Der deutsche Essayist Daniel Schreiber (Jahrgang 1977) hat ein neues Buch geschrieben. Nach „Die Zeit der Verluste“ (2023) reiht sich „Liebe! Ein Aufruf“ in die Reihe seiner literarischen Essays („Allein“, „Zuhause“, „Nüchtern“) ab 2014 ein. Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag veröffentlichte das Sachbuch am 18. November 2025.
Daniel Schreiber geht spazieren
Als Rahmenhandlung zu seinem neuen Essay „Liebe! Ein Aufruf“ wählt Daniel Schreiber einen Aufenthalt zu einem Schreibworkshop im Frühsommer in einem Seminarhaus in einem deutschen Mittelgebirge.
Dort macht er sich vor Beginn des Workshops zu einer kurzen Wanderung auf. Seine Gedanken gehen zurück zu den Einträgen von Hannah Arendt in ihrem „Denktagebuch“, worin sie sich auch mit der Frage nach der Liebe zur Welt und der Liebe als politische Kraft auseinandersetzt.
Daniel Schreiber jedoch hat angesichts der aktuellen politischen, gesellschaftlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Weltlage seine Fähigkeit „die Welt zu lieben“ verloren. Rückzug, Sprach- und Tatenlosigkeit sind die Folge. Schreiber fragt sich, was dem entgegenzusetzen sei. Wie kann es gelingen, die Welt (und die Menschen) wieder zu lieben?
Konzepte der Liebe als politische Kraft
Daniel Schreiber holt weit aus: Transformation, Zeitenwende, (hybride) Kriege, Demokratieverlust, Tech-Oligarchie, Klimawandel, Vermögensungleichheit, Faschismus, Disruption etc. Hass und Hetze schüren Angst und fördern Destabilisierung. Die Liebe, als politische Kraft, erscheint da als Anker der Hoffnung, als Möglichkeit, gesellschaftlich wieder handlungsfähig zu werden. Dabei ist nicht die romantische Liebe gemeint. Gemeinsinn, Gemeinwohl, Empathie, Fürsorge, Respekt und Menschlichkeit als Leitlinien politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Handelns sollen wieder Einzug in die Welt halten und zur Messlatte „der Liebe zur Welt und den Menschen“ werden.
Neben Hannah Arendt zieht Daniel Schreiber weitere weltberühmte Persönlichkeiten wie Albert Schweitzer, Erich Fromm oder Martin Luther King und ihre Konzepte zu Rate. Zu Daniel Schreibers persönlichen Eindrücken über den Zustand der Welt und der Menschen kommen diese wissenschaftlichen Expertisen, die Schreibers Essays den seriösen Hintergrund liefern. Er sammelt und ordnet die Stimmen zum Thema ein, er macht die Theorien verständlich und die Schlussfolgerungen nachvollziehbar. Und so ist es auch in „Liebe! Ein Aufruf“.
Schreibers Beschreibung wie es den Rechtsextremen gelungen ist, durch „Umwertung von Begriffen, Dialog unmöglich zu machen“ und so die Orientierung in der Welt durch Sprache zu verhindern, gehört zu den eindrücklichsten Passagen seines Essays. (E-Book, S. 51/52)
Weg mit Dissoziation und Disruption, hin zu Verbundenheit und Verstand!
Weniger stark und überzeugend ist allerdings der letzte Teil von Daniel Schreibers Essay, mit dem er seitenlang zu verschiedenen Handlungen oder Einstellungen aufruft:
„Ich möchte dazu aufrufen, nicht mehr so zu tun, als wäre all das normal, was in den vergangenen Jahren passiert ist, als würde das Leben schon einfach so weitergehen, als würde uns unser Schweigen und unser Wegschauen beschützen. Ich möchte dazu aufrufen,…“ (E-Book, S. 90 ff)
Der Aufruf gerät zu einer Endlosliste, die man als Lesende geneigt ist, wegzuklicken oder zu überblättern, weil sie viel zu lang und nicht erfüllbar ist. Da wäre weniger mehr gewesen. So verpufft der richtige und wichtige, vielleicht sogar überlebenswichtige Appell an jede und jeden von uns, sich wieder verantwortlich für das menschliche Miteinander auf der Welt zu fühlen.
Weg mit Dissoziation und Disruption, hin zu Verbundenheit und Verstand!
Daniel Schreiber: Liebe! Ein Aufruf.
Hanser Berlin, 18. November 2025.
E-Book, 16,99 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.
