Barbara Kunrath: Geteilt durch zwei

Als die 40-jährige Nadja in einer Radiosendung die Stimme einer Steuerberaterin hört, kann sie ihren Ohren kaum trauen: Die Frau klingt haargenau wie sie und ihre Tochter Lena! Nadja meldet sich bei dem Sender und darf zu Pia Kontakt aufnehmen und tatsächlich stellt sich Pia als ihre Zwillingsschwester heraus. Bei wurde von verschiedenen Familien adoptiert und um ihre leiblichen Eltern ranken sich viele Geheimnisse. Gemeinsam begeben sich die beiden Frauen auf die Suche nach ihren Wurzeln und stellen bald fest, dass es um viel mehr geht als um diese.

Zu Beginn des Romans lernt man eine Nadja kennen, der ein Stück ihrer eigenen Persönlichkeit fehlt. Schon immer fühlte sie sich seltsam leer und auf der Suche nach etwas, ohne genau zu wissen, worum es sich dabei handelt. „Ich war ein Zwilling.“, stellt sie dann bald nach Beginn des Romans fest, „Etwas Halbes. Ein Teil von einem Ganzen. Ich allein war so unvollständig, wie ich mich immer gefühlt hatte.“ (Zitat 2. Kapitel) Man spürt ihre Erleichterung, dass die Suche nach dem Unbekannten mit dem Auftauchen von Pia ein Ende hat. Wobei mir das Finden von Pia fast zu leicht ging. Nadja hört Pia in einer Radiosendung, ruft beim Sender an und darf sie schließlich kontaktieren. Und schwupps, da ist Pia! Weiterlesen

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Susanne Bohne: Das schräge Haus

Sind wir nicht alle ein wenig schräg? Und wäre es nicht schön, wenn es tatsächlich solch liebenswerte und sympathisch versponnene Menschen wie Ella, die Protagonistin dieses märchenhaften Romans, und ihre tief ins Herz blickende Oma gäbe?

Susanne Bohne erzählt uns die Geschichte von Ella, die, während ihre Mutter zu einer Dörrpflaume vertrocknet und ihr Vater zwischen den Stühlen sitzt, meist bei ihrer Großmutter Mina aufwächst. Den größten Teil ihrer Kindheit verbringt sie im Ruhrpott-typischen Schrebergarten von Mina, bis, als Ella acht Jahre alt ist, ein einschneidendes Erlebnis alles verändert.

26 Jahre später arbeitet Ella als psychologische Psychotherapeutin mit den absonderlichsten Patienten. Als da ist zum Beispiel der Herr Holdschick, der sich nicht in seinen Sessel setzen mag, weil er nicht darin sterben will. Herr Holdschick ist 45 Jahre alt. Oder Frau Flädle, die Ella für sich Frau Papillon nennt. Frau Papillon meint, Ella sei von einem Dämon besetzt. Und da ist Herr Oebing, der an Es-geht-mir-gut-Tagen ein Krümelmonster-T-Shirt trägt, To-Do-Listen schreibt und die bei ihm lebende Frau Traurigkeit pflegt und hegt.

Ella ist jetzt 34 und fühlt sich sehr einsam. Ihre Mutter lebt in Symbiose mit Ellas jüngerem Bruder, ihr Vater lebt in Spanien fern von allen Stühlen. Ellas wichtigste Bezugsperson ist immer noch Mina, die inzwischen sehr alt, sehr winzig und sehr durchscheinend geworden ist. Und Ellas beste und einzige Freundin seit Kindertagen Yvonne. Wie Susanne Bohne diese Freundschaft schildert, ist absolut bezaubernd und macht neidisch. Auf diese Schreibkunst und auf solch eine Freundschaft: „Yvonne half so gut wie gegen alles: gegen bockige Campingtische, gegen Läuse und Halsschmerzen, gegen Schlechtwetterfronten, gegen Engelbert und eine Fünf im Sport…“ (S.36) Weiterlesen

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Jeanette Winterson: Frankissstein: Eine Liebesgeschichte

Sommer 1816 am Genfer See: Die Gegend versinkt seit Tagen in anhaltendem Regen. Der Dichter Percy Shelley, seine Frau Mary und deren Stiefschwester verbringen dort gemeinsam mit dem Dichter Lord Byron und dessen Arzt Polidori ihre Zeit. Doch bald beginnt sich die illustre Runde trotz ihrer gelehrten Dispute und geistreichen Unterhaltungen zu langweilen. Nach draußen kann man sich kaum wagen, ohne fortgespült zu werden oder im Matsch zu stecken zu bleiben. So vereinbaren sie, dass jeder eine Geschichte schreibt, die das Übernatürliche zum Inhalt hat, um sich selbst und die anderen damit zu unterhalten. Die meisten nehmen diese Aufgabe weniger ernst, doch Mary Shelley lässt das Thema nicht mehr los. In dieser Situation entsteht ihr Meisterwerk „Frankenstein – Oder: Der moderne Prometheus“, dessen Faszination wir uns bis heute nicht entziehen können. (Wenn Sie nur die Verfilmungen kennen und nicht das Original, kann ich nur sehr empfehlen, es zu lesen.)

Rund zweihundert Jahre später lernt der Arzt Ry Shelley den Wissenschaftler Victor Stein kennen und lieben. Ry ist transgender, hat aber den Schritt von der Frau zum Mann noch nicht komplett vollzogen. In diesem „Sowohl-als-auch“ fühlt er sich gut und Victor, der eigentlich auf Frauen steht, wird auch von Rys diversem „Zustand“ angezogen. Doch manchmal zweifelt Ry an dessen Liebe. Braucht ihn Victor vielleicht nur, weil er ihm als Arzt menschliche Gliedmaßen und andere Teile für seine Forschung über künstliche Intelligenz liefern kann? Weiterlesen

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Claire Adam: Goldkind

Peter und Paul sind 13 Jahre alt und Zwillinge. Mit ihren Eltern Clyde und Joy leben sie auf Trinidad und Tobago. Es ist nicht die allerbeste Wohngegend und vor kurzem wurde bei der Familie bereits eingebrochen. Seitdem herrscht zwischen Clyde und seinem Sohn Paul eine angespannte Stimmung. Denn Paul stellte sich vor den Angreifer und wollte sich zur Wehr setzen und somit alle in Lebensgefahr bringen. Wenige Tage später kommt Paul abends nicht nach Hause. Im Busch ist man zur Dunkelheit in den sicheren eigenen vier Wänden, doch auch um Mitternacht fehlt von dem Jungen jede Spur. Wütend geht Clyde auf die Suche nach seinem Sohn. Doch auch am Morgen ist Paul nicht wiederaufgetaucht.

„Goldkind“ ist die Geschichte einer Familie, die ganz besonderen Prüfungen ausgesetzt ist. Als Joy die Zwillinge zur Welt bringt, geht etwas schief. Peter kommt ohne Problem auf die Welt, bei Paul kommt es zu Komplikationen. Das Kind sei möglicherweise nun geistig behindert, so die Ärzte. Und es zeigt sich mit den Jahren tatsächlich, dass Paul besondere Aufmerksamkeit braucht. Er ist langsamer, schreit manchmal unvermittelt und kann nicht so einfach erzogen werden. Peter dagegen ist ein wahres Goldkind. Er bringt vom ersten Tag an die besten Noten mit nach Hause und scheint überdurchschnittlich klug. Die Welt steht ihm offen. Er könnte an jede Universität gehen. Wenn da nicht Paul wäre. Denn Paul braucht Peter, deswegen werden sie in dieselbe Klasse eingeschult, verbringen viel Zeit zusammen. Weiterlesen

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Dagmar Hansen: Alle Tage, die wir leben

Matilde, die lieber Tilda genannt wird, fürchtet sich vor ihrem bevorstehenden sechzigsten Geburtstag. Daher sieht sie derzeit ihr gesamtes Leben rabenschwarz. Hinzu kommt, dass sie von ihrem Freund verlassen wird und einen lukrativen Auftraggeber ihres Schreibbüros verliert. Tilda hat weder Mann noch Kinder oder Haustier und offensichtlich auch keinerlei andere Verwandtschaft. Dafür aber zwei herzensgute Freundinnen, mit denen sie sich regelmäßig zum gemeinsamen Kochen trifft.

Tilda, wie gesagt knapp Sechzig, ist seit fast vierzig Jahren Witwe, hat immer noch ihr Hochzeitsfoto an der Wand hängen und redet mit ihrem nach nur dreijähriger Ehe verstorbenen Mann, der ihr in Kölscher Mundart Ratschläge erteilt.

Wegen des Verlusts der einträglichen Aufträge muss sie sich eine neue Einnahmequelle suchen. Sie findet eine Stelle bei einer rüstigen alten Dame, die ihr Leben aufräumen will nach der schwedischen Döstädning-Methode. Das heißt, sich von Ballast trennen, Unerledigtes erledigen, alte Streitigkeiten beilegen und so weiter. Weiterlesen

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Brian Sewell: Pawlowa: oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt

Das ist sicher eines der bezauberndsten Bücher, die ich 2019 gelesen habe.

Brian Sewell (1931 – 2015) war ein umstrittener Kunstkritiker und Kolumnist in Großbritannien. Der 2015 entstandene Roman Pawlowa ist sein einziges fiktives Werk neben mehreren Kunst- und Reisebüchern.

Mr. B., ein drahtiger kleiner Mann von fünfzig Jahren mit weißem Haar, …“ (Seite 9) ist zu Filmaufnahmen in Pakistan, als er sieht, wie eine kleine, noch ganz junge Eselin viel zu schwere Lasten tragen muss. Er rettet das erst wenige Monate alte Tier und beschließt, entgegen allen Ratschlägen, sie mit nach Hause nach England zu nehmen. Ihm ist klar, dass er sie nicht im Flugzeug transportieren kann, und so begibt er sich, relativ unvorbereitet, zu Fuß auf den tausende Kilometer langen Heimweg.

Auf seiner ungewöhnlichen Reise durch Afghanistan, Iran, der Türkei, Griechenland und vielen anderen Ländern begegnet er netten und weniger netten Zeitgenossen, unaufmerksamen Zöllnern, resoluten Botschaftergattinnen, hilfsbereiten Teppichhändlern, hinterlistigen Schmugglern. Dabei ist Mr. B., seinen vollen Namen erfahren wir nicht, ein feinsinniger Mensch mit besonderem Interesse an Geschichte und an Kunstgegenständen. Weiterlesen

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Ellen Sandberg: Das Erbe

München, 2018: Als Mona einen Brief erhält, ist sie verwundert. Sie soll etwas von ihrer Tante, die sie kaum kannte, geerbt haben. Bestimmt ein schickes Schmuckstück, vielleicht sogar das wertvolle Gemälde aus Klaras Besitz. Doch Mona wird überrascht, denn Klara hat ihr das komplette Schwanenhaus mit mehreren Mietsparteien und ihrer eigenen Wohnung vermacht. Den ganzen Schmuck, das Gemälde und ein volles Bankkonto gibt es kostenlos oben drauf. Das kann nur für Ärger suchen, denn Monas Mutter, zu der sie kein gutes Verhältnis hat, war an dem Gemälde interessiert. Doch welches Geheimnis verbirgt das Haus wirklich?

München, 1938: Die 14-jährige Klara lebt mit ihrer Familie in einer schicken Mietswohnung im Schwanenhaus. Es gehört einem reichen Juden namens Roth und dieser sieht sich per Gesetz gezwungen, sein Hab und Gut abzugeben. Klaras Vater sieht seine Chance. Doch dann werden die Roths verhaftet und Klara bangt um die Zukunft ihrer Freundin Mirjam, der Tochter der Roths. Kurzerhand zwingt sie ihre Eltern, Mirjam bei sich aufzunehmen. Doch die Ruhe hält nicht lange an … Weiterlesen

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David Nicholls: Sweet Sorrow: Weil die erste Liebe unvergesslich ist

Sommer, 1997: Der 16-jährige Charlie hat die Schule beendet und vor ihm liegt ein Sommer voller Nichtstun. Er hat einen kleinen Job, um sich etwas Geld zu verdienen, aber auch massig Zeit, mit der er etwas anfangen muss. Beim Lesen auf einer Wiese lernt er Frances, genannt Fran, kennen. Sie macht in der Nähe bei einem Theaterkurs mit und Charlie wagt das Abenteuer, ebenfalls Theater zu spielen. Denn Frances gefällt ihm und er hätte gerne ihre Nummer. Eigentlich denkt er, dass dies nach nur einem halben Vormittag erledigt sei, doch Fran zwingt ihn, jeden Tag wieder zu den Proben zu erscheinen.

An den Schreibstil von David Nicholls musste ich mich erst ein wenig gewöhnen. Seit „Zwei an einem Tag“ hatte ich nichts mehr von ihm gelesen. Er schreibt nicht schlecht, nein, das ist es nicht. Eher umständlich, lange verschachtelte Sätze, mit denen Simone Jakob, die Übersetzerin dieses englischen Werkes, sicher so ihre liebe Mühe hatte. Aber mit der Zeit wird es besser und man findet Zugang zur Geschichte. Beschrieben wird die Lebenswelt eines 16-jährigen Jungens, der es wirklich nicht einfach hat: Sein Vater und seine Mutter leben in Trennung, die Mutter hat einen neuen Partner und seine 12-jährige Schwester Billie hat sie gleich dorthin mitgenommen. Zurück blieben Charlie und sein Dad, Weiterlesen

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Leena Lander: Die Gesichter des Meeres

Vor der Küste Irlands spielt sich an Heiligabend im Jahr 1895 eine Tragödie ab: Die finnische Fregatte Palme läuft bei stürmischer See auf eine Sandbank auf und erleidet Schiffbruch. Fünfzehn Männer aus der nahegelegenen Stadt Kingstown (heute Dún Laoghaire) kommen bei der Seenotrettungsaktion ums Leben.

Erzählt wird aus Sicht einer finnischen Schriftstellerin, die für einen Roman Recherchen über das Schiffsunglück der Palme anstellt. Sie kann sich an Erzählungen aus ihrer Kindheit von ihrem Großvater erinnern, der sich zum Zeitpunkt der Havarie auf der Fregatte befand. Außerdem hat sie im Nachlass ihrer Eltern einen Ordner des Großvaters mit Unterlagen des Seeunglücks gefunden, über das in der Familie nie gesprochen wurde. Viele Fragen, die sie dem Verstorbenen nicht mehr stellen kann, stehen nun im Raum. Ihr Ehemann Mikko, ein vor kurzem in Ruhestand getretener Marineoffizier, will sie bei den Recherchen unterstützen. Um sich einen Überblick zu verschaffen, sichtet die Autorin unter anderem Dokumente in Museen, Aufzeichnungen aus Büchern und alte Zeitungsberichte. Zusätzlich befasst sie sich mit Tagebüchern und Reisebriefen von Kapitänsfrauen aus vergangenen Zeiten. Immer wieder finden sich Einschübe verschiedenster historischer Belege wie einstige Schiffsmeldungen, Auszüge aus dem Lehrbuch der Seefahrt, dem Finnischen Seerecht oder alten Berichten der Irish Times in ihrem Romanprojekt. So ganz nebenbei erfährt man auch von einem  prominenten Zeitzeugen der Havarie, welcher kein anderer als der damals zwölfjährige James Joyce war, der sich später in seinem Roman Ulysses an das Geschehen zurückerinnert. Weiterlesen

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Jess Kidd: Die Ewigkeit in einem Glas

Dieses Buch ist wie ein schwerer Wein. Den man am besten in kleinen Schlucken trinkt und nicht zu viel davon auf einmal. So hat man lange etwas davon und bekommt keinen dicken Kopf. Allerdings dauert es etwas länger, die Flasche zu leeren.

Und genauso muss man das neue Buch von Jess Kidd lesen: in kleinen Häppchen und mit Genuss. Die überbordende Fantasie dieser Autorin verlangt von der Leserin Ausdauer und Durchhaltevermögen. Dafür wird sie mit einer detailreichen und spannenden Geschichte belohnt.

Bridget Devine, genannt Bridie, arbeitet im London des Jahres 1863 als Privatdetektivin. Allein das ist ja schon mal eine fantastische Ausgangssituation. Sie bekommt den Auftrag, ein verschwundenes Kind zu suchen. Alles was mit diesem Kind zu tun hat ist geheimnisvoll und absonderlich. Denn Christabel, so der Name des Kindes, ist kein normales Mädchen.

Begleitet wird Bridie bei ihrer Suche von Ruby Doyle. Der allerdings seit kurzem verstorben ist. Dafür kann er durch Wände gehen und auf seiner Haut schwimmt eine tätowierte Meerjungfrau und ein Anker lichtet sich selbst. Weiterlesen

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