Julia hat sich als investigative Politikjournalistin bei einer schwedischen Zeitung einen Namen gemacht. Man kennt sie, man schätzt ihre Artikel. Bis sie eines Tages offenbar ein bisschen zu viel investigativ unterwegs ist. Julia glaubt, Unregelmäßigkeiten entdeckt zu haben, im Terminplan der Flugbereitschaft der schwedischen Regierung. An sich nichts Aufregendes, wären da nicht immer wiederkehrende Ereignisse rund um Aufenthalte des Ministerpräsidenten und seiner engsten Vertrauten in Brüssel. Wie es aussieht, ist die Regierungsmaschine jeweils bereits ein, zwei Tage vor der Rückkehr von Christian Bratt wieder in Stockholm gelandet. Julia treibt die Frage um, was der Ministerpräsident außerhalb des offiziellen Terminplans in Brüssel zu tun hatte. Klingt alles erstmal ziemlich harmlos, kann ja auch völlig belanglos sein, aber daran glaubt Julia nun wieder nicht. Ihre Recherchen scheinen gehörig mehr Staub aufzuwirbeln als es ein privater Grund je tun würde. Julia stößt plötzlich auf eine Mauer aus Schweigen, keiner beantwortet mehr ihre Fragen. Sie wird zur Persona non grata. Nicht nur in Politikerkreisen, auch in der Redaktion. Julia wird aufs Abstellgleis geschoben und muss „zur Strafe für ihr Weiterbohren“ zurück ins Großraumbüro und zu Anfängerterminen.
Da kommt es eigentlich gerade recht, dass ihr Partner Alfred, der bisher als Windkraft-Experte tätig war und erst vor Kurzem durch seine Auftritte in verschiedenen Talkshows bekannt wurde, ein Jobangebot bekommt, das ihn nicht nur reizt, sondern das er auch, ohne groß mit Julia darüber zu reden, annimmt. Pressesprecher des Ministerpräsidenten. Julia will kürzer treten, sich um die Kinder kümmern – jetzt ist Alfred mal dran mit der Karriere. Alfred, völlig ahnungslos in Sachen Inside-Politics, lässt sich einlullen von der Atmosphäre von Macht und Glamour, genießt es, auch mal im Innern des Regierungszirkels zu agieren. Ja, er macht seinen Job richtig gerne und nachdem er erkannt hat, dass er sich behaupten muss, auch gut. Inzwischen hat auch er den Eindruck, dass der sympathische, charismatische Christian Bratt nicht nur gute Seiten hat. Zu spät erkennt er, dass er sich hat verheizen lassen. Dass das Jobangebot eigentlich gar nicht ihm persönlich gegolten hat, sondern sicherstellen sollte, dass Julia Ruhe gibt. Was sie nicht tut. Auf eigene Faust und mit Unterstützung von überraschender Seite recherchiert sie weiter. Bohrt in der Vergangenheit des Ministerpräsidenten und seiner Mitstreiter und stößt auf Dinge, die sicher besser nicht an die Öffentlichkeit kommen sollten. Julia hat Kontakte, die sie nutzt.
Ihre beste Freundin ist seit Langem Korrespondentin in Brüssel, hat viele Kontakte und hilft ihr, nachdem Julia ihr erklärt hat, worum es geht. Christian Bratt, der vor seiner Zeit als Ministerpräsident in Brüssel war, hat sich dort offenbar alles andere als mit Ruhm bekleckert. Julia geht heißen Spuren nach, muss aber erleben, dass ihre Informanten teuer bezahlen, wenn sie mit ihr Kontakt aufnehmen. Auch sie selbst und ihre Familie werden bedroht. Als sie Alfred endlich in das einweiht, was sie insgeheim tut, und er versucht, den letzten Beweis für die Machenschaften des Christian Bratt und seiner Clique aus Jugendtagen, die mit ihm politisch aufgestiegen ist, zu sichern, wird Alfred verhaftet. Er soll Staatsgeheimnisse verraten haben. Ein schwerer Vorwurf. Julia setzt alles daran, Alfred zu helfen. Ihre Story glaubt sie verloren.
Ein erschreckender Einblick in die inner-circles der Macht. Politik ist nichts für Zartbesaitete. Es geht um Macht, Ansprüche, Ego. Die Figuren sind charismatisch, rücksichtslos, machtgierig, authentisch, der Plot nachvollziehbar und durchaus realistisch, die Spannung baut sich erst nach und nach auf. Zu Beginn vielleicht noch ein bisschen langatmig und schwierig wegen der vielen verschiedenen Charaktere, dann aber fesselnd und rasant. Der Schluss ist eher offen – lässt auf eine Fortsetzung hoffen.
Moa Berglöf, Joakim Zander: Die Stockholm Protokolle: Gefährliche Beziehungen
Aus dem Schwedischen von Thomas Altefrohne
Rowohlt, März 2026
448 Seiten, Paperback, 18,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
