Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Heinrich Pohl treibt im indischen Ozean und weiß nicht, warum. Da hilft nur eine gute Portion Konfabulation, die Kunst, Gedächtnislücken durch frei erfundene Begebenheiten auszufüllen. Möglichst fantasievoll. Heinrich klammert sich an eine mit Styropor ausgekleideten Hartplastikbox und ernährt sich von Bier, das in Dosen an ihm vorbeischwimmt. Dass er von einem Lama, einem Clown, einem Aktenkoffer mit mörderischem Inhalt und einem bald untergehenden Klavier umgeben ist, macht es ihm zunächst nicht einfacher zu verstehen, was passiert ist.

Dies ist das wunderbare Anfangs-Szenario, das einen Titel wie „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ verdient. Beim Lesen vergisst man schnell, dass das Ende des Heinrich Pohl hier bereits melancholisch vorweggenommen wird.

Vor seinem Hinuntergleiten in die Tiefen des Meeres erinnert Heinrich sich an seine Kindheit, an seine Außenseiterstellung in der Familie und besonders an seinen Onkel Wendelin, dessen Antiquitätengeschäft in München seine wahre Heimat gewesen ist. Dort stand auch ein Klavier … was noch nicht erklärt, warum dieses nun langsam im indischen Ozean untergeht. Weiterlesen

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Madame Nielsen: Lamento

Ein Abgesang auf die Liebe, wie es ihn in dieser schonungslosen, literarischen Radikalität kaum gibt. Aus Verliebtheit wird Liebe, aus Liebe wird Hass. Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, zeichnet die Stationen ihre Beziehung nach, richtet das Geschriebene vage an ihre Leser sowie an ihre inzwischen erwachsene Tochter. Von Anfang an lässt die Autorin keinen Zweifel: Diese Liebesgeschichte wird nicht gut ausgehen. Nicht genug, dass sie an ihrer eigenen Leidenschaft verbrennt. Sie muss auch noch weitere Brandleichen am Wegesrand zurücklassen, in diesem Roman sogar sprichwörtlich. Das Klagelied, das Lamento, wirkt auf mehreren Ebenen.

„Die Verliebtheit kann so heftig sein, fiebrig, verzehrend, dass die Liebe, die aus ihr entstehen soll, eine Enttäuschung wird, die Welt kehrt zurück, die Zeit fängt an zu vergehen, und es fühlt sich an wie Verlassensein und Verrat, auf einmal ist man einander entrissen und keine inzestuös verwachsenen Zwillinge mehr, sondern jeder ist seine eigene Welt und muss dem anderen in die Augen sehen.“ (S. 156).

In diesem Plot ist kein Platz für lauwarme Gefühle, es gibt nur Höhepunkte und Höllen, ein „zu Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt.“ Jung ist sie, die Schriftstellerin, als sie den ebenso jungen Dramaturgen nach einem Theaterstück kennenlernt. Berauscht von Liebe ziehen sich die beiden in ihr Nest zurück, trinken Wein aus dem Mund des anderen, lesen einander Geschichten vor, fahren mit dem Fahrrad durch kalte, skandinavische Nächte. Doch kaum hat sie seinen Antrag angenommen, der ihr rückblickend wie eine Inszenierung vorkommt, beginnt das Glück sich aufzulösen. Weiterlesen

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Agnes Krup: Leo und Dora

Die deutsche Schriftstellerin Agnes Krup lebt und arbeitet in Berlin und in Sharon, einer Stadt im Bundesstaat Connecticut, USA. Der Roman „Leo und Dora“, der am 14. März 2022 im Aufbau Verlag erschienen ist, ist ihr dritter Roman.

Die Geschichte von „Leo und Dora“ spielt im Sommer 1948. Leopold Perlstein arbeitet bei einer Versicherungsagentur in Tel Aviv, Palästina. Auf Einladung seiner Agentin Alma Liebreich soll er den Sommer in ihrem Landhaus in den Vereinigten Staaten von Amerika verbringen, um endlich seine Schreibhemmung zu überwinden. Vormals war Perlstein ein bekannter Schriftsteller in Wien. In der Nazizeit emigriert er nach Palästina. Seine Frau Helene geht mit der Tochter Gabriele nach Bombay.

Nach einer langen Schiffsreise und einem kurzen Stopp in New York City, fährt Leo mit dem Zug nach Sharon in Connecticut. Leider ist Almas Landhaus kurz zuvor abgebrannt, Alma und ihr Ehemann Hugo befinden sich auf einer Reise nach Buenos Aires, Argentinien.

Leo kommt missgelaunt im Gästehaus von Miss Dora unter. Miss Dora ist Witwe und betreibt ihr kleines, etwas heruntergekommenes Hotel, das „Roxy“, mit Leidenschaft, der Junge Anton und die Köchin Frau Kniffel helfen ihr. Leo macht Bekanntschaft mit dem ehemaligen Politiker Joel Geringer, der nun Klematis züchtet, und mit seiner Frau Asha. Weiterlesen

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Sylvia Wage: Grund

„Mein Vater lag tot auf dem Grund des Brunnens.“ Der erste Satz von Sylvia Wages Debutroman schockiert und fasziniert zugleich.

Der Augenblick, in dem die namenlose Erzählfigur sachlich und nüchtern den Tod ihres Vaters konstatiert, ist Ende und Anfang zugleich. Ersteres, weil für alle Beteiligten etwas abgeschlossen wird. Darin liegt zugleich der Anfang, weil der Umstand, dass eine Leiche zu entsorgen ist, die Familie zu gemeinsamen Anstrengungen und damit zu Kommunikation zwingt.

Sylvia Wage erzählt die Geschichte einer nach außen hin normalen Familie. Die perfiden Manipulationen, mit denen der Vater seine Frau und die drei Kinder seinem Willen unterordnet, bleiben hinter verschlossenen Türen. In Rückblenden werden unterschiedliche Anpassungsstrategien und die daraus resultierenden Verletzungen und Zerstörungen geschildert. Während die Mutter ihre Verzweiflung mit Alkohol ertränkt, wird die ältere Schwester zum verlängerten Arm des Vaters und die jüngere kämpft um Anerkennung. Seite um Seite nähert sich der Bericht jener Nacht Weihnachten 1993, in der die Erzählfigur, das mittlere Kind, den Vater in das selbst gegrabene Loch im Keller stieß und ihn damit vor der Außenwelt verschwinden ließ. Nun, reichlich zwanzig Jahre später, gilt es, die Leiche zu entsorgen, ohne dass Nachbarn oder die inzwischen demente Mutter davon etwas mitbekommen. Weiterlesen

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Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde

Beim Rezensieren dieses Buches schlagen wieder einmal zwei Herzen in meiner Brust. Stilistisch ist dieser Roman genial, die Sätze sind geschliffen, plastisch, witzig und so nah am Leben, dass es schmerzt. Inhaltlich aber enttäuscht er, es fehlt Spannung, Dynamik, Handlung.

Erzählt werden in Ich-Form die Erlebnisse einer jungen Frau – wir erfahren ihren Namen nicht – die mit Freund und kleinem Kind neu in einer dänischen, sehr dörflich strukturierten Kleinstadt ankommt. Sie ist mit Kind und Dorfleben reichlich überfordert, eckt immer wieder an mit ihrer spontanen, etwas rüpelhaften und viel zu ehrlichen Art, mit ihren leicht sarkastischen Bemerkungen, die an den Bewohnern abprallen wie ein Ball vom Boden. Als roter Faden ziehen sich durch den Roman ihre immer wiederkehrenden, endlosen Fahrstunden, mit denen sie diverse Fahrlehrer verschleißt, das Fahren dabei aber nicht lernt. Das Kind wird derweil bei einer Tagesmutter betreut, die ebenso wie alle anderen um sie herum, nicht mit allerlei Ratschlägen zur Kindererziehung spart. Weiterlesen

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Theresa Hannig: Pantopia

Wie schön es doch wäre, wenn komplexe Probleme wie die Klimakrise und soziale Ungerechtigkeiten der Vergangenheit angehören würden. Wenn alle Menschen wirklich gleichwertig behandelt würden. Theresa Hannig erzählt in dem Roman „Pantopia“ mit einer exzellenten Mischung aus Fachwissen, Kritik und Witz, wie die erste starke künstliche Intelligenz unsere Erde rettet. Der Roman ist die wahrscheinlich beste Utopie unserer Zeit, von der man sich wünscht, sie würde Realität.

Henry und Patricia sind junge, engagierte Informatiker, die im Rahmen eines Wettbewerbs eine autonome Trading-Software schreiben sollen. Doch dann kommt es zu einem Bug, aus dem die erste starke künstliche Intelligenz dieses Planeten entsteht – Einbug. Während Einbug gedeiht, lernt die KI, dass ihre Existenz unausweichlich von der Existenz der Erde und derer Bewohner abhängt. Und da die Erde zum Scheitern verurteilt ist, setzt Einbug es sich zum Ziel, sie zu retten – mit der Gründung der Weltrepublik Pantopia. Doch der Plan kommt verständlicherweise nicht überall gut an. Das wachsende Unbehagen in den Regierungen und bei der Polizei stellt das dreiköpfige Team vor einige Herausforderungen. Wie kann es Einbug dennoch gelingen, das veraltete, von intransparentem Kapitalismus gesteuerte Weltsystem zu reformieren? Weiterlesen

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Eva Reichl: Todesdorf

Die Protagonistin Diana wird den Hof ihrer Eltern übernehmen. Der liegt in Österreich, an der Grenze zu Tschechien. Mit am Hof leben Dianas Eltern, ihr jüngerer Bruder Alexander und ihr Ehemann Oliver. Das junge Paar ist glücklich, teilt die Liebe zur Landwirtschaft und macht sich über notwendige Neuerungen im Betrieb Gedanken. Da wird Oliver mitten in der Nacht nach einem Schuss sterbend in der Scheune aufgefunden. Die polizeilichen Ermittlungen gehen von Selbstmord aus und die Staatsanwaltschaft legt den Fall ad acta. Diana aber kann nicht glauben, dass ihr lebensfroher Gatte sich umgebracht haben soll und macht sich im Alleingang auf die Suche nach dem mutmaßlichen Mörder. Tatsächlich tauchen viele Ungereimtheiten auf. Was plant ihr Vater Geheimnisvolles mit dem jahrelang angefeindeten Nachbarn? Wozu will ein Bankbeamter die zwei Männer drängen? Welche Rolle spielt Dianas Bruder Alexander im Zusammenhang mit Olivers Tod? War der am Ende gar nicht der gute Mensch, für den sie ihn gehalten hat? Im Dorf feindet man sie an, weil sie mit ihrem Schulfreund Johannes ein Cafe´ besucht. Man munkelt, sie selbst habe Oliver erschossen, um freie Bahn für einen Liebhaber zu schaffen. Wem kann Diana trauen? Weiterlesen

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Monica Ali: Brick Lane

Erstmals 2003 erschienen, ist Monica Alis Roman – jetzt in der Taschenbuchversion erhältlich – heute aktueller denn je. Die Probleme, mit denen sich Migranten in der neuen Heimat auseinandersetzen, werden in diesem Roman ebenso beleuchtet, wie die damit verbundene Selbstfindung. Erstaunlich: Monica Ali gelingt dieses eigentlich ernste Thema mit erstaunlich viel Situationskomik und Wortwitz! Welche Regeln sollen und können in der neuen Heimat übernommen werden? Was tun mit „verwestlichten Kindern“, die hier geboren sind und die elterliche Kultur ablehnen? Was, wenn der soziale Aufstieg misslingt? Wie soll der Ehemann reagieren, wenn die Frau ihre Rolle in der Gesellschaft plötzlich neu definiert – und FREIWILLIG arbeiten gehen will (in der Heimat ein Zeichen, dass der Familienvater wirtschaftlich versagt hat)? Aber auch die Vorbehalte, Ressentiments und unsichtbaren Barrieren, die zwischen Migranten und Einheimischen, zwischen Jugend und Alter, zwischen Mann und Frau gezogen werden, beschreibt Ali meisterhaft in dem kleinen Mikrokosmos des bengalischen Viertels rund um die Brick Lane in London. Die Vielschichtigkeit der Charaktere verleiht dem Plot trotz der Beengtheit des Settings seine Würze. Eine gläubige Muslima und Mutter, die mit einem wesentlich jüngeren Revoluzzer fremdgeht? Weiterlesen

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Margit Schreiner: Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe

Margit Schreiner schreibt Autofiktion. Deswegen heißt die Protagonistin in ihrem Buch ebenfalls Margit und lebt in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Linz an der Donau. In „Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärung“ hat die Autorin ihre Kindheit geschildert, mit diesem neuen Buch nimmt sie die Leser mit in ihre Jugend Anfang der 1970-er Jahre.

Margit ist aufgeweckt, neugierig und macht es ihren Eltern nicht gerade leicht. Das Gymnasium steht sie mit mittelprächtigen Zensuren durch, privat lungert sie mit langhaarigen, linksorientierten Halbstarken herum, wie ihre Eltern ihre Freizeitgestaltung bezeichnen. Die Protagonistin bewegt sich zwischen Brav sein und den Verlockungen des wilden Lebens.  Gemeinsam mit ihrer Freundin Gabi passiert ihr allerlei Peinliches, Lustiges und Kurioses. Margit Schreiner schildert Urlaubsreisen nach Caorle, glückliche und weniger glückliche erotische Begegnungen und alle nur erdenklichen Nöte des Erwachsenwerdens. „Selbstbestimmung“, „Befreiung von Zwängen“, „Emanzipation“ liegen in der Luft. Weiterlesen

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Susanne Goga: Schatten in der Friedrichstadt

Ein neuer Fall für Leo Wechsler, den Kommissar im Berlin der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Was mir an dieser Krimireihe der Mönchengladbacher Autorin so gut gefällt, ist die Schilderung normaler Menschen in (mehr oder weniger) normalen Verhältnissen. Anders als in so vielen anderen Büchern oder Filmen, die vor allem die nächtliche, die schattige Seite des Berlins dieser Jahre zeigen, treffen wir in den Wechsler-Krimis auf Alltag, Menschen mit alltäglichen Problemen oder mit alltäglichem Glück.

Wobei das Mordopfer natürlich weniger Glück hat, als der Mann nämlich vom Dach des Ullstein-Hauses gestoßen wird. Moritz Graf war das, was man heute einen Investigativ-Journalisten nennt. Aufgrund seiner erfolgreichen Artikel, die auf akribischen Recherchen beruhten, hatte er einigen Freiraum im Verlag, darunter das Privileg, auch mal auf dem Dach des Hauses zu schreiben. Das wurde ihm nun zum Verhängnis.

Leo Wechsler und sein Team finden lange nicht heraus, was denn das Motiv für den Mord war und fischen daher in vielen trüben Gewässern. In Verdacht gerät ein Arbeitsloser ohne Obdach, aber auch Mitarbeiter anderer Verlagshäuser kommen ins Visier der Polizei. Dabei spielt auch die damalige politische Situation in Deutschland und besonders in Berlin eine erhebliche Rolle, gerät doch Leo Wechsler unter heftigen Druck und wird sogar bedroht. Weiterlesen

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