Heinz Strunk: Es ist immer so schön mit dir

Diesen Protagonisten möchte man am liebsten an den Schultern rütteln, um ihn aus seiner Bräsigkeit herauszuholen. – Aber halt, dann wäre das Buch nur noch halb so amüsant!

Unser Protagonist also, ein Tontechniker mit eigenem Studio, verkörpert den typischen, in die Jahre gekommenen Mittvierziger. In die Jahre gekommen ist auch die Beziehung zu seiner Freundin Julia. Mittlerweile ist sie ihm eher lästig und nicht mehr attraktiv genug. Dabei ist sie eine ehrliche Haut, bemüht sich, arbeitet an ihrer Beziehung und spricht aus, was sie denkt: „Es ist immer so schön mit dir“. Er dagegen lässt sich hängen, will nicht mehr so richtig in die Gänge kommen und frönt seiner Midlifecrisis. Da kommt eine wie die junge B-Klasse-Schauspielerin Vanessa gerade recht. Er kann sein Glück kaum fassen. Sie scheint es tatsächlich auf ihn, den um so viele Jahre Älteren, abgesehen zu haben. So blitzschnell wie er sich in Vanessa verliebt, serviert er die verständige, getreue Julia ab.

Die Verliebtheit verblendet ihn. Dennoch registriert er, dass etwas nicht so recht mit Vanessa zu stimmen scheint. Sie ist so dünn, wird immer dünner, will auch nie etwas essen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Judith Fanto: Viktor

Der Name Viktor steht für Sieger. Viele Jahrzehnte hat seine Familie dies ausgeblendet. Denn viel zu schmerzlich sind ihre Erinnerungen. Und als Geertje 1975 zur Welt kommt, steht sie vor einer Wand des Schweigens. Sie lernt, still zu sein, nicht zu fragen und genau zuzuhören. Doch je älter sie wird, um so drängender wird der Wunsch, mehr über ihre Familie und Viktor zu erfahren. Die Suche nach der Wahrheit und der eigenen Identität entwickelt sich für sie zu einer Obsession. Geertje, die als junge Erwachsene Judith heißen will, kann nicht anders. Sie muss die Wahrheit wissen.

In ihrem preisgekrönten Debüt, übersetzt aus dem Niederländischen von Eva Schweikart, erzählt Judith Fanto, wie tiefgreifend und zugleich nachhaltig der Nationalsozialismus Kultur und jüdisches Leben zerstört hat. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Familiengeschichte beschreibt sie, wie in Wien die Familie Rosenbaum immer mehr Ungerechtigkeit und Ausgrenzung erfährt.  Nach dem Ersten Weltkrieg lebt die Familie in begüterten Verhältnissen. Anton, der Patriarch, lebt als erfolgreicher Anwalt seine Vorstellungen von Recht und Unrecht seinem ältesten Sohn Viktor vor. Gleichzeitig zelebriert er wie alle anderen Familienmitglieder Mahlers Musik. Diese Hingabe zum jüdischen Komponisten bestimmt das Familienleben so stark, dass sie in allem Bezüge zu seiner Biografie herstellen. Gleich zu Beginn des Romans berichtet die Ich-Erzählerin Geertje: „Meine Großmutter wurde an dem Tag geboren, an dem Gustav Mahler starb.“ (S. 13) Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Christina Henry: Die Chroniken von Peter Pan: Albtraum im Nimmerland

Wer kennt sie nicht – die Geschichte von dem Jungen, der nie erwachsen werden wollte? Die Disney Verfilmung ist uns ebenso im Gedächtnis geblieben, wie die literarische Vorlage aus der Feder von James Matthew Barrie. Nach Nimmerland hat es Peter Pan verschlagen, eine Insel im Nirgendwo, bevölkert von Piraten, gefährlichen Tieren und jeder Menge Wald. Hier können die Jungen, die Peter auf seinen Streifzügen zu sich holt, Abenteuer erleben, können frei sein und sich entfalten.

Christina Henry, die sich in ihren Werken auf die Neuinterpretation klassischer Geschichten spezialisiert und damit mehr als erfolgreich auch bei uns die Bestsellerlisten gestürmt hat, hat sich des Motivs angenommen. Und, wie wir dies von ihr gewohnt sind, natürlich ein wenig anders als bekannt. So steht im Mittelpunkt des Romans nicht etwa der titelgebende Peter Pan, sondern sein erster Freund, Spielkamerad und Helfer Jamie, dem er versprochen hat, dass er niemals alt, nie erwachsen werden wird. Für immer glücklich, so das Versprechen, doch dieses gilt nur so lange, bis sie langweilen, krank werden oder sterben. Peter ist dies völlig gleichgültig, für ihn gilt, wer einmal auf der Insel gewesen ist, der bleibt auf der Insel.

Und Jamie berichtet uns von einem Peter Pan, der mit dem weichgespülten Disney-Epigonen wenig zu tun hat. Peter ist ein egozentrischer, egoistischer und geltungssüchtiger Junge, der seine Freunde gerne einmal triezt, verletzt oder auch zum Sterben verurteilt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Carlos Ruiz Zafón: Der Friedhof der vergessenen Bücher: Erzählungen

Der viel zu frühe Tod dieses begnadeten Schriftstellers im vergangenen Jahr reißt eine große Lücke in die Literaturlandschaft. Mit der Veröffentlichung dieser Erzählungen, die in Zusammenhang mit seinen berühmten Barcelona-Romanen stehen, wird ihm posthum ein Wunsch erfüllt.

Ruiz Zafón, dessen Liebe immer seiner Geburtsstadt Barcelona gehörte, hat diese verewigt in seinem Roman-Zyklus um den Friedhof der vergessenen Bücher. Die Romane sind ineinander verwoben, spielen zu ganz unterschiedlichen Zeiten und stehen dennoch miteinander in Zusammenhang, auch wenn man jeden für sich lesen kann. Ich habe sie alle verschlungen, bin eingetaucht in die Stimmung des unterirdischen Barcelonas, habe mitgelitten, mitgefiebert mit den Protagonisten der hochspannenden, geheimnisvollen und mystischen Romane.

Der S. Fischer Verlag hat nun diese Erzählungen herausgebracht, in denen die Figuren der Romane wieder in Erscheinung treten, neue Verbindungen aufgedeckt, Geheimnisse gelüftet und neue geschaffen werden und in denen immer wieder die Stadt Barcelona die Hauptrolle spielt. Die Kongenialität, mit der Ruiz Zafón die Atmosphäre, die Gerüche und Geräusche der Straßen, die Dunkelheit der Gassen und die Anonymität der Plätze beschreibt, ist unerreicht und setzt dieser Stadt wahrhaft ein Denkmal. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Simona Baldelli: Die Rebellion der Alfonsina Strada

Il diavolo in gonnella – der Teufel im Rock – wurde sie genannt, und es war nicht freundlich gemeint. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schickte es sich nicht für ein Mädchen, mit nackten Beinen auf dem Rad zu fahren, von Rennen ganz zu schweigen. Doch für Alfonsina ist das Fahrrad ein Symbol für Freiheit und Selbstbestimmung. Sie bringt sich das Fahren selbst bei – heimlich, nachts, mit dem viel zu großen Rad des Vaters. Vom ersten Lohn kauft sie sich ein eigenes Rad, mit 13 gewinnt sie ihr erstes Rennen. Sie fährt zweimal die Lombardei-Rundfahrt und nimmt als erste und einzige Frau am Giro d’Italia teil.

Sie erringt die Bewunderung ihres Mannes und die Anerkennung mancher Fahrer, bekommt den Beinamen „Königin der Tretkurbel“. Von den Leuten und besonders von ihrer Familie erntet sie dagegen nur Schimpf und Vorwürfe. Sie ist „die Irre“ oder gar „die Nutte“.

Das Buch erzählt die Geschichte eines besonderen Tages – es ist der Tag, an dem Alfonsina Strada noch einmal ein Rennen als Gast besucht: Am 13.September 1959 fährt sie mit dem Motorrad zum Tre Valli Varesine. Alfredo Binda und Fausto Coppi werden erwartet. Sie freut sich auf die Begegnung mit Freunden, auf gute Gespräche und einen kleinen Rest Ruhm. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Mathias Enard: Das Jahresbankett der Totengräber

David Mazon, Ende 20, studiert in Paris Ethnologie. Er verlässt die Stadt und begibt sich nach La Pierre-Saint-Christophe, ein kleines Dorf im äußersten Westen Frankreichs. Dort will er für seine Doktorarbeit mit dem Arbeitstitel „Was es bedeutet, heutzutage am Land zu leben“ recherchieren. Er logiert bei einem älteren Bauernpaar im hinteren Teil des Hauptgebäudes und findet schnell Anschluss. Der Bürgermeister und Bestattungsunternehmer Martial nimmt ihn unter seine Fittiche und weil David in der Dorf-Informationszentrale, dem Angler-Cafe´, tapfer einiges an Alkohol kippt, findet er Zugang zu den Dorfbewohnern.

Die wilde und eigensinnige Lucie hat es ihm gleich angetan. Sie wohnt mit ihrem autistischen Cousin und ihrem Großvater in dessen schmuddeligen und baufälligen Haus. Lynn, die mobile Friseuse, ist für Thomas den Wirt der Inbegriff aller seiner Träume, aber Lynn unterhält eine Affäre mit dem Künstler Max, der in einem abgelegenen Hof residiert. Als sie jedoch seine „Kunstwerke“ zu Gesicht bekommt, ergreift sie die Flucht, weil sie befürchtet, einem Perversen in die Hände gefallen zu sein.

Die Geschichte kippt zusehends ins Surreale als die Seele des verstorbenen Dorfpriesters in einem Wildschwein in die Gegend zurückkehrt, ohne sich dessen bewusst zu sein und sich herausstellt, dass die drei ständig betrunkenen Gehilfen des Bestatters unsterblich sind. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Andy Weir: Der Astronaut

Als Ryland Grace aufwacht, weiß er nicht, wo er ist und auch nicht wer er ist. Er hat sein Gedächtnis verloren und ist allein. Mit ihm im Raum befinden sich zwei Leichen…

Was wie der Anfang eines Krimis klingt, ist die Ausgangssituation, aus der der Protagonist des neuesten Romans von Andy Weir („Der Marsianer“) allmählich herausfinden muss. Stück für Stück gelingt ihm das auch. Erinnerungen blitzen auf, die ihn schließlich zu dem Schluss kommen lassen, dass er sich in einem Raumschiff befindet und in einer Mission unterwegs ist, die nichts Geringerem dient, als die Erde zu retten.

Ein Mann allein im Weltraum. Da kommen sofort Erinnerungen an das Setting von Weirs Mars-Erfolgsroman auf. Trotz gewisser Ähnlichkeiten ist die Story von „Der Astronaut“ aber völlig anders: Die Sonne verliert durch ein zunächst unerklärliches Phänomen an Leuchtkraft. Der Erde droht innerhalb weniger Jahre eine Abkühlung um 15 °C und mehr, was gigantische Katastrophen zur Folge haben wird. Und Ryland Grace ist der auserkorene Retter.

Das Buch entwickelt sich schnell zu einem echten Pageturner. Grace ist sympathisch und hat immer wieder gute Ideen, die ihn weiterbringen. Unterhaltsam ist auch der insgesamt für Grace wenig hilfreiche Bordcomputer, der ihn mit Fragen (‚Was ist 2 x 2?‘) löchert, ihm den Zugang zur Brücke erst gewährt, als Grace sich an seinen Namen erinnert, sich aber keinerlei Information über die Mission oder auch nur eine Bedienungsanleitung für das Raumschiff entlocken lässt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Spencer Wise: Im Reich der Schuhe

Spencer Wise lässt es krachen. Wenn turbokapitalistische, jüdische Schuhfabrikanten und sozialistische, chinesische ArbeiterInnen aufeinandertreffen, kommt es zu allerlei witzigen und todernsten Eskalationen. Erstaunlich, wie wunderbar leicht und teils urkomisch der jüdisch-amerikanische Autor Spencer Wise, welcher selbst in einer Schuhfabrik in Südchina gearbeitet hat, diesen dramatischen Hintergrund behandelt, ohne ihn auf die leichte Schulter zu nehmen. Eigentlich ein unmöglicher Spagat. Dem Autor gelingt er dennoch. Einen wesentlichen Teil mag die sympathische Hauptfigur beitragen. Firmenerbe Alex verliebt sich in eine revolutionär gesinnte Näherin in der Schuhfabrik seines Vaters. Plötzlich steht er zwischen Generationen, Kulturen, Systemen. Wie er sich dabei vom „Schmock“ zum Helden wider Willen wandelt, ist großartig.

Bereits im ersten Kapitel wird deutlich, wie federleicht der Autor zwischen den Welten changiert. Firmenerbe Alex Cohen hat die Großmutter von Ivy, der chinesischen Näherin seines Herzens, auf einem Hausboot besucht. Der Rückweg zum Land folgt über ein wackeliges Floß. Unter den Augen der grinsenden Einheimischen fällt Alex in den Fluss, in jene Chemiebrühe, die von den Abwässern seiner Schuhfabrik verunreinigt wurde. Befleckt und stinkend eilt er in den Meetingraum eines Luxushotels, um die offizielle Firmenübergabe zu unterschreiben. Dort trifft er auf seinen Vater, der sich täglich prophylaktisch eine Antibiotikasalbe in die Nasenlöcher schmiert, „[…] weil China das letzte Land ist, in dem du abkacken willst:“ (S. 12) Dies alles beschreibt der Autor so bildlich und ironisch, dass wir Leser sofort für die Materie eingenommen werden. Und für seinen (Anti-) Helden. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Andreas Winkelmann: Die Karte

Der erfahrene Kommissar Jens Kerner befindet sich an einem Punkt, an dem seine Arbeit eine Bürde geworden ist. Dies liegt auch an der Kollegin, die seit einer Weile wegen Krankheit fehlt. Schaut er auf sein Leben zurück, blickt er auf zwei gescheiterte Ehen, eine leere Wohnung, ein leeres Leben.

Was macht ein Kommissar, der keine Leichen mehr sehen kann und aktuell einen brutalen Serienmörder fangen muss?

Andreas Winkelmann gehört zu den erfolgreichen Thrillerautoren. Er schreibt als überzeugter Naturliebhaber und „Outdoorfreak“ ebenfalls Sachbücher. Während in seinen Thrillern das Perfide, Brutale auf die eine oder andere Weise gestoppt wird, lebt er privat mit seiner Familie zurückgezogen in einem alten, in seinen Augen gruseligen Bauernhof, weit weg von anderen Menschen.

In seinem aktuellen Thriller geht es nur vordergründig um die Ermordung schöner selbstbewusster junger Frauen in der Hansestadt Hamburg. Seine verschiedenen Protagonisten zeigen sich von ihrer menschlichen Seite. Sie treiben Sport, pflegen in den sozialen Medien Freundschaften, zweifeln, haben Angst und machen Fehler. Mal reflektieren sie ihr Handeln und versuchen aus ihrem verhängnisvollen Kreislauf auszubrechen oder sie stolpern, bis sie am Boden liegen. Insbesondere der ermittelnde Kerner erfährt sehr schnell, dass jede seiner Entscheidungen Folgen haben wird, manche kommen ohne Vorankündigung wie ein Faustschlag. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Angelika Jodl: Laudatio auf eine kaukasische Kuh

Nicht immer halten Bücher mit solch außergewöhnlichen, einprägsamen Titeln, die einem im Buchladen ins Auge springen, was dieser verspricht, doch in diesem Fall ist der Roman genauso unterhaltsam wie sein Titel.

Angelika Jodl, die auch schon mit ihrem Debütroman „Die Grammatik der Rennpferde“ vor ein paar Jahren sehr erfolgreich war, spinnt hier eine vor allem von den Figuren getragene Geschichte, in der es vorrangig um die Liebe, im Grunde aber vor allem um die Suche nach Identität, nach Wurzeln und Herkunft geht.

Medizinstudentin Olga, momentan in ihrem Praktischen Jahr an einer Klinik in Bonn beschäftigt, hadert mit ihrer Familie. Diese stammt aus Georgien, obwohl sie sich als Griechen betrachten, derweil ihr Vater ein großer Verehrer Stalins ist. Es ist vor allem ihre Mutter, mit der Olga ständig in Streit gerät, denn diese predigt die alten Sitten, nach denen ein Mädchen früh verheiratet wird, und zwar mit einem von den Eltern gewählten Mann. Die unterschiedliche Behandlung von Söhnen und Töchtern zeigt sich immer wieder, wenn Olgas kleiner Bruder gehätschelt und verwöhnt wird, während sie mit Strenge und Vorwürfen erzogen wird. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: