Doris Dörrie: Die Welt auf dem Teller: Inspirationen aus der Küche

Doris Dörries vorangegangenes, ebenso bei uns besprochenes Buch Leben Schreiben Atmen ist ein Text über das Schreiben, das mit vielen Erinnerungen und Anregungen verknüpft ist. Ähnlich inspirierend liest sich ihr neues Buch Die Welt auf dem Teller, das ein Text über das Essen ist. Mit ihren Gedanken, Assoziationen und Erinnerungen gibt Dörrie auch hier wieder viele private Einblicke in ihr Leben. Nahrungsmittel stehen im Focus, was sie in vielfältiger Weise beleuchtet und außer auf ihren Genuss unter anderem auch auf ihre Wertigkeit ihre Verarbeitungsweise etc. eingeht.

Der Titel eines Kapitels, in dem Dörrie über Brot schreibt, lautet Knust und Scherzl. Darin erfährt man, dass die Autorin seit jeher eine Schwäche für das Endstück, genannt „Кnust“ hat. Diesen Knust zu ergattern, machte sie schon zu Kindertagen glücklich. Außerdem liest man, dass sie bei lang dauernden Veranstaltungen gern ein Stück trockenes Brot, vornehmlich den Knust in ihrer Handtasche mit sich führt.

Ein weiterer Text handelt davon, wie die Autorin einst bei einem Kubaaufenthalt einen Brief an Fidel Castro schrieb, den ihr der berühmte Anarchist Augustin Souchy diktierte und in dem es um die Reduzierung des Orangenpreises ging. Weiterlesen

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Susanne Matthiessen: Ozelot und Friesennerz

Dieses Buch ist den Inselkindern gewidmet, jenen Menschen, die auf Sylt zur Welt gekommen und untrennbar mit der Insel verbunden sind. „Ich bin und bleibe Teil einer bizarren Schicksalsgemeinschaft“, schreibt Susanne Matthiessen (Zitat S. 7). Eine Loslösung scheint unmöglich. Zu tief ist sie mit Sylt verwachsen. Dass die Insel ein Sehnsuchtsort für so viele und oftmals eine Art Kulisse ist, macht es nicht einfacher. Denn Sylt ist auch die Heimat der Inselkinder, eine Heimat, die sich durch den Tourismus in den letzten Jahrzehnten vielleicht stärker verändert hat als durch die Naturgewalten.

Susanne Matthiessen wurde 1963 auf Sylt geboren. Ihre Familie führte ein renommiertes Pelzgeschäft in Westerland. Jedoch: „Der Zeitgeist hat uns weggespült. […] Pelze sind nur noch dafür da, anderen den gesunden Menschenverstand abzusprechen und sich rückwärts zu gruseln.“ (Zitat S. 28) Das hindert die Autorin nicht daran, über Pelze und deren kunstvolle Verarbeitung zu schreiben. Alle Kapitel, ebenso der Prolog und der Epilog, handeln von verschiedenen Tieren respektive Pelzen. Mit Anekdoten hierzu führt die Autorin durch ihre Kindheit. Skurrile, berührende, lustige, nachdenklich machende Szenen reiht sie aneinander, erzählt von bekannten Persönlichkeiten, die bei Pelz Matthiessen einkauften und wie alles, wirklich alles, dem Dienst an den Gästen und Kunden untergeordnet wurde. Die Kinder blieben oft sich selbst überlassen. Keiner der Erwachsenen hatte Zeit, sich mit ihnen zu befassen, vor allem in der Hauptsaison. Die Erwartungshaltung war groß: Sie mussten funktionieren.

Das Buch eröffnet einen Blick darauf, wie damals wie heute ein verborgenes Netzwerk von Einheimischen den Laden am Laufen hält. Einige haben viel Geld verdient – doch um welchen Preis? Weiterlesen

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Volker Jarck: Sieben Richtige

Der deutsche Autor Volker Jarck schreibt in seinem Debütroman „Sieben Richtige“ über die Leben mehrerer Menschen, die sich zwischen Bochum, Köln und Boston immer mal wieder begegnen. Ein solches Romankonstrukt findet sich auch in den Werken etwa von Kent Haruf oder Elizabeth Strout.

Da ist zum Beispiel die kleine Greta, die beim Fahrradfahren einen schweren Verkehrsunfall erleidet und damit auch das Leben ihrer Eltern Kathy und Roland aus der Bahn wirft. Oder Victor und Marie Faber: Er besucht seinen Sohn Nick, der in Amerika erfolgreich Baseball spielt, während sie sich scheiden lassen will und eine Krebsdiagnose erhält.

Auf der ersten Seite des Romans werden allein 21 Figuren aufgezählt, die ihn bevölkern. Und das ist viel – gelegentlich zu viel, um als Leser noch den Überblick zu behalten, zumal Jarck auch zeitlich wild durch die Jahrzehnte springt. Mal befinden wir uns in den 80er-Jahren des vorigen, mal in den 30er oder 40ern des aktuellen Jahrhunderts – mit Sprüngen immer nach wenigen Seiten. Weiterlesen

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Hanne Ørstavik: Milano

Val und Paolo lernen sich in Oslo bei einer Ausstellung kennen, in der Val zum ersten Mal ihre Zeichnungen der Öffentlichkeit präsentiert. Die junge Norwegerin hat zwar Architektur studiert, aber alles, was sie tun möchte, ist zeichnen. Paolo spricht sie an. Er hat etwas in Vals Bildern gesehen, das ihn berührt, das ihn die Kunst mit anderen Augen sehen lässt und das ihn neugierig auf die Künstlerin macht. In seinem Beruf als Kurator einer großen Galerie, die zum Teil im Besitz seiner Familie ist, muss er die Kunst als Geschäft betrachten. Es geht darum, ihren Marktwert einzuschätzen, zu steigern und sie zu verkaufen.

Schnell werden die beiden ein Paar und Val zieht zu Paolo nach Mailand, um bei ihm zu sein. Val ist gerne mit Paolo zusammen, doch sie fragt sich, ob sie ihn liebt. Denn sie nimmt keine Gefühle in sich wahr, weiß nicht, ob sie vielleicht liebt, ohne es zu wissen, weiß nicht, wie sich Gefühle anfühlen. Außer der Angst und dem Nein – was sie nicht will, ist ihr bewusst, aber nicht, was sie will. Das Zusammensein mit anderen strengt sie an, vor allem, wenn es leer und still ist, wenn nichts zu tun ist, wenn es keinen Plan gibt. Auch wenn sie bei Paolo eine Ausnahme macht, bleibt die Unsicherheit: Was sieht er in ihr? Liebt er sie wirklich? Warum lässt er sich nicht von seiner Frau scheiden, von der er schon seit 10 Jahren getrennt lebt? Was, wenn er Val verlässt, ihrer überdrüssig wird? Weiterlesen

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Tom Barbash: Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens

Tom Barbash, ein US-amerikanischer Autor siedelt seinen Roman „Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens“ Ende der 70er-Jahre in Manhattan an. Adam Winter versucht, die Karriere seines Vaters Buddy, eines Showmasters, wieder in Gang zu bringen. Der hatte eine Art Nervenzusammenbruch und hat mitten in einer Live-Sendung das Studio verlassen. Nun jedoch möchte er wieder arbeiten. Die Familie lebt im berühmten Dakota-Building, wo zahlreiche Prominente wie die Filmschauspielerin Lauren Bacall oder Beatle John Lennon mit Yoko Ono wohnen. Auch für den Horrorfilm „Rosemary’s Baby“ diente das Gebäude als Kulisse.

Man liest diesen Roman locker weg und freut sich an den zeitgeschichtlichen Einsprengseln, zum Beispiel an der Präsidentschafts-Kandidatur Ted Kennedys, für die sich Adams Mutter engagiert, an der Samstagsabends-Show mit der amerikanischen Fernseh-Legende Johnny Carson, an den vielen Prominenten wie Katherine Hepburn, die in den verschiedenen Fernseh-Shows ihre Geschichten erzählen, und natürlich an John Lennon, mit dem Adam einen gefährlichen Segeltörn unternimmt Weiterlesen

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Mary Adkins: Wenn du das hier liest

Die Idee, einen Roman in Form eines Mail-Austauschs zu schreiben ist nicht neu. Man denke nur an den wunderbaren Roman von Daniel Glattauer. Und obwohl der Roman von Mary Adkins mit „Gut gegen Nordwind“ von Glattauer nicht vergleichbar ist, hat mir das Buch doch gefallen.

Iris Massey stirbt mit Anfang Dreißig an Krebs. Sie hat in der Zeit vor ihrem Tod einen Blog über das Sterben geschrieben. Ihr Arbeitgeber und Freund Smith Simonyi, der nach wie vor gefühlvolle Mails an Iris schreibt, findet durch Zufall einen Hinweis, dass Iris sich gewünscht hatte, dass er diesen Blog nach ihrem Tod veröffentlicht.

Jade, die ältere Schwester von Iris, leidet fürchterlich unter deren Tod. Sie kompensiert das durch Recherchen, um den behandelnden Ärzten einen Kunstfehler bei der Therapie ihrer Schwester nachweisen zu können. Jade ist Starköchin in einem Sternerestaurant, kündigt jedoch ihre Stelle, weil sie glaubt, sich um ihre Mutter kümmern zu müssen. Jade ist nun strikt gegen eine Veröffentlichung des Blogs ihrer Schwester. Aus ihrem Widerspruch entwickelt sich ein reger Mailaustausch zwischen ihr und Smith. Weiterlesen

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Raynor Winn: Der Salzpfad

Der South West Coast Trail, Englands längster Fernwanderweg, ist  1014 km lang und führt von Minehead in Somerset über Nord-Devon, Cornwall und Süd-Devon bis nach Poole in Dorset. Ursprünglich patrouillierten Küstenwachen zwischen den Leuchttürmen auf diesem Weg um Schmuggler ausfindig zu machen.

Raynor und Moth Winn beschließen diesen Pfad zu erwandern, nachdem ihnen ihre Farm, auf der sie ihre Kinder großgezogen, Tiere gehalten, Gemüse angebaut und über viele Jahre Feriengäste aufgenommen hatten, nach einem Rechtsstreit weggenommen wurde. Obwohl das Ehepaar die Fünfzig überschritten hat und Moth an der  schmerzhaften, degenerativen Nervenkrankheit CBD leidet, wollen die Winns, da sie sowieso kein Dach mehr über dem Kopf haben, dieses Abenteuer in den Sommermonaten wagen. Sie beschaffen sich ein günstiges Zelt und billige Schlaf- und Rucksäcke.

Der Weg, der mit 35000 Höhenmetern immer wieder von den Klippen aufs Meeresniveau hinab und wieder hinauf führt, bringt die beiden oft an ihre Grenzen und verlangt alles von ihnen ab. Doch es ist nicht nur der oft kernige Streckenverlauf, der den Trip erschwert. Hinzu kommt, dass es in Großbritannien für Obdachlose keine Suppenküchen gibt und wildes Campen generell verboten ist. Von Moths magerer Ausgleichszahlung mit 48 Pfund pro Woche können sie sich nur selten einen Campingplatz leisten. Wild zu campen wird so jeden Tag aufs Neue zu einem Abenteuer. Zudem haben sie immer wieder mit widrigen Wetterverhältnissen zu kämpfen und ihre günstige Ausrüstung ist nicht für Regen und Kälte geeignet. Ihre Ernährung beschränkt sich auf Tütensuppen, Nudeln, Reis, Dosenfisch und billige Süßigkeitsriegel. Weiterlesen

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Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt

Der Pfarrer Hannes und seine Frau Florentine leben in einem Dorf im Banat. Florentine ist in der Stadt aufgewachsen, hat keine Party ausgelassen, aber sie hat diesem Experiment zugestimmt und sich bald ans Landleben gewöhnt. Sie freundet sich mit Nika an, die zwar einen Mann und drei Kinder hat, aber ihre Zeit auch liebend gerne mit Florentine, Kaffee und Sauerkirschlikör verbringt – bis sie an einer versuchten Abtreibung stirbt.

Zu den anderen Dorfbewohnern findet Florentine kaum einen Draht. Denn sie spricht nicht gerne. „Ihr Schweigen musste wirken, als hielte sie sich für etwas Besseres. Florentine spürte Worten gegenüber ein nie ganz aufzulösendes Unbehagen. Die Unschärfe der Aussagen verunsicherte sie. Wie sehr sie sich auch bemühte: Sprechen reichte nicht an die Wirklichkeit der Erfahrungen heran.“ (Kapitel 1, Zăpadă).

Auch ihr Sohn Samuel spricht spät und nicht viel. Sie vermutet, dass sie daran schuld ist. Hannes fällt es schwer, einen Zugang zu Samuel zu finden. Auch die Stellung im Banat ist nicht gerade das, was er sich gewünscht hat.

Dennoch führen Hannes und Florentine ein offenes Haus. Immer wieder haben sie Gäste, die auf der Durchreise eine Unterkunft bei ihnen finden. Eines Tages kommen Bene und Lothar bei ihnen unter. Sie stammen aus der DDR und sind auf dem Weg ans Schwarze Meer. Aus dem kurzen Zwischenstopp werden drei Wochen und eine Verbindung, die später noch eine Rolle spielen wird. Weiterlesen

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Kai Wieland: Zeit der Wildschweine

Reiseautor Leon ist ein Getriebener. Ständig muss er auf Achse sein, die Zeit zwischen einzelnen Ländern macht ihn unruhig. Sein neuester Auftrag lautet, einen Reiseführer über „Lost Places“ in Frankreich zu schreiben. Verlassene Hafenstädte, Industrieruinen, von der Geschichte vergessene Schicksale. Sein Begleiter ist Janko, ein zynischer Fotograf, den er beim Boxen kennengelernt hat. Doch die Reise verändert Leon. Er muss sich an ebenso faszinierenden wie düsteren Orten herumtreiben, um über die „vier V’s des Berufsmelancholikers“ – Verlust, Verfall, Verlassen, Vergessen – zu schreiben. Während der Reise werden Leon und Janko auch mit ihren eigenen „Lost Places“ konfrontiert.

Bei Leon ist dies seine schwäbische Heimat. Hier lebt seine Schwester Jana in geordneten Verhältnisse und sein Vater in einem Häuschen mit ebenso geordnetem Garten. Landidylle pur, der sich Leon nicht verbunden fühlt. Dies ist nicht seine Welt. Doch als der Vater darüber nachdenkt, sein Haus zu verkaufen, muss sich Leon mit seinen Wurzeln auseinandersetzen. Er willigt in den Vorschlag ein, die Bleibe zu tauschen: Der Vater zieht in Leons kleine Zweizimmer-Wohnung mit Aufzug, Leon zieht in das Haus aufs Land. Dort rückt ihm bald sein Nachbar Seibold auf die Pelle – notorisch neugierig, ordentlich, Jäger und Gartenkenner wie sein Vater. Als die Tomaten und Zucchinis verdorren und die Hecke Feuer fängt, wird klar: Leon ist mit der Verantwortung hoffnungslos überfordert. Weiterlesen

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Odile d’Oultremont: Das Mädchen mit den meerblauen Augen

Was mich bewegt hat, dieses Buch zu lesen, war meine Liebe zur Bretagne. Denn dort spielt die Geschichte, die Odile d’Oultremont, eine belgische Schriftstellerin und Drehbuchautorin, erzählt.

Die Protagonistin Anka, wächst in einer kleinen Stadt am Atlantik auf. Ihr Vater ist Küstenfischer und Ankas größter Wunsch von Kindesbeinen an ist es, in seine Fußstapfen zu treten. Bei allem Verständnis ihres Vaters für diesen Wunsch und seiner Freude darüber haben er und seine Kollegen große Vorbehalte gegen ein Mädchen bzw. eine Frau in diesem Beruf. Es dauert sehr lange, bis Ankas Vater, Vladimir, sie zum ersten Mal ans Steuerruder seines Bootes Baikonour lässt.

Doch dann geschieht ein Unglück und Vladimir kehrt von einer Ausfahrt nicht zurück. Nur das Boot wird gefunden. Ankas Liebe zum Meer wandelt sich in Hass, in Hass und Furcht. Im Gegensatz zu ihrer Mutter glaubt sie nicht, dass ihr Vater überlebt hat und zurückkommen wird. Ihre Mutter Edith hingegen ist davon überzeugt, dass ihr Mann eines Tages wieder vor der Tür stehen wird. Bis dahin kocht sie wie eine Besessene Tag für Tag unzählige Liter Gemüsesuppe.

Anka, die im Friseursalon ihrer Patentante arbeitet, wird jeden Tag auf ihrem Weg über die Grande Place des Städtchens von Marcus beobachtet. Marcus ist Kranführer aus Leidenschaft und von seinem erhöhten Standpunkt verfolgt er täglich Ankas Schritte. Im Laufe der Zeit verliebt er sich in das ihm unbekannte Mädchen mit den meerblauen Augen, ohne sie jedoch anzusprechen und ohne, dass sie sich dessen bewusst ist. Weiterlesen

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