Kleine Schwächen mit großer Wirkung – beeindruckende Geschichte um Verlorene
Schon allein der Aufhänger des Romans, die Ausgangssituation, ist herausfordernd, für die Figuren wie für die Leserin. Ein kleines Mädchen stirbt und ein anderes kleines Mädchen soll sie getötet haben.
Das Ganze trägt sich zu Anfang der 1990er-Jahre in London. Die dreijährige Mia verschwindet und wird kurz darauf tot aufgefunden. Schnell fällt der Verdacht auf die zehn Jahre alte Lucy. Nicht nur, weil Lucy ein ungewöhnliches Kind ist, mit dem die Nachbarn nicht umzugehen wissen, sondern auch, weil ihre gesamte Familie unangepasst, auffällig ist.
Zum einen kommt Lucys Familie aus Irland, was zur damaligen Zeit fast automatisch dafür sorgt, dass man schräg angeschaut wird. Zum anderen scheinen die Familienverhältnisse zumindest merkwürdig. So ist Carmel, Lucys Mutter, selbst noch sehr jung, sie war erst 17, als Lucy geboren wurde. Bisher hatte sich ihre Mutter Rose um alles gekümmert und Lucy eher wie eine Tochter als wie eine Enkelin aufgezogen. Doch Rose ist tot und alles scheint den Bach runterzugehen.
Richard, Carmels älterer Bruder, ertränkt sich im Suff, wie auch ihr gemeinsamer Vater sich mehr für alles andere als für seine Kinder zu interessieren scheint.
In dieser Situation tritt Tom Hargreaves auf, Journalist mit dem Wunsch nach unbedingtem Erfolg. Er riecht eine Sensationsgeschichte und zieht, auf Kosten der Redaktion, mit Lucys Familie in ein Hotel, wo er sie ganz allein aushorchen und befragen kann. Währenddessen wird Lucy festgehalten von der Polizei und verhört, fast wie eine Schwerverbrecherin.
Carmel scheitert bei dem Versuch, ihrer Tochter beizustehen, Richard besäuft sich und plaudert gegenüber Tom über seine Familie. So erfährt die Leserin die Geschichte dieser Verlorenen, denen es nie so richtig gelingt, Fuß zu fassen, die am Leben scheitern, trotz aller Bemühungen von Rose, alle zusammenzuhalten, sich aufzureiben für die Familie.
Schließlich klärt sich auf, was mit der kleinen Mia geschah, doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Man erfährt, wie es danach weitergeht mit dieser Familie, mit den Beziehungen.
Der ganze Roman ist unglaublich düster, schwermütig. Er macht wenig Mut, zeigt er doch ziemlich schonungslos die wirklichen Schwächen der Menschen. Nicht nur innerhalb Lucys Familie, auch die von Tom, dem ehrgeizigen, über Leichen gehenden Reporter, die der Nachbarn, die sich über die Familie den Mund zerreißen.
Kein einfaches Buch, aber ganz wunderbar geschrieben, mit feinem Gespür für die Unzulänglichkeiten der Menschen, mit Verständnis und Empathie. Megan Nolan urteilt nicht, aber sie macht uns auch keine wirkliche Hoffnung.
Ein schwerer Roman, nichts für zarte Gemüter.
Megan Nolan – Kleine Schwächen
Originaltitel: Ordinary Human Failings
aus dem Englischen von Stefanie Ochel
Kjona, Januar 2026
Gebundene Ausgabe, 255 Seiten, 24,00 €
Diese Rezension wurde verfasst von Rena Müller.
