Thomas Hettche: Herzfaden

Eine gemeinsame Kindheitserinnerung ganzer Generationen von Deutschen geht so: Man liegt an einem vertrödelten Sonntagnachmittag auf dem Sofa und verfolgt auf der Mattscheibe gebannt, wie Urmel aus dem Eis, Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, die haarsträubendsten Abenteuer erleben.

Aus den Anfängen der Augsburger Puppenkiste, die längst zum deutschen Kulturgut gehört und auch Erwachsene fasziniert, hat der 1964 geborene Schriftsteller Thomas Hettche einen Roman gemacht, der reale Geschichte mit Fiktion verknüpft.

Es waren der Schauspieler und Theaterdirektor Walter Oehmichen und seine Familie, die mitten im Zweiten Weltkrieg die ersten Gehversuche mit einem Puppentheater unternahmen. Weiterlesen

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Colum McCann: Apeirogon

Apeirogon = eine zweidimensionale geometrische Form mit einer gegen unendlich gehenden Zahl von Seiten.

Colum McCann legt hier wirklich ein Meisterwerk vor. Und wie das bei Meisterwerken oft der Fall ist, so liest sich auch dieses Buch nicht einfach. Man muss sich darauf einlassen, sich einlesen und dem Roman Gelegenheit geben, sich zu entfalten. Allein die kaleidoskopische Darbietung der Handlung oder vielmehr der Handlungen ist für sich genommen schon ein Statement.

Der Autor erzählt die wahren Geschichten von zwei Männern, von Rami Elhanan und von Bassam Aramin. Jude der eine, Palästinenser der andere. Beide sind Väter von Töchtern, von verstorbenen Töchtern. Ramis Tochter Smadar starb mit 13 Jahren bei einem Selbstmordanschlag dreier Palästinenser. Bassams Tochter Abir wurde im Alter von 10 Jahren von einem israelischen Grenzpolizisten erschossen. Zwischen den beiden Todesfällen liegen 10 Jahre.

Er verpackt diese Geschichten, die gleichzeitig die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts ist, in 1001 Kapitel. Die ersten 499 vorwärts erzählt bis zur Mitte. Diese Mitte wird von zweimal einem Kapitel 500 gebildet, in welchen jeweils einer der Männer seine Geschichte mit eigenen Worten erzählt. Dazwischen wiederum gibt es das Kapitel 1001, welches auf eineinhalb Seiten die komplette Rahmenhandlung zusammenfasst. Die davon berichtet, wie Rami und Bassam sich treffen, um über ihre Töchter zu sprechen, immer wieder und immer wieder. Weiterlesen

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Rebecca Solnit: Unziemliches Verhalten: Wie ich Feministin wurde

Rebecca Solnit ist eine der bedeutendsten Essayistinnen in den USA. Zum Glück werden ihre Texte auch nach und nach in Deutschland entdeckt. Ich bin durch ihr Buch „Wanderlust: Eine Geschichte des Gehens“ auf sie aufmerksam geworden und war von ihrer feministischen Essay-Sammlung „Wenn Männer mir die Welt erklären“ schwer beeindruckt.

Nun erzählt sie in „Unziemliches Verhalten“, wie sie Feministin wurde. Und das macht sie auf ihre ganz eigene, unnachahmliche Weise, indem sie nicht nur ihre Geschichte erzählt, sondern ihre Erlebnisse, ihr eigenes Verhalten und ihre Gefühle in einen größeren Zusammenhang stellt. So verleiht sie Frauen, die nicht oder kaum wahrgenommen werden, eine Stimme.

Anfang der 1980er-Jahre zieht die junge Rebecca nach San Francisco, um zu studieren und ihrem Elternhaus zu entfliehen. Sie findet eine kleine Wohnung, die für viele Jahre ihr Zuhause wird. Sie erzählt von ihrer anfänglichen Armut, von ihrer Sehnsucht nach der Weite des Meeres und der Natur, von ihrer Suche nach sich selbst und dem Leben, das sie leben will, aber auch von ihrem bunten Viertel und seinen Bewohner*innen. Selbst wenn sie schon seit Jahren sicher ist, dass sie Autorin werden möchte, fehlt ihr zunächst die Orientierung: „Ich hatte keine klare Vorstellung davon, wo ich hinwollte, aber ich wusste, dass es möglichst fern von da sein sollte, wo ich herkam.“ (Kapitel „Nebelhorn und Gospel“/3) Weiterlesen

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Thomas Page McBee: Amateur: Mein neues Leben als Mann

In seinem autobiografischen Roman „Amateur“ beschreibt der Transmann Thomas Page McBee seinen Weg zu einem Charity-Boxkampf im New Yorker Madison Square Garden, den er 2016 gegen einen Boxer namens Eric Cohen bestritten hat. Man kann sich den Kampf bei YouTube immer noch ansehen.

Gerade zu Beginn trifft die Bezeichnung „Roman“ auf diesen Text nur halb zu. Die durchaus interessanten Passagen über das Box-Training werden immer wieder durch Reflexionen des Autors über das Wesen von Männlichkeit unterbrochen. Stellenweise geht es dabei arg wissenschaftlich zu, und man wähnt sich in einem etwas drögen und fremdwortdurchsetzten Sachbuch. Das bremst den Lesefluss. Weiterlesen

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Amelie Fried: Die Spur des Schweigens

Es ist tatsächlich erstaunlich, wie vielseitig diese Autorin ist. Amelie Fried ist Journalistin und Moderatorin und sehr erfolgreiche Schriftstellerin, sie schreibt Komödien, Familiengeschichten, Kinderbücher und Krimis, von denen etliche verfilmt wurden. Hier legt sie nun einen neuen, spannenden Kriminalroman vor.

Julia, freie Journalistin, schlägt sich mit kleinen Aufträgen durch, darunter immer wieder Artikel für das Magazin „Gesundheit-heute“. In dessen Auftrag recherchiert sie zu Vorwürfen von sexuellen Übergriffen innerhalb eines renommierten deutschen Forschungsinstituts. Sie hat dazu eigentlich keine Lust, da sie dieses Themas überdrüssig ist und ähnliche Vorbehalte hat wie viele Menschen, nach dem Motto, sollen sich die Frauen doch nicht so anstellen. Dabei hadert sie selbst immer wieder mit den reichlich sexistischen Sprüchen des Chefs von „Gesundheit-heute“.

Als sie ihre Recherchen beginnt, lässt sie gegenüber den betroffenen Frauen ihre Vorbehalte durchaus erkennen, so dass die Frauen ihrerseits wenig zu erzählen bereit sind und vor allem immer anonym bleiben wollen. Sie fürchten Repressalien bis hin zu Entlassung und Zerstörung ihrer wissenschaftlichen Karrieren. Besonders betroffen sind in dem Institut vor allem die chinesischen Stipendiatinnen, die dort als Doktorandinnen arbeiten. Durch ihre Kultur sind sie auf Unterordnung und schweigende Duldung trainiert. Weiterlesen

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Hélène Jousse: Die Hände des Louis Braille

Zumindest unbewusst ist wohl jedem schon einmal das perforierte Punktemuster der Brailleschrift aufgefallen, das man unter anderem auf Arzneimittelpackungen, Geldscheinen oder Krankenversicherungskarten findet. Dieses Alphabetsystem, in dem verschiedene Punktkombinationen Buchstaben bilden, ermöglicht es blinden Menschen zu lesen. Erfunden wurde diese Blindenschrift im Jahr 1825 von dem damals erst sechzehnjährigen Franzosen Louis Braille.

Die Autorin Hèlène Jousse lebt als Künstlerin in Paris. Sie hat an der Kunstakademie eine Ausbildung zur Bildhauerin gemacht. Nachdem sie von einem jungen blinden Mann darum gebeten wird, ihm das Handwerk der Bildhauerei beizubringen, taucht sie in eine völlig andere Welt ein. In ihrem Debütroman Die Hände des Louis Braille verwebt sie zwei Geschichten miteinander.

Ein Erzählstrang handelt von Constanze, einer erfolgreichen Dramaturgin, die sich nach dem Tod ihres erblindeten Mannes in einer Sinnkrise befindet. Von dem ihr wohlgesonnenen Produzenten Thomas erhält sie den Auftrag, ein Drehbuch über Louis Braille zu entwickeln. Durch das Schicksal ihres verstorbenen Mannes hat sie sich bereits intensiv mit dem Leben Louis Brailles  auseinandergesetzt. Im Romanablauf wechseln ihre persönlichen Aufzeichnungen, die mit „Rotes Heft von Constanze betitelt sind, mit ihrem Drehbuch über Louis Braille ab. Constanze erlernt sogar die Blindenschrift, um ihrem Protagonisten Louis noch näher zu kommen. Weiterlesen

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Michael Crummey: Die Unschuldigen

Dieses Buch ist wie ein heftiger Sturm, der über das Land braust. Und gleichzeitig zart wie ein leichter Windhauch.

Der Kanadier Michael Crummey, der aus Neufundland stammt und auch heute dort lebt, erzählt uns die Geschichte der Geschwister Ada und Evered Best, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit ihren Eltern – und nur mit ihren Eltern – in einer einsamen Bucht in Neufundland leben. Evered ist elf Jahre alt und Ada neun, als erst die Mutter und die neugeborene Schwester Martha sterben und kurz danach auch der Vater. Die Familie lebt in einer Hütte, deren einziges Fenster im Winter stets durch einen Holzladen versperrt ist und die keinerlei Privatsphäre bietet, es sei denn, man hängt eine Decke quer durch den Raum. Sie ernähren sich von Fischfang, der Fang wird über den Sommer getrocknet und gesalzen und dem zweimal jährlich vorbeikommenden Schiff „Hope“ im Austausch gegen Vorräte  übergeben.

Als die Kinder allein zurückbleiben, dauert es viele Wochen, bis sie ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen, dazu gezwungen von Hunger und Not. Evered übernimmt die Aufgaben des Vaters, fährt mit dem kleinen Boot hinaus in die Bucht, während Ada sich um den winzigen Acker kümmert. Dabei erzählt sie ihrer toten kleinen Schwester von ihrem Tagesablauf, von ihren Gedanken, ihren Sorgen und von den Gefahren, in denen sie und ihr Bruder quasi ständig schweben. Weiterlesen

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Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

Joachim Meyerhoff, der schreibende Schauspieler, hat einen weiteren Band seiner autobiografischen Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“ vorgelegt. Diesmal geht‘s in ein Krankenhaus in der Wiener Peripherie.

Während Meyerhoff mit seiner Tochter Schulstoff bespricht, bemerkt er plötzlich, dass er sich halbseitig nicht mehr bewegen kann – er hat einen Schlaganfall erlitten, und die Odyssee aus Fahrt im Krankenwagen, Einlieferung auf die Intensivstation sowie Kontakten mit Ärzten, Schwestern und Mitpatienten beginnt.

Obwohl ein Krankenhausaufenthalt eigentlich kein Spaß ist, behandelt der Autor ihn mit dermaßen viel Witz, dass man stellenweise aus dem Lachen nicht mehr herauskommt – zum Beispiel wenn er beschreibt, wie sich sein unbeweglicher Fuß unter einem Rollstuhl verheddert oder er immer wieder versuchen muss, sich mit der kranken Hand an die Nase zu fassen. Meist vergeblich. Weiterlesen

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Yves Grevet: Vront: Was ist die Wahrheit?

Die Erwachsenen meinen es mit ihren Kindern natürlich gut, erst recht wenn es um Schutz und Sicherheit geht. Und LongLife verspricht dies alles, wenn jeder ein Transplantat im Körper trägt. Diese Sicherheit beginnt beim täglichen Gesundheitscheck. Auch die Erziehung erleichtert LongLife mit der Festlegung der Aktionsradien der Kinder, die vom Transplantat mit Stromstößen für Grenzüberschreitungen bestraft werden. Auch das nächtliche Ausgehverbot ist einprogrammierbar.

Für den siebzehnjährigen Scott ist die totale Überwachung ein Gräuel. Schon als kleiner Junge begehrte er auf, und als junger Erwachsener hat er mit seinen Freunden einen Weg gefunden, LongLife auszutricksen. Ihre politische Bewegung Vront ist plötzlich in aller Munde. Manche sprechen von jugendlichen Terroristen. Und dann wird Scott verhaftet und zu einer längeren Haftstrafe verurteilt. Für seinen jüngeren Bruder Stan ist dies eine Katastrophe. Er hat Angst um seinen Bruder, der für ihn immer ein Vorbild ist. Dass die namenlose Angst den Machtkampf zwischen dem Staat und einer Verbrecherorganisation ankündigt, können sich die Brüder zunächst in ihren verrücktesten Träumen kaum vorstellen. Wie wehrt man sich, wenn andere einen als Spielfigur benutzen und kaltherzig zu opfern bereit sind? Weiterlesen

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Frank Goldammer: Zwei fremde Leben

Der Autor erzählt uns eine Geschichte, die, so ist zu befürchten, öfter als man sich vorstellen möchte in der DDR geschah. Frank Goldammer, 1975 in Dresden geboren, ist erfolgreich mit seinen im Nachkriegs-Dresden angesiedelten, historischen Kriminalromanen.

Eine junge Frau, Ricarda, wird kurz vor der Entbindung ins Krankenhaus eingeliefert. Es ist das Jahr 1973, wir befinden uns in Dresden. Während der Geburt, bei der ihr eigener Vater, an der Klinik Leiter der gynäkologischen Abteilung, anwesend ist, gibt es Komplikationen und das Kind kommt tot zur Welt. So erzählt man der verzweifelten Mutter und dem jungen Vater. Doch Ricarda wird sich nie mit dieser Aussage abfinden, immer über all die folgenden Jahre und Jahrzehnte, wird sie daran zweifeln, dass ihre Tochter tot ist. Sie wird nach ihr suchen, sie wird Nachforschungen anstellen, bei Polizei und Anwälten um Hilfe bitten. Doch mit ihren Eltern und besonders mit ihrem Vater wird sie nie über die Geburt und ihr Kind sprechen.

In einer Parallelhandlung lernen wir den Polizisten Rust kennen, dessen Frau zeitgleich mit Ricarda in der Klinik auf die Geburt ihres ersten Kindes wartet. Dadurch erfährt er von der Totgeburt und weil ihm die Sache suspekt erscheint, beginnt er ebenfalls nachzuforschen.

Dem Autor gelingt es sehr gut, die Verhältnisse, die Stimmung und die gegenseitigen Verdächtigungen, das Misstrauen und die Nöte der Menschen in der DDR zu dieser Zeit zu schildern. Was im Hinblick auf seine Herkunft nicht überrascht. Dabei umschifft er zwar nicht jedes Klischee, aber manchmal ist die Realität eben ein großes Klischee. Weiterlesen

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