Kirsten Boie: Dunkelnacht

Es ist April, fast Mai, ein Junge und ein Mädchen treffen sich, der erste Kuss im Mondschein verunglückt und eigentlich erzählt diese Szene schon von Mord, vom Krieg, von weißen Betttüchern, die eine friedliche Kapitulation symbolisieren sollen.

Schorsch, ein Junge aus dem bayerischen Penzberg, ist überzeugt, dass Deutschland auch nach vielen Jahren Krieg nicht kapitulieren darf, und erschrickt über das, was Marie ihm sagt: „Am besten, wir legen schon die Betttücher bereit“. Ist das Wehrkraftzersetzung? Und dann die Hoffnung: Könnte der Krieg bald vorbei sein?

Marie, die Tochter des Metzgers und Schorsch, Sohn des Polizeichefs, durchleben in Kirsten Boies Jugendbuch „Dunkelnacht“ die tatsächlichen Ereignisse der Tage vom 28. – 29. April 1945, zwei Tage vor Hitlers Selbstmord. Die Kleinstadtbewohner hören über das Radio, dass die „Freiheitsaktion Bayern“ das Ende des Krieges verkündet und einige Bürger handeln beherzt: Sie setzen den von den Nazis abgesetzten Bürgermeister wieder ein, versuchen zu verhindern, dass das Bergwerk gesprengt wird – ein Befehl, den es auszuführen gilt, falls die Stadt dem Feind in die Hände fällt – und wollen, dass die Kriegsgefangenen im Ort nicht in letzter Minute hingerichtet werden. Weiterlesen

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Raffaela Romagnolo: Bella Ciao

Er wurde zum Sommerhit 2018 gekürt. Doch während in den Clubs zu der elektronisch aufgepeppten Version von „Bella Ciao“ ausgelassen getanzt wurde, wusste kaum jemand um den ernsten Ursprung dieses Liedes. Bereits im 19. Jahrhundert galt es in Italien als Arbeiter- und Protestlied, wurde später zur Hymne der Partisanen im Kampf gegen die Faschisten. Um Widerstandskämpfer, (Familien-) Zusammenhalt und den Überlebenskampf im italienischen Piemont von 1900 bis 1946 dreht sich dieser mitreißende Pageturner von Raffaella Romagnolo. Die Autorin schafft es, Historie menschlich, politisch, sinnlich und sehr bewegend zu vermitteln. Ihre Geschichte um Entwurzelung, sozialer Ungerechtigkeit und Schicksal ist universell – bietet aber vor allem Italienliebhabern einen großen Mehrwert. Grandi emozioni, die lebensklug verpackt sind, fesseln von der ersten bis zur letzten Seite.

Borgo di Dentro im Jahr 1946: Das Land ist im Aufbruch, ächzt aber unter den Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges. Das Essen ist rationiert, die Straßen zerbombt, die Toten noch nicht gänzlich betrauert. Mittendrin spaziert eine wohlhabende Amerikanerin mit Seidenstümpfen, elegantem Cape und Hut. Was niemand ahnt: Es handelt sich um die 65-jährige Giulia Masca, die vor 45 Jahren diesen Ort während einer Nacht- und Nebelaktion verlassen hat. Nun möchte sie offene Rechnungen begleichen … oder sich nur mit ihrer Vergangenheit aussöhnen? Weiterlesen

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Tea Ranno: Agata und ihr fabelhaftes Dorf

Beim Lesen dieses turbulenten Romans hatte ich ständig das Gefühl, ich sehe einen dieser alten italienischen Spielfilme, wie z.B. „Don Camillo und Peppone“ – die Älteren werden sich an diese noch erinnern. Überhaupt weckte die Lektüre in mir den Wunsch, den Roman einmal verfilmt zu sehen, denn ich glaube, dann erst entfaltet er seine ganze Wirkung, erlaubt doch die visuelle Wahrnehmung eine leichtere Unterscheidung zwischen den Handelnden als nur das Lesen der Namen.

Denn bei aller Freude über diesen unterhaltsamen, liebenswerten Roman verliert man sich doch einigermaßen in dem reichhaltigen Personaltableau, das nahezu alle Bewohner des kleinen sizilianischen Dorfs, dem Schauplatz der Handlung, umfasst.

Die im Titel erwähnte Agata – entgegen meiner fälschlichen, vom Klappentext geweckten Erwartung eine junge und sehr attraktive Frau – wird völlig unerwartet zur Witwe, als ihr Mann Constanzo einem Herzinfarkt erliegt. Neben dem Tabakladen, den er mit Leidenschaft und Liebe führte, hing sein Herz vor allem an der „Saracina“, einem üppig bepflanzten Grundstück außerhalb des Dorfs. Genau auf dieses Grundstück aber hat es auch der Bürgermeister des Dorfs, genannt „Seine Exzellenz“, abgesehen. Dieser führt das Regiment über das Dorf und seine Bewohner mit strenger und korrupter Hand, dabei unterstützt von einer Riege übler Speichellecker. Weiterlesen

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Roshani Chokshi: Die silbernen Schlangen

Wir befinden uns im Europa des Jahres 1889. Im Schatten der Weltausstellung hat der Lebemann, Mäzen und Behèmian Séverin Montagnet-Alarie schon einmal gegen eine höchst geheime Organisation gekämpft. Letztlich ging es darum, die Schergen des gefallenen Hauses daran zu hindern, dem Orden von Babel bestimmte Relikte zu entreissen und sich damit zu Weltherrschern aufzuschwingen. Der tragische Kampf kostete Séverin seinen geliebten Bruder, brachte ihn und seine drei Verbündete aber auch auf die Spur eines verschollenen Artefakts. Im schlafenden Palast soll es zu finden sein – die Rede ist vom dem sagenumwobenen Buch der göttlichen Lyrik, mit dessen Hilfe sich Menschen zu Göttern erheben können. Einst, einer der obersten Steine im legendären Turm zu Babel hätte das Artefakt, so es denn überhaupt existiert, die Macht, die Welt buchstäblich aus ihren Angeln zu heben und sie neu zu schaffen.

Die Suche führt sie tief in den Osten – es geht in die Eiswüste Süd-Sibiriens. Hier, nahe Irkutsk am Baikalsee soll die Schlafende Palast mit seinen märchenhaften Schätzen zu finden sein. Begleitet von Abgesandten des Ordens von Babel machen sich unsere Freunde auf, die Spur bis an ihr Ende zu verfolgen – und finden weit mehr, als erwartet … Weiterlesen

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Tove Ditlevsen: Kindheit

„Kindheit“ ist der erste Teil der autofiktionalen Kopenhagen-Trilogie. Die Ich-Erzählerin Tove ist genau ein Jahr später geboren als die Autorin Tove Ditlevsen. Sie wirkt authentisch, verlässlich, doch es bleibt den Leserinnen überlassen zu ergründen, was wahrhaft erinnert ist und was Fiktion.

Tove wächst in den 1920er Jahren in einem Arbeiterviertel in Kopenhagen auf, in einer Gegend, wo Männer in den Höfen trinken und Mädchen viel zu früh schwanger werden. Die Verhältnisse der Familie sind äußerst bescheiden und verschlechtern sich noch, als der Vater die Arbeit als Heizer verliert. Die Mutter ist unnahbar und unzufrieden mit ihrem Leben. Tove versteht die Mutter nicht und setzt doch alles daran, eine noch so kleine liebevolle Geste zu erhaschen. An schlechten Tagen macht sich Tove am besten unsichtbar, um nur nicht den Zorn der Mutter auf sich zu ziehen. Überhaupt ist Tove schon als Kind eine Meisterin der Täuschung. Niemand soll von dem Gesang in ihrem Inneren erfahren, wenn sie schöne Worte hört, von den Gedichten, die sie heimlich in ihr Poesiealbum schreibt. Deshalb stellt sie sich dumm. Sie fühlt sich auch oft dumm, denn sie weiß nicht, wie man spielt. Mit anderen Kindern kann sie wenig anfangen, bis sie Ruth kennenlernt. Weiterlesen

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Benedict Wells: Hard Land

Fünf Jahre hat es gedauert, bis Benedict Wells‘ neuer Roman Hard Land bei seinem Hausverlag Diogenes erschienen ist. Zuvor hatte er mit seinem Erfolgsroman Vom Ende der Einsamkeit, der über eineinhalb Jahre auf der Bestsellerliste stand, die eigene Messlatte sehr hoch gelegt. Schon aus diesem Grund darf man auf Hard Land gespannt sein.

Zum Inhalt: Die Handlung ist im Jahr 1985 in der fiktiven, recht gewöhnlichen Kleinstadt Grady im US-Bundesstaat Missouri angesiedelt. Hier spielt die typische Coming-of-Age-Geschichte des Protagonisten Sam.

Für den fünfzehnjährigen Sam bricht ein einschneidender Sommer mit vielen Facetten aus Glück und Leid an. Doch nicht nur Sams ureigene, von Unsicherheiten und Ängsten behaftete Welt ist im Umbruch; auch in seiner Familie ist vieles aus dem Lot.

Über die Ferienzeit nimmt Sam einen Job im Kino von Grady an. Hier kann er den Problemen im Elternhaus entfliehen. Hier findet er auch endlich Freunde die ihn akzeptieren und in ihre Clique aufnehmen, obwohl er einige Jahre jünger ist. Mit seinen neuen Freunden taucht er in eine andere Lebenswelt ein. Weiterlesen

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Mary Adkins: Das Privileg

Das Schicksal von drei jungen Frauen steht im Mittelpunkt des Romans von Mary Adkins, deren Debüt „Wenn du das hier liest“ ich mit großem Vergnügen im vergangenen Jahr lesen durfte. Im Gegensatz zu jenem Buch ist das vorliegende sehr viel ernster.

„Das Privileg“ schildert die Ereignisse am Carter College, wo Bea und Annie ihr Studium beginnen und Stayja in der Cafeteria arbeitet. Alle drei sind gewissermaßen am Scheideweg, müssen Entscheidungen hinsichtlich ihres Lebensweges treffen, müssen sich selbst kennenlernen und müssen vor allem lernen, sich zu behaupten.

Annie, durch einen Brand nicht nur an den Beinen vernarbt, erwirbt dank ihres Fagottspiels ein Stipendium. Sie ist schüchtern und ihr fehlt es an Selbstbewusstsein. Als sich Tyler, der Sohn reicher Eltern, für sie zu interessieren scheint, fühlt sie sich geschmeichelt. Doch ein Zusammensein in seinem Zimmer eskaliert und am Ende bezichtigt sie ihn der Vergewaltigung.

Bea, Tochter einer schwarzen Ärztin und eines ihr unbekannten weißen Vaters, studiert Jura und schwärmt für einen der Dozenten. Dieser verhilft ihr zu einer Aufgabe als studentische Beraterin für in Schwierigkeiten geratene Kommilitonen. So kommt Bea mit Tyler in Berührung, den sie bei der college-internen Untersuchung des Vergewaltigungsvorwurfs beraten soll. Sie steht ihm zwar loyal zu Seite, doch innerlich nagen Zweifel an ihr, ob sie auf der richtigen Seite steht. Weiterlesen

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Garry Disher: Hope Hill Drive

Constable Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, wurde vor einem Jahr in Sydney degradiert. Darüber hinaus musste er sich seine Versetzung gefallen lassen. In der australischen Kleinstadt Tiverton fährt er allein Streife und kümmert sich um alle Vorfälle im wenig besiedelten Buschland. Ausgerechnet zur Weihnachtszeit werden Ponys abgeschlachtet oder verletzt, und kaum haben die Medien dieses Ereignis in Szene gesetzt, findet Hirsch zwei Mordopfer.Das beschauliche Leben in Tiverton hat sich schlagartig in ein Minenfeld verwandelt.

Wer den erfolgreichen Krimiautoren Garry Disher noch nicht kennengelernt hat, dürfte mehr als nur einen Krimiautoren verpasst haben. Sein aktuelles Buch, erneut von Peter Torberg übersetzt, beginnt – wie all seine wunderbaren Geschichten – in den ländlichen Bereichen von Südaustralien. Abgesehen von dem einzigartigen Lokalkolorit begleitet man einen Einzelgänger, der auf kriminelle Machenschaften stößt, die mitunter zu einer Gewissensfrage werden. Aus der Perspektive von Hirsch erfährt der Leser in einer chronologisch aufgebauten Geschichte, wie der Constable unter der brennenden Dezemberhitze unterschiedliche Bewohner befragt. Unter der kritischen Beobachtung seiner Vorgesetzten und deren Dienstherren aus Sydney sucht der in Ungnade gefallene Hirsch Kleinkriminelle, vermisste Kinder und Mörder. Dabei findet er mehr heraus, als für sein Wohlbefinden gut ist. Weiterlesen

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Jihyun Kim: Sommer

In Südkorea ist endlich Sommer geworden.Trotzdem sieht man von schräg oben eine Stadt nur in zarten beige-grau Tönen. Sogar die wenigen Bäume fallen zwischen den Hochhäusern kaum auf. Das Leben auf der Straße ist scheinbar zum Erliegen gekommen. Die Illustratorin Jihyun Kim zeigt eine dreiköpfige Familie mit ihrem Hund. Während die Eltern in ihrer Stadtwohnung geschäftig aufräumen, spielt ein kleiner Junge in seinem Zimmer alleine auf dem Boden hockend. Er liebt Autos und malt gerne.

Und dann geht die Reise los. Raus aus der Stadt, über den Fluss, durch einen Wald zu den Großeltern.

Dieser Sommertag wird für den kleinen Jungen zu einem besonderen Abenteuer.

Seit zehn Jahren arbeitet Jihyun Kim als Illustratorin und Grafikerin. Sommer ist ein Bilderbuch, das die Betrachter ganz ohne Worte erreicht. Dies liegt vor allem an den zart ausgestalteten Bildern. Jedes einzelne stellt eine harmonische Szene dar, die eine Familie vorstellt. Ohne Überladen zu wirken, zeigen die Bilder in ihren Details den liebevollen Umgang aller Beteiligten. Als der kleine Junge mit seinem Hund die Umgebung erkundet, geschieht dies völlig angstfrei und ohne Vorurteile. Weiterlesen

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Barney Norris: Die Jahre ohne uns

„Die Jahre ohne uns“ des britischen Autors Barney Norris handelt von zwei älteren Menschen, die auf ihr Leben zurückblicken, das für sie nicht optimal verlaufen ist. Der Roman teilt sich im Wesentlichen in zwei Hälften, die zunächst rein gar nichts miteinander zu tun haben – es folgt noch ein kurzer dritter Teil. Der erste Part besteht aus Selbstreflexionen der Frau. Sie ist einsam und findet nur in der Gartenarbeit etwas Freude. Besonders betrauert sie den Verlust ihres Vaters, der offenbar – genau wird es nicht erläutert – wegen einer psychischen Erkrankung die Familie verlassen hat, als unsere Ich-Erzählerin sieben Jahre alt war. Auch ihren Mann hat sie später schon kurz nach der Heirat verloren.

Diese rund 100 Seiten kommen arg freudlos und wehleidig daher, und man muss ich etwas hindurchquälen. Das wird in Teil zwei leider nicht besser. Weiterlesen

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