Stuart Turton: Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Ein Buch mit immenser Sogwirkung, unglaublich spannend von der ersten bis zur letzten Seite! Gleich zu Beginn des Plots stößt uns Stuart Turton unmittelbar in ein höchst bedrohliches Szenarium hinein. „Zwischen einem Schritt und dem nächsten vergesse ich alles.“ Der Ich-Erzähler kommt in einem Wald zu sich, eine Frau schreit um Hilfe. Er weiß weder wer er ist, noch wo er ist, noch wie er hierherkam. Hektik, Durcheinander, Orientierungslosigkeit. Der Name Anna geistert durch seinen Kopf, sein Körper fühlt sich fremd an, finstere Menschen tauchen aus dem Nichts aus. Allein dies beschreibt der britische Autor so dramatisch, dass wir Leser sofort von der Hauptperson amortisiert werden. Wir sehen, was er sieht. Wir wissen, was er weiß. Wir durchleben dieselbe Entwicklung, so dass wir sofort mit der Hauptfigur verschmelzen und sympathisieren. Denn Turton führt uns ganz nah ans Geschehen– und mitten hinein in einen abenteuerlichen, meisterlich verwobenen Plot.

Der Ich-Erzähler schafft es aus dem Wald heraus, überzeugt davon, Zeuge eines Mordes geworden zu sein. Er landet auf Blackheath House, einem einstmals prächtigen Landsitz, der mittlerweile im Verfall inbegriffen ist. Dort sind zu diesem Wochenende etliche Gäste geladen. Ein Maskenball soll stattfinden anlässlich der Rückkehr von Evelyn Hardcastle, der Tochter des Hauses, die 19 Jahre lang in Paris gelebt hat. Auf Blackheath House wird der Protagonist von seinem Freund Daniel als Dr. Sebastian Bell begrüßt. Während Bell versucht, seine Erinnerung zurück zu erlangen und etwas über Anna und die Frau im Wald heraus zu bekommen, wird er immer mehr in die Geschehnisse des Hauses verstrickt. Dann der größte Schock: Am nächsten Morgen wiederholt sich der Ablauf desselben Tages exakt wieder, gleich einer Zeitschleife. Weiterlesen

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Anders de la Motte: Winterfeuernacht

Wenn man davon ausgeht, wie dieses Buch angekündigt wurde, müsste es einer der besten schwedischen Krimis sein, die aktuell auf dem Büchermarkt sind. Leider kann ich diese Meinung nicht teilen. Ich bin grundsätzlich ein Fan der skandinavischen Kriminalromane, die viel spannender und oft subtiler sind als beispielsweise Möchtegern-Thriller deutscher Autoren. Doch der Roman von Anders de la Motte reicht bei weitem nicht an andere schwedische Krimis heran.

Die Protagonistin Laura erbt von ihrer Tante ein Feriendorf auf dem Land. Sie war vor 30 Jahren das letzte Mal dort. Damals kam es bei der Feier des Luciafestes zu einem schweren Brand, bei dem ihre Freundin Iben ums Leben kam.  In all den Jahren hatte Laura keinen Kontakt mehr zu ihrer Tante. Nach deren Tod kommt sie nun zurück an den Ort, um das Ferienlager zu verkaufen.

Schon bald kommen ihr Zweifel am Unfalltod ihrer Tante. Als schließlich mehrere Brände geschehen und die Dorfbewohner immer misstrauischer und ablehnender gegenüber Laura werden, beginnt sie, unterstützt von ihrem Jugendfreund Peter, inzwischen Polizist, nachzuforschen. Schon immer hatte sie sich auch selbst eine Mitschuld an dem damaligen Unglück gegeben.

Laura leidet seither unter ihren Brandnarben und einem chronischen Virus. Sie hat ständig Angst vor Ansteckungen, ekelt sich vor jeder Art von Schmutz und hat, wenn sie ihre Medikamente nicht regelmäßig nimmt, immer wieder Albträume. Weiterlesen

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Thomas Mullen: Dark Town

Extrem spannend, extrem aufwühlend. Dark Town ist ein perfekter Pageturner, der beim Lesen an Herz und Nieren geht. Autor Tom Mullen verknüpft einen fiktiven Kriminalfall mit realer Zeitgeschichte – genauer: Der ersten afro-amerikanischen Polizeidivision, die 1948 in Atlanta eingesetzt wurde. Mindestens ebenso aufregend wie der Kriminalfall sind die harten Rahmenbedingungen mit denen diese schwarzen Polizisten tagtäglich konfrontiert wurden. Weiße Cops setzten ein Kopfgeld auf jeden toten „Nigger-Cop“ aus und wurden nicht müde, ihre Kollegen verbal zu demütigen und körperlich zu attackieren. Zu einer Zeit, in der Schwarze wegen Nichtigkeiten auf offener Straße aufgeknüpft werden durften, eigene Toiletten, Busplätze und Ghettos zugewiesen bekamen, war ihr Wort nichts wert. Auch die acht farbigen Polizisten haben in diesem Roman keinen wirklichen Handlungsspielraum. Es ist ihnen untersagt, das offizielle Polizeigebäude zu betreten, ihre Division ist einem feuchten Kellerloch untergebracht. Zwar dürfen sie Waffen tragen, aber keinen Streifenwagen fahren. Akteneinsicht, Verhöre, echte Polizeiarbeit – Fehlanzeige. Sobald es ans Eingemachte geht, müssen sie die weißen Kollegen rufen, die je nach Lust und Laune weiter verfahren können. Und das Wichtigste: Schwarzen Cops ist es verboten, Weiße zu verhaften.

Diese Krux bildet den Ausgangspunkt des Falles, in den die beiden Hauptdarsteller Lucius Boggs und Tommy Smith geraten. Bei einer nächtlichen Polizeikontrolle in Dark Town – dem von Schwarzen bewohnten Stadtbereich – halten sie ein Auto an, das eine Straßenlaterne angefahren hat. Im Wagen befindet sich eine junge schwarze Frau, die offensichtlich gerade verprügelt wurde sowie ein weißer, älterer Fahrer. Da Boggs und Smith diesen nicht verhaften dürfen, rufen sie weiße „Verstärkung“. Lionel Dunlow, ein langjähriger und sehr rassistisch eingestellter Cop, scheint den Mann zu kennen und lässt ihn davonkommen, wogegen die schwarzen Polizisten aber auch Dunlows junger Kollege Denny Rakestrow, genannt Rake, machtlos sind. Weiterlesen

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David Ignatius: Quantum Spy: Der Feind im System

… Lassen Sie uns damit anfangen, worum es eigentlich geht, wenn wir über Quanteninformatik sprechen … ein Quantencomputer, falls wir es schaffen, ihn zu konstruieren,“ kann „…Zahlen wesentlich schneller faktorisieren … als ein klassischer Computer. …“ Der „… würde für das Faktorisieren einer fünfzigstelligen Zahl mehr als zehn Millionen Jahre brauchen. Der Quantencomputer dagegen würde das Problem in weniger als einer Sekunde lösen.“ (S. 252)

John Vandel und Li Zian arbeiten in führender Position beim amerikanischen beziehungsweise chinesischen Geheimdienst. Beide haben schon einige Konkurrenzkämpfe innerhalb ihrer Behörden überstanden und glauben an ihre eigene Klugheit und Überlegenheit. Als ein amerikanisches Start-up-Unternehmen glaubt, die nächste Computergeneration, den Quantencomputer, in absehbarer Zeit bauen zu können, befindet sich der chinesische Geheimdienst im Alarmzustand. Zum Glück berichtet ihr Maulwurf beim CIA regelmäßig über den aktuellen Stand der Forschung.

Aber auch John Vandels Abteilung ist besorgt, nachdem sie über einen chinesischen Wissenschaftler von dem Leck in den eigenen Reihen erfährt. Weiterlesen

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Volker Klüpfel & Michael Kobr: DRAUSSEN

Cayenne und Joshua sind Teenager und doch unterscheidet sich ihr Leben maßgeblich von dem anderer Jugendlicher. Von einem Smartphone können sie nur träumen, Fernseher und Spielekonsolen gibt es in ihrer Welt auch nicht. Dafür Eichhörnchen vom Feuer, ständige Wachsamkeit und den täglichen Kampf ums Überleben. Die beiden hausen mit einem Mann namens Stephan in den Wäldern und ziehen regelmäßig von einem Ort zum anderen, um nicht aufzufallen. Zurzeit hat es sie nach Brandenburg in Deutschland verschlagen. Doch eine brenzlige Situation, bei der Cayenne so stark verletzt wird, dass sie ins Krankenhaus muss, zwingt sie auch hier wieder, den liebgewonnenen Wohnwagen auf einem Campingplatz aufzugeben und weiterzuziehen.

„DRAUSSEN“ spielt auf verschiedenen Erzählebenen und an verschiedenen Orten. Man lernt Cayenne, Joshua und Stephan kennen, aber auch einige Politiker und ihre Handlanger, die einen großen Blackout in Deutschland fürchten. Wie das alles zusammenpasst, findet man erst später raus. Weiterlesen

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Fuminori Nakamura: Der Revolver

Auf nur 180 Seiten entwirft der japanische Autor Nakamura eine faszinierende Obsession und wagt sich tief in die Abgründe der menschlichen Seele hinein. Der Student Nishikawa führt ein unauffälliges, nahezu langweiliges Leben. Seine Wohnung ist gerade einmal sechs Tatamimatten groß, er ist eher introvertiert, vertreibt sich die Zeit mit seinem Freund Keisuke und ein paar wenigen, kurzlebigen Liebschaften. Doch etwas treibt Nishikawa um. So läuft er öfters bei Wind und Wetter planlos durch die Nacht, bis seine Füße schmerzen. Warum, vermag er selbst nicht zu sagen. Auf einem dieser nächtlichen Streifzüge macht er völlig durchnässt Halt unter eine Brücke. Dort findet er die Leiche eines Mannes, der augenscheinlich Selbstmord begangen hat. Neben ihm befindet sich der dazugehörige Revolver, ein Colt. Bei seinem Anblick ist es um Nishikawa geschehen: Es ist sozusagen „Liebe auf den ersten Blick“. Der Student nimmt die Waffe an sich. Danach ist nichts mehr so, wie es war…

Nishikawa wird selbstbewusster, offener, lässt sich auf Affären und Abenteuer ein. Der Revolver scheint ihm eine neue Art von Rückhalt zu verleihen. Er kann sich nicht am silbrigen Glanz der Waffe sattsehen, erfreut sich an der „radikalen Einfachheit und Eindeutigkeit des Gegenstandes“. Stundenlang poliert Nishikawa den Colt, trägt ihn bald auch außerhalb seiner Wohnung mit sich herum, wo er ihn ständig in seiner Jackentasche befühlt. Wohl wissend, dass er ihn jederzeit ziehen und überraschende Situationen provozieren könnte. Weiterlesen

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Ulf Schiewe: Der Attentäter

Juni 1914: Eine verhängnisvolle Woche, in der die Geschicke der Welt neu sortiert werden. Der habsburgische Thronfolger kommt zu einer Parade durch die Straßen nach Sarajevo. Doch nicht alle sind ihm wohlgesinnt und eine große Gefahr lauert in den Straßen. Gavrilo Princip, ein junger bosnisch-serbischer Mann, wird seit Wochen für diesen einen Tag ausgebildet. Er und seine Freunde haben nichts zu verlieren und sind bereit, alles zu tun. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Ulf Schiewe hat sich einen Namen gemacht mit historischen Romanen, die perfekt recherchiert sind, Wissen vermitteln und gleichfalls unterhalten. Diese Mischung ist ihm auch bei „Der Attentäter“ gelungen. Man entwickelt schon nach wenigen Seiten ein Gefühl für die besondere Stimmung, die im Jahr 1914 in den beschriebenen Gebieten herrschte. Die Lage war sehr angespannt, der Geheimbund „Schwarze Hand“ plante bereits ein Attentat. Schiewe macht in seinen Kapiteln klar, dass dies den Geheimorganisationen der Gegenseite keinesfalls verborgen geblieben war und man sehr wohl wusste, dass bald etwas passieren konnte. Doch wann und wo, da waren sich die Beteiligten nicht komplett einig. Eine gute Ausgangslage für einen spannenden Roman, zu denen „Der Attentäter“ auf jeden Fall gezählt werden kann. Weiterlesen

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Martina Kempff: Messer, Gabel, Kehr und Mord

Die Eifel ist ganz offensichtlich ein ziemlich gefährliches Pflaster. Oder besser Waldboden. Wenn man es an den vielen Krimis misst, die in der Eifel angesiedelt sind. Als Tatort scheint sich die Region bestens zu eignen.

Martina Kempff legt mit diesem Buch ihren zehnten Eifelkrimi um die Hobbygastwirtin und Hobbyermittlerin Katja Klein vor. Für mich war es der erste Roman, den ich von dieser Autorin gelesen habe. Und ein bisschen war es, wie wenn man auf einer Party der einzige Gast ist, der niemanden der Anwesenden kennt, während alle anderen schon lange sehr gute Bekannte sind.

Katja Klein führt mit Unterstützung von einigen Mitarbeitern, die auch ihre Freunde sind, in dem winzigen Örtchen Kehr ihre Gaststätte. Diese liegt exakt an der Grenze zwischen Deutschland und Belgien an einer Bundesstraße. Die Wirtschaft liegt auf der deutschen, Katjas Wohnhaus auf der belgischen Seite der Straße.

An einem heißen Sommerabend sitzen Katja und ihre Freunde vor der Gaststätte, als ein Auto vor ihnen scharf bremst.  Ein in eine Decke gewickelter Körper wird aus dem Wagen geworfen, das Auto fährt mit quietschenden Reifen weiter. Bevor die Augenzeugen irgendetwas unternehmen können, wird der Körper von einem zweiten Wagen abtransportiert. Wenig später wird einer der Wagen zerstört im Straßengraben gefunden, im Auto ein Toter. Weiterlesen

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Lene Schwarz: Waldesgrab

Fünf Jahre nach seinem Nervenzusammenbruch und dem Unfalltod seiner Frau geht es dem Koch Leon Bosch einigermaßen gut. Er kocht wieder, und zwar in dem hauptsächlich von Jägern besuchten Waldgasthof Quellenbach. Auch seine Tochter Thea hat es aus ihrem Tief geschafft. Es sieht so aus, als könne sie ihr Abitur doch noch schaffen. Vater und Tochter könnten ein glückliches Leben führen.

Als Leon neben seinem Parkplatz am Waldgasthof den ausgeweideten Körper seiner Kollegin entdeckt, kommt nach dem Schock allmählich die Erkenntnis, der Mörder habe es auf ihn abgesehen. Mit Hilfe der befreundeten Nachbarin Marlene beginnt seine quälende Suche nach dem Motiv.

Wenige Tage später findet er seine Freundin, ähnlich aufgeschnitten und im Wald drapiert. Für die Polizei sieht es so aus, als wäre Leon der Mörder. Er wird verhaftet und nur wegen der unklaren Beweislage vorläufig freigelassen.

Weil im Brustkorb der Frauen jeweils ein besonderer Stein liegt, glauben Leon und Marlene an eine von langer Hand vorbereiteten Rache, die ebenfalls mit dem mysteriösen Baumsterben im Wald zusammenhängen muss. Denn in der Nähe der abgestorbenen Buchen hatten sie vor ein paar Jahren die von Thea gestohlene Mineraliensammlung vergraben. Heimlich suchen Leon und Marlene den Mörder. Weiterlesen

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Ian Rankin: Ein Haus voller Lügen

In meinem ganz persönlichen Krimiherbst 2019, in dem ich bisher die neuen Bücher von Jo Nesbø, Håkan Nesser und Jussi Adler-Olsen gelesen habe, macht der neue Krimi von Ian Rankin das Kleeblatt komplett. Der schottische Schriftsteller Ian Rankin (Jahrgang 1960) ist wie seine Kollegen ein sehr bekannter und ausgezeichneter Krimiautor. Seit den 1980er Jahren schreibt er über Detective Inspector John Rebus, der in der schottischen Hauptstadt Edinburgh ermittelt. Inzwischen ist Rebus im Ruhestand, mischt sich aber weiterhin in Fälle der Polizei ein. So auch in „Ein Haus voller Lügen“, das am 28. Oktober 2019 im Wilhelm Goldmann Verlag in einer Übersetzung von Conny Lösch erschienen ist.

Darin taucht die Leiche des Privatermittlers Stuart Bloom auf, der 2006 spurlos verschwand. Damals führte DCI Bill Rawlston die polizeilichen Untersuchungen und John Rebus arbeitete an dem Fall mit. Die Eltern von Stuart Bloom erhoben im Laufe der Ermittlungen schwere Vorwürfe gegen die Polizei, so dass auch der interne Anti-Corruption-Unit (ACU)  eingeschaltet wurde. Jetzt wird Stuart Bloom mit Handschellen gefesselt im Kofferraum seines Autos in einem Waldstück gefunden, das an das Haus seines damaligen Auftraggebers, des Filmproduzenten Jackie Ness, grenzt. Ness hatte Bloom den Auftrag erteilt, Sir Adrian Brand, mit dem er um ein Grundstück konkurrierte, auszuspionieren. Auch Blooms Lebenspartner, Derek Shankley, stand unter Verdacht mit dem Verschwinden seines Freundes zu tun zu haben, aber es ließ sich nicht beweisen. Pikanterweise arbeitete Shankleys Vater, Alex, bei der Mordkommission in  Glasgow. Weiterlesen

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