Ein interessanter Roman über die Freundschaft zweier Frauen aus ganz unterschiedlichen Welten. Eine Freundschaft, die ihr jeweiliges Leben prägt und verändert.
Hannah und Julie sind beide noch sehr jung, Anfang zwanzig, als sie sich zufällig in der Kanzlei von Julies Ehemann begegnen. Der Anwalt und Notar regelt die Überschreibung des elterlichen Hofes auf Hannah, nachdem ihr Bruder nach dem Tod des Vaters beschlossen hat, eigene Wege zu gehen und das Handwerk des Schusters zu erlernen. Er hat kein Interesse am Hof, steht Hannah aber natürlich zur Seite, wenn sie ihn braucht. Hannah kann zum Beispiel weder lesen noch schreiben. Im Dorf wird die Entscheidung des Bruders, Hannah den Hof zu überlassen, als Skandal betrachtet. Es geht einfach nicht an, dass eine Frau alleine einen Hof bewirtschaftet und alle Entscheidungen trifft. Anfang des 20. Jahrhunderts undenkbar! Vor allem eben in einem kleinen Dorf.
Aus der kurzen Begegnung zwischen Hannah und Julie entwickelt sich eine enge Freundschaft, von der beide Frauen profitieren. Julie, die als Juristengattin zwar wesentlich privilegierter lebt als Hannah, beneidet diese um ihre Freiheit, auch wenn sie Tag und Nacht schwer arbeiten muss. Sie selbst lebt zwar umgeben von Dienstboten in einer vornehmen Wohnung, muss sich um nichts kümmern, wird von ihrem Mann auf Händen getragen – aber genau das ist es, was sie inzwischen als beengend empfindet. Sie ist völlig abhängig, muss sich seinem Willen beugen und kann nichts alleine entscheiden. Diese Situation empfindet sie immer mehr als Bürde und würde gerne ausbrechen. Die Situation macht sie regelrecht krank, und es kommt so weit, dass Julie längere Zeit in einem Sanatorium verbringt, wo ihr klar wird, dass sie ihr Leben von Grund auf ändern will. Die Freundschaft mit Hannah bestärkt und unterstützt sie.
Beide Frauen haben einiges durchzustehen, müssen mit Schicksalsschlägen zurechtkommen und lernen, gegen ihre Schwierigkeiten zu kämpfen und ihr Leben in die Hand zu nehmen.
Wir erleben den Alltag der beiden Frauen in einer Zeit, in der in England die ersten Frauenrechtlerinnen gehört werden, in einer Zeit, in der es nicht üblich war, dass Frauen selbst bestimmen, was sie tun und lassen möchten. Wir erleben den Krieg mit ihnen, der ihnen alle bisher gekannten Sicherheiten nimmt und ihr Leben durcheinanderbringt.
Ein bewegender Roman über eine tiefe Freundschaft zwischen zwei mutigen, starken Frauen, die über gesellschaftliche Grenzen hinweg reicht. Ein Roman, der wieder mal nachdenken lässt darüber, was sich in den einhundert Jahren, die zwischen der Erzählung und heute liegen, alles verändert hat.
Katja Maybach: Zwei Frauen
Piper, April 2026
320 Seiten, Taschenbuch, 17,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
