Werner Hamacher: Sprachgerechtigkeit

„Gerechtigkeit ist Sprache.“ So beginnt das letzte Buch des international renommierten Literaturwissenschaftlers Werner Hamacher, der im vergangenen Jahr verstorben ist.

Viele der hier versammelten Texte, von denen er die meisten zunächst in Vorlesungen und Vorträgen seinen Zuhörern präsentierte, hatte er von Anfang an für eine gemeinsame Veröffentlichung geplant und konzipiert.

„Gerechtigkeit“, so präzisiert er einige Seiten weiter, „sofern sie in der Entscheidung für das Miteinanderleben im Reden beruht, ist Sprache.“

In seinen Studien und Analysen, in seinen Interpretationen und Gedankengängen geht er den verschiedensten Rechtstheorien im Hinblick auf Sprache und Gerechtigkeit, deren Zusammenhänge und Zusammenwirken auf den Grund. Dabei steigt er tief ein, seziert die Wörter und Sätze, setzt sich sehr detailliert mit ihren Bedeutungen und ihren Inhalten auseinander. In einer Reise durch die Zeit folgt er Platon und Aristoteles, Milton und Hobbes, Kant und Celan sowie weiteren Geistesgrößen.

Im 2. Kapitel beschäftigt er sich beispielsweise mit Schriften von Karl Marx und Hannah Arendt zu den Menschenrechten und bringt dabei sehr interessante, für mich erstaunliche Ansätze ans Licht. „Die sogenannten Menschenrechte, so zeigt Marx, sichern das Gegenteil dessen, was sie zu sichern behaupten,“ schreibt er beispielsweise auf Seite 61. Er analysiert unter anderem das Recht, seine Rechte nicht zu gebrauchen, das Recht auf Scheidung und das Recht auf Leben und schafft in allen Texten einen Bezug zur Sprache. Weiterlesen

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Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro las

Nichts in Juliettes Leben deutet darauf hin, dass es jemals eine Überraschung geben könnte. Ihre Eltern haben dafür gesorgt, dass ihr Weg ohne Hindernisse verläuft, die zu überwinden wären; sie ist zur Schule gegangen, hat studiert, sich vom großmütterlichen Erbe eine verkehrsgünstig gelegene Einzimmerwohnung in einem Pariser Viertel gekauft und arbeitet bei einem Immobilienmakler. In der Stellenanzeige war von Kontakt zu Menschen die Rede, deshalb hat sie den Job angenommen. Sie wollte auf andere zugehen und ein passendes Heim für deren Träume und Wünsche finden. Tatsächlich verbringt sie ihre Zeit nun mit den immer gleichen administrativen Aufgaben; sie verwaltet Akten. Jeden Morgen wappnet sie sich für die Welt mit einem Buch und nimmt die Metro Linie 6 zur Arbeit. Zum Lesen kommt sie in der Metro allerdings kaum, es ist zu spannend, andere Menschen mit ihren Büchern zu beobachten und sich etwas über sie auszudenken, über die ältere Dame, die auf jeder Fahrt dasselbe italienische Kochbuch liest, über den Herrn mit Hut, der täglich eine Dosis von zwei oder drei Seiten seines Insektenbuchs genießt, Weiterlesen

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John Ajvide Lindqvist: Die Bewegung

Stockholm, 1985: Als John mit 19 Jahren in das Hinterhaus eines Gebäudekomplexes in der Hauptstadt zieht, weiß er nicht, dass dies sein Leben für immer verändern wird. Er verdient sein Geld mehr schlecht als recht mit Zauberei, kommt gerade eben so über die Runden und weiß nicht, was er sonst mit seinem Leben anfangen soll. Weil er sich immer wieder daran erinnern muss, schreibt er eine gruselige Begebenheit aus seiner Jugend auf. Doch schon bald muss er feststellen, dass diese nicht das einzige ist, was ihn das Fürchten lehren soll. Auch seine Nachbarn scheinen im gemeinsamen Duschraum seltsamen Dingen nachzugehen. Johns Interesse ist geweckt und er versucht alles, um mehr über die Machenschaften im Duschraum herauszufinden.

Mit Titeln wie „Menschenhafen“ und „So finster die Nacht“ begeistert John Ajvide Lindqvist seit Jahren nicht nur das schwedische Publikum. Er ist aufgewachsen im Stockholmer Vorort Blackeberg, genau dort, wo auch die Geschichte von „Die Bewegung“ spielt. Dies ist aber nicht die einzige Parallele zur Hauptfigur des vorliegenden Romans. Weiterlesen

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William Finnegan: Barbarentage

„… – wenn man … von einer riesigen Welle erwischt wird …, dann nützen einem alle Fähigkeiten … gar nichts mehr … Das Einzige, was man … idealerweise noch in den Griff bekommt, ist die Panik.“ (S. 438, 439)

William Finnegan, geboren 1952 in New York, Autor, Journalist und Kriegsreporter lernte im Alter von elf Jahren surfen. Was ihn ins Wasser zu den Wellen trieb, war viel mehr als der Spaß an einem Wassersport. Es war die dem Surfen innewohnende Lebensphilosophie, die den Surfer mit der Welle in sehr intensiven Momenten verbindet: zum Beispiel wenn das Licht sich in den aufgetürmten Wellen bricht, das Wechselspiel der Farben im Wasser oder wenn Strömung und Entladung der Brandung eigenen Gesetzen folgen. In diesen besonderen ekstatischen Momenten wird der Ritt auf der Welle zu einer Art Zwiesprache mit ihr, die den Surfer traumähnlich in die Höhe hebt und weiter katapultiert.

Die Liebe zum Wasser und dem Surfen begann bei William Finnegan an der Küste Kaliforniens. Als sein Vater drei Jahre später beruflich nach Hawaii zog, nahm er die gesamte Familie mit. Und wieder lebten sie am Wasser in der Nähe von Wellen, auch wenn es die für Surfer weniger interessante Inselseite war. Als seine Familie ein paar Jahr später wieder zurück in die Heimat zog, hatte der sechzehnjährige William nur eines im Kopf: Die perfekte Welle reiten. Weiterlesen

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Jeroen Olyslaegers: Weil der Mensch erbärmlich ist

Einen Brief an seinen fiktiven Urenkel lässt der belgische Autor Jeroen Olyslaegers  den über 90 Jahre alten Wilfried Wils schreiben. Darin geht es vor allem um Wils‘ Erlebnisse in der Zeit, als Belgien von den Nazis besetzt war. In einer Stadt, die zwar nie benannt, aber mit der wohl Antwerpen gemeint ist, dient Wils Anfang der 1940er-Jahre als Hilfspolizist und findet sich zwischen allen Stühlen wieder: Auf der einen Seite muss er den neuen Machthabern dabei helfen, Juden zu verhaften und abzuführen, andererseits unterstützt er seinen Freund Lode, der im Keller einen der Verfolgten versteckt.

​Der Roman stellt die Frage nach Schuld und Mitverantwortung für die Nazi-Gräuel durch Mitläufer wie unseren Helden. Hätte der damals 20-Jährige sich widersetzen können und sollen? Hätte er seinen Job kündigen müssen, in dem er den Nazis sehr nahe kam, obwohl er der einzige Ernährer der Familie war? Ist man feige, wenn man nicht den Helden markiert? Weiterlesen

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Tamsyn Murray: Für immer und einen Herzschlag

Als beim Klettern im Familienurlaub Nias Zwillingsbruder Leo die Felswand hinabstürzt, ist er nur kurze Zeit später hirntot. Die Eltern entschließen sich zu einer Organspende und für Nia verändert sich alles auf der Welt. Ihr Fels in der Brandung, ihr Halt, er ist nicht mehr da. Nur schwer kann sie sich aufraffen, ohne Leo weiterzumachen.

Jonny lebt seit Wochen an ein Gerät gekoppelt. Sein Herz macht seinen Job nicht mehr und Jonny wartet dringend auf eine Organspende. Dann findet sich ein Herz, das passt, und alles geht ganz schnell. Nach der Operation fühlt sich wunderbar wie schon lange nicht mehr, doch es quält ihn auch eine Frage: Wer musste für ihn sterben? Wer gab ihm diese Chance und unter welchen Umständen? Heimlich begibt sich Jonny auf die Suche in den Medien.

Wohin diese Reise führen muss, ist wohl klar. Aber obwohl man den Verlauf von Tamsyn Murrays Roman vorhersehen mag, macht ihn das nicht weniger lesenswert. Die Geschichte ist locker, aber auch mit dem nötigen Ernst erzählt. Weiterlesen

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Ayọ̀bámi Adébáyọ̀: Bleib bei mir

Anfang der 1980er Jahre in Nigeria: Akin trifft Yejide im Kino und ist vom ersten Augenblick an fasziniert von ihr. Sie ist kämpferisch, selbstbewusst und stolz, studiert und verdient ihr eigenes Geld als Friseurin. Nur wenige Monate später heiraten sie und werden zu einem modernen Paar, das sich politisch engagiert und die überkommenen Traditionen, wie die Polygamie, hinter sich lassen will. Yejide fühlt sich in Akins Familie, vor allem bei seiner Mutter, gut aufgehoben und angenommen. Ihre Kindheit war schwer und zum ersten Mal spürt sie Geborgenheit.

Doch alles ändert sich, als Yejide nicht schwanger wird. Sie wünscht sich sehnlichst ein Kind und auch Akin möchte eine Familie gründen. Natürlich erwartet die Verwandtschaft ebenfalls, dass sich Nachwuchs einstellt. Schließlich soll die Familie weiterleben . Die Ärzte bestätigen Yejide, dass sie Kinder bekommen kann und auch Akin lässt sich untersuchen, um seine Zeugungsfähigkeit nachzuweisen. Yejide versucht alles, lässt sich von Wunderheilern behandeln und reist zu Propheten. Nichts hilft. Weiterlesen

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Richard Dübell: Das Jahrhundertversprechen

„Das Jahrhundertversprechen“ ist der letzte Teil der Trilogie um die drei großen Errungenschaften der Industriellen Revolution, die die Massen begeistert haben: Zuerst die Eisenbahn, dann das Flugzeug und jetzt im letzten Band das Automobil (und auch der Film). Berlin zu Beginn der 20ger Jahre des 20. Jahrhunderts ist ein gefährliches Pflaster. Das bekommen auch die Briests zu spüren, die gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter Luisa in die Wirren der Inflation geraten. Der junge Max Brandow rettet Luisa das Leben und riskiert dabei sein eigenes. So wird der ehemalige Berliner Straßenjunge von den Briests erst quasi und dann auch wirklich adoptiert.

Jahre später hat Max seine Leidenschaft für Autos, insbesondere Autorennen entdeckt. Mit seinem Mechaniker Gehalt versucht er den finanziell schwächelnden Gutshof der von Briests zu unterstützen. Noch ist er „nur“ Mechaniker bei einem der großen Rennställe, aber seine Chance wird kommen.

Luisa dagegen interessiert sich außer für Max für den Film und als sie Fritz Lang kennenlernt, scheint einer Karriere als Schauspielerin nichts mehr im Wege zu stehen. Ihr verdanken wir unterhaltsame Einblicke in die Entstehung und Finanzierung von Metropolis. Weiterlesen

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Balli Kaur Jaswal: Geheime Geschichten für Frauen, die Saris tragen

So scharf wie ein gutes Curry! Balli Kaur Jaswal ist ein verwegener Mix aus Emanzipations-Story, Komödie, Krimi, Kulturpanorama und einem „Kamasutra meets Sextoys“ gelungen. Ja, Sie haben richtig gelesen! Doch der sexuelle Befreiungsschlag geht nicht etwa von der 22-jährigen Engländerin Nikki aus, die zwar indische Wurzeln hat, aber ansonsten mit den Gebräuchen ihrer Eltern nichts mehr anfangen kann. Es sind alte Witwen in traditionellen Saris, die in Nikkis Schreibworkshop ihre erotischen Fantasien zum Besten geben! Dieser Roman ist ein unkonventionelles Bravourstück, das – im wahrsten Sinne des Wortes – Lust auf mehr macht…

Nikki hat ihr Jura-Studium geschmissen, jobbt als Kellnerin in einem Pub und lebt relativ planlos in den Tag hinein. Sie hat Spaß mit ihrer besten Freundin Olive, trinkt gerne Wein, ist Zigaretten und Männerbekanntschaften nicht abgeneigt. Weiter nicht verwunderlich, wäre da nicht ein kleines Detail wie Nikkis Nachname: Grewal. Denn Nikki ist die Tochter von Sikhs. Während ihre ältere Schwester sich gerade an einer arrangierten Ehe versucht, lehnt Nikki die alten Traditionen ab. Sie ist aus ihrem Elternhaus in Southall, dem indischen Stadtteil Londons, ausgezogen, sehr zum Missfallen ihrer Mutter.

Aus Geldnot bewirbt sie sich um einen Job als Schreibwerkstättenleiterin im Gemeindezentrum eines Sikh-Tempels. Allerdings hat die zuständige Leiterin Kulwinder das Ganze als Alphabetisierungskurs ausgeschrieben. Weiterlesen

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Jenny Blackhurst: Das Böse in deinen Augen

Die 11-jährige Ellie ist vielen Gleichaltrigen und Erwachsenen unheimlich. Ihre Eltern kamen bei einem Brand um, seitdem lebt die Vollwaise in einer Pflegefamilie in dem kleinen Städtchen Gaunt. Auch hier passieren allerdings seltsame Dinge, seitdem Ellie da ist. Mitschülerinnen werden angegriffen, eine Lehrerin stirbt gar! Imogen nimmt sich ihres neuen Jobs mit viel Elan an und hat sofort eine Verbindung zu Ellie. Sie findet, dass Ellie alles andere als unheimlich ist und die Liebe der Erwachsenen benötigt. Doch als sie selbst Ellie verärgert, passiert auch ihr ein Unglück. Kann es doch sein, dass Ellie irgendwie vom Bösen besessen ist oder über besondere Kräfte verfügt, mit denen sie anderen schaden kann?

Die Geschichte ist abwechselnd von Imogen und Ellie, selten auch von anderen Personen im Geschehen, beschrieben. Imogen und ihr Mann wagen in Imogens Geburtsstadt einen Neuanfang. Sie ziehen in das Haus von Imogens mittlerweile verstorbener Mutter und allein dadurch muss sich Imogen ständig mit ihrer nicht allzu rosigen Vergangenheit auseinandersetzen. Weiterlesen

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