Barbara Pym: Quartett im Herbst (1977)

Vier Arbeitskollegen straucheln im „Herbst“ ihres Lebens – oder vielmehr kurz vor der Rente. Wie kaum eine andere versteht es die englische Autorin Barbara Pym sarkastische Spitzen und leise Untertöne, Humor und Tragik so gekonnt zu vermischen. Ihre vier unterschiedlichen Charaktere skizziert sie haargenau. Die Figuren blitzen so lebhaft vor unserem inneren Auge auf, als würden sie uns bei einem Earl Grey auf dem Sofa gegenübersitzen. Die Autorin staffiert jede einzelne mit ebenso liebenswerten wie skurrilen Eigenheiten aus. Edwin, Norman, Letty und Marcia sind zwar grundverschieden, dennoch verbindet sie mehr als nur ihre Arbeit in der Abteilung einer Londoner Firma. Alle vier sind alleinstehend, einsam und wissen nicht, womit sie die langen Tage abseits des Büros füllen sollen. Oder wie Norman sich angesichts der gefürchteten Ferienzeit eingestehen muss: „Ein paar Urlaubstage hatte er noch in der Hinterhand. ‚Man weiß nie, wozu so etwas gut sein kann‘, sagte er, aber er argwöhnte selbst, dass ihm diese Reservetage nie zu etwas gut sein würden, sondern sich vor ihm ansammeln würden wie die Haufen toten Laubs, die im Herbst auf die Gehsteige geweht wurden.“ (S. 60)

Die menschenscheue Marcia hat eine Marotte: Sie sammelt Milchflaschen und Konservendosen, um sie ständig neu zu sortieren, während Haushalt und Garten verwildern. Seit ihrer Mastektomie schwärmt sie für ihren Chirurgen Dr. Strong. Die Kontrolluntersuchungen werden zum sozialem Highlight. Obendrein sticht sie durch einen ziemlich schrillen Modegeschmack, beziehungsweise durch Fehlen desselben, ins Auge. Weiterlesen

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Edvart Hoem: Die Hebamme

Marta Kristines Eltern sind Häusler. 1800 bedeutete dieser Beruf in Norwegen eine geringe soziale Stellung und hohe Steuerlast. Häusler lebten in kleinen Häusern oder Hütten mit wenig Grundbesitz und mussten als Gegenleistung für die Großbauern unter anderem als Erntehelfer arbeiten. Erst wenn dessen Ernte sicher eingebracht war, konnten sie sich um ihre eigene Ernte kümmern. Dies hieß: ernten zur falschen Zeit und unter ungünstigen Wetterbedingungen. Häusler arbeiteten meist als Dienstboten, Tagelöhner oder Handwerker. Für junge Frauen mit wenig Schulbildung gab es nur die Heirat mit einem Bauern oder die Arbeit als Magd. Aber Marta Kristine wollte mehr. Sie wollte in ihrem Leben etwas bewirken und kam schon sehr früh auf den Gedanken, den Frauen helfen zu wollen. Für ein armes Häuslermädchen war die Ausbildung zur Hebamme undenkbar unter anderem auch, weil sie als Unverheiratete ein Kind bekam. Trotzdem „Die ihr eigene Ruhelosigkeit würde sie antreiben –  hin zu etwas, das größer war als ihr jetziges Leben. Bei allem, was sie tat, stand flirrend eine einzige Frage vor ihr, was wird aus einer wie mir, wenn Hans mich nicht mehr haben will?“ (S. 61)

Es dauerte einige Jahre, bis sie ihre Jugendliebe Hans heiraten konnte und ähnlich lang, Fürsprecher für ihre Ausbildung zu gewinnen. Doch die eigentlichen Herausforderungen kamen noch. Hebammen-Stina wurde von den werdenden Müttern gemieden. Weiterlesen

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Genevieve Cogman: Die Bibliothekare 07: Das geheime Gewölbe

Irene Winter, immerhin Agentin der Bibliothek und das fett geschrieben, hat sich in ihrem Leben schon Meriten verdient, Freunde gefunden und leider auch so einige Feinde zurückgelassen. Zu Letzteren zählen das Elfen-Ehepaar Lord und Lady Guantes sowie der ehemalige Bibliothekar Alberich. Nun, zumindest der Lord hat sich, Dank eines scharfen Messers im Leib wohl als Bedrohung erledigt, auch von Alberich hat man, angesichts der Tatsache, dass ihn Irene in seiner brennenden Bibliothek eingeschlossen zurückgelassen hat nichts mehr gehört. Die rachsüchtige Lady ist verschollen.

Inzwischen ist Irene so nebenbei Ausbilderin einer jungen Elfe, die unbedingt Bibliothekarin werden möchte und zuständig dafür, dass der mühsam ausgehandelte, brüchige Frieden zwischen Elfen und Drachen eingehalten wird. Da kommt es nicht wirklich geschickt, dass sie und ihre Freunde in der Welt, für deren Beaufsichtigung sie eingeteilt wurde, zum Ziel diverser Mordanschläge werden. Irgend Jemand, ein neues Verbrecher-Mastermind wie ihr Freund, der Detektiv Vale meint, hat sie, ihren Drachenliebhaber Kai, den Detektiv Val und ihre Azubine ins Visier genommen. Die Einschläge kommen immer näher, die Hinweise verdichten sich, dass lang besiegt geglaubte, ja getötete Feinde wieder von sich Reden machen … Weiterlesen

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Franz Hohler: Der Enkeltrick

Die elf Erzählungen des Schweizer Autors sind wie die Alpen, die in seinen Werken häufig eine Rolle spielen. Von starker Substanz und solider Schönheit, strömt das Zufällige oder eben nicht Zufällige, das alltäglich Wahnsinnige und Unerklärliche ganz luzide-leicht durch Schluchten und Klämme in den Plot hinein. Stets streift der Autor gekonnt das Phantastische, bleibt dabei aber im Bereich des Möglichen. So wohnt jeder Erzählung ein ganz besonderes Überraschungsmoment inne. Mal erwischt uns der Autor eiskalt, mal spielt er mit unseren Erwartungen, um sie in denkbar gegenteiliger Art aufzulösen. Scheinbar Harmloses entpuppt als doppelbödig, während offenbar Wundersames als Fälschung entlarvt wird. So oder so: Franz Hohlers Geschichten sind ein literarisches Happening. Aber nach 160 Seiten leider viel zu schnell vorbei.

Allein schon die titelgebende Einstiegsgeschichte hat es in sich. Sie beginnt, wie vermutet, mit einer dementen Dame, die von einer Trickbetrügerin hereingelegt werden will. Doch die Geschichte nimmt eine völlig unerwartete Wendung. Denn es ist gerade die Demenz und gar das vereitelte Verbrechen, welches Amalie zu einem Abenteuer verhilft. Zu einem Traum, den sie sich klaren Verstandes nie hatte verwirklichen können. Dieser Plot-Twist kommt so federleicht daher, so natürlich, dass wir dem Autor ganz selbstverständlich durch die Geschichte folgen. Weiterlesen

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Stefan Barz: Die Schreie am Rande der Stadt

Gibt es Lebensumstände, die einen Mord legitimieren? Mit dieser Frage wird der Lesende des neuen Titels von Stefan Barz konfrontiert. Aber nicht nur die Fragestellung finde ich mutig. Der Autor, der 1975 in Köln geboren wurde, greift ein dunkles Kapitel seiner Wohnstadt Wuppertal auf. Nach drei Eifel-Krimis hat der promovierte Religionslehrer seine kriminalistischen Aktivitäten ins Bergische Land verlegt.

Ein Tipp vorweg: Mit dem Nachwort beginnen! Mit „Die Schreie am Rande der Stadt” erzählt Stefan Barz die Geschichte des KZ Kemna. Das Lager war ein sehr frühes KZ und diente den Nationalsozialisten der „Einschüchterung“ von Juden, Sozialdemokraten, Gewerkschaftlern und Kommunisten. Natürlich stellt sich dem Lesenden schnell die Frage, ob solch ein historisch belasteter Ort die Hintergrundfolie für ein Unterhaltungsmedium sein kann. Schließlich lebt der Autor an diesem Ort und muss damit rechnen jede Menge Erinnerungen von Zeitzeugen und deren Angehörigen zu wecken. Ein mutiges Unterfangen des Autors, der einen Plot vorlegt,  welcher mit Sicherheit von den üblichen Krimi-Klischees abweicht. Weiterlesen

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Elise Hooper: Fast Girls

Es war Freitag, und ihre Eltern erwarteten, dass sie Pa am Wochenende half, die Werkzeuge und Gerätschaften zu reinigen, die am Mittwoch mit versteigert werden sollten. Helen schob sich das Haar aus dem Gesicht und betrachtete ihr Farmhaus. Der scharfe Wind trieb ihr die Tränen in die Augen. […] Auf jede schöne Erinnerung mit Bobbie Lee kamen drei schlechte mit Pa.“ (S. 269)

Helen fällt jedem auf. Sie ist groß, nicht besonders hübsch und liebt das Laufen. Nur der Sport schenkt ihr Selbstvertrauen, und weil sie viel schneller als alle anderen in der Schule läuft, wird ihr Talent gefördert. Irgendwann begreift Helen, dass Laufen viel mehr sein kann als nur ein Sport.

Die Autorin Elise Hooper schreibt für das Fernsehen und studierte Literatur und Geschichte. In ihren historischen Romanen stellt sie Frauen vor, die in der Geschichtsschreibung systematisch übersehen worden sind. Dies holt sie nun nach. Die von ihr gezeichneten Sportlerinnen waren in der Sportgeschichte Pionierinnen. Sie drangen in eine Männerwelt ein, die irritiert und ablehnend reagierte. Trotzdem blieben sie ihrem Talent treu, wurden selbstbewusst und stark. Die nachfolgende weibliche Generation in der Leichtathletik durfte diesen Gewöhnungsprozess in der öffentlichen Aufmerksamkeit weiter aufbauen und auf mehr Toleranz hoffen. Die Botschaft der Autorin ist dabei offensichtlich: Gleiche Rechte für alle. Dies zeigt die Autorin, indem sie Fakten und Fiktion harmonisch zu einer überzeugenden Geschichte vereint hat. Die schnellen Mädchen, unter anderem Betty, Helen und Louise, rennen auf dem Weg zu ihrer Sportkarriere quasi um ihr Leben. Weiterlesen

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Sigurd Hartkorn Plaetner: Die allerbeste Zeit meines Lebens

Der Debütroman des 1989 geborenen dänischen Autors Sigurd Hartkorn Plaetner, „Die allerbeste Zeit meines Lebens“, beginnt vielversprechend: Der Text fängt glaubwürdig und authentisch die Lebenssituation eines jungen Mannes – Vitus heißt er – in Kopenhagen ein. Der hängt rum, betrinkt sich altersgerecht mit seinen Freunden und versteht sich derzeit nicht besonders gut mit Vater und Stiefmutter. Sein größtes Problem aber ist seine schwangere Exfreundin, von der er eine Abtreibung verlangt.

Doch dann lernt er die lebenslustige Emma kennen, und seine Situation ändert sich schlagartig. Vitus, der zuvor etwas übellaunig und unsympathisch rübergekommen war, verliebt sich Hals über Kopf in sie, und die Welt hängt für ihn sprichwörtlich voller Geigen. Die beiden verbringen eine wunderbare Zeit an der Amalfiküste. Doch Emma verbirgt ein Geheimnis … Weiterlesen

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Jo Nesbø: Eifersucht

Den norwegischen Schriftsteller Jo Nesbø (Jahrgang 1960) muss ich nicht mehr vorstellen. Viel zu bekannt und berühmt ist er durch seine Krimis mit dem einmaligen Harry Hole. Gelegentlich schreibt Nesbø auch Bücher, die ohne seinen Kult-Ermittler auskommen. So in dem neuen Band „Eifersucht“, der sieben Geschichten zu diesem Thema enthält. Das Buch ist am 1. November 2021 in einer Übersetzung von Günther Frauenlob bei Ullstein Buchverlage erschienen.

„Sieben Storys, ein Motiv“ heisst es im Klappentext und so dreht sich in den Kurzkrimis alles um die Eifersucht.

In der ersten Geschichte „London“ sitzt eine von ihrem Ehemann und ihrer besten Freundin betrogene Frau im Flugzeug von New York nach London und kommt mit ihrem Sitznachbar ins Gespräch. Zwischen den beiden entwickelt sich eine vertrauensvolle Nähe, in der die Frau erzählt, dass sie eine Selbstmordfirma beauftragt hat, sie umzubringen. Nun ist sie aber nicht mehr sicher, ob sie das wirklich will.

Die Titelgeschichte „Eifersucht“ ist die längste im Buch. Da verlieben sich die Zwillingsbrüder Franz und Julian auf der griechischen Insel Kalymnos in die selbe Frau. Julian verschwindet nach einem Streit mit seinem Bruder und Nikos Balli, Eifersuchtsexperte aus Athen, beginnt mit seinen Ermittlungen. Irgendwann taucht Julian wieder auf, dafür ist Franz weg. Balli steht vor einer verzwickten Situation und wird außerdem von seiner eigenen Vergangenheit verfolgt. Weiterlesen

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Paolo Cognetti: Das Glück des Wolfes

Paolo Cognetti entführt seine Leser in die Alpen, in raue Natur und grandiose Schönheit. Hier, inmitten von hohen Bergen, Gletschern und Naturgewalten, begegnen wir drei unterschiedlichen Menschen. Der Roman begleitet die Protagonisten über ein Jahr, zeigt sie in unterschiedlichen Jobs und Begegnungen, begleitet sie bei ihren Entscheidungen.

Der Schriftsteller Fausto findet nach der Trennung von seiner langjährigen Freundin Zuflucht dem kleinen Bergdorf Fontana Fredda am Fuße des Monte Rosa Massivs. Dort verdient er seinen Lebensunterhalt als Koch in der Dorfkneipe „Babettes Gastmahl“. Auch Silvia arbeitet bei Babette – als Kellnerin. Santorso, im Winter Schneeraupenfahrer auf der Skipiste und ehemaliger Forstpolizist, ist Stammgast im Lokal.

Zwischen Fausto und Santorso entwickelt sich im Verlauf des Jahres eine lose Freundschaft. Zwischen Fausto und Silvia entspinnen sich gleich zu Beginn unsichtbare Fäden, sie umwerben sich und werden ein Paar. Schlafen miteinander, erzählen sich von ihrem Leben und ihren Träumen. Beide sind auf der Suche – nach einem Platz, einem Ziel, einem Zuhause. Weiterlesen

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Flurin Jecker: Ultraviolett

„Ultraviolett“ hat mich ab den ersten Seiten regelrecht in einen Leserausch versetzt. Es ist ein Buch über Freundschaft, Schmerz, Liebe, Selbstfindung, Verlust, Ängste, Technokultur und über all jene Dinge, die uns junge Erwachsene ausmachen – abgrundtief ehrlich und realistisch.

Der Autor präsentiert uns interessante Portraits von außergewöhnlichen Menschen, deren Leben keineswegs glatt und einfach sind, sondern geprägt von Einschnitten, Abstürzen und Ereignissen. Allen voran Held, den Hauptprotagonisten, der schon jahrelang durch Berlins Technoclubnächte tanzt, um so einiges in seinem Leben zu verdrängen. Man spürt, wie haltlos er ist und mit sich und der Welt ringt. Er stürzt sich hinein ins Nachtleben und geht darin fast verloren, bis er Mira kennenlernt. Doch der berauschende Nebel und die Geister, die ihn heimsuchen, sind längst nicht verschwunden. Das perfekte Leben für ihn scheint wie eine nie endende Party, auf der er einfach nicht aufhören will, zu tanzen. Weiterlesen

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