Femi Fadugba: The Upper World – Ein Hauch Zukunft

Direkt auf den ersten Seiten hat mich die gleiche erfrischende Neugier gepackt, die mich durch Träume treibt: keine Panik, nicht wegrennen, sondern mit Anlauf hineinstürzen. Es geht um Esso, einem schwarzen Teenager in Londons Süden, der nicht nur in einen Bandenkrieg stolpert, sondern ein Autounfall ihm auch noch plötzlich Visionen von einer Welt zwischen Vergangenheit und Zukunft beschert.

Meine Kollegen behaupten, dass ich Wissenschaft mit Voodoo vermische, aber ich glaube, dass jeder von uns Verborgene Energie spüren kann. Sie umgibt uns, fließt an uns vorbei, durch uns hindurch.“ (Seite 326)

Man spürt, dass in dem Buch persönliche Erfahrungen des Autors eine tragende Rolle spielen, dennoch konnten mich die wissenschaftlichen Erklärungen nicht gänzlich packen. Ich bin hin- und hergerissen. Die anregend-geistreiche Grundidee und der rhythmisch-bemerkenswerte Schreibstil wird leider durch eine nicht immer nachvollziehbare Storyline, blassen Charakteren und gefühlt seitenweise Physiktheorien ausgebremst. Weiterlesen

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Christiane Tramnitz: Das Dorf und der Tod

Eine True-Crime-Story aus Oberbayern, deren unheilvolle Wurzeln bis ins Jahr 1921 zurückreichen. Nicht erst seit Romanen wie „Das finstere Tal“ von Thomas Willmann wissen wir, dass es im abgeschiedenen Mikrokosmos der Bergwelten um die Frauenrechte meist nicht zum Besten stand. Mein Körper gehört mir? Fehlanzeige. Diese bittere Erfahrung muss auch die achtzehnjährige Dorfschönheit Vroni machen, die von „Hallodri“ und Revolutionär Lorenz kurz nach dem Ersten Weltkrieg schwanger wird. Um einen Skandal zu vermeiden, greifen ihre Eltern zu drastischen Maßnahmen. Die böse Saat des Verderbens ist gesät. Doch sie reift erst Generationen später zu den Früchten des Zorns heran und entlädt sich im Jahr 1995 in einer ungeheuerlichen Tat. Autorin Christiane Tramnitz ist selbst in diesem bayerischen Dorf aufgewachsen und rollt den Fall aus verschiedenen Perspektiven auf, wobei ihr ihre Erfahrungen als promovierte Verhaltensforscherin zugutekommen. Das Resultat ist kein Krimi im eigentlichen Sinn. Sondern eine spannende Universalgeschichte, die der Gesellschaft zwischen zwei Weltkriegen den Spiegel vorhält. Denn auch außerhalb von Vronis persönlichem Unglück wimmelt es von Tragödien. Die Verlierer des ersten Weltkrieges – arme, von den „Judenbanken“ ausgeblutete Bauern – werden zu radikalen Vorreitern der NSDAP. Helfer, Mitläufer, Geflüchtete, Widerständler, Opfer und Täter kristallisieren sich immer mehr im Verlauf des Plots heraus. Von klein an zu Gehorsam erzogen, von Eltern und Kirche der eigenen Stimme beraubt, wächst eine Generation heran, die nicht gelernt hat, für eigene oder die Rechte anderer einzutreten. Weiterlesen

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Jay Kristoff: Das Babel-Projekt 01: Lifelike

Es gab einmal eine Zeit, als man die Gegend, die heute nur mehr lebensfeindliche, verstrahlte Wüste ist, als Kaliforniern kannte. Inzwischen erinnert sich niemand mehr an den Namen, viel weniger noch, an das Land.

Seit dem großen Beben, dem Aufriss des Sankt Andreas Grabens und der verheerenden Explosion eines der Forschungsstandorte lebt es nicht nicht mehr wirklich gut hier. Eve hat dies seit frühester Kindheit gemerkt. Eines Nachts drang die Miliz in ihr Haus ein, erschoss erst und ohne jegliche Skrupel vor den Augen der Kinder die Eltern, dann kam ihr Bruder und ihre Schwestern an die Reihe. Auch ihr wurde eine Kugel in den Kopf gejagt – seitdem hat sie ein schwarzes Stahlauge, das ihr Großvater ihr besorgt hat. Zur Rettung ihres Opas vor dem, von der Radioaktivität verursachten Krebs braucht sie Arznei – etwas, die es nur gegen harte Währung gibt. So nimmt sie seit Monaten schon an Arenawettkämpfen teil und ist immerhin seit 8 Begegnungen ungeschlagen.

Dieses Mal aber geht etwas schief – ihr Gegner, ein gigantischer Roboter hat schon die Klaue erhoben um sie zu Mus zu zermatschen, als ihr ein Schrei entfährt – mit drastischen Folgen! Die Platinen ihres Gegners brennen durch – es gelingt ihr zu fliehen. Auf dem Heimweg begegnen ihr drei Drohnen, die von einem kleinen Helikopter angegriffen werden. Sie retten den abstürzenden Piloten, bringen den toll aussenden Jüngling, dem der weggerissene Arm scheinbar nicht viel ausmacht, in ihr Heim. Kurz danach klopft der Orden lautstark an – schließlich hat Eves Schrei bewiesen, dass sie verändert wurde – somit nach ihrer Doktrin kein Recht mehr auf Leben hat und ans Kreuz genagelt gehört. Weiterlesen

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Raymond Chandler: Die Lady im See (1943)

„Die Lady im See “, im Original „The Lady in the Lake”, ist Chandlers vierter Roman. Er wurde im Jahr 1943 veröffentlicht und inzwischen auch schon mehrfach ins Deutsche übersetzt. Für die Neuedition hat der Diogenes Verlag in Robin Detje einen Übersetzer gefunden, der Chandlers Text gekonnt ins Deutsche übertragen hat.

Die Geschichte beginnt eher harmlos: Der Unternehmer Derace Kingley beauftragt Privatdetektiv Marlowe, seine Frau zu suchen. Chrystal Kingsley ist vor etwa einem Monat verschwunden. Sie war zuletzt in einer Blockhütte an einem kleinen See in den Bergen, bevor sie sich angeblich mit einem neuen Lover nach Mexico angesetzt hat. Kingsley will vor allem sicherstellen, dass seine zu Ladendiebstählen neigende Gattin ihm keinen Ärger macht. Marlowe fährt zum Ferienidyll der Kingsleys und findet eine Frauenleiche im See. Damit beginnt ein Verwirrspiel um Namen und Identitäten.

Die Tote wird als Muriel Chess identifiziert, die Frau des Hausverwalters Bill Chess, welcher behauptet, seine Frau habe ihn vor einem Monat nach einem Streit verlassen. In den weiteren Ermittlungen tauchen immer mehr Namen auf, vor allem blonde Frauen mit ausschweifendem Lebendstil, die selten sind, was sie zu sein vorgeben, und es gibt weitere Tote. Weiterlesen

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E.S. Schmidt: Welt der Schwerter II

Band II der „Welt der Schwerter“ fügt sich übergangslos an Band I an, beide Bücher sollten also nacheinander (und nicht unabhängig voneinander) gelesen werden. Esther S. Schmidt hat vor ein paar Tagen die potentiellen Leserinnen und Leser gewarnt, dass ich bei meiner Besprechung von Band I ein wenig gespoilert hätte. Daher halte ich mich in dieser Hinsicht hier zurück.

Natürlich: Die begonnenen Schlachten werden fortgeführt, beeindruckend erzählt wird die Taktik, die Siluren anwendet. Die Autorin hat hier von Sun Tsu und seinem Buch „Die Kunst des Krieges“ gelernt und sich mit historischen Schlachten und Schilderungen des Soldatenlebens befasst. Normalerweise überlese ich diesen Aspekt in Romanen gern, hier kann ich sagen: Diese Szenen sind absolut fesselnd geschrieben.

Für diese Fortsetzung der Geschichte der Brüder Siluren und Coridan habe ich mir gewünscht, dass zwei Fantasy-Elemente mehr zur Geltung kommen: Zum einen die Welt der Träume, in denen sich Menschen begegnen und einander Schaden zufügen können. Hier wäre es sicher spannend gewesen, die Figuren mehr in diese Traum-Welt zu verstricken. Zum anderen gibt es die mythische Welt der Erdmutter, die der erwählten Akh`Eldash (Lynn) ihre Macht verleiht. Weiterlesen

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Colleen Hoover: Layla

Das unfassbar schöne Cover und der Klappentext haben mich dazu bewegt, Colleens neuestes Buch lesen zu wollen. Und ja, bei all den Büchern von Hoover ist es immer wie ein Griff in eine Wundertüte. Du weißt wirklich nie, was dich erwartet. Und auch „Layla“ wird sicher wie schon der Vorgänger „Verity“ sehr polarisieren.

„Layla“ bedeutet auf Arabisch „Nacht“. Die Nacht ist es, die die Schwelle zur Welt der Geister verkörpert. Mich fasziniert Paranormales, jedoch ist dies eine paranormale Story ohne heftige Gänsehaut-Momente. Ob all die Begebenheiten parawissenschaftlich korrekt dargestellt sind, sei dahingestellt. Allerdings wird das vermeintlich „paranormale“ sehr schnell nicht mehr übersinnlich, sondern erklärbar. Die Idee gefällt mir wirklich sehr, doch die Stimmung wirkt leider keineswegs gruselig, bedrohlich oder düster-atmosphärisch. Bemerkenswert empfand ich hingegen die Denkanstöße zu den feinstofflichen Sphären und das Leben nach dem Tod. Weiterlesen

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Vicky Baum: Zwischenfall im Lohwinckel (1930)

Grandiose Beobachtungsgabe, geschrieben mit spitzer Feder und ebenso humoristischen Spitzen: Vicki Baum, deren wunderbare Gesellschaftsromane einst den Nazis zum Opfer fielen, ist eine lohnenswerte literarische Wiederentdeckung! In ihrem Buch lässt sie Lebensmodelle, Milieus und Menschen aufeinander krachen, dass es eine Lust zu lesen ist! Unterhaltsam, aber mit Tiefgang, dabei von verblüffender Aktualität. Kurz: Die Zutaten, aus dem Klassiker gemacht sind.

Im verschlafenen Städtchen Lohwinckel in Rheinhessen geht in den ausklingenden 20er Jahren alles seinen gewohnten Gang. Bis drei mondäne Berliner mit ihrem Auto im Straßengraben landen, ärztlich versorgt werden müssen und bei der hiesigen Bevölkerung zur Genesung einquartiert werden. Das Trio infernale bringt im Ort alles durcheinander. Da ist die attraktive Leore Lania, Filmschauspielerin und vierfach geschieden, die mit ihrem neuen Lover Peter Karbon – Industrieller, Lebemann, Freigeist – durch die Lande tingelt. Dazu der Mittelgewichtsweltmeister im Boxen, Franz Albrecht, dessen maskuliner Körper so gar nicht mit seinem zartbesaiteten Verhalten übereinstimmen will. Kaum treffen die fortschrittlich gestimmten Berliner auf die konservativen Provinzler, brechen die unter der Oberfläche brodelnden Konflikte hervor: Arbeiterstreiks, amouröse Verwicklungen, alte Fehden, jugendliche Aufstände und medizinische Streitfragen verwandeln Lohwinckel in ein Pulverfass, dass sich in einem tatsächlichen Brand entlädt. Weiterlesen

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Anthony Ryan: Das Schwarze Lied: Rabenklinge 02

Und es gibt ihn doch – den Wolf! Und zwar jetzt, in „Das schwarze Lied“, dem zweiten Buch der Rabenklingen-Serie von Anthony Ryan. In meiner Besprechung des ersten Buchs der Reihe „Das Lied des Wolfs“ hatte ich Ryans Fantasygeschichte bereits begeistert gelobt aber am Titel des Buchs konnte ich leider kein gutes Haar lassen. Schließlich gab es weit und breit keinen Wolf zu erlesen. Aber das löst sich in „Das schwarze Lied“ auf.

Vaelin al Sorna, Turmherr der Nordlande, befindet sich in den Königreichen des Fernen Westens und kämpft gegen die Stahlhast unter ihrem barbarischen Anführer Kehlbrand Reyerik. Dieser hat sich selbst zum Gott erklärt und zieht mithilfe seiner Gabe immer mehr Einwohner in seinen Bann. Mit diesen „Erlösten“ und seiner Horde erobert er ein Königreicht nach dem anderen.

Band 1 „Das Lied des Wolfs“, endete mit dem Tod Ahm Lins, eines Freundes von Vaelin, der ihm im Sterben sein „Lied“ übertrug. Das Lied ist eine magische Gabe, die sich bei jedem der Begabten anders zeigt. Auch Vaelin hatte einst ein Lied, hat es aber verloren. Nun erhält er also wieder diese Begabung, aber ganz anders als gedacht. Vaelins neues Lied ist schwarz und böse und überwältigt ihn oft genug vollständig. Mit Hilfe des ehemaligen Schmugglers Cho Ka begibt sich Vaelin auf die Suche nach Hilfe, damit er schließlich seine Freunde wiederfinden und sich gemeinsam mit ihnen Kehlbrand im Kampf stellen kann. Weiterlesen

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Richard Wagamese: Der Flug des Raben

Vor einigen Monaten durfte ich „Der gefrorene Himmel“ von Richard Wagamese lesen und war begeistert. Der kanadische Autor mit indianischen Wurzeln, der bereits 2017 verstarb, hatte darin, in Anlehnung an sein eigenes Leben, das Schicksal eines Jungen geschildert. Dieser wurde, so wie auch der Protagonist des vorliegenden Romans, als kleines Kind von den kanadischen Behörden seiner Familie entrissen und damit von seinen Wurzeln getrennt.

Und wie schon bei diesem ersten Roman, den ich von ihm las, hatte ich auch diesmal wieder das Gefühl, neben dem Autor am Lagerfeuer zu sitzen und seinen Geschichten zu lauschen. Er erzählt uns von Garnet Raven, der im Alter von drei Jahren aus seiner Familie entfernt und erst in ein Heim und später in wechselnde Pflegefamilien gesteckt wird. Heimisch wird er aber an keinem dieser Orte.

Er beginnt, seine indianische Herkunft zu verleugnen, ja geradezu zu ignorieren. Er schämt sich, wenn er alkoholisierte, bettelnde Indianer sieht und will auf keinen Fall zu diesem Volk gehören. Dann schon eher zu den Schwarzen, besonders zur Familie von Delma und ihren Kindern. Dort fühlt er sich wohl, zugehörig und er beginnt, sich wie ein Schwarzer zu kleiden, zu benehmen, zu fühlen. Weiterlesen

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Maika & Maritza Moulite: One Of The Good Ones

Was wäre, wenn Familien generationsübergreifend um ihr Leben fürchten? Was wäre, wenn der gewaltsame Tod in jeder Generation fest verankert ist? Und was wäre, wenn dies so normal ist wie das Atmen?

Die Familie Smith aus Los Angeles mit den Töchtern Kezi, Happi und Genny haben ebenfalls diese Gewalterfahrung. Kezi will dieser Tradition auf den Grund gehen. Und je mehr sie erfährt, umso häufiger berichtet sie darüber auf YouTube. Der Erfolg ermutigt sie, auf eine Demo zu gehen, wo sie prompt verhaftet wird. Die Achtzehnjährige erfährt eine Polizeigewalt, die sie sich nie vorstellen konnte.

Danach erhält die Familie Smith eine Urne. Happi und Genny glauben, sie können ihre Trauer nur bewältigen, wenn sie die von Kezi vorbereitete Reise antreten.

Die Schwestern Maika und Maritza Moulite schreiben, um die Wahrnehmung auf die People of Color (PoC) zu verändern. Silvia Kinkel und Constanze Wehnes haben den Jugendroman aus dem Amerikanischen übersetzt. Weiterlesen

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