Die Werke des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgård sind für mich eines der erstaunlichsten Phänomene im modernen Literaturzirkus. Wie kann es sein, dass ein dermaßen langweiliges und selbstverliebtes Geschreibsel so viele Anhänger hat? Die meisten Kritiken sowohl bei Amazon als auch in den Feuilletons sind positiv, in Norwegen mussten Firmen angeblich Knausgård-freie Tage einführen – kein Lesen und Diskutieren während der Arbeitszeit – , teilt Spiegel online mit. In den USA gibt es offenbar gerade einen wahren Knausgård-Hype … Weiterlesen
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Evelyn Waugh: Verfall und Untergang (1928)
Der Diogenes-Verlag hat ein Meisterwerk des schwarzen englischen Humors aus dem Jahre 1928 neu übersetzen lassen: „Verfall und Untergang“ des (männlichen) britischen Schriftstellers mit dem Frauen-Vornamen: Evelyn Waugh (1903 – 1966).
Paul hat Pech: Für ein angebliches Vergehen, an dem er keine Schuld trägt, wird er vom College verwiesen, bevor er sich als Lehrer in einer schlechten Schule irgendwo auf dem Lande versucht. Dort jedoch sind die Kollegen unfähig und die Schüler kleine Monster. Dann scheint sich Pauls Leben ins Positive zu wenden. Eine steinreiche englische Lady möchte ihn heiraten. Weiterlesen
Katherine Dunn: Binewskis – Verfall einer radioaktiven Familie
„Geek Love“ von Katherine Dunn hatte in den 90er-Jahren in Amerika wahren Kultstatus. Prominente wie Nirvana-Frontman Kurt Cobain oder Regisseur Terry Gilliam zählten den Roman zu ihren Lieblingsbüchern.
Umso verwunderlicher ist es, dass er erst jetzt – 25 Jahre später – unter dem ind. Die Eltern Al und Lil haben mit allerlei Medikamenten vor und während der Titel „Binewskis – Verfall einer radioaktiven Familie“ auf Deutsch erschienen ist.Die Binewskis sind eine Zirkusfamilie mit fünf sehr absonderlichen Kindern. Da ist Aquaboy Arturo, der anstelle von Armen und Beinen Flossen hat, die ewig streitenden siamesischen Zwillinge Elly und Iphi, die bucklige Zwergin Olympia, aus deren Sicht die Geschichte erzählt ist – und schließlich Chick, den die Eltern erst aussetzen wollten, weil er zu normal schien. Weiterlesen
Jess Walter: Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten
Der ehemalige Wirtschaftsjournalist Matt Prior hat ein paar Probleme: Seine Frau geht fremd, er hat einen demenzkranken Vater zu betreuen, kann die Raten für sein Haus nicht mehr zahlen und ist arbeitslos.
Eine seiner Ideen, sich aus der Misere zu befreien, ist eine Homepage zu betreiben, die sich auf poetische Weise mit Wirtschaftsthemen beschäftigt. Der Versuch geht schief, weil sich kein Mensch für ein solches Internetangebot interessiert, wie der Leser sich leicht denken kann. Dann trifft er beim nächtlichen Milchkauf am Kiosk ein paar zwielichtige Gestalten und seine nächste Fehlentscheidung wird geboren: Matt beschließt, unter die Drogendealer zu gehen … Weiterlesen
Dimitri Verhulst: Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
Was wäre, wenn man seiner Umwelt vorspielen würde, man wäre dement und würde in einem entsprechenden Heim untergebracht? Würde man damit nicht auch ein gewisses Maß an Freiheit gewinnen? Mit dieser Idee spielt der flämische Autor Dimitri Verhulst, geboren 1972, in seinem Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“. Besagter Bibliothekar, Désiré (mir war nicht klar, dass das auch ein männlicher Vorname sein kann) Cordier, 74 Jahre alt, liefert eine schauspielerische Glanzleistung ab, um von seiner verhassten Frau, unter deren Pantoffel er steht, wegzukommen und in ein Heim für Demenzkranke umziehen zu dürfen. Dort tut er nicht viel mehr als sein Schauspiel fortzusetzen und die anderen Bewohner zu beobachten. Unter anderem trifft er auch eine Jugendliebe wieder. Weiterlesen
Gavin Extence: Das unerhörte Leben des Alex Woods
„Sterbehilfe“ ist das zentrale Thema im Debütroman des 1982 geborenen englischen Autors Gavin Extence mit dem komplizierten Titel „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat“. Und wenn man die Vielzahl der zumeist positiven Lesermeinungen auf der Internet-Plattform Amazon sieht, scheint das Buch erstens auf ein ungewöhnlich großes Interesse zu stoßen und zweitens hervorragend anzukommen.
Es geht um die Freundschaft eines Jungen im Teenager-Alter mit einem älteren Mann. Als Letzterer erkrankt, stehen beide vor einer schwierigen Entscheidung. Doch bevor es soweit ist, gründen sie unter anderem einen Kurt-Vonnegut-Lesezirkel und verstehen sich auch sonst ganz hervorragend. Weiterlesen
Stefan Spjut: Troll
Können Sie sich vorstellen, dass in den einsamen nordschwedischen Wäldern Trolle leben? Nachdem Sie diesen Fantasy-Thriller von Stefan Spjut gelesen haben, fällt Ihr „Nein“ vielleicht nicht mehr ganz so entschieden aus.
Der schwedische Autor arbeitet mit einer Technik, der sich beispielsweise auch Stephen King in vielen seiner Bücher bedient. Er lässt das Übernatürliche in eine ganz normale Alltagswelt hineinplatzen und verschafft ihm so mehr Glaubwürdigkeit. Weiterlesen
Jonathan Tropper: Der Sound meines Lebens
Silver gehört in die in der Literatur viel beschriebene Spezies des sympathischen Losers. Er lebt in einer Art Wohnheim für gestrandete Ex-Ehemänner, schaut hübschen, aber unerreichbaren Frauen nach und sieht ansonsten wenig Gründe weiterzuleben – zumal ihn seine Frau Denise vor Jahren verlassen hat und seine Tochter Casey nichts von ihm wissen will. Da kommt ihm ein Aneurysma gerade recht, das er nur dann überlebt, wenn er sich operieren lässt. Das will er aber nicht. Klar, dass das noch nicht das Ende in Jonathan Troppers Roman „Der Sound meines Lebens“ ist … Weiterlesen
David Gilbert: Was aus uns wird
Söhne von berühmten Vätern haben‘s oft schwer, ihren eignen Platz im Leben zu finden und sich zu emanzipieren. Genau das ist eines der Themen in David Gilberts höchst lesenswertem 640-Seiten-Wälzer „Was aus uns wird“.
Das Buch beleuchtet auf glaubhafte und unterhaltsame Weise die männlichen Mitglieder der Familie Dyer. Da ist zunächst der große Schriftsteller A.N. Dyer, der vor Jahrzehnten unter dem Titel „Ampersand“ einen äußerst erfolgreichen Roman geschrieben hat, von dessen Ruhm er immer noch zehrt, obwohl er selbst mittlerweile ein Wrack ist. Weiterlesen
Szczepan Twardoch: Morphin
Einen düsteren und faszinierenden Lesesog mit den Zutaten Drogenkonsum, sexuelle Begierde, Gewalt, aber auch so etwas wie Liebe entwickelt der 590-Seiten-Wälzer „Morphin“ des polnischen Schriftstellers Szczepan Twardoch.
Der Roman, der im polnischen Original 2012 mit dem renommierten Polityka-Passport-Preis ausgezeichnet worden ist, spielt im Oktober 1939 in Warschau. Die Stadt ist nach der polnischen Kapitulation eine Stadt im Besatzungszustand. Einer ihrer Bewohner ist der wankelmütige und morphinsüchtige Ulanen-Leutnant Konstanty Willemann. Er fühlt sich hin- und hergerissen zwischen der Prostituierten Salomé und seiner Familie mit Frau Helena und einem kleinen Sohn. Auch für einige andere Frauen interessiert er sich. Außerdem ist Konstanty väterlicherseits Deutscher und spricht die Sprache des Besatzers perfekt. Das macht ihn interessant für eine Widerstandsgruppe, in deren Auftrag er in der Uniform seines Vaters eine Reise in ein vom Krieg bislang unbehelligtes Budapest unternimmt.
Diese Budapest-Episode bietet einen interessanten Kontrast zu den Kapiteln davor und danach, die im düsteren, teils zerstörten und besetzten Warschau spielen. Die negativen Charaktereigenschaften Konstantys scheinen wie weggeblasen. Er verliebt sich in seine Reisebegleiterin Dzidzia und erlebt ein paar Tage voller Glück. Das legt die Deutung nahe, dass Twardoch seinen Helden nicht allein verantwortlich für sein Handeln sieht. Auch die äußeren Umstände sind es, die die Menschen zu dem machen, was sie sind.
Der 1979 geborene Auto bedient sich einer sehr rauen, direkten Sprache und schreckt auch vor Gossenausdrücken nicht zurück. Das passt zur dunklen Gesamtatmosphäre des Buches und zum Thema. Twardoch bedient sich außerdem einer nicht näher beschriebenen allwissender Figur, die eine Art Begleiter, ein Engel oder ein Schatten Konstantys ist und sich immer mal wieder in Ich-Form einschaltet. Das und die Eigenart, dass Twardoch immer wieder unvermittelt Ereignisse aus der Vergangenheit der Figuren in den Erzählfluss einbaut, machen die Lektüre nicht unbedingt zu einem leichtgängigen Lesevergnügen – man sich schon ein wenig konzentrieren. Ein Aufwand, der sich insgesamt aber unbedingt lohnt.
Szczepan Twardoch: Morphin.
Rowohlt Berlin, März 2014.
590 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.