Gerade mal gut fünfzig Jahre sind im Rückblick keine lange Zeit, aber wenn man sich in Erinnerung ruft, was sich in den letzten 50, 55 Jahren gerade für Frauen alles verändert hat, könnte man meinen, man rede von einem lange vergangenen Jahrhundert. Bis Mitte der 1970er-Jahre durften Frauen ja eigentlich kaum etwas selbstständig und alleine für sich entscheiden. Sei es, ein Konto eröffnen, einer beruflichen Tätigkeit nachgehen, den Führerschein machen, Verträge abzuschließen – all das musste vom Vater oder Ehemann genehmigt werden. Als 1971 in Paris eine viel beachtete Demonstration stattfand, bei der sich Frauen dazu bekannten, abgetrieben zu haben, kam ein Stein ins Rollen.
Die Journalistin Alice Schwarzer, die damals als Korrespondentin in Frankreich gearbeitet hat, hatte sich dieses Themas angenommen und diese Demonstration initiiert. In der Folge erschien ein ebenso aufrüttelnder Artikel von ihr zu diesem Thema im „Stern“. Das Titelblatt mit den Fotos von prominenten und anderen Frauen, die offen erklärten „Wir haben abgetrieben“ und sich damit strafbar machten, haben viele bestimmt noch in Erinnerung.
Dieses und andere Themen, die die Emanzipation von Frauen betreffen, werden in diesem sehr authentischen, realistischen, aber dennoch fiktiven Roman um die junge Journalistin Juliane aufgegriffen. Während ihre Kolleginnen bei der Frauenzeitschrift „Brigitte“ über Themen wie Mode, Lifestyle oder Kochen schreiben, will Juliane aufmerksam machen auf Missstände, von denen es Anfang der 1970er-Jahre genügend gibt.
Die Debatte um den § 218 ist nur eines davon. Ihr eigenes Schicksal, aufgewachsen ohne Mutter, ist ein weiteres. Ein Schicksal, das zu dieser Zeit viele junge Frauen und Männer teilen. Julianes Mutter war noch sehr jung, als sie schwanger wurde. Nach der Geburt hat sie ihr Kind bei ihrer Schwester gelassen und ist spurlos verschwunden. Juliane wurde bei ihrer Tante groß, zu der sie bis heute ein herzliches Verhältnis hat und die für sie „alles ist, was ich habe“. Auch dieser sehr persönliche Artikel ruft viele Reaktionen hervor. Anrufe und Briefe fluten die Redaktion, darunter auch ein Brief von Julianes Mutter, die ihr schreibt, sie möchte sie treffen und kennenlernen.
Ein Roman, der berührt, der Themen anspricht, die auch heute noch Relevanz haben, auch wenn viele Probleme, die damals damit verbunden waren, heute nicht mehr bestehen. Authentisch, realistisch, bewegend und fesselnd.
Susanne Lieder: In der Liebe wollen wir frei sein
Aufbau Verlage, Januar 2026
352 Seiten, Paperback, 15,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
