Verena Güntner: Power

Als Power, der Hund der Hitschke, verschwindet, ist die alte Frau verzweifelt. Er war ihr einziger Lichtblick in dem trostlosen Dasein, dass sie seit dem Tod ihres Mannes fristet. Sie bittet das Mädchen Kerze, nach ihrem Hund zu suchen. Kerze nimmt die Aufgabe sehr ernst, denn sonst passiert in dem kleinen Dorf wenig. Sie verspricht der Hitschke, den Hund auf jeden Fall zurückzubringen. Und sie wäre nicht Kerze, wenn sie ihr Wort nicht halten würde. Die anderen Kinder des Dorfes werden bald auf Kerzes Suche aufmerksam und wollen sich daran beteiligen. Doch Kerze macht es ihnen nicht leicht und stellt hohe Anforderungen an die Kinder. Und trotzdem wollen immer mehr von ihnen mit Kerze in den Wald auf die Suche nach Power gehen.

Verena Güntner (Jahrgang 1978) ist ein eindringlicher, kurzer Roman gelungen, in dem die erwachsene Gesellschaft den Bezug und die Verbindung zur nachrückenden Generation verliert. Dabei nimmt die Autorin schon im zweiten Absatz vorweg, dass Kerze Power natürlich findet, sieben Wochen nach ihrem Auftrag, mausetot und von Maden zerfressen. Man spürt schnell, dass es nicht darum geht, einen verloren gegangenen Hund zu finden. Weiterlesen

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Jutta Bauer: Kater Liam

#Bei diesem kleinen Band muss man aufpassen, dass die Rezension nicht länger wird als das Buch.

Jutta Bauer legt hier ein wunderschön gestaltetes und humorvolles Buch vor, das die Welt aus dem Blickwinkel eines erfahrenen Katers betrachtet. So arbeitet er sich thematisch an allem ab, was für ihn wichtig oder völlig unverständlich ist. Zu letzterem gehört zum Beispiel die merkwürdige Angewohnheit der Menschen, sich mit Wasser zu putzen. Wasser ist doch nur zum Trinken da. Oder dieses Rätsel, warum die Menschen verreisen und dafür solche großen Kästen auf Rollen mit Sachen vollpacken. Oder noch schlimmer, ihn, den Kater, in die „Angsttasche“ stecken und mitnehmen.

Es macht sehr viel Spaß, diese skurrilen Ansichten von Kater Liam zu lesen, besonders, da sie von den witzigen und treffenden Zeichnungen der Autorin so perfekt illustriert werden. Leider kann man keines dieser kleinen Bilder, beispielsweise, wie der Kater seine Lieblingsplätze verteidigt, in einer Rezension zitieren, also bleibt nur: selbst lesen und sich daran erfreuen. Weiterlesen

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Daniela Krien: Muldental

In ihrem Band „Muldental“ sammelt die 1975 in der DDR geborene Autorin Daniela Krien zehn Erzählungen, die sich allesamt um die deutsche Wende drehen. Diese Anthologie ist erstmals 2014 erschienen, nun hat sich ihr der Schweizer Diogenes-Verlag erneut angenommen. In der ersten Geschichte geht es um eine Frau, die zu DDR-Zeiten mit einer Erpressung dazu gezwungen wurde, für die Stasi zu arbeiten. Mit dieser Schuld – wenn es in diesem speziellen Fall denn überhaupt eine Schuld war – muss die Frau nach der Wende leben. Ihr Mann verzeiht ihr nicht.

Wir lernen eine Zahnarzthelferin kennen, die von einer Patientin abgelehnt wird, weil die Angst hat, sich bei ihr Krankheiten einzufangen. Schließlich kommt sie ja aus dem Osten – oder zwei Frauen, die sich entscheiden, auf den Strich zu gehen, um finanziell über die Runden zu kommen – oder einen Mann, der nach der Wende Alkoholprobleme hat und nun seinen neuen Job im Sägewerk kaum noch ausüben kann.

Daniela Kriens Storys sind weder laut oder spannend, noch sensationsheischend oder mit unnötigen stilistischen Kaskaden aufpoliert. Und gerade das macht sie sympathisch. Es sind leise Geschichten mit wenigen Worten, in denen vieles zwischen den Zeilen erzählt wird, das dafür aber umso tiefer auf die Gefühle – und meist sind es eher Gefühls-Missstände – der Protagonisten hinweist. Weiterlesen

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Ellen Marie Wiseman: Alles, was sie hinter sich ließ

Das letzte Schuljahr verbringt die siebzehnjährige Izzy wieder in einer neuen Schule. Mobbing und neue Freunde bestimmen ihre Tage, aber auch das Museumsprojekt ihrer Pflegemutter Peg. In Willard, einer ehemaligen Heilanstalt für Geisteskranke, will Peg den Werdegang einiger Patienten für eine Ausstellung aufbereiten. Bei der Durchsicht alter Koffer findet Izzy Claras Tagebuch. Auf einem Foto sieht die junge Frau alles andere als geisteskrank aus. Izzy wird neugierig und erfährt bei ihrer Recherche viel über eine andere Zeit und gleichzeitig über sich selbst heraus.

Ellen Marie Wisemans zweiter Roman, übersetzt von Sina Hoffmann, erschien bereits 2015 unter dem Titel Die dunklen Mauern von Willard State und legte damit den Fokus auf den Ruf der Pflegeanstallt. Der amerikanische Journalist Wyatt Redd benannte das Willard State Asylums als One Of The Creepiest Places On Earth. Dieses staatliche Pflegeheim begann seinen Dienst 1869 und beendete ihn 1995. Unter gefängnisähnlichen Bedingungen wurden dort psychisch Erkrankte und abgeschobene, unerwünschte Personen beaufsichtigt. Durch sogenannte medizinische Anwendungen, die offiziell der Heilung dienten, erlitten die Patienten unzählige Grausamkeiten. Clara wird 1930 auf Verlangen ihres Vaters wegen angeblicher Wahnvorstellungen nach Willard gebracht. Weiterlesen

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Nicolas Barreau: Die Liebesbriefe von Montmartre

Eigentlich mag ich die Bücher von Nicolas Barreau. Hinter diesem Namen, so wird gemunkelt, verbirgt sich in Wahrheit eine deutsche Verlagsmitarbeiterin. Das würde erklären, warum für diesen Roman kein*e Übersetzer*in genannt wird und auch kein französischer Originaltitel, obwohl es sich, laut Autorenkurzbiographie im Klappentext, um einen in Paris lebenden Franzosen handelt soll. Aber wie auch immer, die bisherigen Romane von Nicolas Barreau haben mir in der Regel gut gefallen, sie waren geprägt von reichlich Romantik, einem zarten Humor und auch durchaus spannend.

Der vorliegende Band aber ist ihm doch sehr schmalzig geraten. Julien Azoulay, junger Vater eines kleinen Sohnes, ist frisch verwitwet. Seine über alles geliebte Frau Hélène starb vor einem halben Jahr an Krebs. Kurz vor ihrem Tod hat sie ihm das Versprechen abgenommen, ihr in den Folgemonaten 33 Briefe zu schreiben und diese auf ihrem Grab zu verstecken. Erst nach und nach kann sich Julien, ein mehr oder weniger erfolgreicher Schriftsteller – eine in Barreaus Büchern immer wiederkehrende Berufsgruppe – dazu durchringen, den Wunsch seiner Frau zu erfüllen. Weiterlesen

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Anna Hope: Was wir sind

Hannah, Lissa und Cate sind Freundinnen. Teils seit der Schule, teils seit dem Studium. Sie haben schon einiges gemeinsam durchgemacht und stehen jetzt mit Mitte 30 an ganz unterschiedlichen Punkten. Lissa versucht sich als Schauspielerin, doch der Erfolg will sich nicht recht einstellen. Hannah wünscht sich nichts sehnlicher als ein Baby. Mit Ehemann Nathan versucht sie deshalb seit Jahren, schwanger zu werden. Aber außer einer Fehlgeburt hat sie wenig vorzuweisen. Cate hingegen ist die Mutterschaft einfach in den Schoß gefallen: Schon zwei Monate, nachdem sie Sam kennenlernte, war sie schwanger. Und nun ist sie mit Baby Tom völlig überfordert und hat noch nicht ganz verarbeitet, dass er per Kaiserschnitt auf die Welt kam.

Das Figurenkonstrukt aus Anna Hopes Roman „Was wir sind“ erweist sich nach gut einem Drittel des Romans als wahres Minenfeld. Auf den ersten Blick sind Hannah, Lissa und Cate drei Frauen, die sich seit Jahren kennen und einiges miteinander erlebt haben. Sie haben sich etwas auseinandergelebt, halten aber weiterhin Kontakt. Erst auf den zweiten Blick werden viele Spannungen klar und fallen sensible Themen auf. Hannah könnte fast verrückt werden, wenn sie sieht, wie einfach Cate ein Baby bekommen hat und wie unzufrieden sie mit der Gesamtsituation ist. Denn Hannah hat bereits viel Geld für künstliche Befruchtungen und Arzttermine ausgegeben. Doch alles ohne Erfolg. Ihr Partner Nathan, den sie einst über Lissa kennenlernte, ist am Ende seiner Kräfte und die Themen Schwangerschaft und Baby werden zur wahren Zerreißprobe ihrer Ehe. Weiterlesen

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Olivier Guez: Koskas und die Wirren der Liebe

Jacques Koskas stammt aus einer jüdischen Familie, die in Frankreich lebt und in der die religiösen Traditionen hochgehalten werden. Dass er selbst damit jedoch weniger am Hut hat, wird schon in der ersten Szene von Olivier Guez‘ Debütroman deutlich: Kurz bevor am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur aus der Thora gelesen werden soll, ist Jacques weggedämmert und hat einen erotischen Traum.

Im Folgenden versucht er, sich zum Leidwesen seines strengen Vaters den Gebräuchen zu entziehen. So sitzt er während des Gottesdienstes rauchend in einem Park.

„Koskas und die Wirren der Liebe“, so heißt dieser von Nicola Denis übersetzte französische Roman, lebt vor allem von dem subtilen Humor, den der Autor stilistisch hervorragend in fast jede Zeile streut. So werden Jacques moralisch strenge Verwandte liebevoll durch den Kakao gezogen. Der eine betreibt Völlerei, der andere ist ein Geizkragen und Hypochonder mit Hang zum Analphabetismus.

Jacques entflieht diesem Milieu, zieht nach Berlin und arbeitet dort als Reporter, der sich jedoch eher in diverse Affären stürzt statt in seine Arbeit. Dann lernt er die Liebe seines Lebens kennen, Barbara, und alles ändert sich …

Neben dem Humor ist es auch der Kontrast zwischen der Leichtlebigkeit des Titelhelden einerseits und der strengen Gläubigkeit seiner Familie andererseits, der diesen Roman lesenswert macht. Weiterlesen

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Bergsveinn Birgisson: Quell des Lebens

Im Jahr 1783 hat sich in Island ein heftiger Vulkanausbruch ereignet. Glühende Asche, Feuerdämpfe, Überschwemmungen, Giftgaswolken, klirrende Kälte, Pockenepidemien… – das Ausmaß der Verwüstungen und die Dauer der Katastrophe nehmen kein Ende und ziehen sich über viele Monate hinweg. Unzählige Isländer samt ihrem Vieh fallen dem Unglück zum Opfer.

Da Island zu dieser Zeit eine dänische Kolonie war, plant man in Kopenhagen die Zwangsdeportation der Bevölkerung. Magnus Egede, ein dänischer Wissenschaftler, wird beauftragt, bis ans Cap Nord der Insel vorzudringen um die Gegend zu erkunden. Auf dem Weg dorthin soll er Landvermessungen durchführen und seine Informationen und Eindrücke über die in jenem abgelegenen Gebiet verstreut lebenden Menschen dokumentieren.

Je weiter Magnus in das Land vordringt und sich den rauen Bedingungen stellt, desto mehr ist er von der unwirtlichen Umgebung und dem anspruchslosen Inselvolk fasziniert. Inmitten dem ganzen Unheil auf der Insel wird Magnus bald klar, dass er viel zu sehr in seiner eigenen Kultur gefangen ist um verstehen zu können, was gute oder schlechte Lebensbedingungen für diese Menschen sind. Zudem ist er als Wissenschaftler nicht nur seinem Land, sondern auch seinem Ruf um Ruhm und Ehre verpflichtet. Weiterlesen

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Katya Apekina: Je tiefer das Wasser

Katya Apekina wurde in Moskau geboren. Sie arbeitet als Übersetzerin für russische Literatur und schreibt Drehbücher. Heute lebt sie in Los Angeles (USA) und „Je tiefer das Wasser“ ist ihr erster Roman. Die Originalausgabe wurde 2018 unter dem Titel „The Deeper the Water the Uglier the Fish“ veröffentlicht. Im Suhrkamp Verlag erscheint das Buch am 17. Februar 2020 in einer Übersetzung von Brigitte Jakobeit.

Ich hatte soeben Claire Lombardos großartige Familiengeschichte „Der größte Spaß, den wir je hatten“ ausgelesen, da liegt mir nun „Je tiefer das Wasser“ von Katya Apekina vor. Ebenfalls eine Familiengeschichte, aber eine der eher gruseligen Art. Was man als Lesende am Originaltitel („The Deeper the Water the Uglier the Fish“) eher erkennen kann als an dem  Titel der deutschen Ausgabe.

Die Schwestern Edith (Edie) und Mae, beide im Teenageralter, müssen nach dem Selbstmordversuch ihrer Mutter Marianne nach New York City zu ihrem Vater Dennis Lomack, einem berühmten Schriftsteller. Sie haben ihren Vater seit Jahren nicht gesehen und sind sich fremd. Während Mae die Zeit bei ihm genießt, will Edie nur wieder zurück zu ihrer Mutter, die in einem psychiatrischen Krankenhaus liegt. Weiterlesen

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Antonia Michaelis: Mr. Widows Katzenverleih

Man nehme eine Prise Mystik, eine gute Portion Romantik, eine große Dosis Spannung und eine ganze Anzahl skurriler Katzen. Und man erhält einen liebens- und lesenswerten Roman von Antonia Michaelis.

Der alte Mr. Widow lebt in einer großen deutschen Stadt in einem kleinen Häuschen, das zwischen vielen hohen, glasverblendeten Gebäuden in einem winzigen Garten steht. Mit ihm in seinem Haus leben – aus eigenem Entschluss – gut vierzig Katzen, junge und alte, gesunde und behinderte, stolze, verfressene und verschmuste Katzen in allen Farben und Schattierungen und vor allem: jede mit einem sehr eigenen Charakter.

Archibald Widow betreibt einen Katzenverleih, das bedeutet, dass er jedem, dem bei der Bewältigung ganz spezieller Probleme eine Katze oder ein Kater helfen könnte, ein besonders geeignetes Exemplar verleiht. Allerdings entscheidet im jeweiligen Fall ausschließlich die Katze, der „Patient“ darf sie sich nicht selbst aussuchen.

Eines Tages folgt Mr. Widow in einer stürmischen Regennacht dem Wimmern von Katzen und findet einen Wurf Kätzchen in einer großen Mülltonne. Darin sitzt aber auch, frierend und ängstlich, eine junge schwangere Frau. Nancy Müller, wie sie sich nennt, hat ein großes Interesse daran, dass Mr. Widow ihre Vergangenheit und ihren wahren Namen nicht erfährt. Und auch niemand anderer. Nancy ist auf der Flucht und daher mehr als dankbar, als Mr. Widow ihr eine Stelle als seine Haushaltshilfe und Assistentin anbietet. Weiterlesen

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