Karine Tuil: Menschliche Dinge

Was passiert, wenn die Welt der Reichen, Schönen und Erfolgreichen plötzlich Risse bekommt, das seziert die 1972 geborene französische Autorin Karine Tuil aufs Allerfeinste.

In ihrem sehr lesenswerten Roman „Menschliche Dinge“ sieht sich der Elitestudent Alexandre Farel plötzlich mit einem Vergewaltigungsvorwurf konfrontiert. Er stammt aus einem priviligierten Elternhaus, in dem der berufliche Erfolg über allem steht. Sein Vater ist der egoistische und skrupellose Fernsehmoderator Jean, der sich mit deutlich jüngeren Geliebten vergnügt und für den beruflichen Erfolg über die sprichwörtlichen Leichen geht. Seine Mutter ist die erfolgreiche feministische Sachbuch-Autorin Claire. Auch diese beiden Figuren und ihr (verkorkstes) Liebesleben spielen eine zentrale Rolle im Roman.

Dann läuft eine Party, bei der Drogen und Alkohol im Spiel sind, aus dem Ruder. Alexandre bedrängt die völlig unerfahrene Mila sexuell, die aus einem streng gläubigen jüdischen Elternhaus stammt. Sie ist völlig verzweifelt und erstattet Anzeige. Weiterlesen

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Nadia Terranova: Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand

Ständig werden Menschen vermisst, viele von ihnen tauchen in absehbarer Zeit auf. Und dann gibt es die Menschen, die scheinbar spurlos aus dem Leben ihrer Familien verschwinden. Ida kann sich noch gut an den Morgen erinnern, als ihr Vater verschwand. Um 6.16 Uhr klingelte sein Wecker. Er schlug so fest auf ihn, dass er stehen blieb. Sebastiano stand auf, kleidete sich an und ging wortlos aus dem Haus. Als Ida kurz darauf aufwachte und sich für die Schule fertig machte, bemerkte sie das Fehlen des Vaters. Sie ahnte Schlimmes, doch die Dreizehnjährige beschloss, abzuwarten und zur Schule zu gehen. Inzwischen sind dreiundzwanzig Jahre vergangen. Der alte Wecker steht noch immer auf 6.16 Uhr, und das Bett des Vaters ist leer. Ida fühlt sich schuldig und kann den Verlust nicht überwinden.

So bald wie möglich zog sie nach Rom und heiratete. Inzwischen will ihre Mutter aufräumen, die einst gemeinsame Wohnung instandsetzen lassen. Eher widerwillig fährt Ida von Rom nach Messina.

„… Ich war naiv genug gewesen, zu glauben, dass wir ohne die Bosheiten auskommen würden, die jahrelang geschwiegen hatten, doch weder die Distanz noch das Alter hatte die Wut eindämmen können, die uns verband.“ (S. 106)

Mit den Instandsetzungsarbeiten wird auch die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung bearbeitet. Weiterlesen

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Tayari Jones: Das zweitbeste Leben

Dana nennt ihren Vater James. Er ist immer nur mittwochs bei ihr und ihrer Mutter. Denn James Witherspoon ist ein Bigamist. Er hat mit seiner Ehefrau Laverne eine Tochter, Chaurisse und mit seiner zweiten Frau, Gwendolyn, ebenfalls, nämlich Dana. Beide Mädchen sind fast gleichalt, nur wenige Wochen liegen zwischen ihren Geburten. Doch Chaurisse und Laverne ahnen nichts vom Doppelleben ihres Mannes bzw. Vaters. Wohingegen Dana sehr genau Bescheid weiß. Und sich sehr für das Leben ihrer Schwester interessiert. Genau das führt schließlich zum Verhängnis.

Die Familienkonstellation, die Tayari Jones in ihrem durchweg fesselnden Roman entwirft, ist kompliziert und sicher nicht weit verbreitet (aber wer weiß das schon). Die Geschehnisse ereignen sind in den Siebziger und Achtziger Jahren in Atlanta, der Hauptstadt des Bundesstaats Georgia in den USA und in Rückblicken auf die Jugend von James, seinem Bruder Raleigh und Laverne in den Fünfziger und Sechziger Jahren. Alle Figuren sind Afroamerikaner, People of Colour, bis auf Raleigh, der einen Weißen als Vater hatte und sehr hellhäutig ist. Und genau diese Tatsache, dass es sich bei allen Charakteren um Farbige handelt, wird mit großem Feingefühl, aber gleichzeitig mit wuchtiger Wirkung thematisiert. Denn jede und jeder ist sich seiner bzw. ihrer Situation vollauf bewusst, wenn zum Beispiel die Mädchen von Ladenbesitzern misstrauisch beobachtet werden oder wenn James darauf hinweist, dass es Bereiche in Atlanta gibt, wo ein Farbiger nicht sein sollte. Weiterlesen

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Marco Balzano: Ich bleibe hier

Das Dorf Graun in Südtirol, Anfang der 20er Jahre. Trina hat gerade ihr Lehrerinnendiplom in der Tasche, als Mussolini die Macht ergreift und ihren Berufsperspektiven ein Ende bereitet. Das deutsch geprägte Südtirol wird von den Italienern eingenommen, wichtige Posten und Berufe mit Bewohnern aus südlicheren Landesteilen besetzt. Die deutsche Sprache wird verboten und darf nicht mehr unterrichtet werden. Notgedrungen arbeitet Trina auf dem Hof ihres Mannes Erich mit und unterrichtet heimlich die Kinder im Verborgenen weiter. In den folgenden Jahren muss die Familie immer wieder herbe Schicksalsschläge hinnehmen. Denn sowohl Trina, als auch ihr Mann Erich haben ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsbewusstsein und lassen sich weder von den Faschisten, noch den Nationalsozialisten unterdrücken. Gemeinsam mit ihren Kindern Michael und Marica wollen sie sich aus den geschichtlichen Verstrickungen heraushalten, doch dies erweist sich als undenkbar. Verhaftungen, Flucht und der alltägliche Kampf ums Hab und Gut prägt ihren Lebensweg. Trotz allem verbindet sie eine zwischen Liebe, Ehrfurcht und Hass geprägte Beziehung zu ihrer Heimat. Gerade als der Zweite Weltkrieg beendet wurde, bricht noch eine viel größere Katastrophe über Graun herein – der Fortschritt in Form eines Stausees, der das Dorf überschwemmen soll.

Der Autor spannt den Bogen von den 20er bis in die 50er Jahre hinein.  Die Ereignisse schildert Trina rückwirkend aus der Jetzt-Perspektive. Adressiert an ihre Tochter, die ihr kurz vor dem Zweiten Weltkrieg auf unfassbare Weise entrissen wurde. Balzano, der in Mailand geboren wurde und dort noch heute lebt, fängt dieses besondere Schicksal in bewegenden Szenen und Beschreibungen ein. Weiterlesen

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Christina Hesselholdt: Vivian

Die dänische Schriftstellerin Christina Hesselholdt (Jahrgang 1962) hat einen Roman über die weitestgehend unbekannte US-Amerikanerin und Fotografin Vivian Maier geschrieben. Unter dem Titel „Vivian“ ist dieser in einer Übersetzung von Ursel Allenstein am 20. Juli 2020 bei Hanser Berlin erschienen.

Vivian Dorothea Theresia Maier wurde 1926 in New York City geboren. Ihre französische Mutter Maria Jaussaud und ihr österreichischer Vater Karl Wilhelm von Maier kamen als Immigranten in die USA. Außerdem hatte sie einen Bruder, Charles oder Carl genannt. Vivian arbeitete als Kindermädchen verschiedener Familien in New York City und Chicago. Als sie 2009 starb, entdeckte man in ihrem Nachlass 200.000 Schwarz-Weiß-Fotos. Die meisten davon nicht entwickelt und nie veröffentlicht. Darunter Alltagsfotos und Selbstporträts.

Der Makler John Maloof ersteigerte einige der Fotos aus Vivian Maiers Nachlass und veröffentlichte sie im Internet. Danach setzte großes Interesse an den Fotografien ein, und Vivian Maier wurde als Künstlerin posthum berühmt.

Christina Hesselholdts Roman „Vivian“ zeichnet ein fiktives Porträt dieser Frau, die zeitlebens fotografierte und ihre Werke konsequent unter Verschluss hielt. Weiterlesen

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C. A. Fletcher: Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt

Die Menschheit ist nahezu ausgestorben, nachdem vor einem guten Jahrhundert die meisten Menschen aus ungeklärtem Grund unfruchtbar geworden sind. Nur einer von einer Million konnte noch Kinder bekommen. Die Kinderlosen wurden alt und starben und die Welt leerte sich. Die wenigen Menschen, die es noch gibt, leben in weit zerstreuten Familiengruppen.

Griz bewohnt mit Vater und Mutter, Bruder und Schwester und den beiden Hunden Jip und Jess die Hebrideninsel Mingulay. Sie ernähren sich von dem, was sie anbauen, fischen und jagen. Das Leben ist hart, doch sie kennen nichts anderes und sind zufrieden. Ihr bescheidenes Glück wird durch den Unfalltod von Griz‘ Schwester und die Krankheit der Mutter getrübt. Manchmal fahren sie zu anderen Inseln, um aus verlassenen, verfallenden Häusern mitzunehmen, was noch zu gebrauchen ist. Es gibt keinen Strom, Kerzen sind kostbar, ebenso wie alles, was sie nicht selbst herstellen können. Besonders kostbar für Griz sind Bücher. Der Vater ist der Meinung, dass Bücher vor allem nützlich sein müssen, aber Griz liebt Geschichten und schöpft daraus alles Wissen über die Welt, wie sie einmal war.

Eines Tages kommt Brand auf die Insel, ein Händler auf einem Boot mit roten Segeln. Als er abreist, hat er verschiedene ergaunerte Dinge an Bord. Das Schlimmste aber ist, dass er Jess gestohlen hat, Griz‘ Terrierhündin. Ohne nachzudenken, nimmt Griz mit dem zweiten Hund Jip auf der Sweethope die Verfolgung auf, um sich Jess zurückzuholen – der Beginn einer Reise mit äußerst ungewissem Ende. Denn Griz hat noch nie das Festland betreten. Weiterlesen

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Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer

1908 in Berlin: Das Ehepaar Rosen möchte in einer neuen Villenkolonie in Dahlem ein Landhaus bauen und sucht dafür einen jungen Architekten. Das trifft sich gut, denn Max Taubert, ein junger Schreiner und Architekt, brennt darauf, sein erstes Haus zu entwerfen. Schon als Kind hatte er sich mit Gebäuden und Perspektiven beschäftigt. Später wird er weltweit bekannt werden. Die Rosens haben kaum eine Vorstellung davon, wie das Haus aussehen soll. Max ist begeistert: Er kann seine Ideen umsetzen und das macht er so gut, dass die Villa berühmt wird. Doch anfangs ist er immer wieder verunsichert. Werden die Auftraggeber mit seinem Werk zufrieden sein?

Der Autor Andreas Schäfer begleitet das Haus, seine Bewohnerinnen und Bewohner durch seine wechselvolle Geschichte. Die Leserinnen und Leser lernen Elsa und Adam Rosen kennen. Erfahren von einem Schicksalsschlag, der sie getroffen hat, und wie sie sich mit Max Taubert und seiner Familie anfreunden. Aber Max ist kein einfacher Charakter. Er ist zerrissen zwischen seinen Ansprüchen und der Wirklichkeit. Aufträge bleiben aus, der erste Weltkrieg wirft ihn aus der Bahn.

In den 1990er-Jahren entdecken Hannah und Frieder Lekebusch die leerstehende, heruntergekommene Villa und stecken viel Geld in die Renovierung. Bald erstrahlt das unter Denkmalschutz stehende Haus in altem Glanz. Besonders Hannah setzt alles daran, das Haus ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Sie organisiert Empfänge und Führungen und sorgt dafür, dass über die Villa berichtet wird. Ihrem Mann Frieder und ihrem Sohn Luis wird das nach und nach zu viel. Auch, weil das Haus bei aller baulichen Finesse und trotz der lichtdurchfluteten Räume eine ganz eigene, manchmal bedrohlich wirkende Atmosphäre verbreitet. Weiterlesen

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Bernhard Schlink: Abschiedsfarben

Bernhard Schlink hat in seinem Erzählband Abschiedsfarben neun Geschichten versammelt. In unterschiedlichsten Handlungen leuchtet er die Facetten des Abschiednehmens aus – von Trauer und Melancholie bis hin zu Chancen und Glück. Entsprechend der jeweiligen emotionalen Verflechtungen seiner Personen werden deren Abschiede jedes Mal anders erlebt und empfunden.

So lesen wir in Picknick mit Anna von der Verbindung eines älteren Protagonisten zu einem heranwachsenden Mädchen, das er durch die Jahre begleitet, später enttäuscht wird und erst erlöst wird, als er den frühen gewaltsamen Tod des Mädchens rächt.

In Geschwistermusik geht es um Erinnerungen eines Mannes an die Jugendfreundschaft zu einem Mädchen und deren Bruder. Die Schicksale aller erfahren nach einem späteren zufälligen Wiedertreffen eine völlig andere Gewichtung.

Das Amulett ist eine Geschichte über die Beziehung zweier Frauen zu einem Mann, der nicht mehr lange zu leben hat. Weiterlesen

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Richard Russo: Sh*tshow: Erzählung

Nachdem in diesem Jahr mit „Jenseits der Erwartungen“ bereits ein großer Roman des amerikanischen Schriftstellers Richard Russo erschienen ist, lässt der Dumont-Verlag nun noch ein schmales Bändchen unter dem Titel „Sh*tshow“ aus seiner Feder folgen. Der Text darin ist kein Roman, sondern eher eine Erzählung.

​Darin geht‘s um drei Paare, deren Leben sich nach der Wahl Trumps zum US-Präsidenten verändert. Gegenseitiges Misstrauen kommt auf (haben wirklich alle Freunde für Hillary gestimmt?), und die Ehe von David und Ellie scheint zu zerbrechen, nachdem Ellie im Whirpool menschliche Fäkalien gefunden hat. Nach weiteren Funden dieser Art wird sie fast paranoid und weigert sich, weiterhin im gemeinsamen Haus zu leben.

Richard Russo, der bekannt ist für seine groß angelegten psychologisch aufs Genaueste nachgespürten Gesellschaftsepen, geht hier vergleichsweise sparsam zu Werke. Seine Figuren charakterisiert er nur kurz, weil ihm diesmal die Aussage, die hinter dieser Parabel steckt, wichtiger ist als die Psychologie: Ein von Fäkalien beschmutztes Haus ist wie ein Land, in dem jemand wie Donald Trump Präsident werden kann. In beidem möchten und können nicht alle unbeschwert weiterleben. Weiterlesen

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Sara Sligar: Alles, was zu ihr gehört

Der amerikanischen Autorin Sara Sligar gelingt ein faszinierendes Debüt mit diesem Roman um eine zerrissene, zerstörte Künstlerin und eine von ihr geradezu besessene Archivarin.

Zwei Frauen stehen im Mittelpunkt dieses Buchs, dessen Handlung auf zwei Zeitebenen abläuft. Kate Aitken, eine junge Journalistin, verlässt nach demütigenden und beschämenden Vorkommnissen New York, um in Kalifornien einen neuen Job anzutreten. Es ist Sommer 2017 und Kate findet Unterschlupf bei ihrer Tante Louise und dem Onkel Frank. Und sie findet einen neuen Job als Archivarin bei Theo Brand. Hier soll sie die Hinterlassenschaft seiner Mutter, der berühmten Fotografin Miranda Brand, ordnen und katalogisieren. Diese starb im Jahr 1993, ob es wirklich Selbstmord war, blieb bis zur Gegenwart ungeklärt. Nachdem auch ihr Mann Jake, Theos Vater, nun verstorben ist, soll ihr Nachlass versteigert werden. Dafür soll Kate alles vorbereiten.

Beim Durchforsten der chaotischen Hinterlassenschaften von Miranda – Briefe, Rechnungen, Fotos, Rezepte, Presseartikel – dringt Kate immer tiefer in Mirandas Leben ein und, obwohl sie ihr schlechtes Gewissen quält, schreckt sie auch vor Indiskretionen nicht zurück. Als Kate schließlich Mirandas Tagebuch findet und zu lesen beginnt, wird ihr Drang, Nachforschungen über die Ursache des Todes von Miranda anzustellen, nahezu obsessiv. War es wirklich Selbstmord? Und wenn nicht, war es Mord und wer war der Mörder? Möglicherweise Theo, der Kate immer mehr verwirrt und auch anzieht? Weiterlesen

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