JJulian Barnes ist am Ende seiner schriftstellerischen Karriere angelangt und benennt dies auch ausdrücklich. Im Januar 2026 wird er achtzig Jahre alt. Nun ist es an der Zeit, das eigene Leben zu hinterfragen und zu ordnen, befindet er, und wendet sich damit an seine Leser.
Barnes erzählt von den Anfängen seiner Schriftstellerei und macht einen Sprung bis an das Ende. Dazwischen steht die Erzählung von der Beziehung seiner Kommilitonen Stephen und Jean aus der gemeinsamen Zeit in Oxford.
Wie Barnes selbst schreibt, verwendet er für diesen Roman Aufzeichnungen aus Notiz- und Tagebüchern. Manches erzählt er, wie es sich zugetragen hat, in anderen Teilen verwebt er Erinnerungen mit Fiktionen. Natürlich ist dadurch ein sehr persönlicher Text entstanden.
Durch die Diagnose einer Leukämieerkrankung und sein hohes Alter macht Barnes sich logischerweise Gedanken über die Endlichkeit des Lebens und über sein eigenes Ableben. Dabei thematisiert er die Sterblichkeit und die Frage, was letztlich vom Leben bleibt, in relativ gelassener Form.
Weiter befasst er sich mit wissenschaftlichen Auslegungen aus der Neurologie und mit den Phänomenen der Erinnerung. Häufig geht es um seine eigenen Reflexionen. Barnes überlegt, inwieweit das eigene Gehirn in der Lage ist, alles Gewesene zu bewahren, oder ob es langsam, aber systematisch von der ursprünglichen Darstellung abweicht. Er hinterfragt gute und schlechte Fiktionen und konstatiert anhand von Beispielen, dass wir letztlich wohl nur positive Fantasien in uns bewahren.
Er stellt Überlegungen zu den Auswirkungen von Emotionen, Gerüchen und Geschmack auf unser Gedächtnis an. In diesem Zusammenhang benennt er Marcel Prousts Madeleine-Erlebnis in dessen Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Überhaupt kommt Barnes an verschiedenen Stellen immer wieder auf Proust wie auch auf andere Literaten zurück.
Ausgiebig widmet Barnes sich seiner Erzählung um Stephen und Jean, die er einst in jungen Jahren und nun erneut im Alter zusammengebracht hat. Hier lesen wir viel über die Bedeutung von Freundschaft sowie über zahlreiche Konversationen, die er mit Stephen und Jean führte.
Ein weiteres Thema, mit dem Barnes sich auseinandersetzt, ist der Verlust der eigenen Identität bei Demenzkranken.
Julian Barnes’ Thesen und weitreichende Überlegungen lesen sich meist geistesscharf und interessant. Seine Einstellung zu seiner Krebserkrankung, seinem hohen Alter und dem möglicherweise nahenden Lebensende bleibt milde und erstaunlich souverän. Vielleicht liegt dies daran, dass er das große Ganze nicht aus den Augen verliert. Ihm ist bewusst, dass er das große Privileg hatte, weitgehend friedlich, in Freiheit und ohne Armut gelebt zu haben.
Ein kluges Statement von einem, der das Leben kennt und liebt und den Tod dabei nicht ausklammert.
Julian Barnes: Abschied(e).
Übersetzung aus dem Englischen: Gertraude Krueger.
KiWi, Januar 2026.
gebundene Ausgabe, 256 Seiten, 23,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.
