Matthias A. K. Zimmermann: KRYONIUM. Die Experimente der Erinnerung

Es beginnt mit dem Gedanken an Flucht und den Fragen, die sich der (zunächst) namenlose Erzähler immer wieder stellt: Wo bin ich? Wie kam ich hierher? Warum bin ich hier? Und vor allem: Wer bin ich? (Seite 9).

Er ist gefangen in einem unübersichtlichen, labyrinthartigen Schloss, das auf einer Insel in einem See liegt und von einem Ungeheuer bedroht wird, das nur durch Licht in Schach gehalten werden kann. Um seine Zeit sinnvoll zu nutzen, arbeitet er – vor allem unterstützt von seinen Assistenten Aron und Nora – in der Lichtwerkstatt an der Entwicklung einer riesigen Glühbirne, die die Umgebung auch bei Nacht permanent erhellen soll.

Im Schloss herrscht eine strenge Hierarchie. Der König und die Ritter haben das Sagen, die Wachen und die Hofdamen führen ihre Befehle aus und geben sie an die gefangenen Arbeiter weiter. Das Ganze wirkt (obwohl es schon Elektrizität gibt) wie eine Welt aus einer fernen Zeit. Auch im angrenzenden Wald treiben sich von Einhörnern über sprechende Schneemänner bis zur bösen Hexe allerhand märchenhafte Gestalten herum. Und immer scheint es Winter zu sein.

Als dem Protagonisten ein Zauberstab in die Hände fällt und er von Aron einen Schlüssel erhält, der ihm unbekannte Gänge durch das Schloss öffnet, nimmt der Fluchtplan Gestalt an. Doch das Ziel bleibt unklar. Er schafft es zwar, dem Märchenschloss zu entkommen, landet jedoch in einer neuen Welt, die ihm noch unwirklicher erscheint. Was ist virtuell, was real? Und wie gelingt es ihm, sich zu erinnern? Die Reise geht weiter. Weiterlesen

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Isabelle Autissier: Klara Vergessen

Spätestens seit Alexander Solschenizyns 1973 erschienenem Roman Archipel Gulag erfuhr die westliche Welt von den gefürchteten Straflagern, den Gulags, nördlich des Polarkreises. Bekannt ist, dass von einst rund 20 Millionen inhaftierten Menschen, die in diesen Lagern Zwangsarbeit unter schrecklichen Bedingungen ableisten mussten, zwei Millionen verstarben. Auch nach Stalins Tod 1953 besteht das System der Straf- und Arbeitslager bis heute weiter. In den Nachkriegsjahren versuchte das sowjetische System mit der Zwangsarbeit der Inhaftierten das am Boden liegende Land wieder aufzubauen. Die Auswirkungen des sowjetischen Staatsterrors bekamen auch die Angehörigen der Inhaftierten zu spüren. Mit welchen Konsequenzen und wie weitreichend diese Folgen noch für Generationen danach sein können, davon erzählt dieses Buch.

Ausgangsort von Klara Vergessen ist die Stadt Murmansk. Juri, ein Professor und Ornithologe, der in den USA lebt, kehrt nach 23 Jahren in seine alte Heimat Murmansk zurück, wo sein Vater im Sterben liegt. Nie wieder wollte er seinem Vater begegnen, der ihm die Kindheit zur Hölle machte, indem er in jeder Hinsicht Grenzen überschritt. Nun soll er sich auf Wunsch des Vaters auf die Spurensuche seiner Großmutter Klara begeben, was dieser selbst nie fertig gebracht hatte. Über Klara, die Geologin war, wurde in der Familie nicht geredet. Sie wurde wie so viele andere, Anfang der Fünfzigerjahre, als Juris Vater Rubin gerade vier Jahre alt gewesen war, als Staatsfeindin festgenommen. Nie wieder hatte man von ihr gehört. Doch mit ihrem Verschwinden hatte sich eine Schande, unter der alle zu leiden hatten, über die restliche Familie gelegt. Eben dieses Schicksal verhinderte fortan ein erträgliches Familienleben. Keiner gab dem anderen – vor allem nicht Juri, einen Halt und Zufluchtsort. So flüchtete Juri sich in die Einsamkeit und beobachtete Vögel. Dabei war er glücklich, fühlte sich frei. Er widersetzte sich dem Wunsch seines Vaters, der aus ihm einen Schiffskapitän, wie er es selbst war, machen wollte. Weiterlesen

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Frank Goosen: Kein Wunder

Das Berlin der Achtziger hatte immer was Verstörendes an sich. Es ist genau die Zeit, in der auch ich des Öfteren über Helmstedt nach Berlin gurkte. Mal mit Band, mal einfach so oder zu einem Pokalspiel. Alleine das sich nähern an die Grenzkontrollen… ich kann heute noch das Gefühl in mir schmecken von dieser absurden (zu leicht, ich weiß) Scheiße. Jedenfalls spielt Goosens Roman Ende der Achtziger, also kurz vor dem Mauerfall. Wunderbar beschrieben sind Dialoge zwischen Ost – und Westlern, noch nicht geprägt von dem baldigen Zusammenbruch, sondern eher davon, dass keiner überhaupt einen Plan hat. Außer Fränge, aber das hat eher mit seinen Frauengeschichten zu tun. Als Westler in Berlin darf er rüber und hat, so ist er nun mal, auf jeder Seite eine Flamme, Marta in Westberlin und Rosa im Osten.

Förster, den wir ganz nah begleiten, fährt mit Brocki, den gemeinsamen Kumpel Fränge in Berlin besuchen. Fränge, Brocki und Förster sind Bochumer Szenegeschichte. Nur ist Kneipenleben in Berlin eben doch was anderes als Tief im Westen. Weiterlesen

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Ingrid Noll: In Liebe Dein Karl

Ingrid Nolls bislang erschienene Kriminalromane waren allesamt in den Bestsellerlisten aufgeführt, ihre Bücher wurden in 27 Sprachen übersetzt. Dabei ist ihr Schreibstil einfach, oft mit einer Prise Humor vermischt. Ihre Protagonisten sind Menschen, wie sie einem täglich begegnen. Diese Figuren – zumeist Frauen, entwickeln aus oft nichtigen Gründen eine kriminelle Energie, die zum Selbstläufer wird. Gerne setzt Noll ganz abstruse mörderische Ideen um. Gemordet wird heimtückisch und gnadenlos. Emotionen spielen hierbei eine untergeordnete Rolle. Das Ende der Opfer ist meist grausam und makaber.

Die titelgebende Geschichte In Liebe Dein Karl ist eine von 31 kurzen Geschichten des Buches. Hierin lesen wir von persönlichen Briefen, die eine Nichte bei ihrer verstorbenen, vermeintlich altjüngferlichen Tante findet. In anderen Geschichten geht es um einen eifersüchtigen Ehemann und seine Rache, weiter um einen Lottoschein der kein großes Glück bringt, wir lesen von einer Patchworkfamilie, von einem seltsamen Zusammenfinden Obdachloser, von verstorbenen Familienangehörigen, vom Erlkönig und vielen weiteren Storys. Besonders hervorzuheben sind die Geschichten aus der Rubrik Erinnerungen und Notizen. Unter dieser Zusammenfassung schildert Noll Begebenheiten aus ihrer Kindheit in China mit dem kolonialen Lebensstil, Weiterlesen

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Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten

Claire Lombardo (Jahrgang 1989) ist US-Amerikanerin und arbeitete als Sozialarbeiterin und PR-Agentin.  2019 legte sie mit „Der größte Spaß, den wir je hatten“ ihren Debütroman vor.

Darin die Geschichte der Familie Sorenson aus Oak Park in Illinois, wo Lombardo selbst auch geboren wurde. Marilyn und David Sorenson sind seit vierzig Jahren verheiratet und haben vier Töchter. Wendy, Violet, Liza und Grace versuchen, jede auf ihre Art ihre Leben in den Griff zu bekommen und vielleicht so glücklich zu werden, wie ihre Eltern. Marilyn und David haben sich in den 1970er Jahren während des Studiums kennengelernt.  Sie verlieben sich ineinander, Marilyn wird schnell schwanger, gibt ihr Studium auf. David wird Arzt. Nach Wendy, der Erstgeborenen, kommt Violet nur zehn Monate später zur Welt. Liza folgt wenige Jahre darauf und Grace als Nesthäkchen mit einem Abstand von neun Jahren auf Liza. Sie ziehen von Iowa City in Marilyns Elternhaus in die Fair Oaks. Marilyn ist Hausfrau und Mutter, David macht eine Arztpraxis auf. Die Töchter sind grundverschieden. Wendy heiratet den vermögenden Miles, der bald darauf stirbt. Weiterlesen

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George Saunders: Fuchs 8

Fuchs 8 zog es schon immer in die Nähe der Menschen. Abend lang hat er durch ein Fenster beobachtet, wie eine Menschenmutter ihr Junges zu Bett brachte und ihm Geschichten vorlas. Dadurch hat er nach und nach. Nun kann er lesen, die Menschen verstehen und kommunizieren. Doch als ein Schild im Fuchswald aufgestellt wird, steht seine Welt dennoch Kopf. Schon bald tauchen große Fahrzeuge im Wald auf und die Füchse verstehen nicht, was los ist. Fuchs 8 sieht seine Chance gekommen, den Menschen nahe zu bringen, um was es wirklich geht.

George Saunders hat ein kleines, nur knapp über 50 Seiten starkes Werk geschaffen.  Es ähnelt in Zügen einer Fabel, ist aber doch ganz anders. Ein junger Fuchs lernt die Menschensprache und richtet sich dann direkt an seine Leser und Leserinnen. Im Mittelpunkt stehen Naturschutz und Respekt vor der Schöpfung. Der Schreibstil ist ebenfalls sehr besonders, wenn auch anfänglich gewöhnungsbedürftig, wenn mit der Rechtschreibung hat es Fuchs 8 nicht ganz so. Das macht ihn aber umso sympathischer.

Ein sehr gutes, kurzes Buch über wichtige Themen unserer Gesellschaft!

George Saunders: Fuchs 8.
Luchterhand Literaturverlag, Oktober 2019.
56 Seiten, Gebundene Ausgabe, 12,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

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Marion Messina: Fehlstart

Einen hervorragenden Blick in das Innenleben (mutmaßlich) vieler jungen Menschen von heute gewährt uns die französische Autorin Marion Messina mit ihrem Debütroman „Fehlstart“.

Die 19-jährige Aurélie setzt alles daran, dem Arbeitermilieu ihrer Eltern in Grenoble zu entfliehen. Doch das Leben nach der Schule entpuppt sich als schwierig. Eine erste Liebe, in die sie sich mit Haut und Haaren stürzt, scheitert. Aurélie flieht nach Paris, wo sie sich ein weltläufiges Bohème-Leben als Jura-Studentin erhofft. Doch leider empfindet sie die Seminare und Vorlesungen als tödlich langweilig – also sucht sie sich einen Job als Empfangsdame ohne wirkliche Aufgabe, der nicht minder öde ist.

Auch in der Liebe läuft es alles andere als rund. Aurélie schwankt zwischen dem Langweiler Franck und dem vom Leben enttäuschten Benjamin, der auf sie jedoch keinerlei erotische Ausstrahlung hat. Hinzu kommt die Schwierigkeit, in der Millionenstadt eine halbwegs bezahlbare Wohnung zu finden. Weiterlesen

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Miriam Toews: Ein komplizierter Akt der Liebe

… Die Stadt ist so ernst. Und so still. Und die Stille macht mich verrückt. Ob man daran sterben kann?“ (S. 11)

Nomi erkennt kurz vor ihrem Schulabschluss, dass ihre große Schwester Tash aus einem guten Grund aufgehört hat zu lachen, obwohl oder weil sie das normalste Mitglied der Familie Nickel ist. Sie verließ vor drei Jahren als erste die Familie, den einsamen Ort ihrer Kindheit und die strenggläubige Gemeinde der Mennoniten. Ein paar Monate später verschwindet ihre Mutter Trudi ohne Abschied aus ihrem Leben. Sogar ihr Pass bleibt in der Schublade liegen. Die für sie vorgesehene Zukunft macht Nomi ebenfalls angst. Soll sie wie alle anderen in der Hühnerfabrik von East Village arbeiten und sich an dem täglichen Töten der Tiere beteiligen? Das Einzige, was sie kurz vor ihrem Schritt in die Welt der Erwachsenen weiss, ist, dass ihr der Kompass fehlt.

Miriam Toews zählt zu den wichtigsten kanadischen Gegenwartsautorinnen. Nach einem Studium der Filmwissenschaften und Journalismus arbeitet sie für Presse und Rundfunk. Für ihre Romane Ein komplizierter Akt der Liebe, übersetzt von Christiane Buchner, Die fliegenden Trautmans und Das gläserne Klavier erhielt sie Preise. Weiterlesen

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Markus Orths: Picknick im Dunkeln

Huch! Das erste Buch des Jahres und gleich ein furioser, hoch unterhaltsamer Ritt durch das „Nichts“ oder durch eine Zeitschleife ohne Beginn und Ende;  oder auch, sagen wir,  ein Treffen in der „Seelenzeit“, nämlich da wo man längst tot ist und es relativ egal ist, wann wer gestorben ist. Verstanden? Nun, das ist der Hintergrund dieser metaphysischen Begegnung in vollkommener Dunkelheit, im schwärzesten Schwarz, was man sich vorstellen kann, eben irgendwo auf der anderen Seite, wo Zeit und Raum egal sind, man sich zwar noch verstofflicht fühlt, aber das eben nicht mehr „ist“. Stan Laurel, genau der, der geniale „Doof“ mit dem Partner „Dick“ (Oliver Hardy), also Stan wird wach (obwohl…?) in eben dieser Schwärze und kann sich nichts erklären. Er tastet sich voran und fühlt sogar glatte metallische Wände.

Wir nehmen Teil an diesem Rätsel und auch schon hier startet sein Bericht über sein Aufwachsen, eben über alles, was seine Vita ausmacht, seine Frauengeschichten, seine unbändige Lust Theater zu spielen und die Menschen zum Lachen zu bringen, aber auch seine kummervollen Reisen, als Filmstar auf der einen – und als hoch melancholisch veranlagter Mensch, auf der anderen Seite. Nachdem er sich „eine Zeit lang“ vorgetastet hat, stolpert er über einen Menschen, eher ein Fleischberg in Relation zu ihm. Es handelt sich um den nahezu 700 Jahre vorher verblichenen Thomas von Aquin, großer religiöser Denker seiner Zeit. Weiterlesen

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Eduardo Haflon: Duell

… Ich nahm einen zweiten Schluck, den ich noch unangenehmer fand als den ersten, und gleichzeitig befiel mich ein Gefühl von … Traum … Die alte Frau beobachtete mich mit festem Blick … Es wird Ihnen helfen, Ihre Wahrheit zu sehen … , die Wahrheit, die Sie in sich tragen, sagte sie.“ (S. 59 E-Book)

Der Erzähler hat in seiner Jugend viele Geschichten über seine Familie gehört, manche immer wieder, als gelte es, etwas in der Erinnerung zu verankern, andere überraschen oder irritieren aufgrund des innewohnenden Widerspruchs. Doch ein bestimmter roter Faden zieht sich durch seine Familienbiographie, das Schweigen über Salomon, dem verstorbenen Bruder seines Vaters. Nach seinem Tod wurde niemand mehr in der Familie auf diesen Namen getauft, als wolle man die Tradition dieser Namensvergabe ebenfalls beerdigen.

Im Laufe der Jahre kommen neue Geschichten hinzu, manche halbwahr, manche erfunden. Salomon könnte vollständig in Vergessenheit geraten, wenn nicht dieses im Jahr 1940 entstandene Foto aus New York wäre. Weiterlesen

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