Heftige Unwetter und Naturkatastrophen erleben wir in den letzten Jahren ja leider immer häufiger. Das wird sich wohl auch nicht mehr zum Positiven ändern.
Ein solches Unwetter hat Anna Schneider, inspiriert von der Flutkatastrophe im Ahrtal, als Setting für ihren 6. „Grenzfall“ genommen. Eine Reihe, die in der Karwendelregion auf deutscher wie auf österreichischer Seite spielt und die Zusammenarbeit zwischen der Kripo Weilheim und dem LKA Tirol auch mal außerhalb der bürokratischen Hürden gut gelingen lässt. Dank der sympathischen und liebevoll gezeichneten Charaktere der Beamten auf beiden Seiten der Grenze: zum einen Oberkommissarin Alexa Jahn und ihr Kollege Florian Huber auf deutscher Seite und Kommissar Bernhard Krammer vom LKA Tirol mit seiner Kollegin Rosa, die auch mal fünf gerade sein lassen, um in einer Ermittlung weiterzukommen. Bernhard hat sich damit in letzter Zeit den ein oder anderen Rüffel eingefangen, das stört ihn aber nicht weiter. Seit Kurzem wissen Bernhard und Alexa außerdem, dass sie Vater und Tochter sind, behalten das aber möglichst für sich; lediglich Rosa weiß Bescheid und unterstützt auch den ein oder anderen väterlichen Alleingang, wenn Bernhard meint, Alexa beistehen zu müssen. Dass er sich ab und zu auch in ihr Privatleben einmischt, missbilligt Rosa zwar, aber verhindern kann sie es nicht. Die Vaterrolle ist eben noch recht neu und entsprechend ungewohnt.
Auch diesmal wird aus zwei zunächst unabhängigen Fällen dann eine gemeinsame Ermittlung, in der Alexa und Bernhard wieder eng und erfolgreich als Team agieren. Für beide ist ihr Beruf Berufung, und sie lassen nicht locker, wenn sie einmal einen Fall übernommen haben.
Ein Unwetter hat die Region Karwendel verwüstet. Bäche werden zu reißenden Strömen, Hänge rutschen ab, Schlammlawinen machen Zufahrten und Straßen unpassierbar, auch für Rettungskräfte, die aus umliegenden Orten in das Katastrophengebiet gerufen werden, um Menschen aus ihren überfluteten Häusern zu bergen oder Vermisste zu suchen. Die Einsatzzentrale wird rasch aus Weilheim auf das höher gelegene Gut Kerschlach verlegt, das außerdem ausreichend Platz bietet, den Evakuierten oder denen, die es aus eigener Kraft geschafft haben, sich vor den Wassermassen zu retten, Unterkunft zu bieten. Während Florian die Einsatzkräfte koordiniert, was nicht so einfach ist, weil wegen des starken Regens und Windes auch Hubschrauber nur bedingt eingesetzt werden können, versucht Alexa, die immer länger werdende Liste der Vermissten mit den Namen derer abzugleichen, die auf Gut Kerschlach auftauchen. Die alarmierenden Meldungen reißen nicht ab. Der Bericht einer jungen Frau, die mit ihrem Camper in der Nähe eines Hofes Schutz gesucht hatte, dort aber nicht bleiben wollte, weil sie, wie sie sagt, unheimliche Beobachtungen gemacht hat, alarmiert Alexa zudem. Von genau diesem Hof kommt eine Vermisstenmeldung – eine junge Frau hat ihren Vater als vermisst gemeldet. Gleichzeitig hatte Florian zwei Wanderer zu genau diesem Hof geschickt, damit sie dort Zuflucht finden sollten. Alexa hat das ungute Gefühl, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.
Auch auf der österreichischen Seite tobt der Sturm, und es werden Personen als vermisst gemeldet. Diesen Meldungen geht Bernhard nach. Die Spur führt ihn ausgerechnet ins Katastrophengebiet, in dem auch Alexa versucht, den Meldungen nachzugehen. Ihre Spuren scheinen sich zu kreuzen. Als in einer Schlucht ein Toter gefunden wird, ganz in der Nähe des besagten Hofes, schrillen die Alarmglocken. Weder Wind noch Regen können Bernhard und Alexa davon abhalten, vor Ort nach dem Rechten zu sehen und mit Frau und Tochter des vermissten Bauern zu reden. Was sie hierbei entdecken, übersteigt jede Vorstellungskraft: eine Tragödie, die sich über Jahre erstreckt. Menschliche Abgründe. Fast unvorstellbar.
Die Mischung aus Naturkatastrophe und Mordermittlungen packt einen recht bald. Allerdings fällt es stellenweise schwer, die vielen Namen und gleichzeitigen Ereignisse dies- und jenseits der Berge auseinanderzuhalten. Zunächst ist nicht ersichtlich, wie diese beiden unterschiedlichen Ermittlungen zusammenhängen sollten; das wird erst später klar.
Packend, nervenaufreibend und umso grausamer, als es Vorkommnisse, wie zuletzt aufgedeckt, ja leider auch immer wieder in der Vergangenheit gab.
Anna Schneider: Grenzfall: Ihr Grab in den Fluten
Fischerverlage, Januar 2026
432 Seiten, Taschenbuch, 14,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
