Donna Freitas: Die neun Leben der Rose Napolitano

Der Körper von Frauen gehört ihnen nie allein. Das macht nicht nur der in Amerika gekippte „Roe vs. Wade“-Beschluss zum Thema Abtreibungsrecht deutlich. Donna Freitas setzt mit ihrem Roman „Die neun Leben der Rose Napolitano“ noch viel früher an – und zwar beim noch nicht mal gezeugten Kind. Ihre Protagonistin Rose ist eine erfolgreiche Professorin, verheiratet mit dem Fotografen Luke und mit der klaren Einstellung, keine Kinder haben zu wollen. Das wird ihr von der Gesellschaft übelgenommen. Sie mache einen Fehler, den sie bereuen werde. Die Muttergefühle würden schon noch in ihr erwachen. Könnte es sein, dass Luke nicht der Richtige ist? Die Zerrissenheit der Frauen, die perfiden Erwartungen und Widersprüche der Gesellschaft sowie Rollenbilder, die zum Scheitern verurteilt sind – all dies beschreibt die amerikanische Autorin absolut nahbar und nachvollziehbar. Ein Buch, das verärgert, berührt und Frauen Mut macht, auf ihr eigenes Bauchgefühl zu hören. Was auch immer dieses ihnen mitteilt.

Als Luke, der zu Beginn ihrer Ehe noch versprochen hatte, ebenfalls keinen Nachwuchs haben zu wollen, plötzlich seine Meinung ändert, steht Rose vor einem Dilemma. Soll sie auf ihrem Standpunkt beharren und ihn verlieren? Soll sie ihn ziehen lassen und die beste Beziehung ihres Lebens ruinieren? Könnte sie ihre Meinung vielleicht ebenfalls ändern? Was, wenn sie im Alter ganz allein ist? Und ihre Mutter würde sich so sehr über ein Enkelkind freuen! Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Anna Burns: Amelia

Das Cover trifft bereits den Nagel auf den Kopf. Der Weg zum Erwachsenwerden ist bei Amelia Lovett, im katholischen Stadtteil Ardoyne von Belfast geboren, von etlichen Schrammen begleitet. Mitten in den Unruhen Nordirlands zwischen Katholiken und Protestanten in der 70er und 80er Jahren aufgewachsen, bleibt ihr eine gewöhnliche Kindheit versagt. Die für ihr Buch „Milchmann“ ausgezeichnete Man-Booker-Prize Trägerin zeichnet Amelias Lebensweg von 1969 bis zum Waffenstillstand 1994 nach. Dabei schafft Sie Szenen zwischen Horror und schrillem Wahnsinn, zwischen Gewalt und Humor, zwischen verschiedenen Erzählebenen. Das Buch ist eine Tour-de-Force. Da bleibt beim Lesen die Luft weg, das Lachen im Halse stecken und der eine oder andere Schreckmoment in den Gliedern stecken. Beängstigend gut!

Amelia ist acht Jahre alt, als die Probleme zwischen Katholiken und Protestanten in Belfast eskalieren. In einer katholischen Familie aus eher ärmlichen Verhältnissen wächst sie zwischen ihrem gewalttätig veranlagten Bruder und ihren beiden Schwestern auf. Auch ihre hitzigen Eltern wenden in ihrer eigenen Logik Gewalt an, um keine Gewalt erfahren zu müssen. Kaum jemand, der sich nicht einer IRA-ähnlichen Widerstandsgruppe angeschlossen hat. Der perfekt austarierte Plot der Autorin lässt die Konflikte gegen die Besatzer im Hintergrund schwelen und zeigt dabei andere Ebenen der Verrohung auf, die schon längst alle Gesellschaftsschichten durchziehen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Veronika Bauer: Der Busführer

Adolf ist 46 Jahre alt, ledig, lebt bei seiner Mutter und dreht Tag für Tag dieselben Runden als Busführer. Freude findet er am Essen, beim Fahren sowie bei den Gesprächen mit seinem besten Freund, dem Bus-Bertl. Mit seinem Schicksal hat sich Adolf längst arrangiert, ebenso wie mit seinem Vornamen, der ihm sein ganzes Leben lang nur Ärger eingebracht hat. Es liegt wohl am Ratschlag seiner Mutter, dass Adolf längst keine Ambitionen mehr im Leben hegt: „Die Kunst ist, zu glauben, dass du willst, was du musst.“ (S. 34)

Adolfs eintöniges Leben findet ein unerwartetes Ende, als seine unerwiderte Jugendliebe Hanni eines Tages unverhofft zu ihm in den Bus steigt. Hanni hat eine gute Partie gemacht, wohnt mit Ehemann, zwei Kindern und SUV in einem großen Haus mit Pool. Der Kontakt zwischen den einstmals besten Freunden ist längst abgebrochen, denn die attraktive Hanni spielt nach Meinung seiner Mutter in einer anderen Liga. Doch plötzlich sucht Hanni die Nähe zu Adolf. Die beiden unternehmen Dinge zusammen, kommen sich auch körperlich näher. Was wohl ihr Ehemann davon hält? Gar nichts! Denn Hanni vertraut Adolf an, dass dieser stocksteif in ihrer Gefriertruhe liegt. Adolf ist geschockt. Derartiges ist in seinem immergleichen Alltag nicht vorgesehen. Hat Hanni ihn nur benutzt, damit er ihr bei der Beseitigung der Leiche hilft? Womöglich, um den Verdacht auf ihn zu lenken? Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

John Niven: Die F*ck-It-Liste

Als John Niven diesen Roman 2020 schrieb, hätte er als politische Satire durchgehen können. Im Jahr 2022 liest er sich hingegen wie eine bittere Realität. Denn vieles, was der Autor im Amerika des Jahres 2026 als fiktive Dystopie entwirft, ist längst eingetreten. Zwar ist Trump momentan kein Präsident mehr, doch Schul-Amokläufe, die Verankerung des Waffenrechts und der gekippte „Roe versus Wade“-Beschluss spalten das amerikanische Volk. In Nivens Roman ist die Gesellschaft schon einen Schritt weiter: Amerika hat sich in ein Land verwandelt, „… wo das Undenkbare erst denkbar, dann machbar und schließlich alltäglich geworden war.“ (S. 250)

Im Mittelpunkt steht Frank Brill, der alles verloren hat: seine Frau, seine Kinder, seine Gesundheit, seine Hoffnung. Der ehemalige Chefredakteur musste einige schwere Schicksalsschläge hinnehmen, die er auf die fatalen Entschlüsse unter der Trump Regierung zurückzuführt. Zwar sitzt im Jahr 2026 Tochter Ivanka im Präsidentenamt, welche sich nur geringfügig von ihrem Vater unterscheidet, doch Donald Trump hält im Hintergrund alle Fäden in die Hand und macht Stimmung gegen Ausländer, „Schmarotzer“, Schwuchteln und allem, was nicht ins Weltbild passt. Der Supreme Court ist längst ultrakonservativ besitzt, die Presse gleichgeschaltet, wichtige Grundrechte ausgehebelt. Nordkorea wurde im Atomkrieg von der Landkarte getilgt und soll in 30 Jahren, sobald die Strahlenwerte es wieder zulassen, zum 51. Bundesstaat von Amerika werden. Nun hat der vereinsamte, 60-jährige Frank Darmkrebs im Endstadium. Folglich nichts mehr zu verlieren. Sein letzter Akt: Fünf Personen auf seiner F*ck-It-Liste aus dem Weg zu räumen, die er auf persönlicher oder politischer Ebene für sein Leid verantwortlich macht. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Martin Kluger: Der Vogel, der spazieren ging

Was für eine Mischpoke! Samuel Leiser hat ein schwieriges Verhältnis zu seinen Familienmitgliedern. Ob der abweisende, jüdisch-deutsche Vater, die kapriziöse Ex-Frau aus Uruguay, die 13-jährige Tochter mit Hang zum Weltschmerz oder die spanische Geliebte mit Selbstfindungskrisen – als diese und weitere obskure Bekanntschaften in der Pariser Wohnung des Übersetzers einfallen, drohen unbewältigte Probleme aufzubrechen. Samuel Leiser weiß nicht mehr, wie ihm geschieht. Schnell erkennt er: Seinem Familienerbe kann man nicht entkommen. Es verfolgt einen über Jahrzehnte und Kontinente hinweg. Ein amüsanter, aber gleichfalls tiefsinniger Roman mit jeder Menge skurriler „Shmoks“ und „Shiksen“. Masel-tov!

Paris, Anfang der 1970er Jahre. Samuel Leiser freut sich auf seine 13-jährige Tochter Ashley, die für ein Jahr bei ihm leben soll. Er möchte das Verhältnis zu ihr vertiefen und alles anders machen, als sein eigener Vater. Dieser ist durch einen Trick vor den Nazis nach Amerika geflohen, indem er sich als Schriftsteller ausgab. Zu diesem ist er in der Tat später geworden – mit Detektivromanen erlangte er Weltruhm. Aus Yehuda Leiser wird Jonathan Still, das Deutsche plus Jüdische will der Neu-Amerikaner am liebsten völlig ablegen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Jackie Polzin: Brüten

Ein schlichter, schöner und in seiner Natürlichkeit ergreifender Roman. In Jackie Polzins „Brüten“ erzählt die Ich-Erzählerin von ihren Anstrengungen, ihre vier Hühner am Leben zu erhalten. Denn im US-Staat Minnesota schwanken die Temperaturen zwischen plus und minus 40 Grad Celsius. Sie lässt uns an ihren Beobachtungen teilnehmen und daran, wie die Tiere ganz unbewusst ihren Blickwinkel auf das Leben verändern. Dabei kommen wir der Ich-Erzählerin ganz nahe, da sich private Probleme in der gefiederten Welt häufig widerspiegeln. Durch die allgegenwärtige Fruchtbarkeit des ständigen Eierlegens wird die Ich-Erzählerin zum Beispiel mit ihrer eigenen, ungewollten Kinderlosigkeit konfrontiert. Begriffe wie Sauberkeit, Heimat und Lebensentwürfe werden unbewusst neu überdacht. Ganz nebenbei erhalten wir LeserInnen faszinierende Einblicke in das Wesen der Hühner. Denn obwohl die Wissenschaft zu keinem eindeutigen Schluss kommt, stellt sich die Erzählerin nach und nach folgende Fragen: Können sich Hühner erinnern? Vermissen sie die Eier, die ihnen weggenommen werden? Können sie trauern, zum Beispiel um tote Artgenossinnen? Ist die teils brutale Rang- und Hackordnung barbarisch oder überlebensnotwendig? So sind viele der kleinen Kapitel als Metapher auf das menschliche Leben übertragbar. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Thomas Mullen: Die Stadt am Ende der Welt

Thomas Mullens Romane lassen sich nicht anders auf den Punkt bringen als: Sie sind eine Wucht! Brutal, schonungslos, vielschichtig, aufwühlend. Bereits als Mullens Romandebüt 2006 veröffentlicht wurde – seine Welterfolge rund um die „Darktown“-Trilogie sollten noch folgen – sorgte es für Furore. Wie kaum ein anderer versteht es Mullen darzulegen, wozu Menschen fähig sind, wenn sie sich in ihrer Existenz bedroht fühlen. Heute, im Jahr 2022, ist der Plot um den Ausbruch der Spanischen Grippe 1918 in einer amerikanischen Holzfällerstadt voller „Kriegsdienstverweigerer“ von der Geschichte eingeholt worden. Wieder eine Pandemie, wieder ein Krieg. Krisen, die das Beste und Schlechteste im Menschen hervorholen. So hinterlässt der ohnehin schon nervenzerreibend spannende Plot beim Lesen weiteres Unbehagen. Denn in punkto Verhalten hat sich nichts geändert. Während manche nur darauf bedacht sind, ihre eigene Haut zu retten, bewahren andere den Blick fürs Große und Ganze. Wie moralisch flexibel muss man in Notsituationen sein, um zu überleben? Welche Opfer rechtfertigen das Gemeinwohl? Wann darf ein Mensch töten? Was hält die Gesellschaft zusammen? Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Guillermo Arriaga: Das Feuer retten

Schonungslos brutal und mitreißend: Arriagas Roman „Das Feuer retten“ erhitzt in der Tat die Gemüter. Seine Protagonisten spielen nicht nur mit dem Feuer, sie stürzen sich mitten hinein. Ganz nach dem Sprichwort: Wenn unser Haus schon in Flammen steht, können wir uns auch darin wärmen. Der mexikanische Autor berichtet von einem Land, das extrem gespalten ist, ächzend unter Korruption, Rassismus und Gewalt. Auf der Sonnenseite des Lebens ist hingegen Marina verortet. Verheiratet mit einem erfolgreichen Banker, lebt sie mit ihren drei Kindern in einem abgeschotteten Nobelviertel und leitet ihre eigene Tanzcompagnie. Ihre Choreografien sind gut, aber nicht überragend. Ihr fehlt die Leidenschaft, das Kraftvolle, das Überschreiten von Grenzen. Eine solche überschreitet sie, als sie mit Ihrer Compagnie das Angebot eines reichen Freundes annimmt, der sich für die kulturelle Bildung von Häftlingen einsetzt. Gemeinsam mit Ihrer Tanzgruppe führt Marina ihr Stück in einem Gefängnis auf und lernt dort José Cuauhtémoc kennen. Ein Mann, der weder optisch noch intellektuell dem Klischee eines Häftlings entspricht. Da Marina auch an einer Schreibwerkstatt für Häftlinge teilnimmt, kommt sie immer mehr mit seinen Texten in Berührung und ist fasziniert von diesem Mann. So fasziniert, dass sie sich bald in einem Strudel von Ereignissen befindet, die sie Lust, Leid und Leidenschaft auf jede erdenkliche Form erfahren lässt. Marina bricht radikal mit ihrem bisherigen Leben. Ist es Selbstbefreiung oder Selbstzerstörung? Was ist man bereit, für das eigene Glück zu opfern? Die Leserschaft wird dazu anregt, über existenzielle Fragen nachzudenken. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Madame Nielsen: Lamento

Ein Abgesang auf die Liebe, wie es ihn in dieser schonungslosen, literarischen Radikalität kaum gibt. Aus Verliebtheit wird Liebe, aus Liebe wird Hass. Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, zeichnet die Stationen ihre Beziehung nach, richtet das Geschriebene vage an ihre Leser sowie an ihre inzwischen erwachsene Tochter. Von Anfang an lässt die Autorin keinen Zweifel: Diese Liebesgeschichte wird nicht gut ausgehen. Nicht genug, dass sie an ihrer eigenen Leidenschaft verbrennt. Sie muss auch noch weitere Brandleichen am Wegesrand zurücklassen, in diesem Roman sogar sprichwörtlich. Das Klagelied, das Lamento, wirkt auf mehreren Ebenen.

„Die Verliebtheit kann so heftig sein, fiebrig, verzehrend, dass die Liebe, die aus ihr entstehen soll, eine Enttäuschung wird, die Welt kehrt zurück, die Zeit fängt an zu vergehen, und es fühlt sich an wie Verlassensein und Verrat, auf einmal ist man einander entrissen und keine inzestuös verwachsenen Zwillinge mehr, sondern jeder ist seine eigene Welt und muss dem anderen in die Augen sehen.“ (S. 156).

In diesem Plot ist kein Platz für lauwarme Gefühle, es gibt nur Höhepunkte und Höllen, ein „zu Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt.“ Jung ist sie, die Schriftstellerin, als sie den ebenso jungen Dramaturgen nach einem Theaterstück kennenlernt. Berauscht von Liebe ziehen sich die beiden in ihr Nest zurück, trinken Wein aus dem Mund des anderen, lesen einander Geschichten vor, fahren mit dem Fahrrad durch kalte, skandinavische Nächte. Doch kaum hat sie seinen Antrag angenommen, der ihr rückblickend wie eine Inszenierung vorkommt, beginnt das Glück sich aufzulösen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Monica Ali: Brick Lane

Erstmals 2003 erschienen, ist Monica Alis Roman – jetzt in der Taschenbuchversion erhältlich – heute aktueller denn je. Die Probleme, mit denen sich Migranten in der neuen Heimat auseinandersetzen, werden in diesem Roman ebenso beleuchtet, wie die damit verbundene Selbstfindung. Erstaunlich: Monica Ali gelingt dieses eigentlich ernste Thema mit erstaunlich viel Situationskomik und Wortwitz! Welche Regeln sollen und können in der neuen Heimat übernommen werden? Was tun mit „verwestlichten Kindern“, die hier geboren sind und die elterliche Kultur ablehnen? Was, wenn der soziale Aufstieg misslingt? Wie soll der Ehemann reagieren, wenn die Frau ihre Rolle in der Gesellschaft plötzlich neu definiert – und FREIWILLIG arbeiten gehen will (in der Heimat ein Zeichen, dass der Familienvater wirtschaftlich versagt hat)? Aber auch die Vorbehalte, Ressentiments und unsichtbaren Barrieren, die zwischen Migranten und Einheimischen, zwischen Jugend und Alter, zwischen Mann und Frau gezogen werden, beschreibt Ali meisterhaft in dem kleinen Mikrokosmos des bengalischen Viertels rund um die Brick Lane in London. Die Vielschichtigkeit der Charaktere verleiht dem Plot trotz der Beengtheit des Settings seine Würze. Eine gläubige Muslima und Mutter, die mit einem wesentlich jüngeren Revoluzzer fremdgeht? Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: