Judith Fanto: Viktor

Der Name Viktor steht für Sieger. Viele Jahrzehnte hat seine Familie dies ausgeblendet. Denn viel zu schmerzlich sind ihre Erinnerungen. Und als Geertje 1975 zur Welt kommt, steht sie vor einer Wand des Schweigens. Sie lernt, still zu sein, nicht zu fragen und genau zuzuhören. Doch je älter sie wird, um so drängender wird der Wunsch, mehr über ihre Familie und Viktor zu erfahren. Die Suche nach der Wahrheit und der eigenen Identität entwickelt sich für sie zu einer Obsession. Geertje, die als junge Erwachsene Judith heißen will, kann nicht anders. Sie muss die Wahrheit wissen.

In ihrem preisgekrönten Debüt, übersetzt aus dem Niederländischen von Eva Schweikart, erzählt Judith Fanto, wie tiefgreifend und zugleich nachhaltig der Nationalsozialismus Kultur und jüdisches Leben zerstört hat. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Familiengeschichte beschreibt sie, wie in Wien die Familie Rosenbaum immer mehr Ungerechtigkeit und Ausgrenzung erfährt.  Nach dem Ersten Weltkrieg lebt die Familie in begüterten Verhältnissen. Anton, der Patriarch, lebt als erfolgreicher Anwalt seine Vorstellungen von Recht und Unrecht seinem ältesten Sohn Viktor vor. Gleichzeitig zelebriert er wie alle anderen Familienmitglieder Mahlers Musik. Diese Hingabe zum jüdischen Komponisten bestimmt das Familienleben so stark, dass sie in allem Bezüge zu seiner Biografie herstellen. Gleich zu Beginn des Romans berichtet die Ich-Erzählerin Geertje: „Meine Großmutter wurde an dem Tag geboren, an dem Gustav Mahler starb.“ (S. 13) Weiterlesen

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Carlos Ruiz Zafón: Der Friedhof der vergessenen Bücher: Erzählungen

Der viel zu frühe Tod dieses begnadeten Schriftstellers im vergangenen Jahr reißt eine große Lücke in die Literaturlandschaft. Mit der Veröffentlichung dieser Erzählungen, die in Zusammenhang mit seinen berühmten Barcelona-Romanen stehen, wird ihm posthum ein Wunsch erfüllt.

Ruiz Zafón, dessen Liebe immer seiner Geburtsstadt Barcelona gehörte, hat diese verewigt in seinem Roman-Zyklus um den Friedhof der vergessenen Bücher. Die Romane sind ineinander verwoben, spielen zu ganz unterschiedlichen Zeiten und stehen dennoch miteinander in Zusammenhang, auch wenn man jeden für sich lesen kann. Ich habe sie alle verschlungen, bin eingetaucht in die Stimmung des unterirdischen Barcelonas, habe mitgelitten, mitgefiebert mit den Protagonisten der hochspannenden, geheimnisvollen und mystischen Romane.

Der S. Fischer Verlag hat nun diese Erzählungen herausgebracht, in denen die Figuren der Romane wieder in Erscheinung treten, neue Verbindungen aufgedeckt, Geheimnisse gelüftet und neue geschaffen werden und in denen immer wieder die Stadt Barcelona die Hauptrolle spielt. Die Kongenialität, mit der Ruiz Zafón die Atmosphäre, die Gerüche und Geräusche der Straßen, die Dunkelheit der Gassen und die Anonymität der Plätze beschreibt, ist unerreicht und setzt dieser Stadt wahrhaft ein Denkmal. Weiterlesen

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Simona Baldelli: Die Rebellion der Alfonsina Strada

Il diavolo in gonnella – der Teufel im Rock – wurde sie genannt, und es war nicht freundlich gemeint. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schickte es sich nicht für ein Mädchen, mit nackten Beinen auf dem Rad zu fahren, von Rennen ganz zu schweigen. Doch für Alfonsina ist das Fahrrad ein Symbol für Freiheit und Selbstbestimmung. Sie bringt sich das Fahren selbst bei – heimlich, nachts, mit dem viel zu großen Rad des Vaters. Vom ersten Lohn kauft sie sich ein eigenes Rad, mit 13 gewinnt sie ihr erstes Rennen. Sie fährt zweimal die Lombardei-Rundfahrt und nimmt als erste und einzige Frau am Giro d’Italia teil.

Sie erringt die Bewunderung ihres Mannes und die Anerkennung mancher Fahrer, bekommt den Beinamen „Königin der Tretkurbel“. Von den Leuten und besonders von ihrer Familie erntet sie dagegen nur Schimpf und Vorwürfe. Sie ist „die Irre“ oder gar „die Nutte“.

Das Buch erzählt die Geschichte eines besonderen Tages – es ist der Tag, an dem Alfonsina Strada noch einmal ein Rennen als Gast besucht: Am 13.September 1959 fährt sie mit dem Motorrad zum Tre Valli Varesine. Alfredo Binda und Fausto Coppi werden erwartet. Sie freut sich auf die Begegnung mit Freunden, auf gute Gespräche und einen kleinen Rest Ruhm. Weiterlesen

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Mathias Enard: Das Jahresbankett der Totengräber

David Mazon, Ende 20, studiert in Paris Ethnologie. Er verlässt die Stadt und begibt sich nach La Pierre-Saint-Christophe, ein kleines Dorf im äußersten Westen Frankreichs. Dort will er für seine Doktorarbeit mit dem Arbeitstitel „Was es bedeutet, heutzutage am Land zu leben“ recherchieren. Er logiert bei einem älteren Bauernpaar im hinteren Teil des Hauptgebäudes und findet schnell Anschluss. Der Bürgermeister und Bestattungsunternehmer Martial nimmt ihn unter seine Fittiche und weil David in der Dorf-Informationszentrale, dem Angler-Cafe´, tapfer einiges an Alkohol kippt, findet er Zugang zu den Dorfbewohnern.

Die wilde und eigensinnige Lucie hat es ihm gleich angetan. Sie wohnt mit ihrem autistischen Cousin und ihrem Großvater in dessen schmuddeligen und baufälligen Haus. Lynn, die mobile Friseuse, ist für Thomas den Wirt der Inbegriff aller seiner Träume, aber Lynn unterhält eine Affäre mit dem Künstler Max, der in einem abgelegenen Hof residiert. Als sie jedoch seine „Kunstwerke“ zu Gesicht bekommt, ergreift sie die Flucht, weil sie befürchtet, einem Perversen in die Hände gefallen zu sein.

Die Geschichte kippt zusehends ins Surreale als die Seele des verstorbenen Dorfpriesters in einem Wildschwein in die Gegend zurückkehrt, ohne sich dessen bewusst zu sein und sich herausstellt, dass die drei ständig betrunkenen Gehilfen des Bestatters unsterblich sind. Weiterlesen

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Spencer Wise: Im Reich der Schuhe

Spencer Wise lässt es krachen. Wenn turbokapitalistische, jüdische Schuhfabrikanten und sozialistische, chinesische ArbeiterInnen aufeinandertreffen, kommt es zu allerlei witzigen und todernsten Eskalationen. Erstaunlich, wie wunderbar leicht und teils urkomisch der jüdisch-amerikanische Autor Spencer Wise, welcher selbst in einer Schuhfabrik in Südchina gearbeitet hat, diesen dramatischen Hintergrund behandelt, ohne ihn auf die leichte Schulter zu nehmen. Eigentlich ein unmöglicher Spagat. Dem Autor gelingt er dennoch. Einen wesentlichen Teil mag die sympathische Hauptfigur beitragen. Firmenerbe Alex verliebt sich in eine revolutionär gesinnte Näherin in der Schuhfabrik seines Vaters. Plötzlich steht er zwischen Generationen, Kulturen, Systemen. Wie er sich dabei vom „Schmock“ zum Helden wider Willen wandelt, ist großartig.

Bereits im ersten Kapitel wird deutlich, wie federleicht der Autor zwischen den Welten changiert. Firmenerbe Alex Cohen hat die Großmutter von Ivy, der chinesischen Näherin seines Herzens, auf einem Hausboot besucht. Der Rückweg zum Land folgt über ein wackeliges Floß. Unter den Augen der grinsenden Einheimischen fällt Alex in den Fluss, in jene Chemiebrühe, die von den Abwässern seiner Schuhfabrik verunreinigt wurde. Befleckt und stinkend eilt er in den Meetingraum eines Luxushotels, um die offizielle Firmenübergabe zu unterschreiben. Dort trifft er auf seinen Vater, der sich täglich prophylaktisch eine Antibiotikasalbe in die Nasenlöcher schmiert, „[…] weil China das letzte Land ist, in dem du abkacken willst:“ (S. 12) Dies alles beschreibt der Autor so bildlich und ironisch, dass wir Leser sofort für die Materie eingenommen werden. Und für seinen (Anti-) Helden. Weiterlesen

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Angelika Jodl: Laudatio auf eine kaukasische Kuh

Nicht immer halten Bücher mit solch außergewöhnlichen, einprägsamen Titeln, die einem im Buchladen ins Auge springen, was dieser verspricht, doch in diesem Fall ist der Roman genauso unterhaltsam wie sein Titel.

Angelika Jodl, die auch schon mit ihrem Debütroman „Die Grammatik der Rennpferde“ vor ein paar Jahren sehr erfolgreich war, spinnt hier eine vor allem von den Figuren getragene Geschichte, in der es vorrangig um die Liebe, im Grunde aber vor allem um die Suche nach Identität, nach Wurzeln und Herkunft geht.

Medizinstudentin Olga, momentan in ihrem Praktischen Jahr an einer Klinik in Bonn beschäftigt, hadert mit ihrer Familie. Diese stammt aus Georgien, obwohl sie sich als Griechen betrachten, derweil ihr Vater ein großer Verehrer Stalins ist. Es ist vor allem ihre Mutter, mit der Olga ständig in Streit gerät, denn diese predigt die alten Sitten, nach denen ein Mädchen früh verheiratet wird, und zwar mit einem von den Eltern gewählten Mann. Die unterschiedliche Behandlung von Söhnen und Töchtern zeigt sich immer wieder, wenn Olgas kleiner Bruder gehätschelt und verwöhnt wird, während sie mit Strenge und Vorwürfen erzogen wird. Weiterlesen

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Matthias Nawrat: Reise nach Maine

Die USA-Reise des Protagonisten mit seiner Mutter verläuft ganz anders als gedacht. Zu Beginn wollen Sohn und Mutter sich gemeinsam für eine Woche in New York aufhalten. Danach ist geplant, dass der Sohn, ein Schriftsteller, alleine den Bundesstaat Maine bereist, während seine Mutter bei einem Freund in Texas verweilt, was diese dann aber plötzlich doch nicht mehr will. So bahnt sich bereits im Vorfeld der erste Konflikt an. Der Sohn zeigt sich wenig begeistert von der Aussicht, nun die gesamte Urlaubszeit mit seiner Mutter verbringen zu müssen. Immerhin hat er seine eigenen Pläne von Urlaubsgestaltung, die er ohne Einschränkungen und Rücksichtnahmen wahrnehmen möchte. Ohnehin ist die Reise für ihn  eher eine Pflichterfüllung und großzügige Geste der Mutter gegenüber. Die Mutter dagegen scheint die gemeinsame Urlaubszeit eher als Selbstverständlichkeit zu betrachten. Dabei ist das Verhältnis der beiden nicht übermäßig herzlich. Man hat sich über die Jahre auseinandergelebt, beide haben sich ihr Leben nach den jeweiligen eigenen Vorstellungen eingerichtet.

Kurz nach der Ankunft in ihrer gebuchten Privatunterkunft in New York stürzt die Mutter und braucht ärztliche Hilfe. Hieraus ergeben sich Entwicklungen mit Begegnungen, die absolut nicht geplant waren und sonst nie stattgefunden hätten. Weiterlesen

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Jarka Kubsova: Bergland

Schauplatz des Geschehens in diesem Buch ist der Innerleit -Hof im abgelegenen Tiefenthal in den Südtiroler Bergen. Es wird von drei Generationen berichtet, die dort leben und arbeiten. Die Autorin erzählt nicht chronologisch. Sie verflicht die Handlungsstränge miteinander, enthüllt immer mehr von den Lebensgeschichten, die sich auf Innerleit zutragen.

Eine wichtige Person ist Rosa. Nachdem der eine ihrer Brüder im II. Weltkrieg gefallen und der andere verschollen ist, die Eltern gestorben sind und ihr Ehemann nicht von der Front zurückkehrt, bleibt sie alleine auf dem Anwesen zurück, setzt den alten Hut ihres Vaters auf und schuftet wie ein Mann. Eines Tages kehrt ihr Ehemann endlich heim. Allerdings hat er einen Arm verloren. Der schweren Arbeit nicht gewachsen und an seiner „Nutzlosigkeit“ verzweifelt, bringt er sich um.

Rosa hat inzwischen ein Baby, den kleinen Sepp. Um alle anfallenden Pflichten im Stall, im Wald, in Flur und Feld ohne Hilfe bewältigen zu können, vernachlässigt sie ihr Kind, sperrt es oft ein, um es vor Gefahren zu schützen. Sepp trägt dadurch seelische Verletzungen davon, die sein Leben lang nicht heilen. Er bleibt verschlossen, wortkarg und griesgrämig, sodass seine Frau ihn verlässt und er der erste Bauer im Tal wird, der geschieden ist. Sein Sohn Hannes bleibt aber bei ihm auf Innerleit. Weiterlesen

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René Freund: Das Vierzehn-Tage Date

Eigentlich wollte ich auf keinen Fall je einen Roman lesen, der Corona thematisiert. Aber eigentlich soll man eigentlich ja nicht sagen und überhaupt soll man eigentlich keine Themen von vornherein ausschließen. Und das war in diesem Fall auch richtig, denn der Roman von René Freund lohnt sich, trotz oder wegen Corona.

David, Lehrer und Musiker, kann nur online gut und locker kommunizieren, sobald er einer Frau leibhaftig gegenübersteht, wird es schwierig. Also sucht er auf Tinder nach einer Freundin und trifft dort auf Corinna. Sie verabreden sich zum ersten Date. Da alle Restaurants und Bars wegen Corona – es ist März 2020 – geschlossen haben, besucht Corinna David bei ihm zu Hause.

Doch schon die ersten Minuten verheißen eine Katastrophe. David, pedantisch ordentlich, strukturiert und perfekt organisiert, Veganer und Nichtraucher trifft auf Corinna, chaotisch, ungestüm, unorganisiert, Kettenraucherin und Junk-Food-Junkie. Aber trotz dieses heftigen Clashs beschließen sie, sich eine Chance zu geben. Sie bestellen eine Pizza und hangeln sich mehr schlecht als recht durch einen mühsamen Abend. Weiterlesen

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John von Düffel: Die Wütenden und die Schuldigen

Corona ist nun auch in der Literatur angekommen. John von Düffels neuer Roman „Die Wütenden und die Schuldigen“ spielt im März 2020 – also kommen Masken und Abstandsgebote zumindest am Rande vor.

Der 1966 geborene Autor, der Professor für szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste ist und als Dramaturg am Deutschen Theater Berlin arbeitet, konzentriert sich auf die Mitglieder einer Familie. Sie gehören zu drei verschiedenen Generationen und befinden sich an unterschiedlichen Orten. Da ist der sterbenskranke Richard, ein Pfarrer, den nur noch wenige Tage vom Tod trennen. Da ist seine labile Tochter Maria, die sich zu einem älteren Rabbi hingezogen fühlt, und da ist deren Sohn Jacob, der zwischen Ex-Freundin, drogendealendem Kumpel und exzentrischer Kunst-Professorin durchs Leben schlingert.

​John von Düffel erweist sich als genauer Beobachter. Alle Figuren wirken gleich glaubwürdig, obwohl sie völlig unterschiedlich sind und sich in komplett verschiedenen Lebenswelten befinden. Weiterlesen

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