
„Honey“, der Debütroman von Imani Thompson, ist ein verstörendes und faszinierendes Buch zwischen Campusroman und psychologischem Thriller. Im Zentrum steht die Doktorandin Yrsa, deren Leben von Frustration und unterschwelliger Wut geprägt ist – bis diese Wut eine radikale, gewaltsame Form annimmt.
Der Auslöser wirkt zunächst fast absurd: Ein Professor stirbt an einem Bienenstich, den Yrsa zumindest indirekt verursacht hat. Was als Unfall beginnt, wird schnell zu einer Reihe gezielter Morde. Yrsa findet in der Gewalt ein Gefühl von Kontrolle, das ihr im akademischen Alltag fehlt. Gleichzeitig schreibt sie an ihrer Doktorarbeit über schwarze feministische Theorie.
Thompson verbindet diese beiden Ebenen eindrucksvoll. Der Roman wechselt zwischen dichten, nachdenklichen Passagen und einem schnellen, manchmal sprunghaften Erzähltempo. Das macht den Reiz des Buches aus, verlangt dem Leser aber auch einiges ab.
Besonders gelungen ist die Hauptfigur: Yrsa ist weder sympathisch noch lässt sie sich einfach verurteilen. Ihre Rechtfertigungen und ihr zunehmender Kontrollverlust machen sie zu einer spannenden Protagonistin. Der Roman verzichtet bewusst auf einfache moralische Antworten: Yrsa ist jemand, der sich selbst in eine Überzeugung hineinsteigert, die Gewalt zu rechtfertigen scheint.
Thematisch geht es um Macht, Diskriminierung und die Frage, wie persönliche Verletzungen und große Theorien sich gegenseitig befeuern können. Thompson deutet vieles nur an und verzichtet auf klare Auflösungen – das sorgt für eine ständige Unruhe, die sich durch das ganze Buch zieht.
Nicht alles überzeugt: Manche Handlungsstränge bleiben unterentwickelt, etwa der familiäre Hintergrund. Auch das Ende kommt überraschend abrupt und löst die aufgebaute Spannung nicht ganz ein.
Trotzdem bleibt „Honey“ ein bemerkenswertes Debüt.
Imani Thompson: Honey
übersetzt aus dem Englischen von Asal Dardan
Rowohlt, Juli 2026
416 Seiten, gebundene Ausgabe, 25 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.