Melissa Harrison: Weißdornzeit

Es geht in diesem Roman vor allem ruhig zu, betulich, beschaulich. Trotzdem entwickelt diese Geschichte eine gewisse Spannung, eine Art Faszination.

Mehrere Handlungsfäden laufen langsam aufeinander zu, erzählt aus den jeweiligen Perspektiven. Da sind zum einen Kitty und Howard, die ihren Lebensabend auf dem Land verbringen wollten und daher vor einiger Zeit aus London fort und in ein kleines Dorf gezogen sind. Kitty vor allem erfüllt sich damit einen Lebenstraum, sie findet im der Landschaft immer wieder Motive für ihre Malerei. Howard, dessen Hobby alte Radiogeräte sind, fühlt sich auf dem stillen Land nicht ganz so wohl, er vermisst das Getriebe der Großstadt.

Schon immer im Dorf gewohnt hat der junge Jamie, der nicht so recht weiß, wohin ihn sein Leben führen soll. Er arbeitet und spart vor allem für sein Auto, das er hegt und pflegt. Dabei ist er ein rechter Außenseiter, insbesondere, seit seine Kindheitsfreunde, die Nachbarskinder, fortgingen. Weiterlesen

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Georg Adamah: Dein Land in Schutt und Asche

Jede Geschichte beginnt mit einer Idee. Bei dem Autoren Georg Adamah entstand aus so einer Idee 2018 eine Erzählung, und 2020 arbeitete er diese zu einem Thriller aus. Die Brisanz des Themas könnte nahelegen, der aktuelle Bezug wäre der Motor für dieses Buch gewesen. Doch bei genauer Betrachtung geht Georg Adamah einige Schritte weiter, indem er den Titel Dein Land in Schutt & Asche für sich sprechen lässt.

2025 befindet sich der Wissenschaftler Ismael in einem moralischen Dilemma. Auf der einen Seite liebt er seine Frau und Tochter, und auf der anderen Seite ist seine erste Jugendliebe wieder da. Beide Frauen wollen von ihm eine Entscheidung. Während Hannah mit Ismael und Tochter so schnell wie möglich nach Algerien auswandern will, verlangt Sophia von ihm die Trennung von seiner Familie. Doch Ismael ist zu keiner Entscheidung fähig. Als ihn die politischen Ereignisse überrollen, kann er nur noch reagieren. Direkt vor seiner Haustür sieht er gewalttätige Demonstranten und die ebenso gewalttätige Reaktion von Polizei und Heer. Innerhalb weniger Stunden brennt seine Heimat. Es wird wild geschossen und niemand weiß so genau, wer Freund oder Feind ist. Weiterlesen

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Karin Kalisa: Fischers Frau

Die Geschichten zweier Frauen, die sich nie begegneten, erzählt mit hoher sprachlicher Finesse.

Ende der zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts ereilte die Fischer der Ostsee ein dreijähriges Fangverbot. Nun mussten sie nicht nur eine Beschäftigung, sondern auch vor allem neue Einkommensquellen finden. Da überrascht es, dass ihnen ausgerechnet das Knüpfen von Teppichen geeignet erschien. Doch in der Tat begannen die Fischer, feinste Teppiche zu erschaffen, nach unterschiedlichen Knüpftechniken, mit immer wechselnden Motiven aus ihrem Alltag, Schiffe, Fische und das Meer.

Einhundert Jahre später erhält die spröde, sehr zurückgezogen lebende Kuratorin Mia Sund eines Tages einen derartigen Teppich zugeschickt, der jedoch noch viele andere Motive zeigt, einen Namen zu nennen scheint wie eine Signatur und in welchen viele geheimnisvolle Zeichen eingeknüpft sind. Weiterlesen

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Erik Fosnes Hansen: Zum rosa Hahn

Eine spionierende Katze, eine sprechende Warze, jammernde Brotteige, Kissen mit Schlafdrüsen, politisch aktive Mäuse – und von den kuriosen Zweibeinern wollen wir gar nicht erst anfangen! In Erik Fosnes Hansens fantastischer Welt ist nichts unmöglich. Fast möchte man das Hirn des Autors unters MRT legen, um herauszufinden, woher er seine genial-grotesken Einfälle bezieht. Selbst Folter und Armut werden hier so wahnsinnig komisch erzählt, dass es ein Vergnügen ist, den Ausschweifungen des Autors zu folgen.

„Zum rosa Hahn“ heißt eine Pension samt Wirtschaft, in der zwei Goldmacher in der Stadt Jüterbog, irgendwo in der Nähe von Potsdam, absteigen. Rosa ist die Lieblingsfarbe der jungen Herrscherin Clothilde, folglich erhält so ziemlich alles diesen Anstrich. Der alte Goldmacher drängt darauf, die seltene Kunst der temporären Goldverwandlung vor großem Publikum vorzuführen, während sein junger Kollege eigentlich nach Cottbus weiterwandern will, wo ein Mädchen auf ihn wartet, dessen Vagina gut zu seinem kleinen Penis passt. Die haarsträubende Bürokratie in Jüterbog, spionierende Haustiere, zwielichtige Fischhändler, ein gemeingefährlicher Junge, ein sterbenskrankes Mädchen und weitere merkwürdige Gestalten sorgen jedoch dafür, dass alles aus dem Ruder läuft. Statt in Ruhe die Spezialität des Hauses, den Goldhirsch, zu genießen, gerät der junge Uhrmacher in ein Komplott aus Umsturzversuchen und Anarchie. Weiterlesen

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Bert Wagendorp: Ferrara

Der niederländische Journalist Bert Wagendorp (Jahrgang 1956) hat eine Fortsetzung zu seinem Roman „Ventoux“ aus dem Jahre 2016 (Deutsche Erstausgabe) geschrieben. Am 14. Juni 2022 veröffentlichte btb aus der Penguin Random House Verlagsgruppe das Buch mit dem Titel „Ferrara“. Aus dem Niederländischen übersetzt hat es Andreas Ecke.

Darin finden sich die vier alten Freunde Bart, Joost, David und André (alle Mitte fünfzig) in der oberitalienischen Renaissancestadt Ferrara wieder. Joost hat dort einen verfallenen Palazzo gekauft und möchte nun ein Designhotel daraus machen. Seine Freunde reisen an, um ihn bei den Baumaßnahmen zu unterstützen. Leider sind ihre handwerklichen Fähigkeiten derart beschränkt, dass sie schließlich auf professionelle Handwerker zurück greifen müssen. Ein Glück, dass André Bianca de Jong kennt, die sich als Architektin mit der Sanierung von Immobilien auskennt und in Mailand lebt. Von nun an genießen die Freunde ihre Zeit in Ferrara, fahren Fahrrad oder Tesla (!), erkunden die Stadt und ihre Umgebung, kochen, essen, trinken und führen Gespräche. Barts Tochter Anna bekommt einen Auftrag als Korrespondentin einer Zeitung im Nahen Osten zu arbeiten. Weiterlesen

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Laura Cwiertnia: Auf der Straße heißen wir anders

Der Tod ihrer Großmutter ist für Karla eine Zäsur. Die hoch betagte Dame hat der Familie eine Liste mit Aufgaben übermittelt, welche hinsichtlich Begräbnis und Erbe zu erledigen sind. Zum ersten Mal erlebt Karla einen armenischen Gottesdienst, hört die alten Gebete und Lieder und fühlt sich angesprochen. Unter den zu verteilenden Wertsachen befindet sich ein Armband aus Gold. Auf dem Zettel mit dem Namen steht Lilit, dazu eine Adresse in Jerewan. Keiner in der Familie weiß mit dem Namen etwas anzufangen. Karla überredet ihren Vater, mit ihr nach Armenien zu reisen, um Lilit zu finden.

Die Geschichte des Armbandes spiegelt die Geschichte der Familie, welche wiederum eng mit der Geschichte des armenischen Volkes verbunden ist. Die Suche nach der unbekannten Erbin bringt Karla und ihren Vater in ein Land, welches beide noch nie betreten haben. Der Roman konfrontiert den Leser dabei mit einem dunklen Kapitel europäischer Geschichte.

Laura Cwiertnia lässt vier Generationen zu Wort kommen: Die Ich-Erzählerin Karla teilt ihre Erinnerungen an Großmutter Maryam, sie beschreibt ihre Eindrücke von den Begräbnisfeierlichkeiten und von der Reise. Dabei gewährt sie mir Einblicke in die Gepflogenheiten ihres Volkes. Weiterlesen

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Miqui Otero: Simón

Aus Spanien kommt ein Roman, der von einem Jungen handelt, der in Barcelona aufwächst. Seine Familie inklusive Onkel und Tante betreiben eine Kneipe, die so etwas wie das Zuhause für den Titelhelden Simón ist. Es ist herrlich, wie Autor Miqui Otero das sinnbefreite Gerede der Stammgäste beschreibt.

Simón, der unter dem plötzlichen Weggang seines Cousins leidet, wird zum jungen Mann, lässt sich zum Koch ausbilden und lernt ganz unterschiedliche Frauen kennen. Die Beschreibungen dieser manchmal turbulent verlaufenden Liebschaften nehmen einen breiten Raum ein.

Er geht auf Reisen, probiert Drogen und erlebt unterhaltsame Abenteuer. Weiterlesen

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Jessica Durlacher: Die Stimme

Fünfzehn lange Jahre ist Zelda der Verarbeitung eines traumatischen Erlebnisses aus dem Weg gegangen. Mit der Zeit hat sie sich mit dem Nicht-daran-Denken-wollen arrangiert, bis sie von ihrem ältesten Sohn Philip Informationen erhält, die sie zwingen, sich zu erinnern.

Zelda erinnert sich unter anderem an die erschreckenden Begleitumstände ihrer Hochzeit und die neue Perspektive. Sie denkt auch an die wenigen Monate, in denen das Kindermädchen Amal ein Teil ihrer Familie war. Womit niemand rechnen konnte, war Amals verborgenes Gesangstalent. Anfangs ist es ein Geheimnis zwischen ihrem jüngsten Sohn Sam und Amal. Doch dann hören auch andere, wie grandios ihre Gesangsstimme ist.

Ein zweites Mal erfahren Zelda und ihre Familie, wie politische Ereignisse zu weitreichenden Folgen führen. Weiterlesen

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Annika Büsing: Nordstadt

Die kämpferische Bademeisterin Nene und der zurückhaltende Boris, das Liebespaar des Jahres. So könnte man den Debütroman der im Ruhrgebiet geborenen Autorin zusammenfassen. Die beiden jungen Menschen sind Außenseiter: Sie ist traumatisiert von einer gewalttätigen Kindheit, von Einsamkeit und Lieblosigkeit. Er verdankt der Nachlässigkeit seiner Mutter die Erkrankung an Kinderlähmung, deren Folgen ihm bis heute Schmerzen und Ausgrenzung verursachen.

Ihrer beider Geschichte erfahren wir aus dem Mund Neles, unverblümt kotzt sie die Sätze aus, erratisch erzählt sie von ihrer wachsenden Zuneigung zu diesem verstörten Jungen, der ständig lügt und ihr Dinge vorgaukelt, die so nicht existieren. Boris ist so ganz anders als die Männer und Jungs, die sie bislang kennt, und er lässt sie nicht so einfach und schnell in sein Herz.

Wie es ihr gelingt, sich dennoch dort hineinzuschleichen, wie sie die Mauern überwindet, die er um sich herum errichtet hat und dabei auch ihre eigenen zum Wanken bringt, das beschreibt die Autorin in einem ganz eigenen, eigenwilligen Stil. Der aber so fulminant gut zu der Figur der Nene passt, als wäre er für sie erfunden. Weiterlesen

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Amor Towles: Lincoln Highway

Überraschend, nachdenklich, witzig, manchmal sogar geradezu weise – all das ist der unbedingt lesenswerte neue Roman des 1964 geborenen Amerikaners Amor Towles. „Lincoln Highway“ heißt er.

Vier Jungs, drei von ihnen waren zuvor in einer Besserungsanstalt, machen sich in einem alten Studebaker auf den Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft: Zwei wollen in Kalifornien ihre verschollene Mutter wiederfinden, zwei erhoffen sich durch einen Abstecher in New York einen dicken Batzen Geld.

Von Anfang an läuft ihre Reise alles andere als geplant. Unsere Helden stolpern von der einen in die andere Misere. Sie lernen etwa einen Pater kennen, der wenig ehrenhaft handelt – oder Ulysses, der sich als eine Art Widergänger seines Namensvetters aus dem alten Griechenland entpuppt. Weiterlesen

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