Darum geht es:
Tamsin Shaw liegt seit einem mysteriösen Autounfall im Koma. Was niemand weiß: Während sie nicht einmal einen Finger bewegen, geschweige denn die Augen öffnen kann, ist sie bei vollem Bewusstsein. Auch erinnern kann sich Tamsin nicht. Nicht an den Unfall, der sie ans Bett fesselte, und auch nicht an die Tage zuvor. Als Psychiaterin weiß sie, dass diese Art von Dornröschenschlaf sie vor einer besonders traumatischen Erinnerung schützen soll.
Meine Meinung:
Ein genialer Perspektivwechsel
Die Geschichte wird größtenteils aus der Sicht einer Frau im Wachkoma erzählt. Für mich war dieser Ansatz völlig neu und dadurch unglaublich aufregend. Die Ausgangslage ist extrem beklemmend und ging mir beim Lesen regelrecht körperlich nahe. Das Gefühl, dem Umfeld absolut ausgeliefert zu sein, während die Menschen am Bett über das eigene Leben bestimmen, erzeugt von der ersten Seite an eine greifbare, konstante Spannung und ein ungutes Gefühl macht sich beim Lesen breit.
Konstante Spannung und geschicktes Verwirrspiel
Natalie Chandler holt das absolute Maximum aus ihrer Grundidee heraus. Die Puzzleteile der Vergangenheit setzen sich nur sehr langsam zusammen. Die Spannung flacht dabei nie ab, sondern steigt von Seite zu Seite an. Besonders im letzten Drittel zieht das Tempo sehr rasant an: Die Fäden fließen logisch ineinander und es wird klar, dass eine bestimmte Person im Hintergrund alle Strippen zieht. Da Tamsin naturgemäß nicht aktiv handeln kann, tritt die Handlung in der Mitte des Buches zwar kurzzeitig auf der Stelle, mich persönlich hat das aber nicht gestört – es war eine willkommene Atempause zum Durchatmen.
Starker Schreibstil mit Fokus auf Atmosphäre
Der Schreibstil der Autorin ist angenehm und flüssig zu lesen. Chandler bleibt stets fokussiert, verzichtet auf unnötige Längen und verliert sich nicht in Details. Wer actiongeladene Verfolgungsjagden sucht, ist hier falsch. Der Thriller lebt von seiner intensiven, psychologischen Stimmung. Die Autorin spielt meisterhaft mit der Wahrnehmung des Lesers. Sie streut so viele Zweifel und Geheimnisse, dass ich meine eigenen Theorien mehrfach über den Haufen werfen musste und zum Schluss überrascht war.
Fazit: „Voices. Ich kann euch hören“ war für mich eine absolute Überraschung und ein echter Pageturner, der im Gedächtnis bleibt. Ein psychologisch tiefgründiger Thriller, der ganz ohne Action auskommt und stattdessen mit einer beklemmenden Atmosphäre fesselt.
Natalie Chandler: Voices. Ich kann euch hören.
Aus dem Englischen übersetzt von Alice Jakubeit.
Knaur, März 2026.
352 Seiten, Paperback, 16,99 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Katja Plattner.
