Philipp Winkler: Carnival

Eine Hommage an die gute alte Kirmes und die Menschen, die dort arbeiten, ist Philipp Winklers kurzer Roman „Carnival“. Er erweckt die Schwertschlucker und Messerwerfer, die Zuckerwatte und das Riesenrad, den Schießstand und das Kettenkarussell zum Leben und beschreibt das Ganze als etwas, das im Grunde zu einer untergegangenen Zeit gehört. Mit den Vergnügungen von heute in Multiplexkinos oder an der Playstation hat das nur noch wenig gemein.

Dabei werden die „Kirmser“ als eine eingeschworene Truppe dargestellt, die geradezu in einer anderen Welt leben als die Besucher – die „Marks“ und „Steifen Jonnys“ –, auf deren Geld sie so dringend angewiesen sind.

Der Star in diesem Roman ist eindeutig die Sprache. Winkler nähert sich seinem Thema auf eine fast poetische Weise, die eine große Zärtlichkeit für die oft unglücklichen Gestalten mit trauriger Vorgeschichte ausdrückt, die mit einer Kirmes durch die Lande ziehen. Weiterlesen

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Michaela Carter: Die Surrealistin

Im Juni 1937 lernt Leonora Carrington in London Max Ernst kennen. Leonora, eine Engländerin aus wohlhabendem Hause, hat dafür gekämpft, Kunst studieren zu können. Ihre Eltern wollen sie lieber vorteilhaft verheiratet sehen, wie es in ihren Kreisen üblich ist. Sie ist gerade zwanzig, Max ist bereits Mitte vierzig, verheiratet und ein anerkannter Künstler des Surrealismus. Diese Kunstrichtung fasziniert Leonora schon eine ganze Weile. Sie ist überzeugt, dass es kein Zufall ist, der sie mit Max und den anderen Surrealisten zusammenbringt. „Der Grund, weshalb Max hier saß, war ganz einfach und nicht von der Hand zu weisen. Ihre Liebe zu seiner Kunst hatte irgendwie den Mann selbst angezogen.“ (Kapitel 2).

Die beiden werden ein Paar. Die Ehe von Max ist kein Hindernis, er hatte schon viele Affären und möchte sich sowieso von seiner Frau trennen. Für ihn hat die Beziehung zu Leonora eine ganz neue Qualität. Für die junge Frau bedeutet das Zusammensein mit Max den Bruch mit ihrer Familie. Die Liebe der beiden ist intensiv und fast schon symbiotisch, sie verschmelzen nahezu zu einer Person, können nicht mehr ohne einander sein. Zwar malt Leonora selbst, aber sie wird auch zur „Muse“ für Max, deren Gestalt oder Gesicht eine Zeit lang auf fast jedem seiner Bilder zu sehen ist. Nach einer gemeinsamen Zeit in der Pariser Künstlerszene ziehen sie in ein Dorf in der Provence. Auch Leonoras Gemälde sind surrealistisch. Dabei schöpft sie aus Traumerlebnissen, aber auch aus Begebenheiten in einer anderen Welt, in die sie eintritt oder in die sie hineingezogen wird. Immer wieder wird sie aus der Realität katapultiert (oder ist diese andere Welt auch real?). Weiterlesen

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Anne Enright: Die Schauspielerin

Der Roman Die Schauspielerin ist Anne Enrights siebter Roman, der von Eva Bonné übersetzt wurde. Erneut geht es um die Familie, das manchmal schwierige Miteinander.

Eine alleinerziehende, geschiedene Mutter in den 1950er Jahren war noch eine Besonderheit. Erst recht in Dublin. Für die vaterlos heranwachsende Norah war Katherine O’Dell jedoch viel mehr als nur eine arbeitende Mutter.

„… Unten an der Tür drehte sie sich endlich zum Spiegel um und setzte sich zusammen, und das zu sehen war wunderbar; wie sie Blickkontakt zu ihrem Spiegelbild aufnahm und sich durch eine unmerkliche Veränderung in ihr öffentliches Ich verwandelte. … Und dann ging sie zur Tür hinaus und war den ganzen Tag berühmt.“ (S. 203)

Eine Aneinanderreihung von glücklichen und weniger glücklichen Ereignissen prägen das besondere Mutter-Tochter-Verhältnis. Für die Erzählerin, die im Schatten eines Stars aufwächst, spielt es im Laufe der Jahre eine immer größere Rolle, ihre eigene Identität zu finden.

Früher pflegten Tochter und Mutter das Ritual: „,… Du warst wunderbar‘, sagte ich, und sie fragte: ‚Wirklich? War es in Ordnung?‘“ (S. 287)

Dieser Austausch macht aus der Tochter eine Vertraute und Wegbegleiterin, aber auch eine Zeugin, wenn der Star der Familie kometenhaft auf seinem Sinkflug verglüht. Katherine O’Dell geht diesen Weg unbeabsichtigt. Und als sie nicht mehr die junge, schöne Frau spielen kann, bleiben ihr die Berühmtheit, kleine Rollen und die geheimen, ganz privaten Erlebnisse. Weiterlesen

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David Szalay: Turbulenzen

In seinem schmalen Roman „Turbulenzen“ erzählt der kanadisch-britische Autor David Szalay zwölf kleine Geschichten von Menschen, die sich zwar zufällig begegnen, deren unterschiedliche Schicksale aber ansonsten wenig miteinander zu tun haben. Immer geht es dabei ums Fliegen. Und so sind auch die einzelnen Kapitel nach Flugrouten betitelt: „Von London nach Madrid“ oder „Von Madrid nach Dakar“.

In der ersten Geschichte erleidet eine ältere Dame einen Zusammenbruch. Sie kehrt vom Besuch ihres Sohnes zurück, der an Prostatakrebs erkrankt ist. Im Flugzeug neben ihr sitzt ein senegalesischer Geschäftsmann, der in Dakar erfahren muss, dass sein Sohn einen Motorradunfall hatte. Wegen dieses Unfalls kommt ein Flugkapitän zur spät zur Arbeit. Und so geht es immer weiter, bis sich am Ende der Kreis schließt und wir mit dem letzten Flug von Budapest nach London wieder bei dem an Krebs erkrankten Mann ankommen.

So gesehen ist dieser Roman nicht nur eine Reise um die Welt sondern zugleich eine literarische Anordnung wie in Arthur Schnitzlers Klassiker „Reigen“. Weiterlesen

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Nicolas Mathieu: Rose Royal

Der französische Soziologe und Schriftsteller Nicolas Mathieu (Jahrgang 1978) gewann 2018 mit seinem Roman „Wie später ihre Kinder“ den französischen Literaturpreis Prix Goncourt für den besten französisch-sprachigen Roman des Jahres. Jetzt liegt sein neuestes Buch vor. Am 20. Juli 2020 erschien „Rose Royal“ in einer Übersetzung von Lena Müller und André Hansen bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag.

Nicolas Mathieu hat mit „Rose Royal“ ein schmales Buch geschrieben. Aber ein wuchtiges. Seine Hauptfigur Rose ist knapp fünfzig Jahre alt und geschieden mit zwei erwachsenen Kindern. Sie arbeitet in einem Büro, sieht gut aus, hat schöne Beine und einen Revolver in der Handtasche. In der Kneipe „Royal“ trinkt sie ihre Feierabend-Biere, trifft ihre Freundin Marie-Jeanne und eines Abends auch Luc. Rose hat Erfahrungen mit Männern, gute und schlechte. Wobei die schlechten überwiegen und sie zum Kauf eines Revolvers bewegen. „Die Angst sollte die Seiten wechseln.“, so Roses Hoffnung.

Rose und Luc werden ein Paar: sie gehen aus, trinken und haben (unbefriedigenden) Sex, der eines Nachts dazu führt, dass Luc ausrastet. Und auch die Versöhnung in einem teuren Hotel scheitert tödlich. Weiterlesen

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Santiago Amigorena: Kein Ort ist fern genug

Einen Roman über die Shoah zu rezensieren, ist eine Gratwanderung. Den Inhalt zu beurteilen, verbietet sich fast und eine Kritik des Stils sollte mit Fingerspitzengefühl erfolgen. Das sind die Gründe, warum mir die Rezension dieses Romans recht schwer fällt.

Santiago Amigorena, 1962 in Argentinien geboren, erzählt in diesem Buch, das in Frankreich für den Prix Goncourt nominiert war, die Geschichte seines eigenen Großvaters. Vicente Rosenberg wandert als junger Mann 1928 von Polen nach Argentinien aus. Er baut sich dort eine Existenz auf und gründet eine Familie. Mit Rosita, die ebenfalls von Einwanderern abstammt, hat er drei Kinder.

Mutter und Geschwister von Vicente leben nach wie vor in Warschau und Anfang der vierziger Jahre heißt das, sie leben im Ghetto. Nur sehr selten erhält Vicente Nachricht, treffen Briefe seiner Mutter ein. Ansonsten erfahren er und seine Freunde Neuigkeiten aus der alten Heimat vor allem aus Zeitungen, die jedoch meist auch mehrere Wochen oder Monate alt sind, wenn sie in Buenos Aires eintreffen.

Der Roman schildert die Jahre von 1941 bis 1945 und wie Vicente mit dem Wissen oder vielmehr dem Nichtwissen um das Schicksal seiner Angehörigen, insbesondere seiner Mutter, umgeht und wie sehr ihn dies belastet, verändert und wie sehr es auch seine Ehe belastet.  Weiterlesen

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Thorsten Steffens: Klugscheißer Deluxe

Ein klarer Fall von (vermutlich nicht beabsichtiger) Irreführung durch Klappentext. Der Hinweis nämlich: „Für alle Fans von Tommy Jaud und Fuck ju Göhte“ hat mich erstmal abgeschreckt, da ich weder von dem einen noch von dem anderen ein Fan bin. Aber es stellte sich heraus, dass es keinen Grund gibt, vor dem Roman von Thorsten Steffens zurückzuschrecken.

Das Buch ist die Fortsetzung von seinem Roman „Klugscheißer Royal“, den ich nicht gelesen habe. Aber auch ohne diese Vorkenntnisse kann man den zweiten Band durchaus problemlos verstehen.

Protagonist Timo Seidel ist ein 29jähriger Studienabbrecher mit schlechtem Gewissen und guten Vorsätzen. Er hat, aufgrund der wohl im ersten Buch beschriebenen Vorkommnisse, lernen müssen, dass er als Klugscheißer, der er ist, bei vielen Menschen aneckt und sich meist unbeliebt macht. Also hat er beschlossen, an sich zu arbeiten und bemüht sich redlich, seine Klugscheißereien für sich zu behalten. Das gelingt ihm natürlich nicht immer, wobei man wirklich Verständnis für ihn hat, wenn er den sprachlichen und grammatikalischen Defiziten seiner morgendlichen Mitreisenden ausgesetzt ist. Hier trifft der Humor des Autors wirklich ins Schwarze, man erlebt die Situation hautnah mit und leidet mit Timo unter den Verunstaltungen der deutschen Sprache. Weiterlesen

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Robert Seethaler: Der letzte Satz

Der Österreicher Robert Seethaler (Jahrgang 1966) hat sich mit seinen Romanen „Der Trafikant“ aus dem Jahr 2012, „Ein ganzes Leben“ (2014) und „Das Feld“ (2018) in die Herzen vieler Leser*innen auf der ganzen Welt geschrieben. Am 3. August 2020 erschien bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag Seethalers neuer Roman mit dem Titel „Der letzte Satz“.

Darin erzählt Robert Seethaler von den letzten Tagen im Leben des weltberühmten Musikers und Dirigenten Gustav Mahler (1860-1911). Mahler sitzt Anfang des Jahres 1911 allein und in Wolldecken gehüllt an Bord der „Amerika“, die ihn von New York nach Europa bringen soll. Ein Schiffsjunge umsorgt ihn, bringt ihm Tee und unterhält sich mit Mahler. Todkrank schaut er auf das Meer und erinnert sich an sein Leben. An das Komponieren auf einem Südtiroler Hof in den Bergen, den Diphterie-Tod seiner Tochter Maria, deren Stimme er noch zu hören meint. An seine Zeit als Direktor an der Wiener Hofoper und die Arbeit mit den Philharmonikern der Metropolitan Oper in NYC. Er denkt an seine Frau Alma und die Tochter Anna, die mit ihm auf der „Amerika“ reisen und an die unsäglichen Sitzungen bei Auguste Rodin in Paris, der eine Büste von Mahler zu seinem 50. Geburtstag anfertigen soll. Weiterlesen

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Maylis de Kerangal: Porträt eines jungen Kochs

Auf gerade mal 94 Seiten lesen wir von fünfzehn Lehrjahren des jungen Kochs Mauro. Es ist ein Blick hinter die Kulissen von Gastronomie und Haute Cuisine, die Leidenschaft, Entbehrungen und ungemeine Disziplin der Akteure erfordert .

Mauros Weg ist nicht geradlinig, er führt ihn durch verschiedene Stationen, in denen er mal kürzer, mal länger verweilt und dann wieder weiterzieht.

Sein Faible für Backen und Kochen entwickelt er bereits in jungen Jahren, wo er seinen Freunden und Mitschülern eigene Kreationen kredenzt.

Nach dem Sabbatjahr seines Erasmusstudiums kehrt Mauro von seinen vielen Reisen zurück in seine Stadt Paris, wo Kulinarik einen besonderen Stellenwert einnimmt. Sein Ziel ist es, sich in den Spitzenküchen der Metropole weiterzubilden – auch ohne Verdienst.

In einem luxuriösen Sterne-Restaurant an der Rückseite des Montmartre öffnet sich dem jungen Mann eine gänzlich neue Welt. Drei Wochen hält er die Tortur mit Erniedrigungen dort aus, bevor er einfach geht und gleich darauf als Jungkoch eine Festanstellung mit Mindestlohn in einer Brasserie erhält. Aber auch hier ist sein Einsatz hinterm Herd ein Job ohne feste Arbeitszeiten mit kaum Freizeit und einer strengen Ordnung, der er sich zu unterwerfen hat. Weiterlesen

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Benjamin Myers: Offene See

Dies ist ein Tipp des  Buchhändlers meines Vertrauens. Er hat sich bei mir selten geirrt. Bei „Offene See“ war ich anfangs nicht so sicher, vielleicht lag es daran, dass uns momentan so viel quält, eben die Corona Auswüchse in allen Bereichen des Lebens. Aber nach und nach, und das ist das Gute bei der Literatur, vergisst man zeitweise über die Lektüre den ganzen Scheiß um sich herum. Es ist die Geschichte (als Ich-Erzählung) des Robert Appleyard, der sich 1946 auf den Weg macht. Ich betone „auf den Weg macht“! Denn darum geht’s: er verlässt nach den traumatisierenden Kriegsjahren als 16 Jähriger sein Elternhaus in Nordengland, die Gegend der Schlote und Kohlereviere – weil  Robert eben (noch) keine Lust hat  auf den Schacht, wie vorher sein Vater, etc.. Er wandert seiner Nase nach und erreicht irgendwann das Meer. Unterwegs lebt er als Tagelöhner, Erntehelfer, Zimmermann, eben alles was so kommt.

Eines Tages folgt er einem Pfad, der immer dichter und undurchdringlicher wird und doch liegt überraschenderweise am Ende des Weges ein Häuschen. Dulcie lebt hier, doppelt so alt wie Robert und wie sich nach und nach herausstellt, über alle Maßen klug und unkonventionell. Weiterlesen

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