Wenn Systeme versagen, dann funktioniert gar nichts mehr. Vielleicht lassen sich Ersatzteile beschaffen, vielleicht findet sich ein Handwerker.
Die Kapitäne so mancher Industriegiganten bieten alternativ neue Systeme an. Das alte wird entsorgt, das neue System macht dort weiter, wo das alte aufgehört hat. Wäsche wird wieder sauber, Autolampen leuchten auf und vieles mehr, bis nach der Garantiezeit erneut etwas im System nicht mehr funktioniert.
Doch was macht man, wenn das System Gesellschaft nicht mehr funktioniert? Wenn das Rechtssystem systematisch vorgeführt wird, weil seine Vertreter das Gesetz achten und nach diesen Maßstäben Recht sprechen, während andere das gleiche Recht nicht nur missachten, sondern partout für sich selbst nicht relevant halten? Wenn bei den Angeklagten keinerlei Unrechtsbewusstsein festgestellt werden kann und diese sogar darauf beharren, es sei ihre Pflicht und ihr gutes Recht, andere zu ermorden?
In solchen Momenten fasert bei Gericht jede Kommunikation auseinander. Sie kann nicht mehr stattfinden. Die Richter*innen fällen nach zahlreichen Prozesstagen ein Urteil, bringen Mörder und Straftäter hoffentlich hinter Gitter, während die Verurteilten in ihrer Wut weiterschmoren und sich und ihre ganz eigene Weltsicht bestätigt finden.
Die Gerichtsjournalistin Annette Ramelsberger hat unzählige Verhandlungen vor Gericht verfolgt, darüber geschrieben und für ihre Artikel Preise gewonnen. Ihr erschreckend kurzweiliges Buch trägt aus gutem Grund den Titel Am Abgrund, denn man schaut bei der Lektüre tatsächlich in einen Abgrund. Bei den bekanntesten und extremsten Gerichtsfällen zeigt sie, wie bei den Opfern und deren Angehörigen Unmut entsteht oder auch Verzweiflung, weil ihnen Vertreter des Staates keinen Schutz bieten.
In einem besonders brutalen Fall von nachbarschaftlichen Übergriffen ist nicht nur ein Raum der Rechtlosigkeit entstanden. Polizisten haben weggeschaut, weggehört. Die Gerichte haben den Angreifer verharmlost, Verfahren über Jahre verschleppt. Auch die Bürgermeisterin des Ortes und Nachbarn blieben passiv, weil der Aggressor aus ihrer Gemeinde in seinen „normalen“ Momenten doch ein so netter, engagierter Mensch sei.
Die Journalistin beschreibt, wie Situationen eskalieren. Menschen erleiden Schaden und sterben sogar, weil so viele weggesehen und körperliche Gewalt verharmlost haben. Wer nichts Konkretes weiß, muss nicht eingreifen und im wahrsten Sinne des Wortes nicht in die Schusslinie geraten.
Annette Ramelsberger hat über zwei Jahrzehnte hinweg vielen Prozessen beigewohnt und diese in ihren Artikeln analysiert. Sie wurde Zeugin dessen, was nach verschiedenen Eskalationen geschehen ist. Sie beschreibt Mörder, die für ihre Kultur der Ausgrenzung und Gewalt die Bühne vor Gericht ausgiebig für Eigenwerbung benutzt haben. Was gerecht erscheint oder nicht, liegt im Auge des Betrachters und seiner politischen Anschauung.
Bei manchen Analysen bleiben die Opfer teilweise auf der Strecke, weil der Fokus auf den Menschen liegt, die Unrecht geschehen lassen.
Das Traumatisierende an den diversen Straftaten ist, dass vor der medialen Bühne nicht nur ein interessiertes Publikum steht. Abgesehen von der üblichen Sensationsgier finden Nacheiferer hinreichend viele Anleitungen für den eigenen Amoklauf oder die Bestätigung, bestimmte politische Vorstellungen würden von Behörden geduldet werden.
Breiviks brutale Anschläge auf norwegische Kinder dagegen fanden zum Glück nicht das gewünschte Publikum. Bei den umfangreichen Befragungen der Überlebenden schrumpfte seine Aura auf das Niveau eines feigen Schützen. Die erwünschte Würdigung seiner Taten blieb aus. Andere Themen waren wichtiger als er.
Annette Ramelsberger: Am Abgrund: Reportagen aus den Gerichtssälen dieser Republik
Kunstmann Verlag, Februar 2026
358 Seiten, gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, 26,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.
