Tom Perrotta: Mrs Fletcher

Nachdem ihr Sohn Brendan ausgezogen ist, lebt Eve Fletcher allein in einem großen Haus. Früher waren sie zu dritt, bis die Ehe nicht mehr funktionierte. Wie geht eine Frau in den mittleren Jahren mit der Einsamkeit um? Ein neuer Partner findet sich auch nicht so leicht. Eve beschließt, ihr Leben neu zu organisieren und meldet sich für ein Seminar am College an.

Auch Brendan fühlt sich an der Uni allein. Saufen und Parties helfen ihm nur kurzweilig, über die Leere hinwegzukommen. Viele fremde Gesichter können den Verlust von echten Freunden nicht ersetzen.

Auf der Suche nach menschlicher Nähe lernen Eve und Brendan neue Bekannte kennen, manches, was früher undenkbar erschien, passt auf einmal und führt zu Verwirrungen.

Der Autor Tom Perrotta hat bereits mit seinem verfilmten Roman Little Children das Thema Einsamkeit mit und ohne Partner bearbeitet. Eves Wünsche und Erfolge passen nicht immer zusammen. Das eigene Glück zu schmieden, will bei ihr nicht so richtig funktionieren. Sie hängt aus reiner Routine in ihrer Rolle fest. »… Sie hatte ihr Gefängnis freiwillig gewählt, war selbst hineingeklettert und hatte sich den Deckel über den Kopf gezogen.« (S. 331) Weiterlesen

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Rhys Thomas: Wenn der Rest der Welt schläft

Sam ist 26 Jahre alt und glaubt an das Gute im Menschen. Er lebt eher zurückgezogen in einem kleinen Häuschen, geht seinem Bürojob nach und ist ein pflichtbewusster Mitbürger. Nur nachts, nachts wird Sam zu dem Superhelden Phantasma. Er hat sich sogar ein eigenes Kostüm designt. Als Phantasma hat er es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu helfen, sie aus Notsituationen zu befreien und Verbrechen zu verhindern. Seitdem erlebt er nachts spannende Abenteuer und steht auch manchmal in der Zeitung. Dies wird erst problematisch, als Sarah in sein Leben tritt. Soll er ihr von Phantasma erzählen? Und kann er den Mut beweisen, auch im wahren Leben so zu sein wie der Superheld? Weiterlesen

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Charles Lewinsky: Der Stotterer

Charles Lewinsky scheint ein Gespür für außergewöhnlich perfide und dennoch sympathische Charaktere zu haben, die er mit einem interessanten Plot kombiniert. So hat er beispielsweise in seinem 2016 erschienenen Roman Andersen ebenso eine Figur mit faszinierenden und gleichsam befremdlichen Eigenschaften erschaffen wie in Der Stotterer.

Der Name des Protagonisten Johannes Hosea Stärckle klingt schon mal ebenso ungewöhnlich wie seine Geschichte: Hineingeboren in eine fromme Familie, wird ihm sein großes Handicap, das Stottern, zum Verhängnis. Züchtigungen des Vaters und des Sektenpfarrers können dem Jungen den Sprachfehler nicht austreiben.

Johannes Hosea Stärckle liebt das Lesen und noch mehr das Schreiben, denn beim Schreiben stottert er nicht. Vor allem kristallisiert sich eine herausragende Eloquenz des Stotterers in allem was er zu Papier bringt, heraus. Diese Macht weiß Johannes Hosea für sich auszunutzen. Gleichzeitig bringt ihm diese Fähigkeit mehr Fluch als Segen.  Stärckle schlägt eine kriminelle Laufbahn ein, er entwickelt sich zum Betrüger par excellence. Weiterlesen

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Geovani Martins: Aus dem Schatten

Der Brasilianer Geovani Martins (Jahrgang 1991) wuchs in einer der Favelas von Rio de Janeiro auf, ging nur wenige Jahre zur Schule und arbeitete danach in unterschiedlichen Jobs. Sein Debüt mit dem Originaltitel „O sol na cabeça“ erschien 2018 in Brasilien und wurde ein Erfolg. In Deutschland veröffentlichte der Suhrkamp Verlag die dreizehn Kurzgeschichten am 8. April 2019 in einer Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner (Mitarbeit von Manuel von Rahden) unter dem Titel „Aus dem Schatten“.

Geovani Martins schreibt in seinen kurzen Geschichten über das Leben von Kindern und Jugendlichen in den Favelas von Rio de Janeiro. Drogen, Gewalt, Raub, Mord und Totschlag gehören dort zur Tagesordnung. Die Polizei wird verachtet und gehasst. Gangs kontrollieren die Favelas und nur der nächste Joint macht das Leben erträglich. So die wiederkehrende Botschaft aus den dreizehn Geschichten.

Sei es der Besuch am Strand an einem heißen Tag oder das Sprayen von Graffitis an den Mauern, alles wird zum Überlebenskampf für die jungen Leute. Da stibitzt einer Papas Revolver, um vor den anderen Jungs anzugeben wie in „Russisch Roulette“ oder da wird ein junger Mann von schwerbewaffneten, korrupten Polizisten kontrolliert, die ihm sein Geld wegnehmen, aber ihm das Marihuana lassen wie in „Freitag“. Weiterlesen

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Ivy Pochoda: Wonder Valley

Los Angeles und die Wüste sind die Schauplätze von sehr unterschiedlichen Menschen, die aus der Bahn geworfen wurden. Angekommen sind sie an den Rand der Gesellschaft, ein Bereich, der erstaunlich belebt ist und an einen Schmelztiegel erinnert.

Über einen Zeitraum von knapp fünf Jahren begegnen sich eingefleischte Gauner, Jugendliche, Erwachsene und geben ihren Zufallsbekanntschaften ungewollt einen Impuls, der für die Betroffenen mehr Bedeutung erhält, als sie anfangs für möglich halten.

Die Amerikanerin Ivy Pochoda, geboren 1977, schreibt über fünf Lebensschicksale, die sie gekonnt miteinander verknüpft.

Einen nackten Jogger im morgendlichen Verkehrskollaps rennen zu lassen, ist mehr als nur ein gelungener Kunstgriff. Diese Schlüsselszene zeigt einen Befreiungsakt, der nur von dem biederen Anwalt Tony erkannt wird. Er fühlt sich von diesem Jogger motiviert, sein eigenes, enges Leben zu verlassen. Spontan steigt er aus seinem Wagen, lässt diesen mitten im Stau stehen und rennt los. Weiterlesen

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Joyce Carol Oates: Sieben Reisen in den Abgrund

Die 1938 geborene amerikanische Autorin Joyce Carol Oates ist nicht nur eine Vielschreiberin, sondern auch in vielen unterschiedlichen Genres unterwegs. Eines davon ist Horror – so wie in ihrer jetzt endlich auch auf Deutsch erschienenen Geschichten-Sammlung „Sieben Reisen in den Abgrund“.

Darin kommen zwar keine übersinnlichen Mächte vor, aber die Autorin führt uns in derart alptraumhafte Situationen, dass man sich mitunter kaum traut weiterzublättern, oder nur dann, wenn rings um den Lesesessel alles hell erleuchtet ist.

In der ersten Geschichte, „Die Maisjungfer“, die auch titelgebend für die bereits 2011 erschienene amerikanische Originalausgabe war („The Corn Maiden“), entführt eine irre Jugendliche ein jüngeres Mädchen. Sie will es in Anlehnung an ein alles Ritual opfern. Schnell wird ein Lehrer verdächtigt, dafür verantwortlich zu sein.

Als Leser ist man nicht nur im Kopf der wahnsinnigen Täterin, sondern erlebt auch hautnah und über viele Seiten die Qualen der Mutter und des zu Unrecht verdächtigten Lehrers. Durch die totale Nähe zum Geschehen wird das zu einem äußerst intensiven Leseerlebnis. Weiterlesen

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Judith Visser: Mein Leben als Sonntagskind

Jasmijn ist ein ganz normales Mädchen. Sie hat viele Freunde, eine Beziehung zu einem beliebten Jungen, einen Hund, der sie vergöttert, und alles im Leben fliegt ihr nur so zu. Zumindest die Normale Jasmijn. Die reale Jasmijn wird als schwieriges Kind bezeichnet, schottet sich ab und findet keinen Zugang zu Gleichaltrigen. Beziehungen sind für sie ein Albtraum und am liebsten verbringt sie die Zeit nur mit ihrer Hündin Senta. Erst als sie erwachsen ist, erhält Jasmijn die Diagnose Asperger-Syndrom. Doch bis dahin ist der Weg lang und steinig und sie muss ihre Kindheit und Pubertät ohne fremde Hilfe schaffen. Und die Normale Jasmijn ist nur eine Erfindung des kleinen Mädchens, eigentlich haben die beiden kaum etwas gemeinsam. Doch immer wieder denkt Jasmijn darüber nach, wie die Normale Jasmijn sich in bestimmten Situationen verhalten würde. Nur gelingt es ihr nicht, diese Dinge dann auch in die Tat umzusetzen. Weiterlesen

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Colleen Hoover: Die tausend Teile meines Herzens

Merit ist 17 Jahre alt, als sie den Jungen ihrer Träume trifft. Er steht einfach im Einkaufszentrum und winkt ihr, als würden sie sich schon ewig kennen. Nur wenige Minuten später küsst er sie und alles ist wie im Traum. Einem Albtraum. Denn es stellt sich heraus, dass Sagan niemand anderes ist als der Freund ihrer Zwillingsschwester Honor! Merit setzt alles daran, Sagan aus dem Weg zu gehen, denn obwohl das Verhältnis zwischen ihr und Honor nicht zum Besten steht, will sie ihr nicht dazwischenfunken. Ihr Leben ist auch so schon turbulent genug.

Merit lebt mit ihrer großen und bunten Familie in einer alten Kirche. Ihr Mutter wohnt im Keller und verlässt diesen nicht mehr. Der Vater lebt mit seiner neuen Frau, die den gleichen Namen trägt wie die Mutter, dem gemeinsamen Kind und seinen drei so gut wie erwachsenen Kindern aus erster Ehe im Erdgeschoss. Weiterlesen

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Chloe Benjamin: Die Unsterblichen

New York, 1969: Die vier Geschwister Varya (13), Daniel (11), Klara (9) und Simo (7) haben einen Sommer voller Abenteuer vor sich. Es geht das Gerücht, dass eine seltsame Frau in einer Wohnung das Schicksal, sogar den Todestag eines jeden, der vor sie tritt, voraussagen kann. Die vier Kinder ahnen nicht, welchen Stein sie mit ihrem Besuch bei der Frau ins Rollen setzen. Vor allem Simon ist danach wie ausgewechselt und wütend. Was hat die Frau ihm prophezeit? Warum läuft er, als Klara einige Jahre später ausziehen will, um in den Westen zu gehen, gegen alle Regeln auf und folgt ihr, obwohl er noch minderjährig ist?

Chloe Benjamin folgt in ihrer Geschichte den vier jungen Menschen, die sie gleich am Anfang vorstellt. Zuerst ist Simon dran, der sich gegen alles und jeden auflehnt, nur um er selbst zu sein. Dann Klara, die ihren Traum wahr machen möchte und Zauberin werden will.  Schließlich Daniel, der auf sein Leben zurückblickt und viele Fragen hat. Und dann Varya, voller Schuldgefühle und Geheimnisse. Alle vier Personen lernt man im Verlauf des Romans näher kennen. Drei von ihnen sind dabei glanzvoll umsetzt, spannend mit aufreibenden Themen und Fragen, nur Varya bleibt irgendwie auf der Strecke. Sie bildet das Ende des Romans und ich hatte genau da etwas mehr erwartet, als dann gekommen ist. Weiterlesen

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Tim Krohn: Julia Sommer sät aus

Ich bleibe dabei, auch beim dritten Band bleibt diese Idee grandios. Nämlich „Ein Buch über Gefühlsregungen zu schreiben, die von Mitmenschen vorgeschlagen werden, und die Tim Krohn so wunderbar in diese Mietshausgeschichten aus der Röntgenstraße in Zürich, einflechtet. In allen Gestalten, noch so verrückt oder jung, sexbesessen, forschend oder über das Sterben sinnend – in allen findet sich ein Teil von uns wider.“ Mittlerweile weiß ich sogar, wo die Röntgenstraße in Zürich ist – gut, ich bin nicht extra hingefahren, aber eher zufällig bei einem Besuch, entdeckte ich die Straße und das machte alles noch vorstellbarer. Weiterlesen

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