Simon Beckett: Versteckt

… Ich kann mich nicht wirklich als Kurzgeschichtenautor bezeichnen. Die meisten … werden nie vollendet … während ich voll und ganz auf das Buch fokussiert bin. … Oft bleiben sie, wie sie gerade sind, … unter der Rubrik ‚Für später‘ …“ (Vorwort, S. 7)

„Für später“ ist in Simon Becketts aktuellem Buch gerade wahr geworden. Dank der Begleitumstände von Corona. Seine Kurzgeschichten wurden von Sabine Längsfeld und Karen Witthuhn übersetzt

Der Autor dürfte jeder/m LiebhaberIn von Kriminalromanen bekannt sein. Simon Beckett nannte seinen schmalen Kurzgeschichtenband »Versteckt«, weil nicht nur seine Texte in der berühmt-berüchtigten Schublade ruhten sondern auch wegen der darin verborgenen Geheimnisse, die auf ihre Entdeckung warten.

Natürlich packt er diese Geheimnisse in Mordgeschichten, die so unerwartet in das Leben der Protagonisten eindringen, dass die Betroffenen viel zu spät die Verbrechen als solche erkennen. Weiterlesen

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Han Kang: Weiß

Weiß wurde zu ihrer Projektionsfläche. Das reine Weiß, zart und zerbrechlich steht für ein Ereignis aus ihrer Vergangenheit und für Gegenstände, die mit der Farbe assoziiert werden können. Die Ich-Erzählerin leidet unter einer starken Migräne. Schon lange sucht sie nach erlösenden Gedanken und flieht in ein anderes Land, um in der Zurückgezogenheit klärende Einsichten unter anderem im Betrachten des Schnees zu finden.

„… Sie sitzt an ihrem Schreibtisch wie jemand, dem noch nie Leid geschehen ist. Nicht wie jemand, der gerade geweint hat oder es noch tun wird.“ (S. 105)

Der Trost der Vergänglichkeit tröstet sie nicht, denn …

„… Ich habe es noch nicht geschafft, mit mir ins Reine zu kommen.“ (S. 114)

Die Künstlerin und Autorin Han Kang gilt in Korea als wichtige Stimme. Mit ihrer Lyrik wurde sie 1993 bekannt, danach wechselte sie zur Prosa. In ihrem aktuellen Buch vereint sie Textminiaturen mit Elementen der Lyrik, die von Ki-Hyang Lee übersetzt wurden. Alle Kapitel zusammen könnte man mit einem Windspiel vergleichen, dass, mal hin und hergerückt, schließlich ein Gesamtbild kreiert. Weiterlesen

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Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe

Mal unter uns, wer wusste über diesen Teil des Zweiten Weltkriegs Bescheid, dass die Sowjetunion in den vierziger Jahren Finnland annektieren wollte und die Finnen wiederum sich hilfesuchend an die Waffenbrüder des Nazideutschlands gewandt haben, um ihre Unabhängigkeit zu behalten, was ja, und das lag ja in der Natur des Nazi Verbrecher- und Mordregimes, a priori nicht möglich ist. (Also ich sag mal so, bei Jauch wäre ich früh gescheitert). Das als Hintergrundinfo zu einer bewegenden Geschichte, bzw. drei verschiedenen Geschichten, bei denen es allerdings immer um die gleiche Frau geht – die wiederum aber nicht zu Wort kommt. Als erster spricht Viljami zu uns, ein einfacher finnischer Bauernsohn, der, und er kann sein Glück nicht wirklich fassen, Lempi zur Frau bekommt, weil SIE das so wollte.

Lempi ist klug reizvoll und eigentlich „zu höherem“ berufen, als zu einer biederen Farmersfrau. Aber die beiden heiraten tatsächlich, haben ein schönes Jahr zusammen, dann muss Viljami an die Front. Er schildert vor allem seine Rückkehr drastisch und unendlich niedergeschlagen; vom Verlust seiner selbst und vor allem, vom Verlust seiner Frau Lempi. Weiterlesen

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Peter Stamm: Wenn es dunkel wird: Erzählungen

Unheimliche Geschichten seien in dem Erzählband „Wenn es dunkel wird“ von Peter Stamm versammelt, heißt es im Klappentext. Das Element des Unheimlichen kommt hier jedoch eher auf leisen Sohlen – oft fast unbemerkt – daher. Geister, Zombies und Vampire sucht man vergebens.

Am stärksten ist es vermutlich in der Geschichte „Supermond“ vertreten, als ein Mann, der kurz vor seinem Eintritt in den Ruhestand steht, mehr und mehr verschwindet. Seine Kollegen und auch seine Frau nehmen ihn immer weniger wahr – eine Art von Horror, mit der in milderer Form sicherlich auch im richtigen Leben so mancher Arbeitnehmer in einer vergleichbaren Situation zu kämpfen hat.

Besser ließe vielleicht von etwas „Untergründigem“ sprechen, das sich in auf den ersten Blick ganz normale Begebenheiten schleicht.

Wir treffen zum Beispiel eine junge Frau, die für eine Skulptur Modell steht und später eine fast schon krankhafte Hingezogenheit zu ihrem kunstvollen Ebenbild entwickelt, oder eine andere Frau, die sich beim Landgang einer Schiffsreise plötzlich in der Wohnung eines geheimnisvollen Wahrsagers wiederfindet. In einer weiteren Geschichte gibt sich ein Ehemann für den Liebhaber seiner Frau aus und tauscht mit ihr zweideutige E-Mails. Weiterlesen

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Hans Rosenfeldt: Wolfssommer

Er wollte bei einer Drogenübergabe alles für sich allein. Um an das Geld und die Drogen heranzukommen, ging er über Leichen. Er tötete die Kunden seines Chefs und seine Kollegen. Es hätte das große Ding seines Lebens werden können, wenn der Wagen nicht auf einem einsamen Waldweg eine Panne gehabt hätte. Die finnische Grenze hatte er bereits hinter sich gelassen. Zu diesem Zeitpunkt, mitten in der Nacht, wusste in Schweden niemand, wer er war. Eigentlich die idealen Bedingungen, unerkannt zu fliehen, wenn nicht zu der Wagenpanne in der Nähe der Stadt Haparanda noch ein Unfall hinzugekommen wäre. Der Unfallverursacher hätte die Polizei rufen und einen toten Fremden melden können. Aber er tat es nicht. Der unerwartete Reichtum in dem anderen Fahrzeug und die juristischen Folgen seiner Ehrlichkeit verleiteten ihn zu schweigen. Wie so oft in seinem Leben entschied der Finder sich für den scheinbar leichtesten Weg.

Doch die Tradition der falschen Entscheidungen hat nun tödliche Folgen, weil unglückliche Zufälle eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang setzen. Erschreckend schnell sucht sowohl die Polizei als auch eine russische Profi-Killerin nach ihm. Weiterlesen

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Wiebke von Carolsfeld: Das Haus in der Claremont Street

Ein weiteres Debüt aus Kanada. Und was für eins. Die in Deutschland geborene Autorin, die als Regisseurin preisgekrönte Filme drehte, erzählt uns in ihrem fesselnden Roman das Psychogramm einer Familie. Dabei zeichnet sie so wunderbare Figuren und entwirft so bildhafte Szenen, dass die Leserin manches Mal nicht weiß, ob sie lachen oder weinen soll.

Die Familie, um die es geht, besteht aus so präzisen wie individuellen Charakteren, deren liebenswerte Egozentrik, würde man diesen Menschen im echten Leben begegnen, einen doch gelegentlich auf die nächste verfügbare Palme treiben würde.

Dabei dreht sich alles um den kleinen Tom, 9 Jahre alt und schwer traumatisiert. Seit er mitbekam, wie sein Vater seine Mutter erschlug und anschließend sich selbst erschoss, spricht er kein Wort. Er verkriecht sich in sich selbst, saugt permanent an seinem Daumen und fügt sich immer wieder möglichst heftige Schmerzen zu. Tom kommt zuerst zu seiner Tante Sonya, der ältesten Schwester seiner Mutter. Doch sie scheitert an dem Verhalten des Jungen, ist sie doch mit sich selbst ganz und gar nicht im Reinen.

Daraufhin wird Tom bei Rose einquartiert, der zweiten Schwester seiner Mutter. Diese lebt zusammen mit ihrem 15-jährigen Sohn Nick und ihrem Bruder Will in ihrem ehemaligen Elternhaus. Weiterlesen

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Nick Hornby: Just like you

Mir über diesen neuen Roman des beliebten und renommierten Autors ein Urteil zu bilden, fällt mir nicht leicht. Das Thema ist spannend und aktuell, der Stil ist erfrischend wie immer bei ihm und dennoch stellt mich das Buch nicht gänzlich zufrieden.

Das liegt vor allem an der Dialoglastigkeit. Der ganze Roman besteht größtenteils aus Dialogen, aus Gesprächen zu zweit, zu dritt. Bekanntlich sind ja etliche der Bücher von Nick Hornby erfolgreich verfilmt worden. Und da liegt meines Erachtens die Crux: der Roman wirkt wie ein Drehbuch, allerdings ohne die Regieanweisungen zu den Dialogen. Damit will ich sagen, dass die Gespräche über viele Seiten dahinplätschern, die Menschen dabei gerne aneinander vorbeireden oder die Botschaften zwischen den Zeilen verstecken, aber das „Leben“ beim Sprechen fehlt. Elizabeth George nennt das, was ich hier vermisst habe, in ihrem Buch Wort für Wort die „Geschwätzvermeidungsstrategie“. Dabei sind die Dialoge, wie immer bei diesem Autor, sehr spritzig, lebensecht, realistisch. So sprechen die Menschen heute, so reden Mütter mit ihren Söhnen, Frauen mit ihren Männern, Freundinnen miteinander.

Daneben verfolgt die Leserin die Handlung durch die Gedanken der Protagonisten, entweder aus der Sicht von Lucy oder aus dem Blickwinkel von Joseph, dem jungen Mann, in den sie sich verliebt. Weiterlesen

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Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

Die Zwillinge Stella und Desiree Vignes wachsen in Mallard auf, einem kleinen Ort in Louisiana, in dem die (ursprünglich dunkelhäutigen) Bewohner das Ziel haben, möglichst hellhäutig zu werden. Bei Desiree und Stella ist das bereits gelungen. Mit sechzehn kehren die beiden ihrem Heimatdorf den Rücken. Es hat ihnen nicht das zu bieten, was sie vom Leben wollen. Heimlich machen Sie sich auf den Weg nach New Orleans, wo sie sich mit verschiedenen Jobs über Wasser halten. Eine Rückkehr nach Mallard kommt für beide zu diesem Zeitpunkt nicht in Frage.

Obwohl die Initiative zum Aufbruch in die Stadt von Desiree ausgegangen ist, die schon immer schlagfertiger, frecher und aktiver war, ist es Stella, die eine günstige Gelegenheit ergreift, sich – sozusagen „undercover“ – auf die Seite der Weißen zu schlagen und sich von ihrem schwarzen Erbe abzuwenden. Sie verschwindet, ohne Desiree eine Nachricht zu hinterlassen. Jede Spurensuche ihrer verzweifelten Schwester führt ins Leere.

Desiree nimmt eine Stelle beim FBI an und wird Expertin für Fingerabdrücke. Sie findet im dunkelhäutigen Staatsanwalt Sam einen Mann, mit dem sie leben möchte und bekommt mit ihm eine Tochter: Jude. Doch die Ehe wird nicht glücklich, Sam beginnt, seine Frau zu schlagen. Einige Jahre nach ihrem Verschwinden wird Desiree mit einem kleinen Mädchen in Mallard gesichtet, dessen Existenz der Philosophie der Einwohner entgegensteht. Noch Jahre später erinnert sich Lou, der Betreiber des Diners, an seinen ersten Eindruck von dem Kind: „Blauschwarz“, sagte er. „Wie frisch aus Afrika eingeflogen.“ (Teil 1: Die verlorenen Zwillinge, Kapitel 1) Weiterlesen

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Maria Regina Kaiser: Selma Lagerlöf. Die Liebe und der Traum vom Fliegen

Die meisten Menschen denken wohl zuerst an den Winzling Nils Holgersson und seine wunderbare Reise mit den Wildgänsen durch Schweden, wenn sie den Namen Selma Lagerlöf hören. Doch die Autorin war eine außergewöhnliche, mutige Persönlichkeit und hat noch weitaus mehr zu bieten. Geradlinig und fleißig verfolgte sie ihren Plan, eine bekannte Schriftstellerin zu werden und wurde als erste Frau mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Sie engagierte sich für Frauen und deren Wahlrecht und setzte sich für die Flucht von Juden aus Deutschland während der NS-Zeit ein.

Den Grundstein für ihren Erfolg legten ihre Eltern, in Bezug auf das Schreiben vor allem der Vater, ein (ehemaliger) Leutnant, dessen heimliche Liebe der Literatur galt. Sie ermöglichten ihren Söhnen und Töchtern die bestmögliche Bildung, die sie sich leisten konnten (und manchmal auch mehr), was im 19. Jahrhundert auf dem Land in Schweden sicher nicht selbstverständlich war. Selma nahm diese Möglichkeit dankbar an. Wegen einer Gehbehinderung konnte sie als Kind oft nicht bei den Spielen der anderen mitmachen und wandte sich den Büchern zu, die sie in andere Welten brachten. Schon als Jugendliche verfasste sie Gedichte und Theaterstücke, die im Familien- und Bekanntenkreis aufgeführt wurden. Weiterlesen

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Clemens Berger: Der Präsident

Jay Immer arbeitet als Polizist in Chicago.  Wir schreiben die 1980-er Jahre. Geboren wird er 1926 als Julius Imre im österreichisch-ungarischen Grenzgebiet, dem Burgenland. Seine Eltern wandern mit ihm in die USA aus und weil dort niemand seinen Namen aussprechen kann, wird aus ihm Jay Immer.  Seine Frau Lucy meldet ihn ohne sein Wissen bei einem Wettbewerb an, bei dem eine Agentur Doppelgänger berühmter Persönlichkeiten sucht. Jay überzeugt als Ronald Reagan. Er quittiert seinen Dienst bei der Polizei und eröffnet, vorerst noch etwas unbeholfen, Vergnügungsparks, Autohäuser und Einkaufszentren. Das Geschäft läuft gut. Immer gewinnt an Sicherheit und lernt interessante Leute kennen. Vor allem jene, die mit Reagans Politik nicht zufrieden sind, kommen auf ihn zu. Er ist Reagan und auch wieder nicht.

Vorerst ist Jay darum bemüht, den Präsidenten so gut wie möglich zu imitieren. Bald kann ihn kaum jemand mehr von ihm unterscheiden.
Als Präsidentendouble beschäftigt er sich eingehend mit dem Original. Die Grenzen verschwimmen. Seine geliebte Gattin heißt zwar Lucy und nicht Nancy, aber er nennt sie schon mal liebevoll „First Lady“ und sie ihn „mein Präsident“. Außerdem wohnen sie ebenfalls in einem weißen Haus, wenn auch in Chicago.
Ein Besuch in der „alten Heimat“ Österreich wird für beide zu einem prägenden Erlebnis. Das Burgenland grenzt an den Eisernen Vorhang. Hier wird Weltpolitik spürbar. Weiterlesen

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