Alexander von Schönburg: Die Kunst des lässigen Anstands

Alexander von Schönburg ist für mich ein Autor für das etwas andere Buch: Nachdem er in seinen bisherigen Werken unter anderem über die Kunst des stilvollen Verarmens nachgedacht oder sich mit dem Thema Smalltalk auseinandergesetzt hat, befasst er sich nun mit Tugenden. Das Wort klingt altbacken und wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen. Aber ist es das wirklich? Sind Tugenden wie Bescheidenheit, Höflichkeit, Aufrichtigkeit, Mitgefühl oder Weltoffenheit nicht auch heute noch wichtig?

Um das zu hinterfragen, hat von Schönburg insgesamt 27 Tugenden herausgesucht, mit denen er sich in einzelnen Kapiteln befasst. Unterhaltsam und interessant schildert er, was aus seiner Sicht die jeweilige Tugend ausmacht. Dabei führt er viele Beispiele und Erfahrungen aus seinem eigenen Leben an. Und immer steht dahinter die Frage danach, welche Relevanz die jeweilige Tugend für unsere heutigen Gesellschaft und unser soziales Miteinander hat oder haben könnte.

Es geht auch um den Wandel, den unsere Gesellschaft im Laufe der Jahre durchlaufen hat. Viele früher übliche Verhaltensweisen haben im praktischen Zusammenleben heute keine oder nur noch eine geringe Bedeutung. Weiterlesen

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Yishai Sarid: Monster

Yishai Sarid hat einen Protagonisten erschaffen, der im Holocaust eine ganz andere Opferrolle einnimmt. Mit ihm zeigt er einen neuen Blick auf den Umgang mit der Erinnerung auf: In einem Bericht an seinen ehemaligen Chef versucht ein junger Familienvater einen Eklat, den er ausgelöst hat, zu erklären.

Für seine Doktorarbeit beschäftigte der junge Israeli sich mit den Vernichtungsmethoden in den verschiedenen Konzentrationslagern. Später fährt er nach Polen, um die Gedenkstätten, über die er tausende von Seiten gelesen hat, zu besuchen. Durch seine umfassenden Kenntnisse ist ihm dort bereits alles so vertraut, dass er sich nach eigenen Angaben gar wie zu Hause fühlt. Hier kann er die Schreckensszenarien in allen Einzelheiten noch einmal aufleben lassen. Nachdem er immer häufiger als Guide für Gruppenführungen in den Vernichtungslagern angefragt wird, bleibt er monatelang in Polen. Mit dem dort verdienten Geld kann er sich selbst und seine Familie in Israel ernähren. Weiterlesen

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Ulrike Anna Bleier: Bushaltestelle

Nach „Schwimmerbecken“ legt Ulrike Anna Bleier mit „Bushaltestelle“ ihren zweiten Roman vor. Darin führt Elke ein imaginäres Gespräch mit ihrer Mutter Theresa, die sie mit „Du“ anspricht.

Im Laufe dieser Selbst-Gespräche und Reflexionen taucht der Leser so tief in die Familiengeschichte Elkes ein, folgt den episodenhaften Sprüngen über Zeit und Orte hinweg und in sie hinein, dass eine Vertrautheit mit den einzelnen Familienmitgliedern entsteht, über die man am Ende des Buches fast ein bisschen mehr weiß, als sie selbst.

Elke ist ein Kind, das von ihrer Mutter nicht wahrgenommen wird, was es ihr leicht macht, immer wieder zu verschwinden. Mal wird sie von der Mutter unter einer Schneeschicht an einer Bushaltestelle wiedergefunden, mal entwischt sie aus ihrem Körper und findet mit viel Übung im gewünschten Moment zurück. Irgendwann verschwindet sie endgültig: Hinter den Eisernen Vorhang. Sie wechselt ihre Identität und schließt sich Madla an.

Madla gehört zur Familie und irgendwie auch nicht. Sie ist die Adoptivschwester von Theresa, Elkes Mutter, und sie ist in Kriegszeiten selbst verschwunden. Weiterlesen

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Leah Konen: Nächster Halt Liebe

Ammy fährt im Schneegestöber eines Januaranfangs zu ihrem Vater, um an dessen Hochzeitszeremonie teilzunehmen. Die vermeintliche Braut ist allerdings nicht Ammys Mutter und das ist nur die erste Katastrophe des Tages. Allein schon deshalb glaubt Ammy schon lange nicht mehr an die Liebe. Als sie im Zug auf den gleichaltrigen Noah trifft, ist sie ihm gegenüber abweisend. Doch als der Zug um Stehen kommt und es passieren kann, dass Ammy zur Zeremonie komplett zu spät kommt, scheint Noah ihre einzige Hoffnung. Die beiden machen sich auf eigene Faust auf den Weg.

Noah selbst hat auch eine Mission. Er will seine Exfreundin Rina zurückgewinnen. Zu diesem Zweck hat er sogar ein Gedicht geschrieben und den ganzen Tag durchgeplant. Zu spät kommen wäre fatal. Deswegen setzt er alles daran, die Reise hinter sich zu bringen.

Leah Konen ist ein netter Jugendroman für Mädchen ab 14 Jahren gelungen. Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Noah und Ammy erzählt. Und diese beiden könnten nicht unterschiedlicher sein. Weiterlesen

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Kent Haruf: Abendrot

Im Schweizer Diogenes-Verlag ist dankenswerterweise ein Buch erschienen, das im amerikanischen Original „Eventide“ bereits seit 2004 existiert: „Abendrot“ von Kent Haruf.

Wir reisen in den fiktiven Ort Holt, Colorado, einem Kaff in den Great Plains, und lernen die Menschen kennen, die dort leben: den unglaublich gütigen, großmütigen und sanften Rancher Raymond, der einen schweren Schicksalsschlag verkraften muss und dann doch wieder Freude am Leben empfindet, einen elfjährigen Jungen, der sich rührend um seinen alten Großvater kümmert, oder Betty und Luther, zwei Menschen am Existenzminimum, die nicht in der Lage sind, ihre beiden Kinder vor dem Schläger Hoyt, ihrem Onkel, zu schützen.

Es ist ein bisschen so, wie es in einem Zitat von Bernhard Schlink auf der Buchrückseite heißt: „Kent Haruf nimmt uns mit, wohin wir nie wollten, und bald wollen wir von dort nicht mehr weg.“

Tatsächlich gelingt es Kent Haruf (1943-2014), seine Figuren sehr plastisch werden zu lassen und sie auf diese Weise seinen Lesern sehr nahe zu bringen. Weiterlesen

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Snorri Kristjánsson: Blut und Gold

Irgendwo in Skandinavien, 970 n. Chr.: Die junge Helga Finnsdottir lebt als Ziehtochter beim Clan des Wikingers Unnthor Reginsson. Er hat seine vier Kinder zu sich gerufen und sie erscheinen mit ihren kompletten Familien. Karl, der Geldsorgen hat, der kräftige Bjorn, der schlaue aber zurückhaltende Aslak und die einzige Tochter, Jorunn, die nicht weniger stark als die Herren ist. Als alle zusammengekommen sind, wird schnell klar, dass sie mehrere Konflikte miteinander haben. Nach einer feuchtfröhlichen Nacht liegt dann eins von Unnthors Kindern tot in seinem Bett. Helga ist misstrauisch und versucht, herauszufinden, was in der vermeintlichen Mordnacht geschehen ist.

Snorri Kristjánsson versucht sich in „Blut und Gold“ an einer Art Detektivgeschichte zur Zeit der Wikinger mit weiblicher Protagonistin. Leider hat die Geschichte so gar nichts Spannendes an sich und plätschert komplett vor sich hin. Der einzige Grund, sie wirklich zu Ende zu lesen, ist die Suche nach dem Täter. Weiterlesen

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Catherine Ryan Howard: Ich bringe dir die Nacht

Zu Beginn ihres ersten Studienjahres in Dublin lernt Alison Will kennen und lieben. Aus diesem Grund hat sie für ihre beste Freundin Liz und ihr Studium immer weniger Zeit. Die scheinbar unbegrenzte Freiheit verändert die schüchterne Alison. Sie wird mutig, sagt ihre Meinung und trifft zum ersten Mal eigene Entscheidungen.

Die Partyfreude der Studenten ändert sich schlagartig, als innerhalb weniger Monate fünf junge Frauen aus dem ersten Semester, darunter auch Liz, ermordet und in den Kanal geworfen werden. Verschiedene Indizien geben der Polizei Anlass, Will zu verdächtigen. Während Alison noch der Presse gegenüber beteuert, an Wills Unschuld zu glauben, gesteht dieser die Morde.

Zehn Jahre später werden wieder junge Studentinnen am Kanal in Dublin ermordet. Will erfährt davon und behauptet, er könne Informationen über den echten Kanalkiller liefern. Er würde aber nur mit Alison sprechen wollen. Weiterlesen

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Ilona Andrews: Stadt der Finsternis: Unheiliger Bund

In den letzten Jahren hat Kate Daniels viel erlebt – erleben müssen. Mit der unregelmäßigen Rückkehr der Magie in die bis dahin hochtechnisierte Welt kamen auch die übernatürlichen Wesen aus dem Untergrund – seitdem bevölkern Werwesen, Vampire und Zauberer die Städte und versuchen ihre Machtbasis zu verbreitern. Damit nicht genug, kehrten auch die Götter in die Welt zurück. Um Atlanta, Georgia, ihre Heimat zu schützen hat Kate sich die Stadt untertan gemacht – sehr zum Missfallen ihres mit gottähnlichen Kräften ausgestatteten, unsterblichen Vaters Roland.

Der Vater-Tochter-Konflikt spitzt sich zu – auch, weil Kate beschlossen hat, Nägel mit Köpfen zu machen – sprich, sie will den heiligen Bund der Ehe eingehen, ihr Bräutigam, der Werlöwe Curran ist seinem zukünftigem Schwiegervater ein Dorn im Auge. Eine Prophezeiung weissagt, dass der Krieg zwischen Tochter und Vater Atlanta brennen lassen wird und entweder Curran oder Kates noch ungeborenem Kind den Tod auf einer Blutlanze Rolands bringen wird. Als Roland den Hexer Saiman entführt, wird eine Grenze überschritten – trotz der Weissagung rüstet Kate zum Kampf gegen ihren verhassten Vater … Weiterlesen

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Brendan Behan: Borstal Boy (1958)

Brendan Behan wurde 1923 im irischen Dublin geboren. Sein Vater war Anstreicher und Gewerkschafter, er wurde mehrfach wegen seiner politischen Aktivitäten inhaftiert. Mit 16 Jahren trat Brendan Behan der IRA bei und wurde beinahe umgehend bei einem Anschlagsversuch mit Sprengstoff in Liverpool verhaftet. Drei Jahre verbrachte er in einer englischen Besserungsanstalt, einem „Borstal“, in Suffolk. Über diese Zeit schrieb er den autobiografischen Roman „Borstal Boy“, der 1958 im Original erschien. In Deutschland wurde er 1963 erstmals veröffentlicht. Kiepenheuer & Witsch haben am 10. Januar 2019 eine Neuauflage des irischen Klassikers in einer Taschenbuchausgabe herausgegeben. Curt Meyer-Clason übersetzte den Roman aus dem Englischen. Behan Brendan starb 1964 mit nur 41 Jahren an jahrelangem Alkohol- und Medikamentenmissbrauch.

Der erste Teil von „Borstal Boy“ beginnt mit der Verhaftung von Brendan Behan in einer Liverpooler Pension. Dort sollte er für die IRA einen Sprengstoffanschlag in den Docks durchführen. Zunächst landet er in Untersuchungshaft. Und schon dort schließt er Freundschaft mit anderen Inhaftierten, wie z.B. Charlie aus Croydon und Rotschopf. Weiterlesen

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Chris Cander: Das Gewicht eines Pianos

Man sagt, heißt es in diesem Buch, der Klavierbauer Julius Blüthner hätte ein besonders gutes Händchen bei der Auswahl des Holzes für seine Pianos gehabt. Wenn er in den rumänischen Wäldern mit seinem Spazierstock an die Fichten klopfte und dem Fallen der Stämme lauschte, konnte er sagen, aus welchem ein ausgezeichneter Resonanzboden werden würde. Diese Sachkenntnis und die Liebe zum Detail beim Bau, ließen in seiner Werkstatt Klaviere entstehen, die mit ihrem warmen Klang die Menschen bezauberten.

Ein solches Blüthner-Piano vermacht ein geheimnisumwitterter, blinder Deutscher der 8-jährigen Katya Anfang der 1960er Jahre im sowjetischen Zagorsk. „Ihr Herz schlägt für die Musik, das sieht selbst ein Blinder,“ schreibt er in seinem Abschiedsbrief.

Und er hat Recht. Katya verliebt sich in ihr Blüthner und in die Musik, die sie ihm entlocken kann. Viele Jahre wird sie täglich an ihrem Klavier sitzen und schließlich an der Leningrader Akademie ihren Abschluss als Konzertpianistin machen.

Als ihr Mann Mikhail sie bedrängt, mit ihm und ihrem kleinen Sohn in die USA auszuwandern, sträubt sie sich, denn es wäre unmöglich, das Blüthner mitzunehmen. Weiterlesen

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