Hélène Jousse: Die Hände des Louis Braille

Zumindest unbewusst ist wohl jedem schon einmal das perforierte Punktemuster der Brailleschrift aufgefallen, das man unter anderem auf Arzneimittelpackungen, Geldscheinen oder Krankenversicherungskarten findet. Dieses Alphabetsystem, in dem verschiedene Punktkombinationen Buchstaben bilden, ermöglicht es blinden Menschen zu lesen. Erfunden wurde diese Blindenschrift im Jahr 1825 von dem damals erst sechzehnjährigen Franzosen Louis Braille.

Die Autorin Hèlène Jousse lebt als Künstlerin in Paris. Sie hat an der Kunstakademie eine Ausbildung zur Bildhauerin gemacht. Nachdem sie von einem jungen blinden Mann darum gebeten wird, ihm das Handwerk der Bildhauerei beizubringen, taucht sie in eine völlig andere Welt ein. In ihrem Debütroman Die Hände des Louis Braille verwebt sie zwei Geschichten miteinander.

Ein Erzählstrang handelt von Constanze, einer erfolgreichen Dramaturgin, die sich nach dem Tod ihres erblindeten Mannes in einer Sinnkrise befindet. Von dem ihr wohlgesonnenen Produzenten Thomas erhält sie den Auftrag, ein Drehbuch über Louis Braille zu entwickeln. Durch das Schicksal ihres verstorbenen Mannes hat sie sich bereits intensiv mit dem Leben Louis Brailles  auseinandergesetzt. Im Romanablauf wechseln ihre persönlichen Aufzeichnungen, die mit „Rotes Heft von Constanze betitelt sind, mit ihrem Drehbuch über Louis Braille ab. Constanze erlernt sogar die Blindenschrift, um ihrem Protagonisten Louis noch näher zu kommen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Michael Crummey: Die Unschuldigen

Dieses Buch ist wie ein heftiger Sturm, der über das Land braust. Und gleichzeitig zart wie ein leichter Windhauch.

Der Kanadier Michael Crummey, der aus Neufundland stammt und auch heute dort lebt, erzählt uns die Geschichte der Geschwister Ada und Evered Best, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit ihren Eltern – und nur mit ihren Eltern – in einer einsamen Bucht in Neufundland leben. Evered ist elf Jahre alt und Ada neun, als erst die Mutter und die neugeborene Schwester Martha sterben und kurz danach auch der Vater. Die Familie lebt in einer Hütte, deren einziges Fenster im Winter stets durch einen Holzladen versperrt ist und die keinerlei Privatsphäre bietet, es sei denn, man hängt eine Decke quer durch den Raum. Sie ernähren sich von Fischfang, der Fang wird über den Sommer getrocknet und gesalzen und dem zweimal jährlich vorbeikommenden Schiff „Hope“ im Austausch gegen Vorräte  übergeben.

Als die Kinder allein zurückbleiben, dauert es viele Wochen, bis sie ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen, dazu gezwungen von Hunger und Not. Evered übernimmt die Aufgaben des Vaters, fährt mit dem kleinen Boot hinaus in die Bucht, während Ada sich um den winzigen Acker kümmert. Dabei erzählt sie ihrer toten kleinen Schwester von ihrem Tagesablauf, von ihren Gedanken, ihren Sorgen und von den Gefahren, in denen sie und ihr Bruder quasi ständig schweben. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

Joachim Meyerhoff, der schreibende Schauspieler, hat einen weiteren Band seiner autobiografischen Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“ vorgelegt. Diesmal geht‘s in ein Krankenhaus in der Wiener Peripherie.

Während Meyerhoff mit seiner Tochter Schulstoff bespricht, bemerkt er plötzlich, dass er sich halbseitig nicht mehr bewegen kann – er hat einen Schlaganfall erlitten, und die Odyssee aus Fahrt im Krankenwagen, Einlieferung auf die Intensivstation sowie Kontakten mit Ärzten, Schwestern und Mitpatienten beginnt.

Obwohl ein Krankenhausaufenthalt eigentlich kein Spaß ist, behandelt der Autor ihn mit dermaßen viel Witz, dass man stellenweise aus dem Lachen nicht mehr herauskommt – zum Beispiel wenn er beschreibt, wie sich sein unbeweglicher Fuß unter einem Rollstuhl verheddert oder er immer wieder versuchen muss, sich mit der kranken Hand an die Nase zu fassen. Meist vergeblich. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Julia Deck: Privateigentum

Ich fand es falsch den Kater zu töten ganz allgemein und auch in diesem speziellen Fall -, als du mir sagtest, was du mit dem Kadaver anstellen wolltest“ (eBook S. 5) Dieser starke Romanbeginn lässt bereits erahnen, dass im weiteren Text noch mehr Konfliktpotential zu erwarten ist.

Eine Neubausiedlung mit den Komponenten einer hypermodernen Energieversorgung samt Abfallverwertung, ist ein vielversprechendes ökologisch ausgerichtetes Wohnkonzept in einem Vorort von Paris. Hier haben sich Eva und Charles Caradec eines der Häuser gekauft. Endlich weg vom Großstadtlärm, Gestank und Dreck. Endlich etwas Eigenes mit freiem Blick in die Natur und endlich die Chance, dass sich Charles‘ manische Depression unter diesen Bedingungen bessert. Die Caradecs sind die ersten Bewohner im Neubauviertel und stolz auf ihr elegantes Privateigentum. Sie richten sich puristisch ein und genießen ihre neu gewonnene Wohnfreiheit. Doch mit dem Einzug ihrer Nachbarn löst sich der Traum vom Wohnidyll jeden Tag mehr auf. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Gretchen Berg: Die Telefonistin – Mrs. Dalton hört mit

Witzig und mit Retro-Charme: Wir schreiben das Jahr 1952 in der Kleinstadt Wooster in Ohio. In der Kleinstadt geht es recht beschaulich zu, doch über den Klatsch und Tratsch ist eine Person bestens informiert – Vivian Dalton. Als Telefonistin hört sie öfters mal ein Telefongespräch mit an, obwohl dies eigentlich verboten ist.  So rühmt sich Vivian einer großen Menschenkenntnis, auch wenn diese hauptsächlich auf Lauschen basiert. Am liebsten würde sie sich in die Telefongespräche verbal einklinken, um Paare zusammenzuführen oder Unstimmigkeiten zu schlichten. Mit ihrem Mann Edward und ihrer 15-jährigen Tochter Charlotte führt sie ein ruhiges Leben. Insgeheim hofft sie sogar auf einen handfesten Skandal in Wooster. Ihr Wunsch geht in Erfüllung. Dumm nur, dass sie selbst Gegenstand des Skandals ist! Die Telefonistin belauscht einen Anruf, in dem angedeutet wird, dass ihr Ehemann bereits mit einer anderen verheiratet sei. Vivian Dalton als Opfer eines Bigamisten? Das kann und darf nicht sein! Nach der ersten Demütigung macht sich Vivian auf, selbst Recherchen anzustellen. Denn eines hat sie durch ihren Beruf gelernt: Wissen ist Macht! Zu dumm, dass sie es bislang nie eingesetzt hat.

Neben dem Skandal um Vivian Daltons scheinbar ungültige Ehe, ereignet sich ein weiterer Skandal in Wooster. Flora Parker, Angestellte der örtlichen Kreditanstalt, hat gemeinsam mit ihrem Arbeitskollegen Gilbert Ogden 250.000 Dollar veruntreut und ist mit diesem auf und davon. Woraufhin ihr gehörnter Ehemann mit gezogener Waffe wutentbrannt aus dem Haus gestürmt ist und seitdem nicht mehr gesehen wurde. Plötzlich kommen überall lang gehütete Geheimnisse ans Tageslicht. Fest steht: Wooster ist längst nicht so brav und sauber, wie es den Anschein erweckt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Joachim B. Schmidt: Kalmann

Die Handlung spielt auf der Halbinsel Melrakkasletta im Nordosten Islands. Dort leben in dem kleinen Ort Raufarhöfn gerade einmal um die 170 Menschen. Einer davon ist Kalmann, ein etwas zurückgebliebener junger Mann Anfang dreißig. Wie einst sein Großvater ist auch Kalmann Jäger und Haifischfänger. Die Herstellung von Gammelhai und die Jagd auf Polarfüchse ist seine Lebenswelt in der er sich bewegt. Alles was er wissen muss, hat ihm der Großvater beigebracht, der nun im Pflegeheim wohnt. Mit einer jahrelang währenden Engelsgeduld machte dieser Großvater ganz selbstverständlich seinen Enkel Kalmann nach dem Motto learning by doing einigermaßen lebenstüchtig. Obwohl Kalmann schwer von Begriff ist, hat er auch ohne gut lesen oder richtig rechnen zu können gelernt, was Sache ist. Kein Grund zur Sorge, befand Großvater. Es gebe Wichtigeres im Leben als Zahlen und Buchstaben (eBook S. 39). Nur mit Stress kommt Kalmann nicht zurecht. Da kann es vorkommen, dass er seine körperlichen Kräfte nicht unter Kontrolle hat. Dennoch ist er ein gutmütiger Kerl und zudem der selbsternannte Sheriff des Dorfes. Wenn er sich aufmacht um Polarfüchse zu jagen oder mit dem Boot hinaus aufs Meer fährt um Haiköder auszulegen, heftet er seinen Sheriffstern an die Jacke, setzt seinen Cowboyhut auf und schnallt sich die vom Vater geerbte Waffe um. Alle Dorfbewohner akzeptieren Kalmann so wie er ist.

Als Kalmann auf dem Hügel hinterm Dorf, dem Arctic Hengge, auf eine große Blutlache stößt, ist es aus mit der Ruhe in Raufarhöfn, denn zur selben Zeit wird der Hotelbesitzer Róbert McKenzie vermisst. Nachdem ein abgetrennter Arm im Meer gefunden wird, ist man sich sicher, dass Róbert McKenzie einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist und die Kriminalpolizei übernimmt die Ermittlungen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

André Aciman: Find me, Finde mich

Plätschernde Worte, voll verzweifelter Schwere und bezaubernder Leichtigkeit; das sich drehende Rad der Zeit, vor und zurück, mal schnell, mal langsam; sich überschneidende Lebenslinien und nicht zuletzt geschlechtslose, unabdingbare Liebe, die die Zeit zu einer Nichtigkeit werden lässt.

André Aciman versteht sich auch bei seiner Fortsetzung des Erfolgsromans „Call me by your name“ noch immer wie niemand sonst darauf, gesellschaftliche Normen außer Kraft zu setzen und Beziehungen zu spannen, wo andere nur Grenzen sähen. „Find me“ erschien bereits 2019 in englischer, und Anfang 2020 dann schließlich auch in deutscher Sprache und erzählt die Geschichten dreier Männer auf der Suche nach dem Zuhause ihres Herzens.

Samuel, Vater des damals 17-jährigen Elio, findet dieses nach Jahren der Einsamkeit in einem Zug auf dem Weg nach Rom; der mittlerweile erwachsene Elio verbringt einen melancholischen Winter im Colot-Land einer anderen Generation und ein gealterter Oliver kämpft mit unerfüllten Sehnsüchten und der Erinnerung an Bach auf einem Steinway. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Annette Mingels: Dieses entsetzliche Glück

Die 1971 in Köln geborene Autorin Annette Mingels hat mit „Dieses entsetzliche Glück“ einen Episodenroman im Stile Elizabeth Strouts oder Kent Harufs vorgelegt: Die einzelnen Kapitel spielen zwar alle in derselben fiktiven Stadt – Hollyhock in Virginia/USA -, aber dennoch sind sie in sich abgeschlossen: ein Mittelding aus Roman und Geschichten-Sammlung.

Der Autorin geht es dabei stets um das menschliche Miteinander und die schiere Unmöglichkeit, dauerhaft gemeinsam glücklich zu werden. Da ist der junge Mann, der sich ganz klassisch nicht traut, seine Traumfrau anzusprechen, oder das Paar, das vereinbart, jeder dürfe auch mit anderen schlafen. Zunächst nutzt das nur die Frau, aber als sich später für den Mann eine Gelegenheit ergibt, ist sie in Tränen aufgelöst.

Es geht also immer um die großen Gefühle des Menschseins, denen die Autorin feinsinnig nachspürt und gut nachvollziehbar in Text umwandelt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Sue Monk Kidd: Das Buch Ana

Was für ein faszinierendes Buch! Und was für ein wichtiges Buch. Ich habe schon mehrere Romane dieser Autorin gelesen und war jedesmal begeistert, besonders von „Die Erfindung der Flügel“. Und auch „Das Buch Ana“ ist hervorragend. Wieder geht es um die Stimme der Frau, darum, wie Frauen zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte unterdrückt wurden und wie es ihnen dennoch gelang, sich zu befreien, zu sprechen und gehört zu werden. Dazu kommen bei dieser Autorin jedes Mal wieder die genauen Recherchen, die präzise Beschreibung von Ort und Leben, die gelungene Schaffung des entsprechenden Zeitkolorits, seien es das Jahrhundert der Sklavenhaltung in Amerika in „Die Erfindung der Flügel“ oder wie im vorliegenden Roman die ersten Jahrzehnte nach Christi Geburt.

Sue Monk Kidd erzählt in ihrem neuen Roman, der von Judith Schwaab ins Deutsche übersetzt wurde, die Geschichte von Ana, der fiktiven Ehefrau Jesus‘. Ana ist von Kindesbeinen an eine Rebellin, sie weigert sich, die klassische weibliche Rolle der Schweigenden und Dienenden einzunehmen. Schon als Kind ringt sie ihrem Vater die Erlaubnis ab, Lesen und Schreiben zu lernen, etwas für Frauen normalerweise undenkbares. Doch Ana schreibt und schreibt, sie notiert alle Geschichten, die sie hört über Frauen, die unterdrückt, versklavt, misshandelt wurden und sie gibt diesen Frauen ihre Stimmen zurück. Der Roman setzt ein, als Ana 15 Jahre alt ist. Ihr Vater hat für sie einen Ehemann ausgesucht und vollzieht gegen den heftigen Widerstand seiner Tochter die Verlobung mit dem sehr viel älteren Mann. Anas Vater ist Schriftgelehrter und arbeitet für Herodes Antipas, den römischen Statthalter. Damit macht er sich um Unterstützer der Römer und zum Gegner der Juden, die sich der römischen Besatzung erwehren wollen. Heftiger Kämpfer gegen die Römer ist Anas Adoptivbruder Judas, der vom Vater wegen seiner Rebellion aus der Familie verstoßen wird. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Christina Pishiris: This Is (Not) a Love Song

Zoë hat ihren Traum wahrgemacht und arbeitet als Chefredakteurin des Musikmagazins re:sound. Überhaupt besteht ihr Leben vorwiegend aus Musik. Für einen Mann war da bisher kein Platz. Ihr bester Freund aus Sandkastenzeiten, Simon, ist mittlerweile weit weggezogen. Als Teenager hätte sie sich gut vorstellen können, Simon dauerhaft an ihrer Seite zu haben. Doch daraus wurde nie etwas. Dann steht der erwachsene Simon allerdings überraschend vor der erwachsenen Zoë und die Ereignisse überschlagen sich turbulent.

Christina Pishiris gelingt ein humorvoller Liebesroman mit der ein oder anderen chaotischen Wendung. Die Ich-Perspektive von Zoë umschreibt die Geschehnisse. Simon ist wieder in London und das ehemalige Dreamteam nähert sich langsam wieder an und merkt, dass der jeweils andere sich im Laufe der Jahre ganz schön verändert hat. Das sorgt dafür, dass man sich neu auf das Gegenüber einstellen muss und schauen muss, ob die bisherige Freundschaft die Veränderungen tragen kann. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: