Anne von Canal: Mein Gotland: Erzählungen von Wind, Zeit und Einsamkeit

Ich bin verliebt! Ich bin verliebt in dieses Buch! Ich liebe dieses Buch von Seite 1 bis zum viel zu frühen Ende. Es startet famos: „An einem unbekannten Ort ankommen, ist wie der erste Kuss mit einem Fremden.“ Kann ein Anfang treffender, fesselnder, fragender sein?

Wir erfahren in Kapitel 1 etwas über das gesunkene deutsche Frachtschiff mit dem – angesichts seiner jetzigen Lage – absurden Namen „Fortuna“ auf den Schiffsseiten. Erfahren trifft es allerdings nicht – wir erleben es, stehen neben der Ich-Erzählerin bei Ebbe auf einem Felsstück im Wintermeer und strecken die Hand nach dem verrosteten Eisen aus. Wir stapfen neben der Protagonistin im nächsten Kapitel an den Ort, an dem einst die Villa Kunterbunt stand.

Gotland ist für die Autorin die Winterinsel, ist wie ein Raum der Einsamkeit, den man betreten kann. Sie nimmt uns einfach mit auf ihre Winterinsel, auf die Insel, weder Festland noch Meer.

Wir stemmen uns mit ihr gegen den Wind, brüllen gegen ihn an zum Abschied, lassen uns von ihm ins Gesicht beißen. Es ist nicht allein die poetische Sprache, die von Canal bis ins letzte Jota perfektioniert, es ist nicht allein der zurückhaltende Humor, der zwischen den Zeilen aufblitzt, uns ein Lächeln abtrotzt. Es ist nicht allein die Leidenschaft und tiefe Liebe für dieses Stück Einsamkeit, die in jedem Wort lebendig wird. All diese Ingredienzien werden zu einem literarischen Meisterwerk der besonderen Güte verwoben.

Das Buch hat nur einen Fehler: Es ist zu kurz geraten.

Anne von Canal weckt mit „Mein Gotland“ Emotionen wie Sehnsucht, Melancholie, Verliebtsein, Humor, Bodenständigkeit. Wäre Gotland nicht ohnehin ein ganz besonderer Ort auf dieser Welt, dieses Buch machte es aus ihm. Lesenswert!

Anne von Canal: Mein Gotland: Erzählungen von Wind, Zeit und Einsamkeit.
mare, September 2020.
144 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Michael Pick.

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