler führt seine Figuren durch die politischen Erschütterungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – Weltkrieg, Nationalsozialismus, gesellschaftliche Umbrüche. Dabei bleibt er nicht streng realistisch. Immer wieder mischt er der historischen Kulisse märchenhafte, fast traumartige Elemente bei. Masken tauchen auf, Menschen scheinen zu fliegen, und die Bären aus dem Titel bekommen eine symbolische Rolle.

Besonders stark ist der Roman dort, wo er die innere Zerrissenheit der Geschwister zeigt: Jeder von ihnen sucht sein Glück, doch keiner findet wirklich Halt. Die Ferne verspricht Freiheit, bringt aber auch Einsamkeit mit sich. Hugentobler beschreibt das mit viel Fantasie und sprachlicher Kraft. Manche Szenen sind so farbig und detailreich, dass man sie deutlich vor Augen hat.

Allerdings fordert das Buch seine Leser. Die Handlung springt zwischen Kontinenten und Zeiten, neue Figuren kommen hinzu, andere verschwinden wieder aus dem Blick. Wer nicht aufmerksam liest, verliert leicht den Faden. Hinzu kommen häufige Perspektivwechsel: Kaum hat man sich auf eine Figur eingelassen, wechselt die Erzählung. Das sorgt zwar für Tempo und Abwechslung, schafft aber auch Distanz.

Der Verlag zieht Vergleiche zu John Irving, und tatsächlich gibt es skurrile Einfälle und überraschende Wendungen. Doch während Irving seine Figuren oft sehr nahbar zeichnet, wirken Hugentoblers Figuren stellenweise etwas entrückt. Manche ungewöhnlichen Ideen scheinen mehr dem Effekt als der Figurenentwicklung zu dienen.

Unterm Strich ist „Bis die Bären tanzen“ ein ambitionierter, bildstarker Roman, der viel will. Leicht zugänglich ist das nicht immer.

Michael Hugentobler: Bis die Bären tanzen
dtv, April 2026
352 Seiten, gebundene Ausgabe, 24 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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