Patrick Bard: Point of View: Wenn du nicht wegschauen kannst

Lucas Leben ist vollständig durcheinander. Er kann nicht mehr schlafen, seine Schulnoten sind unterirdisch, und er verliert völlig den Kontakt zu seinen Freunden. In seinem Kopf sind ständig diese Bilder und Szenen.

„Das Problem ist: Nur die Flucht in die Pornowelt lässt ihn zur Ruhe kommen. Dabei kann er loslassen und alles vergessen.“ (S. 88, 89)

Irgendwann erkennen auch seine Lehrer und Eltern, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Lange glauben sie, Strenge und Gespräche könnten helfen. Natürlich weiß Lucas aus eigener Erfahrung, dass das Aufhören nicht so einfach ist. Wie kann man mit etwas aufhören, das seine Gedanken vollständig beherrscht.

An dem Tag, an dem seine Eltern mit ihm eine neue Maßnahme ausprobieren wollen, trifft Lucas selbst eine Entscheidung, die drastisch und folgenreich wird.

„Er hatte sich von uns zurückgezogen“, wird die einzige vernünftige Antwort sein, die der Richter von Lucas Eltern herausbekommen wird, um zu erklären, warum Lucas […] auf der […] A11 […] bei 110 Stundenkilometern […] die hintere Autotür geöffnet hat und […] gesprungen ist.“ (S. 108)

Patrick Bards Romane wurden bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der Autor, Reiseschriftsteller und Fotojournalist aus Frankreich bearbeitet meistens die Themen Grenzen und Frauenfragen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Natascha Bub: Ein Bild von einer Frau

Ein kesses junges Mädchen, von seinen Fähigkeiten überzeugt, geht eine Wette ein mit einem bekannten Verleger. Das ist der Ausgangspunkt dieses Romans, der auf wahren Ereignissen beruht.

Zugrunde liegt dem Roman die Geschichte von Inge Schönthal, einer jungen deutschen Fotojournalistin, die ein weltbekanntes Foto von dem berühmtesten Schriftsteller der Welt macht. Es geht um Hemingway, in dessen Haus auf Kuba die junge Frau 1953 auftaucht, auf der Jagd nach einem noch nicht dagewesenen Fotomotiv.

Soweit die Tatsachen. Natascha Bub macht daraus einen Roman, ihre Heldin heißt Insa Schönberg. Nachdem sie mit dem Verleger Ledig-Rowohlt gewettet hat, reist sie über New York und Miami nach Havanna, auf den Spuren Hemingways. Der lebt auf Kuba zurückgezogen, mürrisch, unhöflich, duldet die ungezähmte, freche junge Frau aber in seinem Haus. Immer wieder versucht sie ihn dazu zu bringen, für ein Foto bereitzustehen, doch er weicht ihr stets aus. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

C. K. McDonnell: This Charming Man

„This Charming Man“ ist der zweite Band der Stranger-Times-Romane des Iren Caimh McDonnell, eines preisgekrönten Stand-up-Comedians und Autors.

Die Stranger Times, eine fiktive wöchentlich erscheinende Zeitung, befasst sich mit allem Unerklärlichen: Geister-Erscheinungen, Ufo-Sichtungen und etwas Derartigem. Regelmäßig wird das skurrile Redaktions-Team dabei selbst in dämonische Machenschaften hineingezogen.

Wer sich diesem zweiten Band zuwendet, sollte unbedingt zuerst Band 1 gelesen haben – andernfalls könnte die Lektüre zu Verständnisproblemen führen, da sich vieles auf den Inhalt des ersten Bandes bezieht.

Und wie in Band 1 ist es vor allem Redaktionsleiter Banecroft, der mit seiner völlig hemmungslosen und ungehobelten Art wieder für eine ganze Reihe von Lachern sorgt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Heinrich Haller: Der Kolkrabe: Totenvogel, Götterbote, tierisches Genie

Er ist der weltweit größte Singvogel, Teil von Mythologien und Legenden, jedem bekannt – und doch mit einem schlechten Image behaftet: Der Kolkrabe. Als Aasfresser erscheint er  seit jeher unheimlich: Der Galgenvogel, nicht viel besser als der Geier, ein schlechtes Omen und dem Menschenfleisch nicht abgeneigt. Das alles sind Dinge, an die wir denken, wenn es um den Kolkraben geht. Der Fotograf und Forscher Heinrich Haller hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen allumfassenderen Eindruck von den schwarzen Vögeln zu erschaffen. Sein Augenmerk liegt auf der Intelligenz der Tiere, ihrer atemberaubenden Ästhetik und ihrem komplexen Sozialverhalten. Immerhin gelten sie in der nordischen Mythologie als Götterboten, ständige Begleiter des Göttervaters Odin.

Dass diese wichtige Rolle nicht von irgendwoher kommt, zeigt Haller mit diesem Buch: In seinen Sachtexten erfährt der Leser von der Vogelbeobachtung; wie es dem Fotografen über lange Zeit hinweg gelang, das Vertrauen eines Rabenpaars zu gewinnen, das er jahrelang beobachtete. Wir hören von seinen Reisen durch die ganze Welt und von den Kolkraben in Tibet, Indien und Finnland, in den Alpen, wie im Himalaya. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Maren Wurster: Eine beiläufige Entscheidung

Die Autorin Maren Wurster (Jahrgang 1976) hat nach „Das Fell“ (2017) und „Papa stirbt, Mama auch“ (2021) ihr drittes Buch mit dem Titel „Eine beiläufige Entscheidung“ geschrieben. Es erschien am 22. August 2022 bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag.

Lena hat ein Baby bekommen. Konrad, der kleine Junge, ist ein unzufriedenes, schreiendes kleines Kind. Lena ist überfordert. Robert, der Vater des Kindes, ist keine Hilfe. Lena beschließt, ihr Baby zu verlassen und flüchtet sich in die Hütte von Roberts Eltern. Dort versteckt sie sich im Wandschrank und wartet darauf, dass ihr Milchfluss versiegt. Sie phantasiert fiebrig.

Konrad lebt in einem Internat für verhaltensauffällige Kinder. Er ist wütend, selbstzerstörerisch und einsam. Nur Una, sein ehemaliges Kindermädchen, und der Mitschüler Kaspar haben einen Zugang zu ihm. Sein Vater Robert lässt sich hin und wieder blicken. Konrad entdeckt seine Fähigkeit, mit Holz zu arbeiten und hat eine erste sexuelle Erfahrung mit Kaspar. Doch Kaspar verlässt das Internat, und Robert geht mit seiner Freundin ins Ausland. Dann geschieht ein „Unfall“ mit einer Kettensäge. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Gloria Naylor: Linden Hills (1985)

Der Name Linden Hills steht für den nördlichen Abhang eines fruchtbaren Plateaus, der am unteren Ende am städtischen Friedhof endet. Und weil der felsige Boden für landwirtschaftliche Zwecke völlig ungeeignet ist, konnte 1820 der dunkelhäutige Luther Nedeed dieses 2,5 km lange Areal kaufen. Die Gemeinde lachte damals über diesen scheinbar dummen Menschen und freute sich schon am Tag des Eigentümerwechsels auf sein Scheitern. Doch was sie später erkannten, erschütterte ihre Erwartungen: Aus dem unwegsamen Gelände ist im Laufe der Jahre eine Heimat für Farbige geworden, die Luther Nedeeds Hütten angemietet oder auf einem gepachteten Grundstück Häuser gebaut haben, während ihr Vermieter und später sein Sohn, Enkel, Urenkel noch immer neben dem Friedhof leben und ihre Dienste für Beerdigungen anbieten. Seine Erfolgsgeschichte, der amerikanische Traum für Farbige, weckte die Neugier der Forscher, den Neid der weißen Nachbarn und die Sehnsucht zukünftiger Mieter und Pächter. Was vielen nicht auffiel, war der häufige Wechsel der Bewohner. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

George Saunders: Bei Regen in einem Teich schwimmen

Geschichten großer russischer Schriftsteller haben den  amerikanischen Literaturprofessor George Saunders nach seinen eigenen Angaben bewegt und verändert. Fünf dieser Schriftsteller bringt er uns mit insgesamt sieben Geschichten in diesem so unterhaltsamen wie lehrreichen Buch nahe.

Es sind dies drei Erzählungen von Anton Tschechow: „Auf dem Wagen“, „Herzchen“ und „Stachelbeeren“.

Von Leo Tolstoi lesen wir zwei Geschichten: „Herr und Knecht“ und „Aljoscha der Topf“.

Von Iwan Turgenjew ist die Geschichte „Die Sänger“ abgedruckt.

Nikolai Gogol ist mit der Erzählung „Die Nase“ vertreten.

All diese Texte haben sich für Saunders‘ Unterricht in Form von Schreibkursen in Creative-Writing und in seinen Master-Studiengängen bewährt, weshalb er sie für seine Studierenden immer wieder aufgegriffen hat. Die Leser dieses Buches kommen so also in den Genuss, quasi an einem Seminar von George Saunders teilzunehmen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Anika Beer: Succession Game

2054: In einem Berlin der Zukunft ist das Succession Game zum beliebtesten Unterhaltungsformat aufgestiegen. Dabei müssen mehrere Auserwählte verschiedene Escape Rooms lösen, bis am Ende ein Gewinner dasteht. Sie sind währenddessen aber nicht sie selbst, sondern vorprogrammierte Personas, die durch chemische Medikamente mit ihrem Bewusstsein verbunden werden, sodass sie jede Erinnerung an ihr wahres Selbst verlieren. Sobald sie ausscheiden, wird die Wirkung rückgängig gemacht, doch was für die Zuschauer Unterhaltung ist, ist für einige purer Horror. Zum Beispiel für Théo, der als mehrfacher Gewinner des Spiels Jahr um Jahr teilnehmen muss und zwischenzeitlich der Gefangene des dubiosen Megakonzerns ist, der Succession Game leitet. Die Antwort auf die Frage, warum er nicht einfach verliert, um seinem Schicksal zu entkommen, ist viel komplexer und verstörender, als irgendwer ahnen kann.

Als Rafael Álvarez als neuer Chefarzt bei Succession Game eingestellt wird, um für die Gesundheit der Teilnehmer zu sorgen, ist er geschockt, wie sehr die Vorgehensweisen hinter den Kulissen gegen alles verstoßen, woran er als ethischer Mediziner glaubt. Kann er den Teilnehmern helfen? Oder kommt jede Hilfe zu spät – zum Beispiel bei Clue: Privatdetektivin und zum ersten Mal beim Spiel dabei – und eigentlich jemand ganz anderes. Nur dass sie das nicht mehr weiß. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Wlada Kolosowa: Der Hausmann

Ungewöhnlich, abgedreht, so ganz anders. Das sind die Begriffe, die mir als erstes zu diesem Buch einfallen. Bei dem ich auch erst einmal überlegen muss, ob man es als Roman bezeichnen kann. Das ist es ohne Frage, aber es ist auch eine Graphic Novel, ein Chatprotokoll, ein Blog und überhaupt eine gelungene Mischung aus witzigen, kritischen, psychologischen und spannenden Bestandteilen, die ein durchaus interessantes und fesselndes Ganzes formen.

Dieses Ganze ist nicht der erste Roman der in Russland geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Autorin. Worum geht es? Tim und Thea sind ein junges Paar, welches gerade in ein Mietshaus am Stadtrand eingezogen ist. Tim, Zeichner und Erzähler von Graphic Novels, gibt den Hausmann, während Thea als Influencerin eine neue Stelle angetreten hat, neue Chefin ist jetzt eine Freundin von ihr.

Da haben wir einerseits die von Tim in Ich-Form erzählten Romanstrukturen. Er berichtet von seinem Tagesablauf, schildert die Bewohner der Mietshäuser, die Gegend und das Milieu, das so ganz anders ist als der Stadtteil, in welchem die beiden vorher lebten. Er kommt in Kontakt mit Maxim, einem jungen Ukrainer, der Tim gleich mal als seinen Deutschlehrer requiriert, und mit Dagmar, einer über 80-jährigen Nachbarin, der er bei der Einrichtung ihres Internets hilft und die in einem Blog krasse Tipps zum Sparen gibt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Jenny Odell: Nichts tun: Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen

*aufgewacht und erster Blick aufs Smartphone* also mal sehen, was für neue Schrecken mich auf dem «Neue-Schrecken-Gerät» erwarten“ (Tweet von @missokistic, S. 27)

Ja, was verbirgt sich wohl hinter diesem wunderschönen Cover mit dem effekthaschenden Titel? Die Autorin Jenny Odell ist Künstlerin und Kunstlehrerin an der Stanford University, was sie für meinen Geschmack etwas zu oft erwähnt. Sie schreibt selbst, dass wir ihr Buch nicht als abgeschlossene Informationsübermittlung betrachten sollten, sondern stattdessen als offenen und ausgedehnten Essay – eine Reise, einen Versuch vorwärtszukommen. Oder auch als ein „aktivistisches Buch im Gewand eines Selbsthilfebuchs.“ (S. 24)

Für mich persönlich ist „Nichts tun“ eher eine individuelle Erzählung in Form einer philosophischen Abhandlung, wie wir uns von der „kapitalistischen Aufmerksamkeitsökonomie“ lösen können, um bedeutungsvollere Dinge zu tun, als auf Social Media zu hängen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: