Xavier-Marie Bonnot: Der erste Mensch

Michel de Palma soll in drei Wochen in den Ruhestand gehen. „… Hunderte von Verhaftungen hatte er miterlebt, … Es waren jedes Mal harte Brüche gewesen. Menschenleben, die an Paragrafen zerschmettert waren.“ (S. 343)

Als der Taucher und Archäologe Fortin bei der Erforschung der Unterwasserhöhle an der Küste der Calanques verunglückt, vermutet die Forschungsleiterin darin einen Angriff mit Todesfolge. Und weil viele Indizien für ihre These sprechen, nimmt de Palma seine Ermittlungen auf. Dabei taucht er tief in die Fachgebiete der Archäologie, Mythologie und Psychiatrie ein.

Wenige Wochen darauf flieht Thomas Autran aus der geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Der zu einer lebenslangen Verwahrung Verurteilte sieht an den Umständen des Tauchunfalls ein Zeichen, das auf seine eigene Vergangenheit verweist.

Auch de Palma glaubt an einen Zusammenhang, denn in der Höhle gibt es Handabdrücke, die denen von Thomas Autran ähneln, als dieser seine eigenen als Visitenkarte neben seinen Mordopfern hinterließ.

Ein wertvoller archäologischer Fund und unklare Todesfälle haben de Palmas Augen geöffnet, und er kann nicht mehr wegsehen.

Seit 2002 schreibt Xavier-Marie Bonnot Kriminalromane. Seine Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet und übersetzt. Das Besondere an seinen Kriminalromanen ist der äußerst belesene Hauptkommissar Michel de Palma aus Marseille, der aufgrund seines Erfolges von seinen Kollegen der Baron genannt wird.

Der Autor begann seine Karriere als Filmregisseur von Dokumentarsendungen und Reportagen. Vor diesem Hintergrund darf man keine Oberflächlichkeiten erwarten. Zusammen mit de Palma geht der Leser auf eine geschichtliche Reise, die weitverzweigte Zusammenhänge plausibel und unterhaltsam verpackt. Vermutlich diente die von Henry Cosquer entdeckte Grotte süd-östlich von Marseille als Vorlage.

Dieses Mal ist es der Mythos um den ersten freien Menschen und die Definition von „verrückt“ und „Heilung von Geisteskrankheiten“, die de Palma bereits früher aus familiären Umständen kennenlernte. Eigentlich wollte er sich nie mehr mit der Psychiatrie auseinandersetzen. Doch die Suche nach einem verrückten Mörder zwingt ihn dazu. De Palma glaubt, nur wenn er Thomas‘ Motive versteht, kann er weitere Morde verhindern. So kurz vor seinem Ruhestand folgt er nur noch seinem Instinkt und nicht den Einfällen eines Chefs. Die Zeit für taktische Ermittlungen und Konventionen ist für ihn vorbei.

So wie ein Archäologe schichtweise Relikte aus der Vergangenheit freilegt, so erzählt Bonnot von erlittenem Unrecht und dass die vordergründige Schuldfrage eine Kette von weiteren Fragen aus der Dunkelheit des Vergessens zerrt. Der kurzweilige und bereichernde Kriminalroman wurde von Gerhard Meier aus dem Französischen übersetzt und zeigt beiläufig: Wer bisher von Xavier-Marie Bonnot noch nichts gelesen hat, hat eindeutig etwas verpasst.

Xavier-Marie Bonnot: Der erste Mensch.
Unionsverlag, Februar 2020.
352 Seiten, Taschenbuch, 19,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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