Julia Jessen: Die Architektur des Knotens

Eigentlich könnte Yvonne glücklich sein. Sie hat doch alles: Einen sympathischen, gut verdienenden Mann, zwei liebenswerte kleine Jungen, ein schönes Heim, einen guten Beruf als Grundschullehrerin, einen netten Freundeskreis…

Wieder ist es der Selbstfindungsprozess einer Frau, den Julia Jessen wie schon in ihrem ersten Roman „Alles wird hell“ beschreibt. Wieder ist eine unheilvoll gärende Story, die die  Entfremdung vom Partner thematisiert.

Yvonne schleudert viel zu früh in eine Partnerschaftskrise hinein, aus der sie keinen Ausweg findet. Ihre beiden Kinder sind in einem Alter, wo sie dringend beide Elternteile brauchen. Ihr dementer Vater, der ihr sowieso keinen Halt geben kann, bezeichnet sie in seiner Verwirrung gar als läufige Hündin, was ihrem Verhalten unterschwellig schon wieder eine gewisse Legitimität gibt. Einerseits ist sie sich darüber bewusst, dass ihr intaktes Familienleben etwas Kostbares ist, das es zu bewahren gilt. Andererseits ist da eine ermüdende Abgestumpftheit in ihr. Sie fühlt sich wie eine Gefangene in einem Netz aus Erwartungshaltungen, das ihre Sehnsüchte und Träume gefangen hält.

Sie mag ihr Leben zwar, aber das Gefühl, dass ihr vieles abhanden gekommen ist, lässt sich nicht abschütteln. Sie will nicht mehr nur funktionieren, will das Leben und sich selbst wieder spüren.

In der Spielstadt, die ihre beiden Jungen bis ins kleinste Detail aufbauen, tragen Playmobilfrauen das Essen hin und her. Yvonne sieht sich wie eine Kopie dieser Spielzeugfiguren. Ihre Kinder haben Freude daran, das Werk, das sie aufgebaut haben, wieder zu zerstören, und ihre Mutter lässt sich immer mehr von dem fixen Gedanken leiten, dass erst durch Zerstören des Bestehenden wieder etwas befriedigend Neues erwachsen kann.

Immer mehr verliert sie sich in ihrem neuen Ich, findet sich in Scheinwelten, wie in einem Gemälde, das sie in einer Galerie entdeckt, bestätigt und verstanden. Obwohl die Interpretation des Bildes selbst bei unterschiedlichen Sichtweisen nichts Gutes zulässt, ist Yvonne nicht in der Lage, den zerstörerischen Prozess  aufzuhalten.

Anstatt das Gespräch mit ihrem Mann Jonas zu suchen, provoziert sie während eines Aufenthalts bei Freunden in Dänemark ein sexuelles Abenteuer mit Peter, einem jüngeren Mann. Dabei verspürt sie keinerlei Liebe zu diesem Mann. Peters dominierende körperliche Stärke bringt ihr das verloren gegangene ersehnte Freiheitsgefühl auch nicht. Alles was sie bei diesem unverbindlichen Zusammensein spürt, bündelt sich in der Bestätigung, als Frau begehrlich zu sein. Obwohl Peters Lebensmodell, der mit seiner Partnerin eine offene Beziehung pflegt, keineswegs eine Option für Yvonne ist, kann sie sich nicht mehr aus der Sackgasse befreien.

Nachdem sie ihrem Mann von Peter erzählt hat, erträgt er ihre Anwesenheit im Haus nicht mehr. Yvonne zieht sie ins Hotel. Sie fällt in einen Zustand, in dem sie sich noch mehr als Gefangene einer Leere sieht und die Abwesenheit der Kinder gar als körperlichen Schmerz empfindet.

Im Wissen, dass es kein Zurück mehr gibt, erhofft sie sich eine Möglichkeit in etwas Neuem, in dem das Alte einen Platz finden kann.

Julia Jessen zeichnet Yvonnes seelische Not mit ihren Abgründen und den Leidensdruck ihrer Familie in verblüffender Echtheit auf. Dialoge der Kinder sind oft witzig und direkt wie aus dem Leben gegriffen.

Mit der neuen Situation am Ende ist der Knoten nicht aufgelöst.

Julia Jessen: Die Architektur des Knotens.
Verlag Antje Kunstmann, März 2018.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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