R.C. Sherriff: Vor uns die Zeit

R.C. Sherriffs Klassiker „Vor uns die Zeit“ aus dem Jahr 1936 (Original: „Greengates“) ist ein stilles, sehr genau beobachtetes Buch über den Schock des Ruhestands, die Furcht vor dem Bedeutungsverlust – und die unerwartete zweite Chance in einem Neubaugebiet auf dem Land. Hinter der unscheinbaren Geschichte eines Londoner Durchschnittsehepaars verbirgt sich ein erstaunlich modernes Buch über Neubeginn, Wohnträume und soziale Zugehörigkeit im Älterwerden.​

Inhalt

Im Zentrum steht Tom Baldwin, der nach rund vier Jahrzehnten als Angestellter einer Londoner Versicherung in den Ruhestand geht und sich ausmalt, wie nun endlich die „eigene Zeit“ beginnt. Die Realität sieht anders aus: Lange Nachmittage, Langeweile, kleinliche Reibereien mit seiner Frau Edith – das vertraute Heim wird zum Schauplatz einer Sinnkrise, die sich bedrohlicher anfühlt, als Tom erwartet hatte.​

Eine scheinbar harmlose Landpartie zu einem alten Lieblingsort führt zum Wendepunkt. Wo früher freie Landschaft war, steht nun eine moderne Siedlung mit Einfamilienhäusern, Gärten und der Verheißung eines neuen Lebens; aus der Enttäuschung wird Neugier, und bald stehen die Baldwins vor der Frage, ob sie ihr altes Leben radikal hinter sich lassen und in diesem Neubaugebiet ganz neu anfangen wollen.​

Figuren und Perspektive

Tom Baldwin ist ein unspektakulärer, leicht eitler, zugleich verletzlicher Mann, der an der eigenen Mittelmäßigkeit leidet und doch nach Bedeutung sucht. Sherriff zeigt ihn mit sanfter Ironie, aber ohne Häme; man erkennt in ihm den ganz normalen Angestellten, der plötzlich merkt, dass niemand mehr auf ihn wartet.​

Edith, seine Frau, ist nicht bloß „die Ehefrau im Hintergrund“, sondern bekommt eine eigene, stille Entwicklung. Ihre Enttäuschung darüber, dass der Ruhestand ihr die geliebte Routine zerstört, ihre Angst vor sozialem Abstieg und vor peinlichen Fehlentscheidungen machen sie zu einer komplexen, modernen Frauenfigur – gerade weil ihre Konflikte im Privaten bleiben.​

Themen: Ruhestand, Neubeginn, Suburbia

„Vor uns die Zeit“ ist vor allem ein Roman über die Frage, was vom Leben übrigbleibt, wenn die Arbeit wegfällt. Sherriff macht aus dieser Situation kein großes Drama, sondern einen leisen, aber eindringlichen Alltagsroman, der den psychologischen Druck des Ruhestands sehr genau spürbar macht.​

Gleichzeitig ist das Buch ein Dokument der 1920er/30er Jahre: der Traum vom eigenen Haus im Grünen, von Licht, Luft, Garten, moderner Bequemlichkeit. Die Siedlung, die zunächst als Zerstörung der alten Landschaft erscheint, wird zur Projektionsfläche für Aufbruch, aber auch für neue Zwänge und Statusfragen.​

Erzählweise und Ton

Sherriff erzählt schlicht, dialogstark und mit einem sehr genauen Blick für kleine Demütigungen, Missverständnisse und stille Freuden des Alltags. Der Humor ist trocken und zurückhaltend – etwa wenn Tom voller Enthusiasmus Pläne schmiedet, die im Alltag kläglich versanden –, unter der Oberfläche liegt stets eine leise Melancholie.​

Insgesamt bleibt der Ton warm, menschenfreundlich und erstaunlich optimistisch: Neubeginn ist möglich, aber er verlangt Mut und die Bereitschaft, sich selbst neu zu erfinden.​

Fazit

„Vor uns die Zeit“ ist ein leiser, unaufgeregter, aber äußerst präziser Roman über Ruhestand, Neubeginn und die Sehnsucht nach einem Leben, das mehr ist als bloße Routine. Wer sich für Literatur der Zwischenkriegszeit, für die Anfänge der modernen Vorstadt und für psychologisch genaue Ehe‑ und Alltagsgeschichten interessiert, findet hier ein ebenso zeittypisches wie verblüffend zeitloses Buch.​

R.C. Sherriff: Vor uns die Zeit
Übersetzt aus dem Englischen von Rainer Moritz
Unionsverlag, Februar 2026
336 Seiten, gebundene Ausgabe, 24 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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