Martin Conrath: Kohle, Stahl und Mord: Das Totenhaus

Am 21. Dezember 2018 hat auch die letzte Zeche in Deutschland die Steinkohleförderung eingestellt. Nach mehr als 150 Jahren, wobei der Abschied von der heimischen Steinkohle schon Jahre vorher begonnen hatte, die Förderung war einfach unverhältnismäßig teuer geworden im Vergleich zu anderen Staaten, in denen die Kohle nicht ganz so tief unter der Erde lag. Zehntausende Bergleute in Deutschland mussten neue Arbeitsplätze finden, Umschulungen machen oder in Rente gehen. Für das Ruhrgebiet und das Saarland werden die Folgen des Bergbaus noch jahrzehntelange Herausforderungen bereithalten. Deutschland hatte den Steinkohlebergbau jahrzehntelang subventioniert, bis im Jahr 2007 beschlossen wurde, die Subventionen 2018 einzustellen.

So blieb den Firmen genug Zeit für einen sozialverträglichen Ausstieg. Die Ruhrkohle AG (RAG) musste niemanden in die Arbeitslosigkeit entlassen. Doch das Ende des Bergbaus hat tiefe Wunden geschlagen, die Gesellschaft hat sich verändert. Ein großes Problem sind nach wie vor die Bergbauschäden und ihre Regulierung, die wohl nicht immer ganz fair verlaufen ist. Viele Millionen an Subventionen wurden hier investiert, und sicher hat so manch einer darüber nachgedacht, sich hier ein Stück vom Kuchen abzuschneiden. Darauf baut der zweite Ruhrpott-Krimi auf.

Doch es vergeht einige Zeit, bis Kriminalhauptkommissarin Elin Akay und ihr Team die Verbindung zum Bergbau festmachen können. Zunächst sieht alles nach Clan-Kriminalität in Essen aus. Alles beginnt damit, dass eine blutüberströmte junge Frau in die Psychiatrische Notfallambulanz in Essen eingeliefert wird. Jana Fäller übernimmt den Fall. Die junge Frau, die sich Eva nennt, kann sich an nichts erinnern. Das Blut an ihrer Kleidung und ihrem Körper stammt nicht von ihr. Jana informiert Elin, die Ermittlungen aufnimmt. Eine erste Spur führt zu einer lange verlassenen Villa, in der früher der Zechendirektor gewohnt hat. Dort finden sie die Leiche von Ali Surat, dem Sohn eines der Clan-Chefs. Es ist sein Blut, das bei „Eva“ gefunden wurde. War „Eva“ die Täterin? Hat sie Ali brutal zusammengeschlagen? Oder war sie Zeugin des Mordes?

Zunächst wird ein Fall von Clan-Kriminalität vermutet, aber bald ist klar, in der alten Villa hat es schon vorher zwei Morde gegeben, die nicht wirklich aufgeklärt werden konnten und die nicht mit Ali in Verbindung stehen. Die beiden früheren Opfer im „Totenhaus“ waren Bergleute. Gibt es eine Verbindung zwischen ihnen und Ali? Und wenn ja, welche? Oder ist es reiner Zufall, dass der Sohn von Rabih Surat ausgerechnet in der Stinnes-Villa ermordet wurde? Und wie passt „Eva“ hier ins Spiel? Zunächst gilt es, „Evas“ wahre Identität festzustellen. Als sie die kennen, ist bald klar, „Eva“ war einer großen Sache auf der Spur, die sie in die Vergangenheit des Bergbaus geführt hat und bei der sie einige Dinge aufgedeckt hat, die ehemaligen Kumpeln, die heute an zentralen Stellen bei der RAG sitzen, nicht recht sein können. Bald finden auch Elin und ihr Team die Verbindung zwischen den ersten Toten und dem Konzern. Ein weiterer Mord an einem jungen Mann, der das Haus seines Vaters, ehemals ebenfalls Bergmann, geerbt hatte und sich wegen der Regulierung von Bergbauschäden kundig gemacht hatte, wohl mit beweiskräftigen Unterlagen, führt letztlich auf die richtige Spur.

Auch im zweiten Fall für Eliln Akay und Jana Fäller spürt man deutlich die Verbundenheit des Autors zum Bergbau. Fundierte Kenntnisse, viel Interesse für die Vorgänge unter Tage und die Abwicklung der Kohleförderung, verbunden mit einem flüssigen Schreibstil machen es leicht, der Geschichte um Wut, Trauer und Verzweiflung, verbunden mit falschen Entscheidungen, Schuld und Vorurteilen zu folgen. Geschichte und Folgen des Bergbaus verwoben mit Clanwesen im Ruhrpott, dazu sympathische Charaktere, gut gezeichnete Figuren. Ein Krimi nicht nur für jene, die sich für den Bergbau interessieren. 

Martin Conrath: Kohle, Stahl und Mord: Das Totenhaus
Elin Akay und Jana Fäller ermitteln
Rowohlt, Dezember 2025
416 Seiten, Taschenbuch. 14,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.

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