Laline Paull: Das Eis

Die Eisdecke in der Arktis schmilzt unaufhörlich und auch im Sommer gibt es kein Eis mehr im Nordpolarmeer. Raffgierige Unternehmen wittern ihre Chance und wetteifern um einen Platz im einstmals „ewigen Eis“.  In diese Szenerie gerät ein Kreuzfahrtschiff mit gut zahlenden, anspruchsvollen Gästen, die ihre Reise auf dem luxuriösen Schiff unter dem Motto „Im Reich des Eiskönigs“ gebucht haben. Diesen Eiskönig, einen echten Eisbären, wollen sie nun sehen. Unzufrieden mit schmutzigen Gletscherzungen, gelangweilt von der Aussicht auf die sterbende Arktis, drohen sie bereits mit einer Klage. Der Kapitän des Schiffs lenkt ein und nimmt Kurs auf einen gesperrten Fjord.

Hier erleben die Gäste das Kalben eines Gletschers, der Eisberg bricht und treibt ins Meer. Dieses Naturschauspiel fördert spektakulär eine männliche Leiche zutage Weiterlesen

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Evelyn Waugh: Ausflug ins wirkliche Leben

Oft kopiert, nie erreicht: Englische Exzentrik – wer liebt sie nicht? Autor Evelyn Waugh ist der ungekrönte Meister dieser Königsdisziplin. Kein anderer versteht es, fiese Ränke, große Allüren und kuriose Paarungen der englischen Upperclass in derart treffsichere Pointen zu packen. Waugh ist ein brillanter Beobachter. Denn der Teufel steckt im Detail. Jede Szene verkörpert hier großes Kino, ob sie nun in prächtigen Landhäusern, Londoner Stadtwohnungen oder in den Kolonien des Empire spielt. Diese Sammlung hat das Prädikat „Meistererzählungen“ wahrhaftig verdient.

Zwischen Tanztee und Tennisturnier ist die Welt nicht in Ordnung. Die britische Upperclass hat in den 20er bis 50er Jahren mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen. In den Eliteinternaten erproben sich Gleichaltrige in Machtspielchen, auf einer ostafrikanischen Kolonialinsel buhlen sieben Junggesellen um die Tochter eines Ölmagnaten, der einzig unverheirateten Weißen weit und breit. Ein gehörnter Ehemann sucht das große Abenteuer im Amazonasgebiet, auf einer Luxuskreuzfahrt wird sich eifrig ver- und entlobt. Einen großen Gefallen findet Waugh an Irren aller Art, sei es in der Heilanstalt oder im Filmbusiness, seien es kriegstraumatisierte Ex-Soldaten oder größenwahnsinnige Schoßhündchen. Dabei haben viele Geschichten einen ernsten Hintergrund, zum Beispiel durch die Thematik der beiden Weltkriege. Diese präsentiert Waugh umhüllt von einer „Clotted Creme“ aus Ironie, Scharfsinn und Sprachgeschick. Hinter der Humorgewalt brodeln subtile Botschaften. Nicht selten bleibt der Schluss offen oder mehrdeutig. Der Anfang ist ausnahmslos genial geraten. Weiterlesen

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Charlaine Harris: Midnight, Texas 02: Geisterstunde

Texas ist für Vieles bekannt – seine Weite, die Hitze, die Ölfelder und seine überaus stolzen Bewohner etwa. Doch es gibt auch eine andere Seite, abseits von Dallas oder Houston, einen kleinen Ort im Niemandsland, den kaum Jemand kennt, der gerne übersehen wird. Hier in Midnight finden besondere Menschen eine Heimat – Wesen mit außergewöhnlichen Gaben.

Eines Tages, ganz früh morgens, beginnt ein Trupp Arbeiter von Außerhalb das halb verfallene Hotel in der einen Straße der Ortschaft zur renovieren. Ein paar Monate später wird es eingeweiht. Neben den Saisonkräften des in der Nähe gelegenen Internet-Providers sollen hier betuchte Senioren ihre Wartezeit bis zum Freiwerden des gewünschten Pflegeplatzes in einer netten Umgebung verbringen. Hier, ausgerechnet in Midnight? Und dann Senioren, die für ihre Unterkunft gar nichts bezahlen müssen – das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Als der in Midnight ansässige Hellseher Manfred zu einem Außentermin nach Dallas reist, trifft er im Hotel zufällig die undurchsichtige Olivia. Kurz darauf ist das Paar, mit dem Olivia im Restaurant zusammensaß tot.

Dumm, dass auch Manfreds Klientin bei der Séance stirbt. Ihr Sohn bezichtigt den Hellseher, den Schmuck seiner Mutter gestohlen zu haben. Die Polizei und die Medien beginnen sich zunehmend für Midnight und dessen Bewohner zu interessieren. Weiterlesen

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Andy Weir: Artemis

Endlich ist es soweit. Die Menschen haben den Mond besiedelt. In einer Kuppelstadt namens Artemis leben sie in verschiedenen Kolonien. Auch Jazz lebt unter ihnen. Die junge Frau ist schon seit ihrem sechsten Lebensjahr auf dem Mond und hat sich als Schmugglerin einen Namen gemacht. Als sie bei einem ihrer Auftragsgeber ein seltsames Kästchen entdeckt, ist Jazz‘ Interesse geweckt. Doch als sie zu recherchieren beginnt, ist ihr Auftragsgeber am nächsten Morgen tot! Nicht nur auf der Erde wäre das eine Schlagzeile wert, den auf dem Mond, in dieser kleinen Menschenkolonie, stirbt selten jemand auf unnatürliche Weise. Jazz stellt fest, dass sie selbst in höchster Gefahr ist, und muss untertauchen.

Diese knappe Zusammenfassung deckt mitnichten alles ab, um das es bei „Artemis“ geht. Andy Weir, der Autor des erfolgreichen, sogar verfilmten Romans „Der Marsianer“ hat mal wieder ein Potpourri an Themen gesammelt. Jazz soll die Aluminiumproduktion eines großen Industriemoguls lahmlegen, der zugleich allerdings ein Mafiaboss ist. Weiterlesen

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Tom Hillebrand: Hologrammatica, gelesen von Oliver Siebeck

Es ist schon eine merkwürdige Welt, in der Galahad Singh lebt. Er wohnt in der Stadt, die wir heute als London kennen, aber die Welt hat sich verändert. Nicht nur, dass die Autos endlich selbst fahren und Eigensteuerung als Abenteuer gilt, es gibt das Holonet, das die ganze Welt ein bisschen aufhübscht und „Mind Uploading“ – das zeitweise Leben in einem Wunschkörper – ist Alltag. Dazu haben die Folgen des Klimawandels und einer Art Pestausbruch die Welt und die Bevölkerung grundlegend verändert. Galahad arbeitet als Quästor, heißt: Er sucht verschwundene Menschen. Keine einfache Sache in einer Welt, in der jeder so aussehen kann, wie er gerade will. Sein aktueller Fall ist die die Ausnahmeprogrammiererin Juliette Perotte, Tochter eines greisen Herrschers. Die Suche führt Galahad tief in die Szene der Menschen ein, die inzwischen das Leben in einem Holokörper dem eigenen Selbst vorziehen. Weiterlesen

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Meir Shalev: Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Die Geschichte ist wahr. Zumindest so wahr, wie sie in der Familie Meir Shalevs sein kann. Denn dort gibt es Familiengeschichten immer in verschiedenen Versionen, mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Ausschmückungen, je nachdem, wer sie erzählt. Und große Erzählerinnen und Erzähler sind – wenn man Meir Shalev glauben möchte – ein Merkmal seiner Familie. Erinnerung und Phantasie, schreibt er, sind in seiner Verwandtschaft ein und dasselbe.

„Die Sache war so…“ – Mit dieser Eingangsformel begann Großmutter Tonia ihre Geschichten und stellte damit klar: Was ich gleich erzähle, entspricht genau den Tatsachen. Und auch die anderen Familienmitglieder nahmen das mit dieser Einleitung für sich in Anspruch.

Die Sache war so: Großmutter Tonia wanderte Anfang der 1920er Jahre aus einem Dorf, das heute in der Ukraine liegt nach Israel aus. Dort heiratete sie ihren Schwager Aaron, der seine Frau – ihre Schwester – verloren hatte und mit zwei kleinen Kindern alleine dastand. Sie wohnten im ersten, in der Jesreelebene gegründeten Moschaw Nahalal, einer Art genossenschaftlich organisiertem Dorf, und betrieben Landwirtschaft. Weiterlesen

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Raja Alem: Sarab

Es gibt viele Geschichten, die von einem Rollenwechsel berichten: Frauen, die sich als Männer verkleiden, Männer als Frauen. Bei dem Beduinenmädchen Sarab beginnt der Rollenwechsel bereits bei der Geburt. Denn ihre Mutter behauptet, sie habe einen zweiten Sohn geboren. Kurz darauf stirbt ihr Mann, ein alter Scheich, und sie muss mit ihren zwei Söhnen ohne männlichen Schutz überleben.

»… Sie verbrachten ihre Kindheit in einem eingebildeten Kriegslager, in dem die Mutter sie zu Kämpfern gegen den Satan ausbildete. Ihr Glaubenskrieg wurde für den Stamm zu einer Quelle der Offenbarung. (S. 144)

Als ihre Mutter stirbt, folgt ihr Bruder Saifallah dem Ruf des Predigers Mudschan nach Medina. Und Sarab folgt ihm wie gewohnt als sein Schatten in Männerkleidern. Während Saifallah von Mudschan begeistert ist, fühlt sich Sarab von Mudschans Schwager, dem auserkorenen Mahdi, angezogen. Die Geschwister befolgen nicht nur die neuen Doktrin, sie ziehen mit Mudschan und dem Mahdi in den Krieg nach Mekka, um die große Moschee in ihre Gewalt zu bringen. Danach seien sie alle erlöst, behauptet Mudschan. Weiterlesen

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Tim Krohn: Erich Wyss übt den freien Fall

Ich bleibe dabei, auch beim zweiten Band bleibt diese Idee grandios. Nämlich „Ein Buch über Gefühlsregungen zu schreiben, die von Mitmenschen vorgeschlagen werden, und die Tim Krohn so wunderbar in diese Mietshausgeschichten aus der Röntgenstraße in Zürich, einflechtet. In allen Gestalten, noch so verrückt oder jung, sexbesessen, forschend oder über das Sterben sinnend – in allen findet sich ein Teil von uns wider.“ (s. meine Kritik: Herr Brechbühl sucht eine Katze) In der Fortsetzung befinden wir uns nun im Jahre 2001. Wir alle wissen, wie dieses Jahr die Welt verändert hat: 9/11! Und so kommt es, dass diese furchtbare Katastrophe sich auch in die Geschichten in und um das Haus widerfinden. Schließlich werden die Anregungen für Stories ja auch von Lesern vorgeschlagen.

Tim Krohn spinnt sich daraus eine Art „Lindenstraße“, die ich zwar nie gesehen habe, aber wo das Drehbuch sich sicher auch daran hält, die persönlichen Geschichten mit denen aus der Realität korrespondieren zu lassen. Man hat die Figuren aus dem ersten Band ja bereits lieb gewonnen und Weiterlesen

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Sara Nović: Das Echo der Bäume

Zagreb 1991. Der Krieg erreicht die Stadt kurz nach Anas zehntem Geburtstag. Lebensmittel sind seit längerem knapp, nun wird es plötzlich wichtig, ob der Patenonkel eine kroatische oder eine serbische Zigarettensorte raucht. Der Strom fällt immer wieder aus, das Wasser wird oft abgestellt, die ersten Flüchtlinge kommen nach Zagreb und werden von den Einheimischen beäugt. Es muss verdunkelt werden, irgendwann tönt der erste Luftalarm, alle flüchten in provisorische Bunker. Ana ist gerade mit ihrem besten Freund Luka unterwegs. Die beiden wissen, was bei Alarm zu tun ist, scheinbar sind die Menschen in der Stadt auf alles vorbereitet. Bei ihren Eltern fühlt sich Ana geborgen, vor allem beim Vater, zu dem sie eine besondere Verbindung hat.

Anas Schwester Rahela ist noch ein Baby, sie ist krank; es wird immer schwieriger, sie am Leben zu erhalten. Die Eltern fassen den verzweifelten Entschluss, das Kind zur Behandlung nach Amerika zu schicken. Sie bringen Rahela nach Sarajevo zur Hilfsorganisation. Auf dem Heimweg geraten Vater, Mutter, Ana und andere Zivilisten in die Hände serbischer Freischärler. Weiterlesen

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Michael Nast: #Egoland

Der Klappentext klingt superspannend. Auch die Idee ist an sich gut: Schriftsteller mit offensichtlicher Schreibblockade sucht sich Anschauungsmaterial in der Realität und hetzt ein Paar in der Krise noch gegeneinander auf, um dann darüber zu Schreiben. Die Umsetzung fand ich allerdings eher mäßig. Zum ersten fand ich den Kniff zu behaupten, es handele sich um reale Ereignisse eher nervig, sollte es Andreas Landsberger wirklich gegeben haben, hat er es als Schriftsteller zumindest nicht ins Internet geschafft und außerdem könnte man beim sonstigen Aufbau des Buches über die Einstufung als „Roman“ diskutieren. Somit blieb mir der Sinn der Realitätsbehauptung verschlossen.

Und nein, es ist kein gelungenes Spiel mit dem Leser. Wir haben also einen fiktiven Schriftsteller, der Menschen gegeneinander aufhetzt. Das böte jetzt Stoff für einen tollen Thriller, der mit der Realität des betroffenen Paares spielt. Und einen tollen Protagonisten, der durch und durch böse oder zumindest sozial gestört ist. Weiterlesen

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